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- Bundeswehr


28.10.2006 / Inland / Seite 4

Totenkopf und Edelweiß

Die sogenannte Elitetruppe der Bundeswehr ist stolz auf ihre Tradition. Gebirgsjäger der Wehrmacht verübten schwerste Kriegsverbrechen im Mittelmeerraum

Ulrich Sander
Die ab 2003 an Leichenschändungen in Afghanistan beteiligten Gebirgsjäger sind ein Teil der Bundeswehr mit besonders ausgeprägter Traditionspflege. Jahr für Jahr versichert man sich dieser Kontinuität mit dem Segen der Führung: beim Gebirgsjägertreffen zu Pfingsten auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald. Höchste Bundeswehrgeneräle wie Dr. Klaus Reinhardt, Gebirgsjäger und Ex-NATO-Kommandeur auf dem Balkan, halten dort Reden wie diese: »Was zeichnet ihn denn so besonders aus, diesen Gebirgsjäger, nach dem heute alle rufen, wenn es um Standfestigkeit und Zuverlässigkeit in schwierigen Lagen geht? Warum waren bei den Auslandseinsätzen des deutschen Heeres immer wieder Gebirgsjäger dabei?« Das liege an den Männern aus der Kriegsgeneration. »Sie haben die Uniform wieder angezogen, um uns, der nachfolgenden Generation, das Koordinatensystem ihrer Werteordnung weiterzugeben.« Sie seien es gewesen, »die uns die zeitlosen militärischen Werte wie Pflicht, Treue, Tapferkeit und Kameradschaft vorgelebt haben«.

Was sind das für Vorbilder, von denen Reinhardt sprach? Zu nennen wäre Oberst Max Pemsel. Er war Stabschef des Hitlergenerals Franz Böhme in Serbien. Pemsel verfaßte den Befehlsentwurf für die Ermordung von 2100 sogenannten Sühnegefangenen, überwiegend Kommunisten und Menschen jüdischer Herkunft. Er ging als Generalleutnant der Bundeswehr in den Ruhestand. Ein weiteres Vorbild: Hermann Foertsch wurde als Kriegsverbrecher in Nürnberg angeklagt und freigesprochen, setzte als Berater der Bundesregierung und als die Wehrmacht freisprechender »Historiker« beim Institut für Zeitgeschichte in München seine Karriere fort.

Der Wehrmachtsoberst und spätere Bundeswehr-Generalmajor Karl-Wilhelm Thilo rühmte sich nach Kriegsende seiner Verbrechen: »Die Verschärfung des Partisanenkrieges macht es dringend erforderlich, in das Wespennest Montenegro hineinzustoßen und die Kernverbände des wachsenden kommunistischen Volksheeres in den Wurzeln zu vernichten. Die Regimenter der Edelweiß-Division durchziehen das westlich Niv gelegene Kopaonik-Gebirge, um ihre Ausgangsräume für die Operation �Schwarz�, das Ibartal bei Novi Pazar und Mitrovica zu erreichen. Wo es vereinzelt zu Zusammenstößen mit Aufständischen kommt, wird der Widerstand nach Jägerart im schnellen Zupacken gebrochen.«

In Mittenwald ist auch der Veteran Anton Ziegler zu Hause. Der einstige »Erste Schütze« der 12. Kompanie erinnert sich in den vorliegenden Akten, wie er mit seinen Kameraden am Abend des 15. August 1943 von seinem Kompanieführer Willy Röser auf ein für den nächsten Morgen angesetztes »Vergeltungsunternehmen« eingestimmt wurde. Das griechische Dorf Kommeno »ist bandenverseucht und dafür muß es büßen. Alle sind niederzumachen.«

317 Menschen wurden in Kommeno ermordet. 97 waren jünger als 15 Jahre, 14 älter als 65. 13 waren ein Jahr alt. Das Dorf wurde geplündert und zerstört. Dann zogen die bis heute nicht bestraften Täter unterm Edelweiß weiter.

Antifaschisten zeigten im Jahre 2002 198 noch lebende Gebirgsjägerveteranen gut begründet wegen Kriegsverbrechen bei der Justiz an. Nicht einer wurde rechtskräftig verurteilt. Erst im Juli wurde in München das letzte Verfahren gegen einen am Massaker auf der griechischen Insel Kephalonia vom September 1943 Beteiligten eingestellt. Angehörige der 1. Gebirgsdivision � Hitler nannte sie seine »Garde-Division« � erschossen dort 5200 italienische Kriegsgefangene.

Derzeit lenkt die Verwaltung der Marktgemeinde Mittenwald � von dort kamen die neuen Totenkopfsoldaten � von ihrem Standort ab und nennt ostdeutsche Rekruten als die Schuldigen. Doch die Geschichte der Ostausdehnung der Gebirgsjäger wird nicht erwähnt. Während bei dem Umbau und den Strukturveränderungen der Bundeswehr überall Streichungen vorgenommen wurden, sind die Gebirgsjäger davon ausgenommen worden und haben sogar Verstärkung mit dem Gebirgsjägerbataillon 517 in Schneeberg in Sachsen bekommen, das eine Zeitlang unter dem Befehl des rechtsradikalen Bundeswehrgenerals Reinhard Günzel stand. Der spätere Chef des Kommandos Spezialkräfte (KSK) wurde u.a. durch seine Äußerung berühmt, er erwarte von seiner Truppe Disziplin »wie bei der Waffen-SS«.

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