"Soldaten sind Mörder"

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17. Soldaten und Mörder nach 1945

Nach 1945 wurden unter dem Eindruck der Verwüstungen, des Massenmordes des zweiten Weltkrieges, publizistische Äußerungen, die Krieg als Mord und Soldaten als Mörder darstellten, häufiger denn je.

Der dänische Schriftsteller und Kommunist Martin Andersen Neksø (1869-1954) wurde 1941 während der Nazibesatzung verhaftet, konnte aber 1943 nach Schweden fliehen. Er formulierte im 1945 erschienenen Roman „Morten der Rote“:

„Der Krieg ist von Raubtieren in Menschengestalt hervorgebracht, die sich in ihrem gie­rigen Hunger nach Profit an einer Mauer den Kopf eingerannt haben und nun Dynamit unter die Mauer legen, um sie wegzusprengen.“

Wolfgang Borchert (1921-1947) bringt es auf die Formel:
„Als der Krieg aus war, kam der Soldat nach Haus.
Aber er hatte kein Brot.
Da sah er einen, der hatte Brot.
Den schlug er tot.
Du darfst doch keinen totschlagen, sagte der Richter.
Warum nicht, fragte der Soldat!“

Aber Borchert bringt den Mörder-Vorwurf nicht nur in ein solches Gleichnis. Im Drama „Draußen vor der Tür“ schreit er es direkt dem Soldaten ins Gesicht:

„Sie sind ein Mörder, Herr Oberst, Sie!
Halten Sie das eigentlich aus, Herr Oberst, Mörder zu sein?
Wie fühlen Sie sich so als Mörder, Herr Oberst“

Auch Carl Zuckmayer sagt es dem „des Teufels General“ 1945 direkt ins Gesicht:
„Ihr Krieg ist Mord. … Sie sind ein Mörder“
worauf der General antwortet:
„ Dann ist jeder ein Mörder, der die Welt nicht ändern kann. Jeder, der auf Erden lebt. …
Die Schuld tilgen - durch neue Schuld? Durch Blutschuld? Mord? Brudermord? Glaubt ihr, daß Kain, die Welt besser machte, als er Abel erschlug?“

Auch Otto Heinrich Kühner (*1921) hat es in seinem nach 1945 geschriebenen Hörspiel „Die Übungspatrone“, das 1950 gesendet wurde, direkt zu einem Soldaten gesagt:

„Du bist … bist du ein Mörder? Es geht doch um einen Menschen! Einen richtigen Men­schen. Und du vergreifst dich an seinem Leben….“ und später sagt die Hörspielstimme: „Mord … Mord … Mord ist das. Was sonst. … Und da sollst Du mitmachen. Und auch noch so, so ohne Notwehr. Wir können doch nicht so einfach über den Tod verfügen“

Albert Camus: formuliert 1946 folgenden Wunsch:

„… eine Welt, in welcher der Mord nicht legitimiert ist. Wir befinden uns damit tatsäch­lich in der Utopie und im Widerspruch. Denn wir leben ja gerade in einer Welt, in wel­cher der Mord legitimiert ist, und wir müssen sie ändern, wenn sie uns nicht paßt.“

Ingeborg Bachmann (1926-1973) gibt einer Erzählung über den Weltkrieg in Italien, der Schlacht von Monte Cassino, den Titel „Unter Mördern und Irren“. Dort spricht der Sol­dat:

„Denn was für die anderen einfach ein Kriegsschauplatz war, war für mich ein Mord­schauplatz. … Ich war ja ein einfacher Mörder, ich hatte keine Ausrede, und meine Spra­che war deutlich, nicht blumig, wie die der anderen. „Ausradieren“, „aufreiben“, „ausräuchern“, solche Worte kamen für mich nicht in Frage, sie ekelten mich an, ich konnte das gar nicht aussprechen. Meine Sprache war also deutlich, ich sagte mir: Du mußt und du willst einen Menschen morden. Ja, das wollte ich.“

Ingeborg Bachmann beschreibt, daß es dem Soldaten trotz seiner ausdrücklichen Vor­satzbildung nicht gelang, zu schießen. Er wurde wegen „Feigheit vor dem Feinde und Zersetzung der Wehrkraft“ vor ein Militärgericht gebracht, kam ins Gefängnis und später in eine psychiatrische Klinik. Der Soldat, dem es bewußt war, daß er ein Mörder war und es sogar sein wollte, mußte sich mit der Frage der Schuld auseinandersetzen. Und er schoß nicht! Vielleicht liegt hier der Schlüssel, daß Strafanträge gegen den Mörder-Vorwurf nie von Frontsoldaten oder Wehrpflichtigen, sondern von Offizieren, dem Reichswehrminister oder dem Verteidigungsminister gestellt wurden. Der Strafantrag richtet sich nicht gegen die angebliche Beleidigung, sondern gegen die Gefahr, daß Soldaten nicht schießen und eher ins Gefängnis oder in die psychiatrische Klinik gehen.

Die Künstlerin, Malerin und Graphikerin Lea Grundig (1906-1977) bekannte:

„Und den Krieg haßte ich aus ganzem Herzen, und es wollte mir nicht in den Kopf, daß Totschlagen sonst das größte Verbrechen, im Krieg aber richtig und gut sein sollte“

„Der imperialistische Krieg ist viehischer, die Menschen tief schändender, wahnsinniger Mord“

Johannes R. Becher (1891-1958), der in seinem großen autobiographischen Roman „Abschied“ auch die Geschichte seiner Kriegsdienstverweigerung vor dem ersten Welt­krieg beschrieb, stellte in seinem Essay „Die Denkenden trennt das Selbstverständliche“ 1947 eine neue Qualität des Mordens im Krieg fest:

„So war es seit langem auch nicht mehr selbstverständlich, daß das Leben eines Men­schen zu achten eine Selbstverständlichkeit war - im Gegenteil, es war selbstverständlich geworden, Menschen zu töten, massenweise, und Hinrichtungsmaschinen wurden erfun­den, die den Mord vereinfachten, in dem der Henker auf einen Knopf drückte, womit er, ohne seiner Opfer ansichtig zu werden, Tausende mit einem minimalen Aufwand an Kraft vernichten konnte. Der Henker und seine Opfer kannten einander nicht, ein anonymes Morden vollzog sich, und dieser abstrakte Mord geschah leidenschaftslos, nüchtern und sachlich, es handelte sich doch um weiter nichts, als eine winzige Bewegung zu machen (das kann doch gar nicht von solch furchtbaren weittragenden Folgen sein!) und auf einen Knopf zu drücken. …

Das Unverständlichste war es in der Zeit der Vernichtung, das Selbstverständliche wieder zu sagen und es zu fordern und denjenigen zu widersprechen, die darauf antworten: Das versteht sich ja von selbst.“

Der Arzt, Schriftsteller und Kommunist Friedrich Wolf (1888-1953) schrieb unter dem Eindruck des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses:

„Nie wieder dieses feige Dulden von verkleideten Mördern! Nie wieder der preußische Feldwebelgeist, der unser Land und die ganze Welt zu einem einzigen Kasernenhof ma­chen wollte! Nie wieder dieser verruchte Kadavergehorsam, der es zuließ, daß die menschliche Vernunft und die Menschenwürde wie mit Kommißstiefeln aus den Gehirnen herausgetrampelt wurde! Wir aber wollen heute in unserem Land die aufrichtige Achtung vor allem, was Menschenantlitz trägt.“

Und Karl Schnog (1897-1969) schrieb zum ersten deutschen Schriftstellerkongreß nach dem Krieg 1947:

„Wir wollen aggressiv, wir wollen kämpferisch schreiben, damit die Mörder von gestern nicht die Mörder von morgen werden können.“

Den Ausflug in unsere Geistesgeschichte beende ich mit einem Wort des Papstes Paul VI. aus seiner Enzyklika „Populorum progressio“:

„Wenn wir es dahin bringen, daß die große Menge die Gegenwart versteht, so lassen die Völker sich nicht mehr von den Lohnschreibern der Aristokratie zu Haß und Krieg verhet­zen. Das große Völkerbündnis, die heilige Allianz der Nationen kommt zustande. Wir brauchen aus wechselseitigen Mißtrauen keine stehenden Heere von vielen hunderttau­senden Mördern mehr zu füttern. Wir benutzen zum Pflug ihre Schwerter und Rosse und wir erlangen Frieden und Wohlstand und Freiheit.“


 


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