"Soldaten sind Mörder"

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8. Zur Vermeidung der Beleidigung

„Soldaten sind Mörder“ wird ausschließlich in der Absicht sachlicher Kritik am Wesen des Militärs verwendet. Niemals soll die Würde des einzelnen Menschen, der leider noch Soldat ist, herabgesetzt werden. Kritiker des Militärs und des Soldatentums werden alles tun, um zu vermeiden, daß sich jemand in seiner Würde angegriffen fühlt. Damit ein Mann seine Würde behalten kann, muß verhindert werden, daß er zur Bundeswehr geht. Denn durch den Dienst bei der Bundeswehr wird die Menschen­würde verletzt (und nicht dadurch, daß einer feststellt, daß es so ist).

Ich würde deshalb auch nicht behaupten wollen „alle Soldaten sind Mörder“. Denn das heißt in der Logik unserer Sprache: „Jeder einzelne Soldat ist ein Mörder“ ohne Aus­nahme! Da könnte sich jeder Soldat angesprochen fühlen, auch Hauptmann Witt, der den „Arschloch“-Vorwurf einsteckt, ohne zum Staatsanwalt zu rennen, oder Oberst Barth und Oberst Wächter, die bis vor das Bayerische Oberste Landesgericht gingen in ihrem Bestreben, ihre Ehre wiederherzustellen. Das Bayerische OLG hat in seiner Urteilsbegründung den Assoziationsgehalt des Satzes „Soldaten sind Mörder“ in folgender Weise aufgebläht, nämlich „daß den Soldatenberuf nur solche wählen, die die charakterliche Eigenschaft zum Mörder haben“ oder „daß der Soldatenberuf diese Fähigkeit ausbildet“. Diese Schlußfolgerung ist in der Assoziationsfähigkeit der Bayerischen Obersten Landrichter begründet, die offensichtlich noch an dem Konzept der Täterpersönlichkeit4 hängen.

Der Richter Ulrich Vultejus gab den fachlichen Rat, so zu formulieren:
„Soldaten aller Länder sind nach meiner Überzeugung potentielle Mörder“.

Abgesehen von dem Wort potentiell, daß ich in diesem Zusammenhang für überflüssig halte, denke ich, daß mit den Erweiterungen „aller Länder“ und „nach meiner Überzeu­gung“ ist der Gefahr, daß sich ein Bundeswehrsoldat persönlich in seiner Würde herab­gesetzt fühlt, zur Genüge begegnet. Also: „Soldaten aller Länder sind nach meiner Überzeugung (als Kriegsdienstverweigerer oder Pazifist) Mörder.“ Es gibt zahlreiche Verwaltungsgerichtsurteile, daß Mann genau diese Haltung zum Ausdruck bringen und näher begründen muß, will Mann als Kriegsdienstverweigerer anerkannt werden.

Sollte es jemals wieder ein besonderes Ehrenschutzgesetz für deutsche Soldaten geben, hieße es, die Zensur zu umgehen. „Soldaten sind Mörser“ und „Soldaten sind Mörtel“ dichtete die taz-Redaktion. Oder, dem Liedermacher Reinhard Mey nachempfunden: „Marinesoldaten sind Gärtner“. Oder, wie ein Wandgemälde zum Ausdruck bringt:



Und ein Transparent mit der schlichten Aufschrift „TUCHOLSKY!“ ist bei antimilitaristischen Demonstrationen durchaus aussagekräftig:


 

Der Kabarettist

Matthias Deutschmann schlug vor: „Soldaten sind Marder und fahren Leopard. Oder vielleicht mit leichtem Dada-Einschlag: Soldöten sind Marder! Und wenn Herr Rühe fragt, >Was, bitte schön, sind Soldöten?< Dann kann die Antwort nur heißen: Soldöten sind seit jeher solche, die gegen Sold töten.“

Man könnte das Gemeinte auch richtig vornehm ausdrücken, indem man wie der Militär­soziologe und Dozent der Führungsakademie der Bundeswehr Wolfgang R. Vogt von der „moralischen Inkompatibilität von Militär und Gesellschaft“ spricht.

Die Junge Union brachte einen Aufkleber heraus mit Friedenstaube und der Aufschrift: „Unsere Soldaten sind keine Mörder!“. Das sagen sie alle! Fremde Soldaten sind schon Mörder, nur die Armee des eigenen Landes ist nach Ansicht der Jungen Union natürlich von dem Mörder-Vorwurf ausgenommen. Es lohnt sich, nachzudenken, was denn „Unsere Soldaten“ von den Soldaten vieler anderer Staaten unterscheidet. Nach dem 24.3.1999 gibt es noch nicht einmal mehr den Un­terschied, daß sie sich nicht an Kriegen beteiligt haben. Man könnte den Junge-Union-Aufkleber verändern: Z. B. im Hintergrund ein Foto der von Bundeswehrpiloten zerstörten jugoslawischen Brücken und Wohngebiete, oder ein Foto der zahlreichen ermordeten jugoslawischen Menschen abbilden. Aber das ist nicht einmal mehr notwendig.

Das gleiche gilt für den abgebildeten Aufkleber des Ver­bandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr. Durch einen Menschen in entsprechender Verkleidung wurde er anläßlich einer öffentlichen Vereidigung von Bundeswehr­ soldaten in Berlin mitgeführt.




 


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