"Soldaten sind Mörder"

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12. Zeit der Aufklärung

Jonathan Swift (1667-1745) stellt in seiner „Abschweifung über Wesen, Nutzen und Notwendigkeit von Kriegen und Streitereien“ fest:

„Wer nicht selber Krieg führen kann, wirbt andere dafür an. Davon ernähren sich Rauf­bolde, Meuchelmörder, Halsabschneider, Soldaten etc“. in dieser Reihenfolge und in dieser Gleichsetzung, und weiter: „Weil die vernünftigen Tiere nur begrenzte Gelüste haben, sind sie unfähig, Kriege gegen die eigene Art dauernd zu führen oder in Forma­tionen ins Feld zu marschieren und sich in Massen gegenseitig zu vernichten. Diese Vor­rechte kommen dem Menschen allein zu.“

Francois Duc de la Rochefoucauld (1613-1680) war selbst Offizier gewesen und diente am französischen Hof , bevor er als Schriftsteller zu einem moralischen Standpunkt fand:

„Es gibt Verbrechen, denen durch ihre Pracht, ihre Zahl und ihre Abnormität der schuld­hafte Charakter genommen wird, ja die man noch glorifiziert: so kommt es, daß staatli­cher Raub eine geschickte Maßnahme ist und die unrechtmäßige Einnahme von Provinzen Eroberung genannt wird.“

Jean de Bruyère (1645-1696) vergleicht in seiner Schrift „vom Kriege“ die „vernunftbegabten Tiere“ mit Katzen und Wölfen:

„Ihr habt Euch ja, um Euch vor jenen auszuzeichnen, die sich nur ihrer Zähne und Kral­len bedienen, Lanzen, Piken, Spieße, Schwerter und Säbel erdacht, und wie mir scheint mit großem Scharfsinn“

aber den Gedanken, daß kriegführende Feldherrn und Soldaten schlimmer sind als Raub­tiere kennen wir schon von Juvenal.

Francois Arouet (1694-1778), genannt Voltaire, schreibt in seinem philosophischem Wörterbuch unter dem Stichwort „Krieg“:

„Das erstaunliche an diesem höllischen Unternehmen ist, daß jeder einzelne Führer der Mörder seine Fahnen segnen läßt und sich feierlich auf Gott beruft, bevor er auszieht, um seine Mitmenschen umzubringen“

„Wie das größte physische Übel der Tod ist, so ist das größte moralische Übel zweifellos der Krieg. Er hat alle Verbrechen im Gefolge.“

Folgerichtig merkt Voltaire an, daß im französischen Sprachgebrauch die Wörter „Dieb“ und „Soldat“ gleichbedeutend waren.

Louis Chevalier de Jaucourt, (1704-1779) Mitarbeiter von Denis Diderot (1713-1784), schrieb im Artikel „Krieg“ für die von Diderot herausgegebene Enzyklopädie:

„Krieg erstickt die Stimme der Natur, der Gerechtigkeit, der Religion und der Mensch­lichkeit. Er bringt nur Raub und Verbrechen hervor.“

Jean Jacques Rousseau (1712-1778) führt an, „daß ein im Krieg zum Sklaven gemachter Mensch gegen seinen Herrn keine andere Verpflichtung hat, als ihm solange zu gehor­chen, wie er dazu gezwungen ist.“

Wie war das noch mit dem „Wehrsklavenhalter“?

Rousseau war auch Verfasser des umfangreichen Artikels „Ökonomie“ in der Enzyklo­pädie Diderots, in der er unter anderem auch die Ökonomie des Krieges beschreibt:

Die Herrscher stellten „reguläre Truppen auf, scheinbar, um die Barbaren im Zaum zu halten, in Wirklichkeit jedoch, um die Bürger zu unterdrücken. Um diese Heere schaffen zu können, mußte man Bauern von Lande abziehen und der Bauernmangel schmälerte die Ernteerträge. Zu ihrem Unterhalt führte man neue Steuern ein, wodurch die Preise stie­gen. Das Gleichgewicht war gestört und die Völker murrten; um sie in Schach zu halten, mußte man das Heer und damit zugleich die Not vermehren.“ Die Soldaten könne man nach dem Preis einschätzen, zu dem sie sich selbst verkaufen, seien „stolz auf ihre Er­niedrigung“, würden „Gesetze ebenso verachten wir ihre Brüder, deren Brot sie aßen, … und in blindem Gehorsam hielten sie von Berufs wegen den Dolch auf ihre Mitbürger gerichtet, bereit, beim ersten besten Zeichen alle zu ermorden.“

Und nach den Franzosen nun ein deutschsprachiger „Aufklärer“, Immanuel Kant (1724-1804). Die folgende Passage seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ könnte auf die Bun­deswehr gemünzt sein, wäre sie nicht schon zweihundert Jahre alt:

„Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören. Denn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen, reizen diese an, sich einander in Menge der Gerüsteten, die keine Grenze kennt, zu übertreffen, und, indem durch die darauf verwandten Kosten der Friede endlich noch drückender wird als ein kurzer Krieg, so sind sie selbst Ursache von Angriff, Kriegen, um diese Last loszu­werden; wozu kommt, daß zum Töten oder getötet werden in Sold genommen zu sein einen Gebrauch von Menschen als bloßen Maschinen und Werkzeugen in der Hand eines ande­ren (des Staats) zu enthalten scheint, der sich nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen läßt.“

Wie war das noch mit der „Mordmaschinerie“?

Und Johann Gottfried Herder (1744-1803), Theoretiker und Dichter des Sturm und Drang betrachtet 1797 („Frieden als Beförderung der Humanität“) den Krieg als „ein unmenschliches, ärger als tierisches Beginnen, indem er nicht nur die Nationen, die er angreift, unschuldigerweise Mord und Verwüstung droht, sondern auch die Nation, die ihn führet, ebenso unverdient als schrecklich hinopfert. Kann es einen abscheulicheren Anblick für ein höheres Wesen geben als zwei einander gegenüberstehende Menschen­heere, die unbeleidigt einander morden? Und das Gefolge des Krieges, schrecklicher als er selbst sind Krankheiten, Lazarette, Hunger, Pest, Raub, Gewalttat, Verödung der Län­der, Verwilderung der Gemüter, Zerstörung der Familien, Verderb der Sitten auf lange Geschlechter.“

Und in der Legende „Der Tapfere“ von J. G: Herder finden wir:
„Ein böses Heldentum, wenn gegen Mensch
der Mensch zu Felde zieht. Er dürstet nicht
nach seinem Blut, das er nicht trinken kann.
Er will sein Fleisch nicht essen, aber ihn
zerhaun, zerhacken will er, töten ihn!
Aus Rache? Nicht aus Rache, denn er kennt
den anderen nicht und liebet ihn vielleicht.
Auch nicht, sein Vaterland zu retten, zog
er fernen Landes her. Ein Machtgebot
hat ihn hierher geführet, roher Sinn,
die Raubsucht, Sucht nach höhrer Sklaverei.
Von Wein und Branntwein glühend schießt er, sticht,
und haut und mordet, mordet - weiß nicht, wen?
Warum? Wozu? Bis beide Helden dann
verbannt ins Schloß der Unbarmherzigkeit
ein Krankenhaus mit andern Hunderten
da liegen ächzend, und sobald der Krieg,
Not und der Hunger endet, alle dann
als Mörder-Krüppel durch die Straßen ziehn
und betteln. Ach, sie mordeten um Sold,
gedungene Helden aus Tradition.“

Und in den „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ heißt es:

„Der Krieg. Horden von Barbaren überfielen den Weltteil: ihre Anführer und Edlen teil­ten unter sich die Länder und Menschen. … Fast jede kleine Landesgrenze, jede neue Epoche ist mit Blut der Geopferten und mit Tränen der Unterdrückten ins Buch der Zeiten verzeichnet. Die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des Menschengeschlechts, gekrönte oder nach Kronen ringende Henker gewesen..“

Der Verleger und Pädagoge Johann Heinrich Campe (1746-1818) definierte kurz:
„Soldat heißt Menschenschlachter“

Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) greift Immanuel Kants philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden“ auf:

„3. - stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören - weil sie beständig mit Krieg drohen und die Errichtung, Vermehrung, Erhaltung derselben oft selbst Ursache des Krieges werden“ und in Punkt 6 wettert er gegen die „Anstellung der Meuchelmörder, Giftmischer“, weil dadurch Vertrauen zwischen Staaten im Frieden unmöglich wird, weil dadurch der Friede unmöglich wird.

Der schottische Dichter Robert Burns (1759-1796) schrieb in den „Zeilen zum Krieg“:
„Ich hasse Mord in Feld und Flur.“

Marquis de Sade (1791) in „Justine oder vom Mißgeschick der Tugend“:

„Wenn der Mord eine Missetat ist, dann ist er es in allen Fällen, und die Nationen, die Menschen zum Massenmord hinausstellen, sind entweder auch schuldig oder auch un­schuldig“

Christoph Martin Wieland (1794):

„Was tut Ihr, Völker? Was sagt Euer Herz? Was sagt Euch Euer Gewissen? Hat Gott Euch Eure Söhne dazu gegeben, daß Ihr sie zu Menschenmördern macht? Daß Ihr sie dem Kriege, dem Schwerte, dem Kriegsfeuer, der Verstümmelung, dem jämmerlichen Tode preisgebt?“

Adolph Franz Friedrich Freiherr von Knigge (1752-1796) beklagte 1795 in einem Artikel „von gerechten und ungerechten Kriegen“:

„da pflegen die Heere der hohen Potentaten zu verfahren, wie es besoldeten Mördern und Räubern zukommt.“

Johann Gottfried Seume (1763-1810) in der „Elegie auf einem Feste zu Warschau“, (1796):

„Wenn Banditen nur mit Dolchen morden
Bleicht man ihre Schädel auf dem Rad
Wenn der Nationen wilde Horden
Länder morden, ist es Heldentat“

Friedrich Schiller (1759-1805) schrieb zum Ende des Jahrhunderts zwei Gedichte:
„Fluchwürdig ist das Schicksal des Soldaten.
Aber wenn sich die Fürsten befehden
müssen die Diener sich morden und töten.
Das ist die Ordnung, so will es das Recht.“

„Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden,
wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
und das neue öffnet sich mit Mord..“

 


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