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- Afghanistan

28.10.2006 / Titel / Seite 1

Immer mehr Einzelfälle

NATO räumte wieder einmal Ermordung afghanischer Zivilisten ein. Kabul ordnete Untersuchung an. Für Aufsehen sorgen allerdings Totenschädel-Fotos der Bundeswehr

Rüdiger Göbel
Posieren NATO-Soldaten in Afghanistan mit einem Totenschädel, und die Fotos werden bei Bild oder RTL veröffentlicht, müssen sie mit Entlassung aus der Truppe rechnen. Töten NATO-Soldaten Afghanen, können sie mit Beförderung rechnen. Für die Boulevard-Medien sind sie wie die Ermordeten uninteressant. Während der Springer-Konzern am Freitag seine Wochenendausgaben mit der Ankündigung bewarb, neue Bilder von Soldaten des Afghanistan-Einsatzkommandos beim makaberen Umgang mit Leichenteilen zu zeigen, räumte die NATO-geführte Internationale Afghanistan-Truppe (ISAF) am Hindukusch ein, bei Einsätzen in dieser Woche »mindestens zwölf Zivilisten« getötet zu haben. Afghanische Behördenstellen sprachen dagegen von mindestens 60 bis 80 Zivilisten, die bei Luftangriffen in den Bezirken Pandschwaji und Paschmul in der südlichen Provinz Kandahar getötet worden seien. Sensationswert in Deutschland: null.

Hatte die NATO zunächst bestritten, daß bei den Angriffen am Dienstag überhaupt Zivilisten getötet wurden, erklärte Militärsprecher Luke Knittig am Freitag, die Truppen hätten explizit Aufständische ins Visier genommen. Traurigerweise seien Zivilpersonen zwischen die Fronten geraten. Die Rebellen würden diese als »menschliche Schutzschilde« mißbrauchen. Eine Routineanschuldigung wie auch die Ankündigung der Kabuler Regierung, den Massenmord zu untersuchen.

Überlebende des NATO-Angriffes berichteten gegenüber dem arabischen TV-Sender Al Dschasira von mehrstündigen nächtlichen Bombardements, bei denen insgesamt 25 Wohnhäuser zerstört worden seien. Ein bedauerlicher Einzelfall, ein trauriger »Kollateralschaden«, wie es im euphemistischen Militärsprech heißt? Erst am 18.Oktober waren 22 Dorfbewohner von ­NATO-Soldaten getötet worden, darunter Frauen und Kinder. Auch damals hatte die NATO den Tod der Zivilpersonen bedauert und versichert, alles zu unternehmen, um Risiken für die Bevölkerung möglichst gering zu halten.

Mitte August hatten die US-Truppen in Afghanistan angekündigt, Entschädigungen für die zivilen Opfer eines Luftangriffes im südafghanischen Dorf Tulokan zu leisten. Die umgerechnet 90000 US-Dollar sollten allerdings erst gezahlt werden, wenn sich die Sicherheitslage verbessert habe. Bei dem Luftangriff Ende Mai waren nach Angaben des US-Militärs und der afghanischen Regierung 16 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser begraben worden. Eine Menschenrechtsgruppe und Anwohner sprachen dagegen von 37 Toten.

Wie die Sunday Times am 10. September berichtete, trat ein britischer Offizier aus Protest gegen den »grotesk ungeschickten« NATO-Krieg in Afghanistan aus der Armee Ihrer Majestät aus. Das Vorgehen gegen die Taliban in der afghanischen Provinz Helmand sei »wie eine Schulbuchlektion, wie man eine Aufstandsbekämpfung vermasselt«, zitierte das Blatt Hauptmann Leo Docherty. »Wir haben vorher gesagt, wir würden uns anders verhalten als die Amerikaner, die Dörfer beschossen und zerbombt haben, und dann haben wir genau das gleiche gemacht.«

Die Bundeswehr stellt nach den USA und Großbritannien mit 2750 Soldaten das drittgrößte Kontingent des NATO-Afghanistan-Korps. Die Kriegführung im Süden des Landes unterstützen deutsche Soldaten zumindest logistisch durch Hilfsflüge. Inwiefern Soldaten des Kommando Spezialkräfte (KSK) direkt beteiligt sind, gilt bisher als Staatsgeheimnis.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/10-28/012.php

(c) Junge Welt 2006

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Zuletzt geändert: 04.11.2006