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Broschüren und Artikel


- Schwule und Militär

Cüppers, Ralf: Auch schwule Soldaten sind Mörder. In: NRW-Postille 3/2000 (Leserbrief).

Achim Schmitz
Schwule Soldaten: Bundeswehr abschaffen statt "emanzipiertes"
Tötenlernen!


Schwuler Militarismus

Wie die schwul-lesbische Öffentlichkeit 99 mit Militär und Krieg umgeht


Der Bundeswehrminister Rudolf Scharping besteht bisher darauf, schwule Soldaten von Beförderungen in militärische Führungspositionen auszuschließen. Dieser Konflikt wurde in verschiedenen Presseorganen in diesem Jahr geschildert, wobei meistens eine kritische Auseinandersetzung mit Militär und Krieg fehlte. Der NATO-Krieg gegen Jugoslawien und der Konflikt um die Gleichberechtigung schwuler Soldaten standen dabei in Vordergrund.


Der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland und Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, unterstützte den NATO-Krieg: Während des Krieges stimmte er einer Vergrößerung des Bundeswehr-Kontingents in Mazedonien und Albanien von 6.000 auf 7.000 Soldaten zu.1 Ebenfalls während des Krieges erklärte er in einem Interview mit dem Fernsehsender Phoenix, daß er Mitglied der DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerIn-nen) sei und die Bombardierungen der NATO für richtig halte. Der nordrhein-westfälische Landesgeschäftsführer der DFG-VK, Felix Oekentorp, schrieb ihm, daß diese Auffassung mit Grundsätzen und Zielen der DFG-VK unvereinbar sei und daß sich die Frage stelle, ob Becks Zielvorstellung noch mit der der DFG-VK übereinstimme. Doch Beck antwortete bis heute nicht darauf.2

Während des NATO-Krieges beschreibt die Mainstream-Zeitschrift QUEER im Beitrag “Serbien: Kein Eldorado für Schwule und Lesben” die Behandlung Homosexueller durch das Milosevic-Regime. 3

Auch wenn die Berichterstattung grundsätzlich richtig sein mag, so ist sie zur Zeit des NATO-Krieges gegen Jugoslawien geeignet, Feindbilder gegen ”die Serben” zu fördern. Diese politische Unsensibilität wird durch die Äußerung eines Sprechers der Aktionsgruppe Homosexu-alität bei amnesty international, daß wegen der Luftangriffe der NATO sich die Lage für Lesben und Schwule noch verschlimmere, unterstrichen4 .

In der Titelstory “Bomben fallen, Homos feiern”5 mit Bezug auf den geplanten Christopher Street Day in der Juni-Ausgabe1999 wird mit unreflektierter Selbstverständlichkeit Uniform-Fetischismus als “ja noch okay” bezeichnet. Darauf antwortete ich mit einem Leserbrief, der zur Hälfte publiziert wurde, in dem ich die Darbietung von uniformierten Männern mit nacktem Oberkörper bzw. miteinander kuschelnd als Verharmlosung von Militarismus und Krieg kritisierte und die Uniform als autoritären Inbegriff des Soldatentums bezeichnete, das darauf ausgerichtet ist, Menschen zu beherrschen, zu vergewaltigen und zu töten. Die selbstverständliche Präsentation derartiger Mordsymbole im Alltag ist symptomatisch für eine Verrohung der politischen Konfliktkultur, wie sie durch den NATO-Krieg gefördert wurde.

Für die Pro & Kontra-Seite “Krieg im Kosovo: Wir müssen uns einmischen!” erhielt ich von QUEER eine Anfrage nach einer Stellungnahme.

Daraufhin schrieb ich meinen Beitrag gegen den Krieg und wies darin auf bereits unternommene Versuche ziviler Konfliktbearbeitung in der Region hin. Mein Beitrag erschien jedoch nicht aus Layout-Gründen nicht, wie ich erfuhr.

In der GWR 240 paßte mein Beitrag offensichtlich ins Layout und auch ins politische Konzept. Ebenfalls positive Gegenbeispiele sind die Publikation der Presseerklärung des 2. Großen Ratschlags lesbischer, schwuler, bi, trans- und intersexueller Menschen gegen den NATO-Krieg in der Zeitschrift LUST (Lesbische und Schwule Themen)6 und die kritische Auseinandersetzung des whk (wissenschaftlich-humanitäres komitee) mit dem NATO-Krieg in der Zeitschrift Gigi.7


Gleichstellung schwuler Soldaten

Über die Gleichstellungs-Forderung erschienen in diesem Jahr zahlreiche Berichte in der schwul-lesbischen (z.B. QUEER, Die Andere Welt) und auch anderen Presse (z.B. taz, antimilitarismus information).

In der Juli-Ausgabe 1999 widmet QUEER dem Thema einen Artikel auf der Titelseite.8 Darin wird über die Kontroverse zwischen Scharping und Trittin sowie die Positionen anderer PolitikerInnen berichtet.

Gegenstand der Debatte war: In einem Brief an Scharping solidarisierte sich der grüne Bun-desumweltminister Jürgen Trit-tin mit dem Oberleutnant Winfried Stecher, der wegen Vorwurfs der Homosexualität zwangsversetzt wurde, und wies seine Ministerkollegen auf das Ziel der neuen Bundesregierung hin, Gleichberechtigung von Minderheiten zu erreichen. Scharping antwortete darauf mit den üblichen Vorurteilen gegen Schwule und Lesben.

Die Gestaltung der Titelseite von QUEER (Scharping mit Stahlhelm) wirkt auf mich ebenso po-pulistisch wie einen Monat später ein Foto (oder eine Fotomontage) mit dem QUEER-Mitarbeiter Marc Kersten, der mit militärischem Gruß vor einem Panzer ein T-Shirt mit der Aufschrift “Scharping? Nein danke!” trägt.9 QUEER weist auf die Diskriminierung schwuler Soldaten hin, ohne die Bereitschaft von Soldaten zum Töten zu kritisieren.

Die lesbisch-schwule Zeitschrift Die Andere Welt berichtet über die Kontroverse zwischen Trittin und Scharping über die Frage nach der Gleichberechtigung schwuler Soldaten.10 Die Schwulen Sozialdemokraten in Niedersachsen fordern Scharping dazu auf, das Urteil zu akzeptieren, wonach die Bundeswehr einem Zeitsoldaten nicht allein wegen seiner Homosexualität seine Karriere als Berufssoldat verbauen dürfe.11 In einer späteren Ausgabe publiziert Die Andere Welt einen offenen Brief des BASS (Bundesweiter Arbeitskreis schwuler Soldaten) an Schar-ping12. Bedenklich finde ich, daß BASS den NATO-Krieg gegen Jugoslawien als notwendigen Einsatz zum Schutz der Menschenrechte in Europa befürwortet. Dazu paßt die unkritische Haltung von BASS zum Einsatz des Lebens der Soldaten “für die Werte des Grundgesetzes”, was nach Kadavergehorsam riecht und die Frage aufwirft, was genau die “Werte des Grundgesetzes” sind. Jedenfalls wird in diesem wie auch in den anderen Beiträgen von Die Andere Welt die Bereitschaft von Soldaten zum Töten anderer Menschen billigend in Kauf genommen.

Die tageszeitung (taz) berichtet am 28.9.1999 unter dem Titel “Auch Schwule dürfen ans Gewehr”13 über ein Urteil des Straßburger Menschenrechtsgerichtshofes, daß Großbritannien Schwule und Lesben nicht von den Streitkräften ausschließen darf. Nachdem drei Schwule und eine Lesbe geklagt hatten, stellt der Gerichtshof einen “besonders schwer wiegenden Eingriff in das Recht auf Privatshäre der Kläger” fest. Auch in der taz fehlt erwartungsgemäß eine kritische Analyse der Rolle von Soldaten als staatlich zum Töten abgerichtete Befehlsempfänger. In der Monatszeitschrift antimilitaris-mus information thematisiert Stefan Gose mit dem Untertitel ”Die Angst der Truppe vor sich selbst” die Homophobie in der Bundeswehr, die damit begründet werden könne, daß auch Heterosexuelle gegen gleichgeschlechtliche Gefühle nicht “immun” seien. Als eigentlichen Grund für die Ablehnung der Homosexualität nennt der Autor “den militärischen Mythos von Männlichkeit, von konkurrierender, hierarchisch funktionaler Manneszucht, mit der der Männerbund individuelle Selbstverantwortung durch eine kollektive Identität ersetzt.”14

Eine deutliche Position (”Keine schwulen Soldaten auf den Christopher Street Days!”) ist aus meinem Bericht über den 2. Großen Ratschlag emanzipatorischer lesbischer, schwuler, bi-, trans- und intersexueller Menschen in der GWR 24015 zu entnehmen. Ebenso vertritt das whk in seinem Aktionsprogramm eine antimilitaristische Position: “Auch schwule Soldaten sind Mörder!” und fordert die Auflösung von Bundeswehr und NATO.16 Der Verein “Schwule Kriegsdienstgegner” unterstützt seit 1994 schwule Kriegsdienstverweigerer. Es gibt also neben den hierarchisch denkenden, um militärische Führungspositionen kämpfenden Schwulen auch noch frie-densbewegte Lesben und Schwule.



Emanzipationsbewegung statt BürgerInnenrechtsbewegung

Die Militarisierung der schwul-lesbischen Öffentlichkeit ist im Kontext der Entpolitisierung der Schwulenbewegung zu sehen. Eike Stedefeldt konstatiert in seinem Buch “Schwule Macht” eine deutliche Bewegung der deutschen Schwulenbewegung nach rechts: “Sie befindet sich heute nicht mehr am links-alternativen Rand der Gesellschaft, sondern agiert voller Stolz in deren Mitte. Verbrämt durch Schlagworte wie “Bürgerrechtsbewegung” und “schwule Lob-bypolitik”, dient sie sich in immer stärkerem Maße konservativen Kräften an, während die Abgrenzung nach links schärfer wird.”17 Dies äußert sich außer im Kampf von Schwulen um Bundeswehr-Führungspositionen, auch im Abschied von einer emanzipatorischen Lebens-formpolitik durch die Forderung nach der Homo-Ehe, in einer Entpolitisierung des Christopher Street Day, in kapitalistischer Lobbyarbeit für schwule Besserverdienende und anderem. Es handelt sich um eine Main-stream-orientierte Bürgerrechtsbewegung, die nur eine Teilkri-tik am gesellschaftlichen Status quo formuliert, nämlich an der Diskriminierung von Homosexuellen.

Ansätze einer Gesamtkritik am gesellschaftlichen Status quo durch eine Emanzipationsbewegung bieten dagegen zum Beispiel die Aktivitäten der in der GWR 243 vorgestellten Schlam-pagne, der Wiesbadener Gruppe “Rosa Lüste”, des whk und des Vereins Schwule Kriegs-dienstgegner e.V.. Emanzipation kann hier in Anlehnung an eine Publikation des whk definiert werden als das Bestreben, “die eigene Lebensweise autonom – das heißt unabhängig von vorgelebten patriarchalen Rollenmustern und marktgerechten Subkulturen – neu zu erfinden.”18 Zu einer emanzipatorischen Politik gehört auch die Abschaffung einer patriarchalen und gewaltbe-reiten Institution wie der Bundeswehr.


Für ein Kampagnen-Netzwerk ”Bundeswehr abschaffen!”

Seit 10 Jahren gibt es die Kam-pagne ”Bundesrepublik ohne Armee”, die in den ersten Jahren von mehreren Friedensorgani-sationen mitgetragen wurde und in den letzten Jahren von der DFG-VK in Hamburg-Schleswig-Holstein und München getragen wird. Die Forderung nach der Abschaffung der Bundeswehr wird noch von einigen antimili-taristischen Organisationen un-terstützt. In Anlehnung an den seit 1993/94 arbeitenden Trägerkreis “Atomwaffen abschaffen”, der aus ca. 40 Nicht-Regierungsorganisationen besteht und Teil des globalen Netzwerks “Abolition 2000” ist, könnte ein Kampagnen-Netzwerk ”Bundeswehr abschaffen” gegründet werden, um ein strategisches Konzept für die (realistischerweise wohl eher langfristige) Abschaffung der Bundeswehr zu erarbeiten und in die Praxis umzusetzen. Außer Friedensorganisationen könnten auch eher pazifistisch orientierte Lesben- und Schwulenorganisationen und Einzelpersonen an diesem Netzwerk teilnehmen und innerhalb der Strategie eine Kampagne entwickeln, die sich mit dem Problem der schwulen Soldaten beschäftigt und versucht, innerhalb der lesbisch-schwulen Szene eine Meinungsänderung für die Abschaffung der Bundeswehr herbeizuführen.

Innerhalb dieses Netzwerks könnten libertäre Positionen eingebracht werden, indem Machtstrukturen allgemein am Beispiel der Militärkritik hinterfragt werden.



Achim Schmitz


Anmerkungen:

1 Vgl. Stedefeldt, Eike: Aktion JA-Wort. In: Gigi. Zeitschrift für sexuelle Emanzipation. Heft 2 (Juni/ Juli 1999), S. 5 f.

2 Vgl. Kleine Anfrage. In: Gigi. Zeitschrift für sexuelle Emanzipation. Heft 4 (Oktober/November 1999), S. 13.

3 Vgl. Serbien: Kein Eldorado für Schwule und Lesben. In: QUEER, Mai 1999, S. 9.

4 Vgl. Bomben gegen Schwule? In: QUEER, Juni 1999, S. 9.

5 Vgl. Scheuß, Christian: Bomben fallen, Homos feiern. In: QUEER, Juni 1999, S. 1.

6 Vgl. Schönert, Joachim: 2. Bundesweites lesbisch-schwules Treffen in Wiesbaden. In: LUST (Lesbische und Schwule Themen). Eine Zweimonatszeitschrift für Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Nord-Baden. 10. Jahrgang. Heft 54 (Juni/Juli 1999), S. 36., Bezug über Rosa Lueste, Postfach 5406, 65044 Wiesbaden, Tel/ Fax: 0611/ 377765, rosalueste@t-online.de

7 Vgl. Stedefeldt, Eike: Aktion JA-Wort. In: Gigi. Zeitschrift für sexuelle Emanzipation. Heft 2 (Juni/ Juli 1999), S. 5 f.

8 Vgl. Kersten, Marc: Scharping in der Defensive. In: QUEER, Juli 1999, S. 1.

9Vgl. Kersten, Marc: So etwas nennt man Wahlbetrug! Rudolf Scharping, der Mann des gebrochenen Wortes. In: QUEER, August 1999, S. 2. Und: Kersten, Marc: Urteil gibt schwulen Soldaten Hoffnung. In: QUEER, Juli 1999, S. 8.

10 Vgl. Scharping: ”Toleranz kann nicht verordnet werden.” In: Die Andere Welt. 10. Jahrgang. Heft 7/1999 (Juni/Juli 1999). Berlin, 1999, S. 7.

11 Schwusos Niedersachsen: Schwule als Berufssoldaten übernehmen. Scharping soll Urteil akzeptieren und Diskriminierungspraxis endlich abstellen. In: Die Andere Welt. 10. Jahrgang. Heft 8 (Juli/August 1999). Berlin, 1999, S. 9.

12 Bundesweiter Arbeitskreis schwuler Soldaten: Offener Brief an den Bundesminister der Verteidigung Rudolf Scharping. In: In: Die Andere Welt. 10. Jahrgang. Heft 11 (Oktober/November 1999). Berlin, 1999, S. 9.

13 Vgl. Auch Schwule dürfen ans Gewehr. In: die tageszeitung, 28.9.1999, S. 1.

14 Vgl. Gose, Stefan: Schwule Soldaten: Von Mann zu Mann. Die Angst der Truppe vor sich selbst. In: antimilitarismus information. 29. Jahrgang. Heft 8-9/1999 (Ausgust/September 1999). Berlin: Verein für friedenspolitische Publizistik, 1999, S. 10-17.

15 Vgl. Schmitz, Achim: Keine schwulen Soldaten auf den Christopher Street Days! Zweiter Großer Ratschlag emanzipatorischer lesbischer, schwuler, bi-, trans- und intersexueller Menschen. In: Graswurzelrevolution. 28. Jahrgang. Heft 240 (Sommer 1999), S. 4.

16 Vgl. Mitteilungen des whk Nr. 1/1999, S. 2.

17 Vgl. Stedefeldt, Eike: Schwule Macht oder Die Emanzipation von der Emanzipation. berlin: Elefanten Press, 1994, S. 204

18 Vgl. Mitteilungen des whk 1/1 1999, S.1


Kontakt:

Schwule Kriegsdienstgegner, c/o Mann-O-Meter, Motzstr. 5, 10777 Berlin, Beratung: Mittwoch 18.30 Uhr, skdg@kirisk.de, www.kirisk.de/skdg

Schwule Kriegsdienstgegner, c/o Cafe Rosa Mond e.V., Oberbilker Allee 310, 40227 Düsseldorf, Beratung: 4. Dienstag, im Monat. 20.00 Uhr,

whk, Bundesweite Assoziation, Mehring-damm 61, 10961 Berlin,kontakt@whk.org,
www.whk.org


Ralf Cüppers:
Der Artikel von KK ist schlechtester journalistischer Stil: Da wird Volker Beck zum "seit Ewigkeiten Hassobjekt Nummer eins" des whk hochstilisiert. Armer Volker Beck: früher mal Kriegsdienstverweigerer gewesen, hat er sich bekanntermaßen zum eifrigen Militaristen gewendet, er ist durch seine Zustimmung zum Angriffskrieg der NATO auf Jugoslawien für tausende von Toten und für die schlimmste ökologische Katastrophe aller Zeiten mitverantwortlich, und wenn das whk ihn m.E. völlig zu Recht kritisiert, wird dem whk unterstellt, man mache ihn zum "Hassobjekt". Wenn KK meint, den armen Volker Beck verteidigen zu müssen, etwa vielleicht weil dessen militaristische Haltung geteilt wird, dann fehlen hier Argumente! Der Haßvorwurf trägt nicht zur Klärung der Positionen bei.
Als "Hetero" betrachte ich Schwule prinzipiell als gleichwertig. Wenn Volker Beck Krieg unterstützt, kritisiere ich das aufs Schärfste, und zwar unabhängig davon, ob er als schwuler oder heterosexueller Politiker für einen Kriegseinsatz die Hand hob. Nur weil die meisten Kriegstreiber heterosexuell oder vielmehr asexuell, gefühllos zu sein scheinen, jedenfalls nicht schwul, und nur weil Schwule an anderen Orten diskriminiert werden, darf ich die wenigen Schwulen, die aktiv Kriegsvorbereitung betreiben, nicht von meiner Kritik aussparen. Denn das hieße, sie nicht für voll zu nehmen, und genau dies wäre eine diskriminierende Haltung, die ich ablehne.

Das wenige, was KK vom whk wiedergibt, läßt immerhin erkennen, daß das whk eine fundierte Kritik veröffentlicht hat, die meine volle Unterstützung findet.
Durch die Forderung nach schwuler Emanzipation in der Truppe wird "die Existenz von Armeen akzeptiert", "die Einbindung von Menschen in militärische Strukturen zum Grundrecht erklärt" (?) doch wohl eher: "verklärt", und: "Die Gleichstellung von Schwulen würde dazu mißbraucht, den Soldatenberuf als normal hinzustellen".
Stimmt doch alles! (zum letzteren: den Soldatenberuf als normal hinzustellen, ist das wichtigste Bemühen aller MilitaristInnen, vgl. dazu auch "Mörder soll man Mörder nennen", Seite 17) Das wenige, was KK selbst vorbringt, halte ich für gefährlichen Militarismus.
Das whk sollte akzeptieren, daß es Schwule gibt, die in der Truppe dienen wollen? Wirklich? Ich akzeptiere schließlich auch nicht, daß es Heterosexuelle gibt, die in der Truppe dienen wollen. Noch viel weniger, als daß ich es auch nicht akzeptiere, daß es Sexualverbrecher gibt, die kleine Kinder lustmorden. Ich bin nicht bereit, Mörder zu akzeptieren, egal ob sie Uniform tragen oder nicht, egal ob sie heterosexuell oder schwul sind. Einem ermordeten Kind im Kosovo, glaube ich, ist es gleichgültig, ob es von einem Lustmörder mit dem Messer oder durch die abgeworfenen Splitterbomben eines NATO-Flugzeuges zerfetzt wurde, und ob der Pilot und sein Waffenoffizier schwul ist oder nicht, schon allemal. Gnädig akzeptiert KK, daß es Menschen gibt, die sich gegen die Bundeswehr engagieren. Das täte ich auch ohne diese Akzeptanz. "Einstweilen sollte man versuchen, Gleichberechtigung und Demokratie in der Truppe zu verankern." Wie geht soll denn das gehen? Allenfalls gäbe es gleiche Rechtlosigkeit innerhalb des Militärs. Gleichberechtigung und Demokratie kann es in einer Truppe jedenfalls nicht geben. "Truppen" unterscheiden nun einmal zwischen General und Gefreiten, Befehlsgebern und Befehlsempfängern. Mit ihrer Forderung nach demokratischer freier Diskussion und Beschlußfassung über den Einsatz der Armee und demokratischer freier Wahl der Offiziere sind bereits die Kommunisten in der Rußland 1917 gescheitert. Das ist illusorisch. Wenn KK nach vielfacher geschichtlicher Erfahrung, nach den vielen gescheiterten Versuchen, Armeen zu "demokratisieren", immer noch dieser Illusion das Wort redet, trägt sie zur Legitimation von Krieg bei. Es gibt keine Demokratie, die einer Mehrheit das Recht gibt, einer Minderheit das Leben zu nehmen. Und da jeder Krieg dazu führt, daß Menschen das Leben genommen wird, ist die Existenz einer Armee mit Demokratie und Gleichberechtigung prinzipiell unvereinbar. (Eine weitere ausführliche Argumentation gibt es in: "Wie Militär demokratische Grundrechte und Freiheiten verhindert")

Ich befürchte, daß es weder dem whk oder sonst jemandem gelingen wird, die "Abschaffung bestehender Ungerechtigkeiten gegenüber Schwulen in der Bundeswehr zu torpedieren". Die Militaristen von heute können nicht mehr wählerisch sein. Im frühen Mittelalter war es Privileg des Adels, in Uniform zu morden. Als die Adeligen keinen Bock mehr hatten, gab es die Wehrpflicht fürs gemeine Volk, mit Ausnahme derer, die man für wehrunwürdig betrachtete (wie z.B. Frauen und Schwule). Seit das gemeine Volk massenhaft den Kriegsdienst verweigert und die Wehrpflicht vermeidet, wird alles rangezogen, was noch laufen kann ("T7") aber nicht wegläuft. Wer dann nicht verweigert, ist selber Schuld. Dank der "Diskriminierung", vom Kriegsdienst ausgeschlossen zu sein, sind immerhin viele Menschen niemals in Versuchung geraten, sich auf die Bereitschaft zum Mord einzulassen. Die Angst vor Diskriminierung (als Frau, Schwuler oder sonst …) mag vielleicht der schlechteste Grund sein, nicht zu morden. Immerhin hat diese Angst schon tausende davor bewahrt, schuldig am Tod eines Mitmenschen zu werden.
Ich widerspreche KK auch in der Einschätzung, daß es die Bundeswehr "noch lange" geben wird. "noch lange" ist sehr relativ. Die Bundeswehr hat jedenfalls die Halbwertszeit einer deutschen Armee schon deutlich überschritten. Ich wünsche mir, daß die Bundeswehr nach der Nationalen Volksarmee der DDR die zweite sein wird, die friedlich und demokratisch abgeschafft wird. 1945, 1918, … 1648 bis zu Friedrich Barbarossa u.s.w. - alle früheren deutschen Armeen sind sehr unfriedlich und gewaltsam abgeschafft worden - mit tausenden von Toten! Und da bisher jede deutsche Armee irgendwann einmal auch eingesetzt wurde, wird der Bundeswehr dieses Schicksal auch zukommen, denn es ist einfach illusorisch, jeden Krieg gewinnen zu wollen, selbst wenn es sich bei den "Feinden" nur um kleine Länder wie Jugoslawien handelt.

Lieber Dieter, lieber Felix, wenn ihr provozieren wolltet, es ist Euch gelungen! Vielleicht habe ich den Karla Koriander-Text nur nicht als Satire erkannt. So gibt es eine Rückmeldung von mir, die Ihr gerne in die nächste NRW-Postille übernehmen könnt.
Aber bedenkt bitte, daß das whk aus meiner Sicht ein sehr wichtiger Bündnispartner für uns ist, die wir die Abschaffung der Bundeswehr wollen. Das whk sollte in einer DFG-VK-Publikation nicht unfair abgewertet werden, von jemandem, der zu Abrüstung und Frieden überhaupt nichts beiträgt, jedoch sehr viel zur Legitimation von Kriegen und Kriegsvorbereitung. Im Gegensatz zu vielen anderen ist das whk aktiv, beteiligt sich z. B. an der Verbreitung von Informationsmaterialien zur Abschaffung der Bundeswehr. (Achim Schmitz, in Eurem LV nicht unbekannt, hat den Kontakt zum whk, deshalb geht dieser Brief auch an ihn.) Ich selbst, kann mich dem Vorsitzenden des whk inhaltlich voll anschließen, der klar und eindeutig festgestellt hat: "Auch schwule Soldaten sind Mörder".

Lieber Dieter, lieber Felix, habt Ihr den KK Artikel wirklich aus einer Publikation entnommen, die "Ossietzky" heißt? Ich kenne die Zeitschrift nicht, aber ich bitte Euch, diesen Brief dorthin weiterzuleiten.
Der gute Oss würde, glaube ich, bildlich gesprochen, im Grabe rotieren. Versucht doch mal, herauszufinden, was Ossietzky davon hält, Armeen zu reformieren und "Gleichberechtigung und Demokratie in der Truppe zu verankern"! Für Literaturstellen zum Nachlesen wären die Leser der NRW-Postille sicherlich dankbar. Eine erste nenne ich hier. Als Oss Mitarbeiter der Deutschen Friedensgesellschaft und Redakteur der "Weltbühne" war, hieß es im Programm der Deutschen Friedensgesellschaft: " Militarismus Heere und Kriegsflotten bilden ihrer Natur nach eine Gefahr für den Frieden. Innenpolitisch bedeutet das Militär einen Hort der politischen und wirtschaftlichen Reaktion. Die Deutsche Friedensgesellschaft fordert: Abschaffung der Heere und Kriegsflotten in allen Ländern." Nichts von Gleichberechtigung und Demokratie in der Truppe - Abschaffung!

Mit freundlichen Grüßen
Ralf Cüppers


Achim Schmitz
Schwule Soldaten: Bundeswehr abschaffen statt "emanzipiertes"
Tötenlernen!
Bezug: Artikel "Friede, Freude - Gleichberechtigung ade" von Karla
Koriander
Schwule im Militär: ein Widerspruch? So sah es Kriegsminister Scharping
bis vor einem halben Jahr. In einer Kontroverse mit dem bündnisgrünen
Bundesumweltminister Jürgen Trittin äußerte er sich im vergangenen Jahr
noch folgendermaßen: "Homosexualität begründet erhebliche Zweifel an der
Eignung und schließt eine Verwendung in solchen Positionen aus, die an
Führung, Erziehung und Ausbildung von Soldaten gebunden sind."  Diese
homophobe Äußerung entbehrt natürlich jeder Grundlage. Im Frühjahr 2000
konnten die Lobbyisten für das gleichberechtigte Tötenlernen einen
Erfolg verbuchen: Schwule Soldaten dürfen nun auch
Vorgesetztenpositionen einnehmen. Scharping kam mit seinem Einlenken
einer möglichen Verfassungsbeschwerde zuvor. Dem wegen seiner
Homosexualität bestraften Offizier Winfried Stecher wurde eine
Rehabilitation in Aussicht gestellt.
Unter dem Gesichtspunkt der Gleichberechtigung zwischen Hetero- und
Homosexuellen ist dieses Umschwenken der Hardthöhe ein Erfolg. Ob damit
Schwule (und in Zukunft vielleicht auch Lesben) im Militär nicht mehr
diskriminiert werden, bleibt abzuwarten. Nach wie vor halte ich jede
Armee für eine homophobe Institution, erst recht angesichts der häufigen
rechtsextremen Vorfälle bei der Bundeswehr.
Auch wenn ich die Diskriminierung von Schwulen und Lesben im Militär für
einen Skandal halte, so war ich (auch als Schwuler) nie bereit, eine
Gleichstellungskampagne schwuler Soldaten zu unterstützen. Ich spare
schwule Soldaten nicht von der Kritik an ihrer Beteiligung an Kriegen
aus. Im Unterschied zu Karla Koriander  stimme ich der Erklärung von whk
(wissenschaftlich-humanitäres komitee), Schwule Kriegsdienstgegner e.V.,
Claudia Haydt (Informationsstelle Militarisierung) und Mitgliedern des
arbeitskreises kritischer juristinnen und juristen zu, wenn sie von
einem Mißbrauch der Unterdrückung von Frauen und Schwulen sprechen, bei
dem das Soldatentum als normaler Beruf dargestellt wird. Der Aussage
Korianders, auch das whk solle akzeptieren, daß Schwule der Truppe
dienen wollen, widerspreche ich: Ich akzeptiere es nicht, daß sich
überhaupt jemand zum Morden ausbilden läßt, egal ob er/ schwul/lesbisch
oder heterosexuell ist. Ganz zu Recht steht im Aktionsprogramm des whk:
"Auch schwule Soldaten sind Mörder!" Ich stimme Ralf Cüppers  zu, daß
das whk mit der Forderung der Abschaffung der Bundeswehr ein für uns
wichtiger Bündnispartner ist. Polemische Essays wie von Koriander sind
hier eher kontraproduktiv.
Es geht mir in diesem Beitrag nicht darum, Diskriminierung von Lesben
und Schwulen im Militär zu bagatellisieren. Mir geht es vielmehr darum,
für das Ziel der Entmilitarisierung zu arbeiten; die notwendige
Forderung ist: "Bundeswehr abschaffen." Nur eine Armee, die nicht
existiert, wird niemanden diskriminieren. Schwule (natürlich auch
heterosexuelle) Soldaten finden meine Unterstützung, wenn sie
nachträglich den Kriegsdienst verweigern. Wenn sie es nicht tun, sind
sie meines Erachtens bei den schwulen Lobbyorganisationen besser
aufgehoben, die sich für ihre Ziele einsetzen. Schwule
Kriegsdienstverweigerer sollten in der Beratung (auch in der DFG-VK) für
ihre Probleme wie z.B. Angst vor Diskriminierung aufgrund der
Wehrpflicht immer ein offenes Ohr finden. Rückfragen zu diesem Thema
beantworte ich gern unter Tel. 0711/2155-112 oder per Email unter
AchimSchmitz1@t-online.de

  Vgl. Kersten, Marc: Scharping in der Defensive. In: QUEER, Juli 1999,
S. 1.
  vgl. NRW-Postille 2/2000
  Vgl. Cüppers, Ralf: Auch schwule Soldaten sind Mörder. In:
NRW-Postille 3/2000 (Leserbrief).

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Zuletzt geändert: 09.07.2006