"Soldaten sind Mörder"

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Von Soldaten und anderen Mördern


Soldaten sind …
ja, was sind sie eigentlich?

„Potentielle Mörder“ ist zu deren Definition nicht hinreichend, wenn z.B. der Pazifist und Kabarettist Hans Scheibner erklärt, „wenn er an seine Schwiegermutter denke, dann könne er … . - Aber Soldat sein? Niemals!“

Den Potentialis, also die Möglichkeit, einen Mord zu begehen, kann nur derjenige leug­nen, der von tiefen Kenntnissen seiner Psyche weitgehend verschont geblieben ist.

Jeder Kriegsdienstverweigerer hat gegenüber anderen Menschen schon allein durch das Anerkennungsverfahren den Vorteil, daß er sich mit der Frage auseinandersetzen muß: Wann er wohl in der Lage wäre, einen Mord zu begehen. Die Frage, wann ein Kriegs­dienstverweigerer bereit ist, einen Menschen umzubringen, ist Gegenstand zahlreicher Anhörungsverfahren gewesen. Und auch die „Gewissens“-prüfer gestehen jedem Verwei­gerer, der offen zugibt, daß er in der Lage ist, in einer sonst ausweglosen Situation einen Menschen zu töten, seine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu, solange er die mit dem Töten verbundene unzumutbare Gewissensbelastung deutlich zu machen vermag.

Potentielle Mörder sind wir alle, ohne Ausnahme, auch dann, wenn wir alles dazu tun, Situationen, in denen die Möglichkeit zur Wahrscheinlichkeit wird, zu vermeiden.

Gedanken nach der Lesung „Soldaten sind Mörder“ von Gerhard Zwerenz wurden in der Flensburger Stadtzeitung „Hallimasch“ Nr.55 von Rolph Sperber so formuliert:

„ausgehend von dem Satz kam ich zu einer Feststellung, die zwar wahr, aber erschrek­kend ist, weil Du und ich selbst uns nicht davon frei machen können. Und ich verrate Dir: Danach heißt es: Tief durchatmen!

Menschen sind Mörder!
Soldaten sind Mörder! Soldaten sind Menschen!
Sagte ich, Menschen sind Mörder?
Aber ja, sieh uns an, Dich und mich:
Wir sind im Krieg um die Spannweite unserer Möglichkeiten.
Aber ja, Menschen sind Mörder.“

Zur Spannweite unserer Möglichkeiten, die wir uns bewußt machen müssen, gehört auch die mehr oder weniger weit weg liegende Möglichkeit, einen Mord zu begehen.

Bei irgendeinem Kriminalschriftsteller fand ich den Hinweis, daß weitaus mehr Morde erdacht und geplant werden, als tatsächlich ausgeführt. Der sogenannte perfekte Mord geistert durch die Hirne aller Kriminalschriftsteller und Krimi-Leser. Wer von uns hat noch nie … . Und dessen braucht sich niemand schämen.

Denn nur ein Mensch, der sich der Spannweite seiner Möglichkeiten als Mensch bewußt ist, hat die Möglichkeit gewonnen, die von ihm nicht gewünschte Handlungsalternative strikt zu meiden. Oder auch: Nur der Mensch, der weiß, daß er ein potentieller Mörder ist, kann, indem er sich dies immer wieder bewußt macht, zielstrebig solchen Situationen aus dem Wege gehen, in denen er ein tatsächlicher Mörder wird:

z. B. , daß er sich nicht an Mordwaffen ausbilden läßt,
z. B. , daß er nicht Soldat wird,
z. B. , daß er jeden Kriegsdienst verweigert.

Es gibt noch zahlreiche andere Handlungsweisen, die wir uns bewußt machen müssen, wollen wir nicht mitschuldig sein am Tod anderer Mitmenschen. Rolph Sperber faßte den Begriff noch weiter: „Mörder … es sind solche, die nicht wissen, was sie bewirken, wenn sie einkaufen in Supermärkten oder im Naturkostladen; es sind solche, die es sich einfach machen, vor deren Problemen flüchten, die sich einrichten, in welcher Welt auch immer, es sind solche mit eingeschränktem Willen, mit eingeschränkter Entscheidungsfreiheit.“

Handlungsweisen, die mittelbar den Tod anderer Mitmenschen bedingen, werden uns oftmals gar nicht bewußt. Wem ist beim Kauf billiger Bananen oder billigen Kaffees schon klar, daß er damit ein Wirtschaftssystem fördert, als dessen Folge ein durchschnittlicher Landarbeiter Mittelamerikas schon vor seinem 40. Geburtstag zu Tode kommt? Und wem dies bewußt ist, wer handelt danach? Z. B. mußten Menschen in der ehemaligen DDR vierzig Jahre auf billige Bananen und billigen Kaffee verzichten. Deren Lebensstandard konnte sich nicht auf Ausbeutung der Länder der sogenannten Dritten Welt gründen, sei es in Folge der proletarisch-internationalistischen Ideologie der Partei- und Staatsführung oder auch nur auf Grund mangelnder Möglichkeiten der DDR-Machthaber. Die wenigsten konnten geringeren Lebensstandard als eine moralisch höherwertige Position akzeptieren. Die Mehrheit hat ihren Verzicht als Mangel und Defizit bzw. von der Partei- und Staats­führung ausgeübten Zwang erlebt!

Und was ist dann ein Mörder: Jemand, der aus Gründen seiner eigenen Habsucht, seiner persönlichen Bereicherung, den Tod eines Menschen verursacht oder auch nur billigend in Kauf nimmt. In diesem Sinne sind alle Menschen, die den Lebensstandard hochentwickel­ter Industriestaaten verkonsumieren, Mörder an den Menschen der sogenannten Dritten Welt! Sobald uns dieses bewußt ist, können wir aktiv werden gegen das Wirtschafts­system, das uns wider Willen zu Mördern macht.

Nur möchte ich uns Mörder wider Willen, alle diejenigen, die wirklich alles tun, um nicht schuldig zu werden am Tode anderer Menschen, eben gerade nicht auf eine Stufe stellen mit solchen, die sich beruflich planmäßig auf das große Morden vorbereiten, und mit sol­chen, die sich bewußt in solche Situationen begeben, in denen sie Menschen eigenhändig töten können.

Deshalb ist „potentieller Mörder“ zur Beschreibung von Soldaten nicht hinreichend, denn „potentielle“ Mörder“ sind wir alle.

Im Sinne von Kurt Tucholsky („Über wirkungsvollen Pazifismus“, 1929) lege ich Wert auf das Adjektiv: „professionelle Mörder“. Ich bezeichne mit Tucholsky die Sol­daten als diese professionellen Mörder und halte diese Definition für hinreichend. Denn professionelle Mörder sind Kriegsdienstverweigerer nicht. Wir lassen uns keinen Sold auszahlen dafür, daß wir bereit sind, auf Befehl erzwungene Mordtaten zu begehen. Denn dazu sind wir nicht bereit, wir verweigern uns.

Kinderzeichnung: „Der schießende Soldat“
Ohne Namensangabe, El Salvador. Ein Soldat schießt auf eine Frau und ihr Kind!
Herkunft: Fire in the Sky, New York, Sammlung Brauner

Daß durch das Aussprechen und Verbreiten dieser simplen Wahrheit die persönliche Würde von Soldaten unnötig angegriffen wird, ist nicht nachweisbar. Nichts greift die persönliche Würde mehr an, als wenn man ihn in eine Uniform steckt, ihm einen Helm aufsetzt und ihn zum Töten abrichtet. Bereits damit hat der Soldat seine persönliche Würde vor dem Kasernentor abgegeben, und es ist nichts mehr da, was man noch strapa­zieren kann. Deshalb ist es geradezu widersinnig, wenn ausgerechnet diejenigen, die sich beruflich planmäßig auf das Töten von Menschen vorbereiten und dafür auch noch Sold = Geld bekommen (ist das „Habsucht“ im Sinne des § 211 StGB? vgl. S. 8 und S. 69), sich beleidigt fühlen, wenn bereits der „potentielle Mörder“ fällt.

Krieg mit Verbrechen und Mord, Soldaten mit Mördern gleichzusetzen, ist nicht die Er­findung der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen. Auch Kurt Tucholsky könnte kein Urheberrecht für diese Aussage beanspruchen, finden sich doch in allen geschichtlichen Epochen Schriftsteller und Philosophen, politisch denkende Menschen, die feststellen mußten: Soldaten sind Mörder. Auf den Seiten 36 ff. sind über­wiegend solche Argumentationslinien ausgewählt dargestellt, die auch über den histori­schen Bezug oder die aktuelle Tagespolitik hinaus ihre Aussagekraft behalten. Wenn al­lerdings mehrfach auf den Krieg gegen Jugoslawien 1999 Bezug genommen wird, denn deshalb, weil er der erste Krieg ist, der von „demokratischen“ deutschen Soldaten gemein­sam mit denen der „demokratischen“ NATO-Staaten begonnen wurde.

 


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