Broschüren und Artikel

- Nazis und Militär

jungen Welt vom 02.03.2005

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Die Moelders-Connection

Nichts begriffen: In Neuburg an der Donau ist ein Fliegeroberst der Naziwehrmacht ein ehrenwerter Mann und "Vergangenheitsbewaeltigung" kein Thema

Peter Rau

Seit vor Monatsfrist verfuegt wurde, dass der Naziflieger Werner Moelders aus der Liste der Bundeswehrvorbilder zu streichen ist, schlagen in Neuburg an der Donau die Wellen hoch. Die Kleinstadt ist Standort des Jagdfliegergeschwaders 74 der Bundesluftwaffe, das seit 1973 Traeger des "Ehrennamens" Werner Moelders ist. Der Fliegeroberst (19131941) galt seither einigen Pilotengenerationen der Bundeswehr als "zeitloses Vorbild an Geist, Haltung und soldatischer Pflichterfuellung", wie es in einer Standortbroschuere hiess. Moelders gehoerte zu jenen 27 Wehrmachtsangehoerigen, die waehrend des faschistischen Welteroberungskrieges zum Ritterkreuz mit Schwertern und Brillanten auch noch das Eichenlaub erhielten. Seine ersten Luftsiege, 14 an der Zahl, hatte dieser Jagdflieger als Freiwilliger in der beruechtigten Legion Condor gegen die spanische Republik verbucht, sein 115. und letzter datiert aus dem Spaetherbst 1941, nach dem Ueberfall auf die Sowjetunion. 



Obwohl die Neuburger nahezu sieben Jahre Zeit hatten, von ihrem Idol Abschied zu nehmen der Ende Januar ergangenen Weisung lag ein Bundestagsbeschluss vom April 1998 zugrunde, demzufolge Angehoerige der faschistischen Legion Condor von der Traditionspflege auszunehmen sind trieb der Erlass von Verteidigungsminister Struck Soldaten wie Einwohner der Garnisonsstadt auf die Barrikaden. Die Regionalzeitung Neuburger Rundschau (NR) gab gewissermassen die Marschrichtung vor und in den folgenden Tagen die herbeigeschriebene Stimmung wieder: "Schwerer Schlag fuers Jagdgeschwader 74" und "nicht nachvollziehbare Entscheidung", schrieb sie bereits am 28. Januar, am Tag darauf wurde der "Empoerung bis hin zur Fassungslosigkeit bei den Neuburger Luftwaffensoldaten" Ausdruck gegeben und mitgeteilt: "Struck-Bescheid stoesst auf Widerspruch". "Nichts Fragwuerdiges ist bisher bei Moelders zu entdecken", hiess es im NR-Kommentar zur "niederschmetternden Nachricht". Oberst Thomas Tillich, der Geschwaderkommodore, wird zitiert ("Das kostet doch unnoetiges Geld") und mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Horst Seehofer auch schwereres Geschuetz aufgefahren: "Werner Moelders ist nichts vorzuwerfen." Brigadegeneral a. D. Rudolf Erlemann, der Geschwaderchef im Jahr 1973, sieht es genauso, der Namenspatron war fuer ihn "ein Mann des ritterlichen Kampfes". Fuer Neuburgs Oberbuergermeister Bernhard Gmehling (CSU) ist eine Namensaenderung nicht nur "absolut ueberfluessig und unangebracht"; "was er (Moelders) damals als Soldat geleistet hat, war seine soldatische Pflicht". Auch Landrat Richard Kessler meint, dass (wenn schon nicht die Wehrmacht insgesamt, so doch) das ehrenhafte und tapfere Verhalten einzelner Soldaten auch heute noch anerkennenswert sei: "Einzelne Soldaten der Wehrmacht koennen daher, wenn Gesamtpersoenlichkeit und -verhalten untadelig waren, sehr wohl traditionsbildend sein." Und, bezogen auf die Bundeswehr: Der Name Moelders sei "motivationsfoerdernd und identitaetsstiftend".



Die solcherart Einstimmung folgenden Leserbriefe aus der Region setzen mehrheitlich noch eins drauf. Darin ist zum Beispiel von "nationaler Schande und Kulturskandal" die Rede. "Als glaeubiger und praktizierender Katholik" habe Moelders "nichts zu tun mit dem Nationalsozialismus", schreibt ein Chefarzt i. R.; der "Herr Oberst war ein beispielhafter Mensch und Soldat, der 1941 in Verteidigung des Vaterlandes gegen die Terrorflieger der Englaender und Amerikaner den Heldentod gestorben ist". Ein anderer nennt Strucks Order "Zersetzung der Wehrkraft": "An Werner Moelders gibt es keinen Tadel. Er hat … mitgeholfen, dass Spanien kein sowjetischer Satellit geworden ist." Ein Ex-"Moelderianer" droht gar mit "Strafanzeige wegen Veraechtlichmachung des Andenkens Verstorbener", moechte aber auch gerichtlich gegen all jene vorgehen, die ihn in die Naehe des Rechtsradikalismus ruecken wuerden …


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