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"Soldaten sind Mörder"

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3. Was sind demnach Soldaten?

Zunächst einmal sind es Menschen, die zum Kriegsdienst bereit sind. Aber nicht alle Menschen, die zum Krieg bereit sind, werden mit dem Begriff „Soldaten“ gekennzeichnet. Es gibt also Menschen, die zum Krieg bereit sind, Kriege führen oder geführt haben, für die sind andere Bezeichnungen gebräuchlich.

Die Indianer, die bei der Schlacht am Little Big Horn der US Armee eine vernichtende Niederlage zugefügt haben, wurden „Krieger“ genannt. „Soldaten“ waren nur die Männer des General Custer. Für die Revolutionäre, die mit Fidel Castro und Ernesto Che Guevara die Revolution in Kuba vollbrachten, hatte man Bezeichnung „Guerillakämpfer“ gefunden. „Soldaten“ waren Männer Battistas. Diejenigen, die mit der Waffe in der Hand die spani­sche Republik gegen den Faschismus schützen wollten, hießen „Brigadisten“ oder „Internationalisten“, „Soldaten“ waren die Faschisten des General Franco und der Legion Condor. Für die bewaffneten antifaschistischen Widerstandskämpfer in Jugoslawien fand sich die Bezeichnung „Partisanen“, Soldaten waren die Angehörigen von Hitlers Wehr­macht. Auch heute werden die Freiwilligenverbände der Bürgerkriegsparteien in Kroatien, Bosnien, Serbien und im Kosovo als „Miliz“ oder „Freischärler“ bezeichnet, die Bezeich­nung „Soldat“ ist den auf Zwang und Wehrpflicht gegründeten HVO, bosnischen Armee und restjugoslawischen Armee vorbehalten. Es ist bezeichnend, daß die „Partisanen“ ge­nau in dem Moment zu „Soldaten“ wurden, als damals Tito oder jetzt noch Adjic von antifaschistischen Widerstandskämpfern zu solchen wurden, die selbst Macht ausübten. Nach dem gemeinsamen militärischen Erfolg gegen Jugoslawien bemühen sich die vorher auch von der NATO als „Terroristen“ bezeichneten UCK-Kämpfer sehr darum, endlich von der NATO als Soldaten einer regulären Armee anerkannt zu werden

Warum werden für die Akteure im Krieg so unterschiedliche Begriffe verwendet ? „Krieger“, „Guerillakämpfer“, „Interbrigadisten“, „Partisanen“, „Milizionäre“ und „Freischärler“, alle Genannten sind zum Töten im Krieg bereit, sind potentielle und tat­sächliche Mörder. Sie haben sich freiwillig dazu entschieden, ihre Ziele mit Waffengewalt durchzusetzen, aus welchen Gründen auch immer, und sie müssen sich für ihre freie Ent­scheidung vor ihrem Gewissen und der Geschichte verantworten.

„Soldaten“ hingegen sind Bestandteil der herrschenden Machtverhältnisse, der Unterdrük­kung, des Faschismus, auf Zwang und „Wehrpflicht“ gegründet. Die Bezeichnung ist also denjenigen unter den Kriegsteilnehmern vorbehalten, die nicht freiwillig für ihre eigenen unmittelbaren Interessen kämpften und töteten. Denn das Wort ist schon verräterisch: Soldat kommt von Sold, abgeleitet aus dem italienischen von soldi, im lateinischen hieß die römische Goldmünze solidus, plural solidi. Der Wortstamm hat die Bedeutung von Geld. Soldat ist demnach gleichbedeutend mit Söldner. Es ist also jemand, der andere Menschen für Geld tötet, also das, was im amerikanischen Englisch ein bezahlter „killer“ ist. In den USA werden allerdings weder die privat noch die staatlich angeheuerten „killer“ zwangsrekrutiert. Ein Mensch, der für Geld tötet erfüllt laut Definition des § 211 StGB eines der klassischen Tatbestandsmerkmale des Mordes. Tatsächlich wurden über den Kleinanzeigenteil der amerikanischen Soldatenzeitschrift „Soldiers of Fortune“ auch private „killer“ vermittelt. Die Zeitungsredaktion wurde wegen Beihilfe zum Mord inzwi­schen bestraft. Die oberen Berufssoldaten tun es für Geld, die unteren tun es unter dem Zwang der Wehrpflicht. Würden sie im eigenen unmittelbaren Interesse handeln, wäre für Kriegführung weder der Zwang noch die Verlockung des Geldes nötig.

Das Fehlen jedes eigenen persönlichen Motivs veranlaßte Kurt Tucholsky zu der Wer­tung:

„Die Tat ist erstens niedriger als die eines Penners, der gerade Geld braucht und einen reichen Bauern erschlägt. Die Tat ist deswegen gemeiner, weil sie unter dem Deckmantel einer dienstlichen Verrichtung begangen wurde, also feiger ist. Niemand ist feiger als der deutsche Militarist von heute. Diese Mordtat beruht. … auf der drehwurmartigen Vorstel­lung des Deutschen, daß eine Diensthandlung überhaupt niemals unrecht sein könne. … Es darf also ausgesprochen werden: In der deutschen Militärmacht dienen Mörder.“

Der Penner, der gerade Geld braucht und einen reichen Bauern erschlägt, ist zweifelsohne ein Mörder im Sinne des § 211 StGB. Sein Motiv: Habsucht, ein wahrhaft niedriger Be­weggrund. Immerhin hat er ein Motiv. Welches persönliche Motiv hat demgegenüber ein Soldat?

Wahrscheinlich hat der Soldat auch hier überhaupt kein eigenes persönliches Motiv. Es sei denn das Geld, mit dem der höhere Offizier für seinen Berufssoldatenjob entlohnt wird. Er genießt staatliches Ansehen, während privat angeheuerte „killer“ mit Strafe rechnen müs­sen. Aber das kann es eigentlich auch nicht sein.

Das Kabarettistenduo Volkmar Staub und Reiner Kröhnert greifen den Zusammenhang auf. Sie lassen einen Mörder auftreten, der sich wie folgt beklagt:

„Ich bin ein anständiger Mörder. Ich weiß, der Mord hat keinen gutem Ruf. Aber deshalb muß man sich als Mörder noch lange nicht mit Soldaten vergleichen lassen. Der Mörder hat doch immer einen Grund und ein konkretes Opfer. Mag der Grund auch subjektiv, bösartig und voller Habgier sein, mag das Opfer auch nicht immer so schuldig sein, daß es die Hinrichtung verdiente. Immerhin geht der Mörder zielgerichtet vor. Dagegen ein Soldatenschwein drückt auf den Knopf und aus dem Himmel fallen Bomben - wahllos.

Wer mit seinen Granatwefern, Maschinenpistolen und Raketen einfach in die Menge hält, trifft Unschuldige ohne Zahl, Zivilisten, die er vorher nie gesehen, die ihm nie etwas zuleide getan. Hingegen ein Mörder, der sein Weib umbringt, ertrug Demütigung und Wunde lang zuvor. Man darf doch nicht gleichsetzen solch sensiblen Menschen mit me­gabrutalen Massenkillern ohne Scham und Reue. Unehrlich und verlogen sind sie auch noch, die Soldatenschweine. Ein geständiger Mörder sagt in der Regel: >Ja, ich habe getötet.< Der Soldat sagt: >Ich habe ein Weichziel fixiert.< Oder er versucht, sich mit schamlosen Ausreden herauszumogeln: >Ich habe mein Vaterland verteidigt<, selbst wenn es ölig irgendwo auf einem Scheichtum liegt.

Jahrelang zum Töten abgerichtet, speziell ausgebildet und trainiert ist die Soldatenbrut. Der Mörder ist in der Regel Laie. Ein Laie, dem aus Wut und Zorn ein Mord mal unter­läuft. Hinterher tut es ihm vielleicht noch leid.“

Das Programm stammt aus dem Jahre 1995, also vor dem Angriff der Bundesluftwaffe mit der NATO auf jugoslawische Städte, der die zahlreichen „Kollataralschäden“ bewirkte. 1995 war dieser verlogene Begriff für die von deutschen Bundeswehrsoldaten ermordeten Jugoslawen noch nicht in der Presse eingeführt.

Ein anderer Kabarettist, Dietrich Kittner, fragte in seinem 1996er Programm „Das Vierte reicht“:

„Für wie viele eigenhändig zerschmetterte Menschenschädel gibt es beim Militär einen Orden? Nein, die Ehrenschützer haben irgendwie recht: Soldaten sind keine gewöhnli­chen Mörder. Letztere haben immer ein Motiv: Geldmangel, Aggression, Triebe, Angst, eine kranke Psyche. Gute Soldaten sollen emotionslos töten, kalt, auf Befehl. Ohne per­sönlichen Grund. Nein Soldaten sind keine Mörder. Schlimmer: Soldaten sind Soldaten.“

Anstelle des persönlichen Motivs steht der Befehl.

Welche Bedeutung der Befehl hat, ist in den Protokollen der Nürnberger Kriegsverbre­cherprozesse nachzulesen (zitiert aus Gerhard Zwerenz: „Soldaten sind Mörder“ ). Bei dem Angeklagten handelt es sich immerhin um einen solchen, der die Ermordung von 90.000 Zivilpersonen zu verantworten hatte.

Der Verteidiger fragte den Angeklagten:

„Hatten Sie nun Bedenken dagegen, daß diese Befehle ausgeführt wurden?“

Der Kriegsverbrecher: „Selbstverständlich.“

Der Verteidiger: „Und warum wurden diese Befehle trotzdem ausgeführt?“

Der Kriegsverbrecher: „Weil es mir undenkbar erscheint, daß ein untergeordneter Führer Befehle, die die Staatsführung gibt, nicht durchführt.“

Der Verteidiger: „Wurde den Leuten die Rechtmäßigkeit der Befehle vorgetäuscht?“

Der Kriegsverbrecher: „Ich verstehe Ihre Frage nicht, denn der Befehl war von dem Vor­gesetzten gegeben, so daß für die einzelnen Personen die Frage der Rechtmäßigkeit gar nicht kommen konnte; denn sie hatten ja denjenigen, die diese Befehle gaben, den Eid des Gehorsams geleistet.“

Soweit die Antwort eines Kriegsverbrechers, der mit den ihm untergebenen Soldaten allein 90.000 Zivilisten auf Befehl ermordet hatte, obwohl er „selbstverständlich“ Bedenken dagegen hatte, daß dies „rechtmäßig“ sei.

Auch persönliche Motive waren aus der langwierigen Vernehmung des Kriegsverbrechers vor dem Nürnberger Gerichtshof nicht zu entnehmen; es handelte sich nicht um einen fanatischen oder auch nur überzeugten Nazi, Juden- oder Russenhasser. Der Kriegsverbre­cher hatte zum Judenhaß der Nazipartei persönlich ein distanziertes Verhältnis, dies wäh­rend des Prozesses wiederholt und glaubwürdig zum Ausdruck gebracht. Der Leser des Protokolls muß zu der Ansicht gelangen, daß der Kriegsverbrecher persönlich die Ermor­dung von Juden und Zivilisten für politisch fatal und moralisch nicht zu rechtfertigen hielt. Trotzdem hat er diesbezüglich Befehle ausgeführt, dies mit einer Zuverlässigkeit und Ge­nauigkeit wie kein anderer: Ergebnis: 90.000 Tote, unter der Verantwortung eines einzigen Kriegsverbrechers.

Unverantwortlichkeit gegenüber dem eigenen Handeln ist demnach ein bestimmendes Charakteristikum des Soldatseins. Der Begriff der Verantwortung paßt nicht zum Begriff des Soldaten, Vielmehr ist der Soldat in eine Struktur eingebunden, wo er sich für das, was er anrichtet, niemals selbst verantwortlich fühlen muß!

Das erscheint logisch. Wie könnte es ein Mensch nur aushalten, selbst ganz persönlich für den Tod von 90.000 oder auch nur eines einzigen Menschen verantwortlich zu sein. Daran würde wohl jeder „innerlich zerbrechen“. Folglich bedarf es einer ganz besonderen Struk­tur, die es anderen Menschen ermöglicht, zu töten, ohne sich selbst dafür als verantwort­lich zu erleben, sprich: als Mörder zu fühlen.

Der Nürnberger Prozeß hat dies deutlich gemacht: Da wird mit Adolf Hitler und einer Handvoll anderer Obernazis eine kleine Gruppe „Hauptkriegsverbrecher“ konstruiert. Alle anderen, die in der Befehlshierarchie unter dem obersten Führer standen, konnten danach ihre eigene Verantwortung für die von ihnen begangenen Mordtaten auf den „Befehlsnotstand“ abwälzen. Der tote Adolf Hitler diente demnach als Schuldabladeplatz für Tausende gewissenloser Mordbuben, die zu feige waren, die Schuld für begangene Mordtaten selbst auf sich zu nehmen.

Die Struktur der Verantwortungslosigkeit, die sich unter den Begriffen Befehl - Gehorsam verbirgt, ist keine besondere Struktur einer besonders verbrecherischen Naziarmee. Viel­mehr gilt sie in allen Armeen der Welt, ist ein bestimmendes Merkmal und anerkanntes Prinzip staatlich legitimerter Gewalt und Herrschaft. Wo Gruppen von Menschen auf eigene Verantwortung kämpfen und töten, wurden sie nicht als „Armee“ bezeichnet, son­dern mit Begriffen wie „Guerilla“, „Partisanen“, „Freischar“ oder „Terroristen“. Z. B. wurde die „Rote Armee Fraktion“ RAF staatlicherseits nie als „Armee“ anerkannt.

Die Struktur Befehl - Gehorsam, die zur Verantwortungslosigkeit führt, setzt sich bis in unsere Tage fort: Den „Eid des Gehorsams“, das der Nürnberger Kriegsverbrecher zu seiner Entschuldigung anführte, gibt es bei der Armee von heute als „feierliches Gelöb­nis“, „Recht und Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Danach ist der Mordbefehl im Kriegseinsatz „rechtmäßig“.

Was unterscheidet unsere Bundeswehrsoldaten von den Kriegsverbrechern, die vor mehr als fünfzig Jahren mordeten, und was haben sie gemein?

Ich gestehe jedem Soldaten zu, daß er an das glauben kann, wofür er meint, mit der Waffe in der Hand kämpfen zu müssen. Da mag ihn von solchen Verbrechern unterscheiden, die für Geld jeden beliebigen Mordauftrag annehmen würden.

Und da ist es unbestritten, daß unsere Bundeswehrsoldaten heute für objektiv andere Ideale eintreten müssen, als die Kriegsverbrecher der Nazizeit. Unsere im Grundgesetz verankerten Grundrechte sind eine wesentliche demokratische Errungenschaft. Auch wenn viel mehr Bundeswehrkasernen ihre Namen aus der Nazizeit herübergerettet haben, gibt es auch z.B. in Husum eine Julius Leber Kaserne und Julius Leber steht eher für eine demo­kratische Tradition.

Objektiv sind also wesentliche Unterschiede bei den jeweiligen für verteidigungswürdig angesehenen Werten festzustellen. Jedoch ist die subjektive Situation des einzelnen Solda­ten die gleiche: Er muß auf Befehl morden.

In dem Augenblick, in dem ein Soldat den „Eid des Gehorsams“ oder das „feierliche Ge­löbnis“ ableistet, hat er nämlich die Verfügungsgewalt darüber abgegeben, von wem er sich befehlen lassen muß. Da kann man von Glück sagen, solange die Befehlshaber ir­gendwie „demokratisch“ gesonnen sind; Einfluß darauf hat der Soldat nicht.

Die oft geäußerte Behauptung, daß Demokratien keine Kriege mehr führen, ist historisch falsch. Daß ein Kriegseinsatz von einem demokratisch legitimierten Parlament beschlossen werden muß, schützt den Soldaten nicht vor einem Mordbefehl. Vielmehr erweist sich ein Mehrheitsbeschluß über den Einsatzbefehl als ein Mehr an Verantwortungslosigkeit. Im­merhin war es möglich, im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß den Adolf Hitler und eine Handvoll Obernazis als die „Hauptkriegsverbrecher“ auszumachen, wenn sie noch gelebt hätten, wären sie vielleicht sogar zur Verantwortung gezogen worden. Aber nehmen wir einmal an, der verbrecherische Krieg ist von einem demokratisch gewählten Deutschen Bundestag, mit großer Mehrheit gegen nur wenige Abgeordnetenstimmen beschlossen worden. Wer wäre dann „Hauptkriegsverbrecher“? Der Bundeskanzler, der Außen- oder der „Verteidigungs“-minister, (hier: Gerhard Schröder, Joseph Fischer, Rudolf Scharping) die nur den Bundestagsbeschluß ausführen? Alle Bundestagsabgeordneten? Nur die Bun­destagsabgeordneten, die für den Einsatz gestimmt haben? Weshalb wären die Gegen­stimmen exkulpiert, immerhin ist es ihnen nicht gelungen, den Kriegseinsatz zu verhin­dern? Oder wären auch die Wähler verantwortlich, die solche Bundestagsabgeordneten gewählt haben, die für den Kriegseinsatzbefehl stimmen? Wenn ja, etwa nur dann, wenn sie genau wissen mußten, daß der Bundestagsabgeordnete ihrer Wahl ein Kriegseinsatzbe­fehl-Befürworter ist?

Daß diese Fragen nicht rein hypothetisch sind, sehen wir an der nachträglichen Beschluß­fassung über den Einsatz von Bundeswehrsoldaten zu anderen als „Verteidigungseinsät­zen“. Wenn diese Diskussion zum Ergebnis hatte, daß deutsche Soldaten beispielsweise tausendfach jugoslawische Zivilisten ermorden, was in der Kriegsberichterstattung als „Kollateralschäden“ verharmlost wurde, wer ist dann „Hauptkriegsverbrecher?“ Oder ist dann jeder einzelne Soldat selbst verantwortlich? Muß er sich dann nicht für die von ihm begangenen Mordtaten persönlich verantworten, wie jeder andere Mörder auch?

Die sogenannten Mauerschützenprozesse sprechen im Ergebnis für die persönliche Ver­antwortlichkeit des uniformierten Befehlsempfängers. Die Schützen wurden verurteilt. Allerdings spricht das verhängte Strafmaß dafür, daß hier ein Menschenleben weniger zählt als beispielsweise der Seriendiebstahl von mehreren Kraftfahrzeugen oder der Besitz von 200 g Heroin; wofür man heute länger in das Gefängnis kommt.

Aber die Verurteilung ist ein Erfolg für die Position der persönlichen Verantwortlichkeit. Zumal, da sich die Soldaten, die an grenzverletzenden DDR-Bürgern zum Mörder wurden, sich auf die Gesetzeslage und Befehlslage herausgeredet haben: Keiner der Angeklagten hatte vorbehaltlos die Verantwortung für den Mord übernommen. Immerhin hätte ein eigenverantwortlicher „Mauerschütze“ argumentieren können: „Ich persönlich ging davon aus, daß der Grenzverletzer ein Schwerverbrecher, ein Imperialist oder Klassenfeind, mein persönlicher Feind oder sonst was schlimmeres war, und deshalb habe ich mich für den Schußwaffengebrauch entschieden und ich kann die Tötung vor meinem Gewissen recht­fertigen. Ich habe mich für die Tötung dieses Menschen entschieden und ich stehe zu mei­ner Verantwortung.“ Aber solche Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung ist von Soldaten aller Armeen zu viel verlangt. Sie verstecken sich bei ihren Mordtaten hinter einer Befehlslage und Gesetzeslage. Und je verworrener die Befehlsstrukturen, desto an­onymer wird die Verantwortung. Adolf Hitler war ein Einzelner, mit Namen und Gesicht. Ein parlamentarischer Mehrheitsbeschluß ist nicht so leicht greifbar.

Greifbar ist allenfalls der Soldat am Ende der Befehlskette, der, der die tödlichen Schüsse abgibt. Und der ist immerhin noch so weit zur persönlichen Verantwortung zu ziehen, als daß er ja auch den Befehl offen oder verdeckt verweigern kann, z.B. in dem er in jedem Falle konsequent danebenschießt.

Diesen Zusammenhang hat einzig und allein eine Mutter eines angeklagten Mauerschützen aufgezeigt, indem sie sagte, alle Mütter müßten verhindern, daß ihre Söhne zum Militär­dienst gehen.

Daß persönliche Motive und persönliche Verantwortung bei Soldaten keine Rolle spielten, wird nicht zuletzt auch daran deutlich, daß Tausende von NVA-Soldaten überhaupt keine Probleme damit hatten, sich unter den Befehl von Bundeswehroffizieren zu stellen. Nur kurz zuvor hätten sie auf entsprechenden Befehl auf diesen „Feind“ geschossen.

Die Verurteilung der „Mauerschützen“ und ihrer Befehlsgeber wurde so begründet, die DDR sei ein „Unrechtsstaat“ gewesen. Solche Begründung war notwendig, da es heute ebenfalls eine Befehlslage gibt, die Grenzschutzsoldaten verpflichtet, Grenzüberläufer zu stoppen, notfalls mit Schußwaffengebrauch. Laut Pressemitteilung der Bundestagsabge­ordneten Ulla Jelpke kamen von 1997 bis 1999 an deutschen Grenzen insgesamt achtund­dreißig Flüchtlinge ums Leben, davon wurde eine nicht näher genannte Anzahl von Bun­desgrenzschutzsoldaten erschossen. Solche Mordtaten sind definitionsgemäß rechtmäßig, da die heutige Bundesrepublik Deutschland sich als „Rechtsstaat“ versteht. Aber was heute geltendes Recht ist, kann morgen schon ganz anders sein. Aus der Perspektive der persön­lichen Verantwortlichkeit ist es dennoch nur folgerichtig, daß ein Soldat auch dann verur­teilt wird, wenn er in Einklang mit dem Gesetz getötet hat.

Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Hanne Margret Birckenbach nahm in einem Prozeßgut­achten zu den Fragen Stellung:

„Gibt es bei der Ausbildung von Soldaten Ausbildungsmethoden, die auf die Veränderung der Persönlichkeit des Soldaten und auf die Herbeiführen einer Bereitschaft zum Töten anderer Menschen gerichtet sind, wobei die Tötung nicht lediglich dann erfolgen darf, wenn dies zur Rettung anderen, unmittelbar bedrohten Lebens erforderlich ist, sondern auch dann, wenn dies zur Erreichung militär-taktischer Ziele zweckmäßig ist, und die auch die Bereitschaft zur Massenvernichtung auf Befehl einschließt?

Ist die Ausbildung zum Krieg ein We­sensmerkmal des Soldatischen - unab­hängig beispielsweise von konkreten nationalen, systemischen oder bündnis­politischen Gegebenheiten?

Bedarf es einer gesonderten Ausbildung und gesonderter Ausbildungsmethoden, damit Menschen bereit und fähig wer­den, als Soldaten kriegsmäßig zu töten?“

Sie beantwortete die Fragen eindeutig mit „Ja“.

In zentralen Dienstvorschriften (ZDV) der Bundeswehr kann man es nachlesen: ZDV 3/11: „Jeder Soldat muß befähigt sein, mit seiner Handwaffe den Feuer­kampf zu führen, um den Feind niederzu­kämpfen. Der Soldat muß lernen, den Feind mit Feuer zu überra­schen Er soll mit dem ersten Schuß treffen.“

ZDV 3/12: „Durch die Schießausbildung soll der Soldat das Schießen mit Handfeuerwaf­fen so erlernen, daß er dem Feind mit treffsicherem Schuß bei Tag und Nacht zuvor­kommen kann.“

Auch die Bundeswehr ist darauf angewiesen, daß jeder Soldat mitwirkt, die Drohung mit Krieg zu verwirklichen. Sonst wäre Abschreckung unglaubwürdig. Dazu muß jedoch jeder Soldat bereit sein, Menschen zu töten. Die Überwindung der von Elternhaus, Schule, Grundgesetz und Kirche vermittelten Achtung vor dem menschlichen Leben und der kör­perlichen Unversehrtheit ist ein Bestandteil soldatischer Ausbildung. Man schießt nicht auf die Beine des „Pappkameraden“, sonst fällt er nicht um. Die höchste Punktzahl befindet sich auf seiner Stirn. Welche primitiven Instinkte werden durch solche Übungen geweckt? Prof. Herbert Begemann, Gründungsmitglied der IPPNW, stellt dazu die Frage:

„Konkret bleibt die Frage, ob eine derartige Erziehung, die den Mord auf Befehl als Ziel anvisiert, für das so erzogene Individuum und damit auch für die so indoktrinierte Gesell­schaft ohne Folgen bleibt. Die Relativierung des Tötungsverbotes nimmt dem Mord das Einmalige und Absolute seiner Verwerflichkeit. Wer will es den verwinkelten Pfaden der Menschlichen Seele verdenken, wenn sie die ultima ratio regis gelegentlich mit der eige­nen Ausweglosigkeit verwechselt, wenn der Unterschied zwischen der vom Staat legali­sierten Gewalt und dem Recht auf eigenen Gewalt sich verwischt? Leider stehen bisher detaillierte Untersuchungen über die psychischen und moralischen Folgen militärischer Erziehung noch aus.“


Deutsche Soldaten sind keine Mörder!



Foto: Deutsche Soldaten bei der Befriedung von Rußland, 1943


Postkarte von Günther Schwarberg, Kurt Tucholsky Gesellschaft (Berlin)

 


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Zuletzt geändert: 09.07.2006