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Artikel aus der Zeitung "Neues Deutschland" vom 14.12.2006

Der Irak-Krieg droht sich auszuweiten

Saudi-Arabien kündigt die Unterstützung der Sunniten des Zweistromlandes an

Von Rainer Rupp

Das Chaos in Irak wird immer bedrohlicher und könnte auf die Nachbarländer übergreifen. Saudi-Arabien ist gewillt, im Fall eines Bürgerkrieges nicht tatenlos zu bleiben.


Saudi-Arabien hat die Bush-Administration davor gewarnt, dass es die irakische Sunniten finanziell unterstützen werde, falls es nach einem Teilabzug der US-Besatzungstruppen aus Irak zu einem Bürgerkrieg mit den von Teheran unterstützten irakischen Schiiten kommen sollte. Das meldete am Mittwoch die »New York Times« unter Berufung auf namentlich nicht genannte US-amerikanische und arabische Diplomaten und bestätigt damit seit einer Woche umgehende Gerüchte. In Washington lösten diese beim außenpolitischen Establishment eine Woge der Empörung, denn die irakischen Sunniten bilden das Zentrum des Widerstandes gegen die US-Besatzer im Zweistromland.

König Abdullah von Saudi-Arabien habe, so die »New York Times«, den US-Vizepräsidenten Dick Cheney bei dessen Überraschungsbesuch in Riad vor zwei Wochen von dieser seiner Absicht informiert. Zugleich habe der König sich resolut gegen die Aufnahme von diplomatischen Gesprächen zwischen den USA und Iran gewandt, wie es beispielsweise der Bericht der sogenannten Baker-Kommission fordert. Stattdessen habe er Washington gedrängt, die Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern wieder in Gang zu bringen.

König Abdullahs Haltung passt daher gar nicht in den von Präsident Bushs Nationalem Sicherheitsberater Stephen Hadley ausgearbeiteten vertraulichen Plan, der Ende November US-amerikanischen Medien zugespielt und veröffentlicht worden war. Um die US-Initiative in Irak und im Mittleren Osten wieder zu gewinnen empfiehlt Hadley unter anderem, dass die USA auf die sogenannten moderaten arabischen Staaten wie Saudi-Arabien, Jordanien, Ägypten und die Golfscheichtümer Druck ausüben müssten, damit diese mit Geld und anderen Mitteln auf die Sunniten in Irak einwirken, eine US-freundlichere Haltung einzunehmen und sich der schiitisch geführten Regierung in Bagdad zu beugen.

Das aber gefällt Saudi-Arabien überhaupt nicht, denn seine größte Sorge ist der schiitische Iran, dessen Einflussbereich durch die in Irak an die Macht gekommenen Schiiten bis an die Grenzen Saudi-Arabiens ausgedehnt wurde. Daher hat Riad auch die Empfehlungen der Baker-Kommission, Iran und Syrien in die Versuche der Stabilisierung Iraks einzubinden vehement abgelehnt, da es befürchtet, die von Iran geprägten schiitischen Ideen könnten auf die schiitischen Minderheiten in Saudi-Arabien und in den anderen feudal beherrschten Golfstaaten übergreifen.

König Abdullahs Warnung an die Adresse Washingtons reflektiert die in Saudi-Arabien allgemein herrschende Unruhe über die Entwicklung in Irak. So haben dort unlängst über 30 prominente, religiöse sunnitische Führer die Sunniten des gesamten Mittleren Ostens aufgefordert, ihren sunnitischen Brüdern in Irak zu helfen. In ihrer Erklärung warnten sie vor einer amerikanisch-iranischen Verschwörung, in der die »Schiiten und die Kreuzritter« gemeinsam versuchten, die Sunniten zu marginalisieren.

Laut Baker-Bericht unterstützen bereits jetzt private saudiarabische Organisationen und Geschäftleute den sunnitisch-irakischen Widerstand mit Millionen von Dollar und ermöglichen den Kauf von Waffen, insbesondere von Luftabwehrraketen, die für die Strategie der US-Besatzer besonders gefährlich sind.

Zu Mutmaßungen aller Art hat derweil auch geführt, dass der saudische Botschafter in Washington, Prinz Turki al-Faisal, ein Bruder des saudischen Außenministers, am 11. Dezember überraschend und ohne Erklärung seinen Posten in Washington quittiert hat.