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Jagel

Karfreitag 2020: Kundgebung/Mahnwache am Fliegerhorst in Jagel

Drohnen und Tornados - Fliegerhorst Jagel - Helga und Konrad Tempel beim Ostermarsch 2020

Bei sonnigem Frühlingswetter trafen sich 70 Menschen zur Ostermahnwache mit Kundgebung am Fliegerhorst Jagel. Besonders beeindruckt hat uns der Redebeitrag von Konrad Tempel. Er war Initiator des Ostermarsches in Norddeutschland vor 60 Jahren. Er schilderte die politischen Umstände und Schwierigkeiten bei der Vorbereitung und Durchführung des ersten Ostermarsches. Helga Tempel, die auch seit 60 Jahreen Ostermärsche mitorganisiert berichtete über die Stationierung der Atomwaffen in Deutschland und die Proteste dagegen. Detlef Mielke (DFG-VK) ergänzte, daß nach Hamburg, Bremen, Berlin und Rheinland-Pfalz auch Schleswig-Holstein die Iniative unterstützen muß, daß die Bundesrepublik Deutschland den Atomwaffenverbotsvertrag unterschreibt. Er forderte auf, besonders auf die Bündnis 90 Grünen einzuwirken, denen bislang die Bündnistreue mit CDU und FDP in der Koalition wichtiger ist als das Atomwaffenverbot und das Leben auf der Erde.
Monika Koops von der Arbeitsgemeinschaft Frieden der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft Hamburg wies darauf hin, das Geld, das für Rüstung ausgegeben wird, dringend für die Finanzierung des Gesundheitswesens benötigt wird und forderte dazu auf, die gewekschaftliche Initiative Abrüsten statt Aufrüsten zu unterstützen. Ralf Cüppers wies in der Begrüßung darauf hin, daß im Schatten von Corona die Kriege der Bundeswehr weitergeführt werden und wir deswegen unsere Friedensaktivitäten weiterhin auf der Straße durchführen. Siglinde Cüppers forderte offene Grenzen für Alle und die Abschaffung des Asylanerkennungsverfahrens als Ausdruck struktureller Gewalt.
Zum Abschluß verständigten wir uns darauf, die nächste Mahnwache mit Kundgebung am 1. Mai in Jagel durchzuführen. Wir wollen von Schleswig aus nach Jagel demonstrieren.

Fotostrecke der Kundgebung

Ein kurzer Film zeigt die Menschenkette in Jagel


Musikbeiträge von Georg, Iver und Schorsch


Redebeiträge der Kundgebung

Ralf Küppers

Liebe Freundinnen und Freunde, ich freue mich sehr, dass Ihr in dieser Zeit doch so zahlreich gekommen seid.

Wir freuen uns, daß es mit der Versammlungsbehörde des Landkreises gelungen ist, eine vernünftige Kompromisslösung zu finden. Es sind uns einige Auflagen erteilt worden. Die sind einzuhalten. Die Auflagen sind einvernehmlich ausgehandelt, als Veranstalter bin ich damit einverstanden. Da eine Übertragung von Infektionserregern in Luft über einen Abstand von eineinhalb Metern nicht ausgeschlossen werden kann, sollen die Teilnehmenden einen Abstand von eineinhalb Metern einhalten. (Das gilt doch auch für die Zuhörer hinter dem Zaun?)

Dafür haben wir auf der Fahrbahn Markierungen angebracht. Stellt Euch bitte entlang der Linien auf, nehmt die Transparente an den Ecken in die Hand und wenn sie straff sind, ist auch der seitliche Abstand groß genug. Eine solche Aufstellung unterscheidet sich klar von der Aufstellung der Soldaten auf dem Kasernenhof. Unsere Disziplin stellt sicher, daß wir unsere Gesundheit und Leben schützen. Wir achten das menschliche Leben, Soldaten zerstören es. Auch in den Zeiten von Corona finden Grundausbildungen statt, bei denen Rekrutinnen und Rekruten weniger als den notwendigen Abstand halten können, z. B. in Zweimannzelten eng nebeneinander schlafen. Hier in Jagel sind über 1200 Soldatinnen und Soldaten und zivile Personen im Dienst, wie sie den Mindestabstand einhalten, ist nicht bekannt. Auch das Großmanöver Defender 2020 findet Zitat: "mit reduziertem Truppenumfang" statt. Zitat: "Mit wenigen Ausnahmen sind die Marschbewegungen der ersten Kontingente auf den Verlegerouten in Deutschland bisher abgeschlossen. Die meisten Truppenteile haben ihre Zielstandorte erreicht." Von einem Mindestabstand der Teilnehmenden am Manöver ist dort nicht die Rede.

( https://www.bundeswehr.de/de/organisation/streitkraeftebasis/aktuelles/defender-europe-20-mit-reduziertem-truppenumfang-222744 )

Teilnehmende erkennbaren Symptomen einer COVID19 Erkrankung sind auszuschließen. Die Symptomatik der COVID19 Erkrankung besteht in dem Zusammentreffen von Fieber, trockenem Husten und Luftnot. Wer in den letzten 14 Tagen von einer Auslandsreise zurückgekehrt ist oder Kontakt zu Rückkehrern und infizierten Personen hatte, ist ebenfalls auszuschließen.

Vermummung ist heute nicht verboten, das wird auch von der Versammlungsbehörde ausdrücklich begrüßt. Ihr könnt auch unsere Westen dafür verwenden. Über diese Auflagen hinaus könnt ihr noch etwas mehr tun: Durch unverletzte Hornhaut wird kein Virus übertragen, wohl aber durch Schleimhäute, also Mund, Nase, Augenbindehäute. Also lasst es hier bitte bleiben, Euch mit Euren Fingen an Mund, Nase, Augen zu fassen. Nehmt allenfalls den Handrücken, wenn es juckt, aber am besten ist es, wenn alle Hände unterhalb der Schulterhöhe bleiben. Da wir hier kein fließendes Wasser haben, habe ich eine selbstgemachte Mischung aus 75% Brennspiritus, 5% Wasserstoffperoxid und 20% Wasser mitgebracht zur Desinfektion der Hände. Die kleinen Flaschen stehen auf den Tischen. Da es sich um eine leicht entzündliche Flüssigkeit handelt, ist sie in den kleinen Flaschen (<0,5l) abgefüllt. Ich erkläre mich solidarisch mit den drei anarchistischen Genossen Felix, Ingmar und Lykke, den "Drei von der Parkbank" bei denen aus dem Mitführen einer brennbaren Flüssigkeit der Vorwurf eines geplanten Brandanschlages konstruiert wurde. Das ist rechtsmissbräuchlich, sie deswegen einzusperren! Es kann nicht verboten sein, brennbare Flüssigkeiten bei sich zu haben, denn alle, auch die industriell hergestellten zugelassenen alkoholischen Desinfektionsmittel sind brennbar. (Hier hat die Polizei keine Einwände gegen das Mitführen brennbarer Flüssigkeit bei unserer politischen Demonstration.)

Im Schatten von Corona werden die Kriege der Bundeswehr weitergeführt. Die Aufrüstung der Bundeswehr mit Cyberkrieg, Drohnen und Elektronischer Kampfführung geht weiter. Der Kriegseinsatz im Irak wurde verlängert. Die Beschaffung neuer Kriegswaffen wurde von der Bundesregierung nicht gestoppt. Auf eine Weisung der Regierung an z. B. Rheinmetall Defence, daß sie statt neuer Munitionsrohre für den Leopardpanzer doch lieber Sauerstoffflaschen und Atemregler für Beatmungsgeräte herstellen, warten wir vergeblich. Infektionskrankheiten und auch alle anderen Krankheiten können nicht mit Kriegswaffen und Soldaten bekämpft werden. wir brauchen den Rüstungsetat für ein funktionierendes Gesundheitswesen, das nicht gleich zusammenzubrechen droht, wenn ein neues Virus entdeckt wurde. Wir müssen das Gesundheitswesen ausbauen, die Zahl der Krankenhausbetten deutlich erhöhen, um immer Reserven zu haben und die Bundeswehr abschaffen. Deswegen sind unsere Friedensaktivitäten auf der Straße weiterhin notwendig und wir nutzen die Möglichkeiten, die wir haben.

 

Siglinde Cüppers

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

Ich freue mich, dass auch Menschen außerhalb Schleswig-Holsteins die Grenze zu Schleswig-Holstein überwinden konnten und hier sein können. Herzlich Willkommen Ihr "Ausländer". Gerne würde ich auch hier diejenigen willkommen heißen, die immer noch in Flüchtlingslagern in Europa und an den Außengrenzen Europas vegetieren müssen. Von Leben möchte ich in dem Zusammenhang nicht sprechen. Sie haben Krieg und Verfolgung überlebt und anstatt ihnen ein sicheres und gutes Leben mit Hoffnung und Perspektiven zu bieten, setzen wir sie weiteren Grausamkeiten, Gewalt, Verelendung und Hoffnungslosigkeit aus. Es sind Menschen und keine Sache über die verhandelt und geschachert werden kann, wohin sie sollen, wer sie aufnimmt. Wenn sie keiner will, dann müssen wir sie nehmen, bei uns aufnehmen und ihnen alles bieten, was wir können. Weil wir in Anlehnung an Mozarts Zauberflöte es uns damit verdienen Menschen genannt zu werden.

Wir müssen aber auch denen ein Zuhause bieten, die zu uns kommen, weil sie ein anderes Zuhause suchen, egal aus welchen Gründen. Es steht uns nicht zu, diese Gründe zu bewerten, ob sie ausreichend genug, nachvollziehbar oder berechtigt sind. Alle Menschen müssen das Recht haben, sich auf de Erde frei zu bewegen, sich da niederzulassen, wo sie gerne sein möchten, nicht nur die Reichen, die es sich leisten können.

Grenzen und ein Asylverfahren sind Ausdruck struktureller Gewalt. Einige wenige, die Macht und Herrschaft in ihren Händen halten und Bürokraten, die Aufträge der Mächtigen ausführen dürfen, entscheiden darüber, ob Menschen hierher kommen dürfen, weil sie auszubeutende Arbeitskräfte sind und brauchbar, ob sie bleiben dürfen, weil sie die Asylprüfung in aufwendigen und belastenden bürokratischen Verfahren bestanden haben oder wieder gehen müssen, weil sie die Asylprüfung nicht bestanden haben oder es vorziehen ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil sie nicht zurück gehen wollen. So wie es vor zwei Wochen in Flensburg ein Mann aus dem Iran getan hat, nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war. Wenn wir Gewalt grundsätzlich ablehnen, müssen wir auch die strukturelle Gewalt ablehnen. Wenn wir für ein friedliches Zusammenleben der Menschen eintreten, müssen wir auch für Offene Grenzen und ein Bleiberecht für alle eintreten. Diejenigen, die zu uns kommen, sind nicht unsere Feinde, unsere Konkurrenten im Kampf um Arbeit und Wohlstand, sondern gleichberechtigte Mitmenschen. Unabhängig davon ob wir eine humanistische oder religiöse Weltanschauung haben.

Ich gehöre einer Organisation an, die jahrzehntelang Kriegsdienstverweigerer berät. Wir haben die "Gewissensprüfung" der Kriegsdienstverweigerer immer abgelehnt, weil es anmaßend ist, Motive, Gründe und Handlungen von anderen zu beurteilen. Urteile über Motive, Gründe und Handlungen von Menschen stehen nach Straftaten nur den Gerichten zu.

 

Konrad und Helga Tempel

Die Wortbeiträge von Helga Tempel und Konrad Tempel zu "60 Jahre Ostermarsch" sollten bei der inzwischen abgesagten OSTERAKTION "Gestern - heute - morgen" in der Lüneburger Heide am Ostersonnabend gehalten werden. Diese Aktion wollte einen "Roten Faden" ziehen vom Außenlager Tannenberg des ehemaligen KZs Bergen-Belsen, in dessen Nähe der erste Ostermarsch 1960 endete, zur Rüstungsschmiede Rheinmetall in Unterlüss in der Lüneburger Heide. Sie sollte gleichzeitig an die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 75 Jahren erinnern und hinweisen auf die Gefährdungen durch die anhaltende Rüstungsproduktion und besonders die Bereitstellung von Atomwaffen. 

Konrad Tempel
Der Beginn der Ostermärsche

Jahreswechsel 1959/60: Kalter Krieg, Gleichgewicht des Schreckens, Strategien der massiven Vergeltung. Die Bundesregierung nachwievor wild auf die Verfügung über eigene Atomwaffen. Die große Kampagne "Kampf dem Atomtod" durch Entscheidungen von SPD und Gewerkschaften in sich zusammengebrochen. Dann am 6. Dezember Meldung der Hamburger Morgenpost: in Bergen-Hohne Übungen der Bundeswehr mit Honest-John-Raketen, die Zerstörungskraft ihrer Sprengköpfe wie die der Hiroshima-Bombe. Ein neues Todeszentrum neben dem ehemaligen Mordlager Bergen-Belsen. Wir waren entsetzt. Das musste in die Öffentlichkeit. Wir würden protestieren.

Wir: der Aktionskreis für Gewaltlosigkeit im Verband der Kriegsdienstverweigerer, 16 junge Leute, 18 bis 27 Jahre alt. Unsere erste Aktion zwei Jahre vorher nach der großen Kampf-dem-Atomtod-Demo vor dem Hamburger Rathaus war eine 14-tägige Tag-und-Nacht-"Mahnwache", der Begriff stammt von einem von uns. Unsere dritte 1960 der Protest gegen den Bau des 1. deutschen Atomschutzbunkers in Hamburg-Altona. Geleitet wurden wir durch ein Wort des amerikanischen Hauptanklägers im Nürnberger Prozess gegen führende Nationalsozialisten, des Richters Robert Jackson: "Es ist nicht die Aufgabe der Regierung, die Bürger vor Irrtümern zu bewahren, es ist Aufgabe der Bürger, die Regierung vor Irrtümern zu bewahren." Wir nahmen Kontakt auf zu unseren pazifistischen Freunden in Bremen, Hannover und Braunschweig und stießen sofort auf Zustimmung.

Zu unserem Schmerz und unserer Empörung über diese Übungen mit atomaren Waffen jetzt vier Punkte.

  1. Wie sah der Protest aus?
    Wir verabredeten uns zu einem Sternmarsch und der Abschlusskundgebung am Ostermontag. Während die Demonstrationszüge aus Süden und Westen am Sonnabend aufgebrochen waren, hatten wir Hamburger uns bereits am Karfreitag bei regnerischem Wetter für einen viertägigen Marsch getroffen. Als es los ging, waren wir 120 Leute, darunter elf Engländer der Campaign for Nuclear Disarmament. Zur Abschlusskundgebung am Truppenübungsplatz fanden sich über 1000 Menschen ein. Als einer der vorgesehenen Redner vor Bewegtheit nicht sprechen konnte, sprang ich ein. Ich habe von Anstrengungen im Kampf gegen die Atomwaffen-Rüstung und von langem Atem geredet.
  2. Worum genau ging es?
    Der Focus unserer Demonstration lag auf der Aussage: " Jede Herstellung, Erprobung und Lagerung von Atomwaffen ist die größte Gefährdung der Menschheit." Wir demonstrieren "gegen atomare Kampfmittel jeder Art und jeder Nation". Auf unseren Flugblättern in der Atomwarnfarbe gelb stand: "Vertrauen Sie in die Macht des Einzelnen." "Sorgen Sie, dass aus einer entschiedenen Minderheit eine kraftvolle Mehrheit wird." Eins der von uns für alle norddeutschen Marschgruppen vorbereiteten Plakate lautete: Unser Nein zur Bombe ist ein Ja zur Demokratie.
  3. Gab es unerwartete Schwierigkeiten?
    Ja. Wir hatten in einer Gastwirtschaft an der Straße 120 Mittagessen bestellt. Wir fanden das Lokal aber verschlossen. Freundliche Herren hatten vor uns gewarnt. Wir wussten damals noch nicht, dass es behördliche Schikanen gibt, wie im folgenden Jahr, als auf dem Düsseldorfer Flughafen ausländische Demonstranten an der Einreise gehindert wurden, als in einigen Regionen bestimmte Straßen nicht benutzt werden durften und uns zwei Plakat-Slogans verboten wurden: Ausbildung an Atomwaffen ist Ausbildung zum Massenmord / Ko-Existenz ist besser als No-Existenz. Die zweite Schwierigkeit betraf die Berührungsängste zwischen uns bürgerlichen Pazifisten und den Mitstreitern aus der Arbeiterbewegung; wir waren noch nicht daran gewöhnt, uns gegenseitig im Kampf für die gemeinsame Sache zu respektieren. Zum Glück sind diese beiden Belastungen im Laufe der Jahre zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft.
  4. Was bleibt?
    - Unsere Aktion hat dazu beigetragen. dass die Wahrnehmung des Demonstrationsrechts als Element kritischer Mitverantwortung hierzulande selbstverständlich wurde.
    - Viele Menschen haben durch unsere Märsche am eigenen Leib erfahren, dass es sinnvolle Möglichkeiten des politischen Engagements außerhalb der Großorganisationen gibt, wir haben den Boden bereitet für das Aufkommen der vielen Bürgerinitiativen in den 60er und späteren Jahren.
    - Die weltweiten Proteste hatten Anteil an der Entwicklung zum Atomwaffensperrvertrag von 1968. Und:
    - Wir haben trotz mancher weltpolitischen Rückschläge mithelfen können, dass Deutschland bis heute keine eigenständige Verfügungsgewalt über Atomwaffen hat.

Ein Letztes: Mir kommt die Echternacher Springprozession in den Sinn: Drei Schritte vor, zwei zurück und wieder drei Schritte vor, bis das Ziel erreicht ist. Lasst uns derart geduldig weiter gegen die Bedrohungen unterwegs bleiben! Lasst uns ohne nachzulassen - hier in Jagel und überall - für die Abrüstung wirken, mit Mut, mit Lachen und mit Phantasie - so dass sich immer wieder neu junge Leute angespornt fühlen: Das ist überzeugend, da mach ich mit!

 

Helga Tempel
Vier Fakten zur deutschen Nuklearen Teilhabe

Vor 60 Jahren wollten wir informieren - aufrütteln - zum Widerstand aufrufen
und heute? Erneut sehen wir die Notwendigkeit, unseren Protest auf die Straße zu tragen.

Für die meisten Menschen scheint die Atomkriegsgefahr überwunden. Hiroshima und Nagasaki mit ihren Zigtausenden von Opfern sind fast vergessen. Deutschland ist doch keine Atommacht! Wir leben in einer Demokratie! Unsere Regierung würde einer atomaren Kriegführung niemals zustimmen!

Die Fakten aber sprechen eine andere Sprache. Dazu vier Belege.

  1. Im Fliegerhorst Büchel in der Eifel lagern 20 einsatzbereite US-Atomraketen - jede mit bis zur 13fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe.
    Ihr Einsatz wird von der Bundeswehr geprobt und im Ernstfall von militärischen Schaltstellen wie EUCOM im Rahmen der sog. NATO Verteidigungsstrategie verfügt.
    Neue Tornados sollen eingesetzt werden, um die Massenvernichtungswaffen schneller und zuverlässiger ans Ziel bringen zu können. Und eine neue Generation von Atombomben soll folgen, die für gezielte und daher niedrigschwellige Einsätze besonders geeignet sein sollen. Die Hürde für deren Einsatz ist weniger hoch, ihre Anwendung in realen oder vermeintlichen Bedrohungslagen daher wahrscheinlicher. Ein Weiterbetrieb der Lagerstätte soll uns Steuerzahlern in den nächsten 10 Jahren 13 Milliarden Euro kosten.

    Menschen, die gewaltfrei gegen die Bereithaltung diese/r Waffen auf deutschem Boden protestieren (unsere Tochter Katja und unsere Enkelin Clara gehören dazu) werden von den Gerichten wegen Nötigung und Hausfriedensbruchs zu spürbaren Geldstrafen verurteilt …und gehen dafür auch ins Gefängnis - in unserem viel gelobten Rechtsstaat.

    Eine deutliche Mehrheit, nämlich mehr als 60 % , der Deutschen lehnt eine atomare Bewaffnung und jegliche entsprechende Nachrüstung ab, und zwar über alle Parteigrenzen hinweg.

    112 Staaten haben seit 2017 das Internationale Atomwaffenverbot unterzeichnet - Die Bundesrepublik jedoch boykottiert diese wegweisende Übereinkunft mit fadenscheinigen Begründungen. Dabei wäre diese womöglich entscheidend angesichts der Aufkündigung des INF-Vertrages durch die USA und Russland. Mit Fortführung der Lagerung in Büchel verstößt sie außerdem gegen einen Mehrheitsbeschluss des Bundestages aus 2010.

    Weiterhin besteht die deutsche Regierung auf der sog. Nuklearen Teilhabe. Die Gefahr eines Atomkrieges ist heute größer als noch vor wenigen Jahren. Weltweit lagern mehr als 13 000 Atomsprengköpfe - einsatzbereit. Die Atomkriegs Uhr zeigt auf 100 Sekunden bis zu einem möglichen Kriegsausbruch. Das macht uns besorgt, besorgt, ja, und auch zornig.

    Wir protestieren auf schärfste gegen die Nukleare Teilhabe Deutschlands - wie vor 60 Jahren sagen wir NEIN zu jeglicher Lagerung von Atomwaffen auf deutschem Boden!

    Aber neben Büchel gibt es andere Gefahrenquellen des "atomaren Deutschlands", wie ICAN es nennt.
  2. Da gibt es den Forschungsreaktor in Garching bei München - einer der ganz wenigen weltweit, die noch immer mit atomwaffenfähigem hoch angereichertem Uran arbeiten. Alle international angeordneten und bereits zugesagten betrieblichen Umrüstungen auf weniger gefährliches Uran blieben bisher aus. Aus Russland bezieht Garching weiterhin waffenfähiges Spaltmaterial und produziert zusätzlichen radioaktiven Abfall. Atomare Abrüstung, der sich Deutschland eigentlich entsprechend verbaler Beteuerungen verpflichtet fühlt, sieht anders aus.

    Wir fordern ein Ende der Forschungsarbeiten mit atomwaffenfähigem Uran - jetzt!
  3. Deutsche Geldinstitute, allen voran die Deutsche Bank, finanzieren weltweit das nukleare Wettrüsten. Von den 20 Atomwaffenproduzenten weltweit werden 18 durch Geld aus Deutschland unterstützt. Großbanken, aber auch Volks- und Raiffeisenbanken investieren Milliarden in diese Firmen. Sie setzen sich damit über das klare Votum von 72 % der Bankkunden hinweg,die solche Investitionen inakzeptabel finden. Wir alle, die wir Geld bei Banken und Sparkassen deponieren, sind Teil dieses möglicherweise todbringenden Geschäfts.

    Wir setzen dagegen: Nicht mit unserem Geld - und fordern Investitionen zugunsten ziviler Vorhaben!

  4. Und schließlich die Urananreicherungsanlage UAA Gronau in Westfalen. Hier könnte in wenigen Wochen genug Uran angereichert werden, um daraus eine deutsche Atombombe zu bauen. Die dafür nötigen Zentrifugen stehen in Jülich bereit. Was im Iran durch internationale Vereinbarungen strikt unterbunden werden sollte, ist in Deutschland jederzeit möglich - auch wenn eine solche Entwicklung zur Zeit noch? unmöglich erscheint. Gronau versorgt den Weltmarkt für angereichertes Uran zu fast einem Zehntel. Das atomare Deutschland ist Zulieferer für die weltweite Atomwaffenproduktion.

Dies alles geschieht nicht in unserem Namen. Wir rufen auf zum Widerstand - entschlossen - mutig und mit langem Atem - wie bereits 1960! Wenn wir nicht aufstehen, heute, könnte sich wiederholen, was Erich Fried in einem Sechszeiler so ausdrückt:

Dann wieder
Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewusst haben konnte
was keiner geahnt haben durfte -
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewollt haben wollte.

 

Detlef Mielke

Liebe Kriegsgegnerinnen lieber Kriegsgegner,

bevor ich zu meinem eigentlichen Thema komme möchte ich mir vergegenwärtigen, dass in jedem Jahr 3 Millionen Kinder unter 5 Jahren an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben. Auch heute werden 8000 Kinder sterben. Sie könnten überleben, wenn die Nahrungsmittel gerecht verteilt würden. Obwohl ich das ständig bedenke habe ich die Arbeit gegen Aufrüstung und Krieg ins Zentrum meines politischen Handelns gestellt, denn es gibt Zusammenhänge zwischen Krieg und Aufrüstung auf der einen und Ressourcenverschwendung und Hunger auf der anderen Seite.

Geärgert habe ich mich über das Foulspiel der Ministerin Kramp Karrenbauer, die im Windschatten der Koronakrise die Anschaffung neuer Atombomber für die Bundeswehr über die Bühne bringen will. Hinterlistig missbraucht sie die Situation in der wir keine großen Demonstrationen dagegen organisieren dürfen. Zu zweit haben wir uns in Oldesloe am vergangenen Sonnabend gegen diese Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen auf die Straße gestellt. Eine Kundgebung war uns untersagt worden. Viel PassantInnen signalisierten uns Zustimmung.

Ich freue mich, dass Ihr nach Jagel gekommen seid. Ihr habt Euch nicht in den Fernseh- oder Computersessel verbannen lassen. Wenn wir die atomare Aufrüstung erfolgreich bekämpfen wollen, müssen wir unsere Aktivitäten aber noch steigern. Wir müssen klar machen, die großen Bösewichte sitzen in Washington und Moskau, die etwas kleineren in Frankreich China, Groß Britannien, Indien, Pakistan, Israel und Nord Korea. Aber auch hier bei uns, in dem Staat für den wir mitverantwortlich sind, sitzen Bösewichte, die sich an der Planung und Vorbereitung von Atomkriegen beteiligen. Alle Bundesregierungen wollten diese Beteiligung an Atomwaffen, die mit dem Tarnbegriff nukleare Teilhabe kaschiert wird. Letztlich waren damit alle Bundesregierungen, auch die Rotgrüne, bereit einen Atomkrieg mit zu führen.

Die nukleare Teilhabe, dieses Relikt aus dem kalten Krieg, ist heute mehr als die 20 Atombomben in Büchel. Dazu gehört etwa die Beteiligung an der nuklearen Planungsgruppe der NATO sowie die Entwicklung eines gemeinsamen deutsch-französischen atomwaffenfähigen Kampfflugzeuges.

Zur Beteiligung am atomaren Rüstungswettlauf gehört aber auch die Zuarbeit durch die Bundeswehr für die in Rumänien und demnächst in Polen stationierten Antiraketenraketen (ABM). Auf allen Fregatten der Bundeswehr sind Sensoren, deren Daten in ein Computernetz eingespeist werden, das diese Antiraketenraketen steuern soll. Ziel dieser sogenannten Abfangraketen ist es, das atomare Pat aufzuheben. - In den wahnsinnigen Vorstellungen der Militärs geht es seit Jahrzehnten darum, einen Atomkrieg führbar und gewinnbar zu machen. Die gegnerischen Raketen sollen abgeschossen werden, die eigenen Treffen.

Dieses System des nuklearen Gleichgewichts ist ein gegenseitiges Geiselsystem. Es gibt leider Menschen, die an dieses System der gegenseitigen Abschreckung, der gegenseitigen Geiselnahme, glauben - sogar in der Friedensszene. Je nach politischer Ausrichtung sind immer die politisch gegnerischen die bösen Atomraketen, die des jeweiligen politischen Bündnispartners die guten. Ich bin nicht gläubig, ich misstraue diesem System. Letztlich wird durch die Existenz der Atomwaffen die gesamte Menschheit als Geisel genommen. Konsequenz: Die Atomwaffen müssen verschrottet werden - alle.

Mehrmals entgingen wir dem atomaren Inferno nur knapp. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass weder in den USA noch in Russland Menschen ernsthaft einen Atomkrieg wollen, so ist die Gefahr eines Computerfehlers ständig gegeben. Die Gefahr steigt je komplexer die Systeme und je kürzer die Vorwarnzeiten werden. An der Verkürzung von Vorwarnzeiten arbeiten aber sowohl USA als auch Russland.

Was ein Atomkrieg wirklich bedeutet, gehört nicht zu unserer Erfahrungswelt, wir können es nicht nachempfinden. Wer die Gefahr ansatzweise erkennt, muss sie verdrängen um weiterhin auf dem Vulkan tanzen zu können. Das Tanzen möchte ich niemandem nehmen, ich persönlich tanze sehr gern. - Wir haben hier in Jagel vor dem "Tor zum Tod" schon mehrmals getanzt. Wir machen bei unseren Mahnwachen auch was uns Spaß macht.

Weil Menschen sich Atomkrieg nicht wirklich vorstellen können, haben wir es schwer einen Widerstand gegen die atomare Aufrüstung zu organisieren. Aber genau das muss uns gelingen.

Wir können die großen Bösewichte in den Regierungen und im Militär in den USA und Russland nicht erreichen. Das müssen unsere Freundinnen, die Kriegsgegnerinnen dort, machen. Wir können und müssen jedoch hier wo wir leben, hier in der BRD, hier in Schleswig-Holstein, in unserer Stadt, aktiv werden.

Ihr wisst es längst aber ich wiederhole es dennoch. Es macht mir Mut dass 122 Staaten den Atomwaffenverbotsvertrag der UN unterzeichnet haben. Die Bundesregierung hat das verweigert. Wir müssen dafür kämpfen dass die BRD den Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet. Vier Bundesländer haben beschlossen auf die Bundesregierung einzuwirken, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten, Bremen, Berlin, Rheinlad-Pfalz Hamburg. Es ist unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass Schleswig-Holstein das auch macht. Arbeitet mit unseren Postkarten, die auf dem Infotisch ausliegen, nehmt welche mit.

89 Kommunen haben in Deutschland den ICAN Städteappell unterzeichnet, darunter Kiel und Flensburg. Wir müssen unsere Kommunen dazu bewegen, das auch zu tun.

Bitte vertraut nicht auf die Parteien, die handeln erst, wenn sie Druck von der Straße spüren. Jede Einzelne ist wichtig um diesen Druck aufzubauen. Nur wenn Ihr handelt können wir unseren kleinen Teil zur Abschaffung der Atomwaffen auf der Erde beitragen.

Aber - vergesst nicht den Spaß im Leben, lasst Euch das Tanzen nicht vermiesen.

Habt Spaß, tanzt auf dem Vulkan.

Danke fürs Zuhören.

 

Monika Koops

Diese Rede liegt zur Zeit noch nicht vor.


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Zuletzt geändert: 19.04.2020