Regionen und Länder

- Afghanistan

Opium für das Volk 



Rainer Rupp 
 
Junge Welt – Ausland - 07.03.2005 
 
http://www.jungewelt.de/2005/03-07/008.php
 
 
 
Afghanistan: US-Außenministerium präsentiert Drogenbericht und fürchtet um
»globale Stabilität«. Verdreifachung der Mohnanbaufläche innerhalb eines
Jahres 
 
 
 
Afghanistan wird immer mehr zum Drogenstaat. Laut einer am Freitag
(Ortszeit) in Washington von Außenministerin Condoleezza Rice dem Kongreß im
Auftrag von Präsident George W. Bush vorgelegten Studie verdreifachte sich
2004 die Fläche für den Anbau von Mohn gegenüber dem Vorjahr auf 206700
Hektar. Die ausufernde Opiumproduktion stelle eine «enorme Bedrohung für die
globale Stabilität» dar. Aus Opium wird Heroin hergestellt. 4950 Tonnen
Opium seien 2004 in Afghanistan produziert worden, und damit 17mal soviel
wie vom zweitgrößten Opiumproduzenten Myanmar, heißt es in dem
US-Drogenbericht.
 
 
 
 
 
Warlords kehrten zurück
 
 
 
Mit dem aktuellen Ergebnis sei der Rekordwert unter der Herrschaft der
radikalislamischen Taliban im Jahr 2000 um fast 1300 Tonnen übertroffen
worden, wird darüber hinaus konstatiert. Allerdings bleibt unerwähnt, daß
der Opiumanbau in Afghanistan damals fast ausschließlich auf dem Gebiet der
US-gestützten Nordallianz stattfand. Unter der Herrschaft der sittenstrengen
Taliban war dagegen der Mohnanbau so gut wie vollständig eingestellt worden.
Erst nach der US-Invasion am 7. Oktober 2001 konnten unter dem Schutz der
US-Streitkräfte und der NATO die von den Taliban verjagten »Warlords« wieder
in ihre »Lehensgüter« zurückkehren und ihre frühere Haupteinnahmequelle
reaktivieren. Dabei wurden sie reich und mächtig.
 
 
 
Laut Erkenntnissen der EU-Polizeitruppe Europol finden etwa 60 Prozent des
afghanischen Opiums ihren Weg nach Nordeuropa. Davon wird der größte Teil
durch den Kaukasus ins Kosovo, das »Narko-Protektorat« der NATO auf dem
Balkan, geschmuggelt. Dort wird es von Kosovo-albanischen Gruppen
übernommen, die inzwischen den zig-Milliarden Euro großen Drogenmarkt in den
EU-Ländern weitgehend beherrschen.
 
 
 
 
 
Vorwürfe an Karsai
 
 
 
In Afghanistan selbst befürchten die internationalen Besatzungsmächte zu
Recht, daß ein massives Vorgehen gegen den Drogenanbau die Lage im Land
zugunsten der Taliban und anderer Gegner des US-gestützten Regimes
destabilisieren würde. Dennoch können sie vor der Öffentlichkeit die
explosive Zunahme der Opiumproduktion nicht ignorieren. Indem das
US-Außenministerium in seinem Bericht der Regierung von Hamid Karsai
vorwirft, »im Kampf gegen Drogenhandel versagt« zu haben, schlägt Washington
gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens wird so getan, als ob Karsai
der Präsident eines unabhängigen, souveränen Staates wäre; und zweitens
werden weder die USA noch die NATO für die Duldung und Förderung des
Drogenhandels verantwortlich gemacht.
 
 
 
Eingestanden wird in dem Bericht des US-Außenministeriums, daß die
»verheerende Sicherheitslage« in Afghanistan fortdauert. Diese Beurteilung
wird gemeinsam mit der Tatsache, daß die afghanischen Bauern kaum
Alternativen zum Opiumanbau haben, als Grund für den steigenden Drogenanbau
genannt. Dieses wiederum sei den langwierigen Kriegsfolgen geschuldet. Daß
die vollmundig angekündigten Wirtschafts- und Aufbauhilfen bisher weitgehend
ausgeblieben sind, wird nicht erwähnt. Auch nicht der jüngste
Afghanistan-Bericht der Vereinten Nationen, der vor knapp drei Wochen
warnte, daß auf Grund der verheerenden Wirtschafts- und Sicherheitslage »die
zerbrechliche Nation leicht wieder ins Chaos zurückfallen könnte«. Auch die
Berichte über den Tod von weit über hundert Kindern als Opfer der jüngsten
Kältewelle in Afghanistan, in der Eltern ihren Nachwuchs zur
Schmerzlinderung mit Opium füttern, passen nicht ins US-Bild.
 
J.W.; 07.03.2005; Rainer Rupp