Regionen und Länder

USA bombardieren die Opfer der Taliban

(von Rainer Rupp)

 

Die UNO-Menschenrechtsbeauftragte Mary Robinson hat die USA und Großbritannien dazu aufgefordert, unverzüglich die Bombardements in Afghanistans zu stoppen, um so die Versorgung von Millionen Menschen mit notwendigen Lebensmitteln und Medikamenten vor dem einbrechenden Winter zu ermöglichen.  Sie erinnerte daran, dass die Terrorakte gegen die USA von einigen wenigen Menschen geplant und verübt wurden und man dürfe dafür nicht die gesamte afghanische Bevölkerung bestrafen. 

 

Der UNO-Sonderbeauftragte für das Recht auf Lebensmittel Jean Ziegler fügte hinzu, dass in Afghanistan Millionen von Menschen vom Tode bedroht sind, wenn sie vor Wintereinbruch nicht mit den lebensnotwendigen Vorräte versorgt werden.  Der US-Bombenkrieg verhindert jedoch jegliche Nothilfe.  Die mit Plastikbesteck versehenen, gelb eingetüteten Tagesrationen mit Himbeermarmelade und Erdnussbutter, die derzeit von der US-Luftwaffe mit viel Mediengetöse über bestimmten Gebieten Afghanistans abgeworfen werden, werden dagegen von allen Experten unabhängiger Hilfsorganisationen lediglich als Propagandamaßnahme abgetan, die nicht dazu beitragen kann, die drohende humanitäre Katastrophe im Land abzuwenden.

 

Unterdessen bombardierten anglo-amerikanische Flugzeuge angebliche militärische Ziele der Taliban den 11ten Tag in Folge und trafen dabei doch nur zunehmend die Zivilbevölkerung.  Mit anderen Worten, die USA bombardieren die Opfer der Taliban.  Dieser verbrecherische Zynismus wird jedoch von einer wachsenden Zahl von Menschen rund um den Globus nicht länger ohne Protest hingenommen.  Auch die ohnehin prekäre politische Einheitsfront der USA mit muslimischen Ländern bröckelt, weil den amerikanischen Generälen nichts besseres einfällt, als den vielen Bomben noch mehr Bomben folgen zu lassen. 

 

Die Beziehungen Washingtons zu zwei seiner wichtigsten islamischen Verbündeten im angeblichen US-Krieg gegen den internationalen Terrorismus erreichte am Montag den Krisenpunkt. Der saudi arabische Innenminister Prinz Naif griff die USA wegen ihrer Angriffe auf Afghanistan scharf an.  “Das bedeutet die Tötung unschuldiger Menschen.  Die Situation gefällt uns gar nicht”, erklärte Naif vor der Presse und die Regierung Pakistans drängte Washington, das Bombardement schnell zu beenden. („Muslim allies break ranks with US”, Untertitel: “ Key Muslim allies Saudi Arabia and Pakistan break ranks with US over bombing”, The Guardian, by Matthew Engel in Washington Matthew Engel in Washington, Tuesday October 16, 2001)

 

Zurecht wird daher die Bush-Regierung über die Richtung, die ihr Kreuzzug gegen den Terrorismus in Afghanistan nimmt, immer ratloser und besorgter.  Nach fast zwei Wochen kontinuierlichen Bombardements gehen den US-Militärs in Afghanistan die Ziele aus.  Da das Bombardement bisher weder Bin Laden in die Flucht und seinen Häschern in die Arme getrieben noch die Taliban Regierung zum Umdenken gezwungen hat, sieht sich nun die US-Generalität im Pentagon zunehmend unter politischem Druck, US-Bodentruppen einzusetzen.  Aber die US-Generäle sträuben sich, ihre besten Truppen in einem „Vietnam mit Winter“, wie Afghanistan bereits genannt wird, sinn- und erfolglos zu verheizen. 

 

Die Tatsache, dass die US-Planer quasi in einem nachrichtendienstlichen Vakuum operieren, erweist sich als zusätzliches Problem.  Die Washington-Korrespondent des britischen „Guardian“ berichten unter Berufung auf Quellen im Pentagon, dass es weder verlässliche Berichte über Ausmaß und militärische Wirkung des Bombardements auf die Taliban gäbe, noch Hinweise über die Aufenthaltsorte der Bin Laden Gruppen.  Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sei über die Vorsicht seiner Generalität und deren Unfähigkeit, einen kreativen Schlachtplan vorzulegen, zunehmend frustriert, so der Guardian.  („Pentagon split over war plan”, Untertitel: ”Generals at odds with politicians on strategy”, by Julian Borger in Washington and Richard Norton-Taylor, The Guardian, Monday October 15, 2001.)

 

Für die amerikanischen Planer kommt in dieser Situation erschwerend hinzu, dass der pakistanische Nachrichtendienst „Inter Services Intelligence“ (ISI), der die Lage in Afghanistan auf Grund seiner langjährigen engen Kooperation mit den Taliban am besten kennt, den amerikanischen Nachrichtendiensten die Zusammenarbeit aufgekündigt hat.  Diese Zusammenarbeit war ohnehin erst vor wenigen Wochen unter erheblichem amerikanischen Druck mit Zuckerbrot und Peitsche zustande gekommen.  Nun hat der ISI Washington wissen lassen, daß es über Bin Laden und seine arabischen Kämpfer kaum Informationen gäbe und das wenige was man hätte, hätte man bereits den US-Diensten zur Verfügung gestellt.   Riaz Mohammed Khan, ein Sprecher des pakistanischen Außenministeriums, erklärte denn auch am Montag ganz offiziell: „Die Phase des Austauschs der nachrichtendienstlichen Informationen ist vorbei“ und dass Pakistan bereits alle Informationen über Afghanistan mit den USA geteilt habe, Pakistan aber ansonst nicht an den US-Operationen beteiligt sei.  („Spy agency halts flow of information”,  BY ZAHID HUSSAIN, The Times, MONDAY OCTOBER 15 2001)

 

Dass die pakistanische Regierung weiterhin nur widerwillig mit den USA zusammenarbeitet gibt zur Vermutung Anlaß, dass sie die Taliban immer noch als ihr eigenes Geschöpf ansieht und befürchtet, dass sie von der verfeindeten Nord Allianz mit Hilfe der USA von der Macht in Kabul vertrieben wird.  Die Weigerung des ISI zur Zusammenarbeit mit den USA könnte jedoch auch bedeuten, dass sich nun auch innerhalb des pakistanischen Nachrichtendienstes der Widerstand gegen Präsident Musharraf versteift hat, weil der sich auf Kosten der Taliban auf Seiten der Amerikaner geschlagen hat.  Dies wäre ein ominöses Zeichen für die ohnehin bereits stark angeschlagene Stabilität Pakistans. 

 

Sbg. den 16.10.01

 

 

(Anmerkung: Präsident Musharraf hatte unlängst General-Leutnant Mahmood Ahmed als Chef des ISI abgelöst.  Mahmmot, der als enger Freund der Taliban und Fundamentalisten galt, wurde durch den als liberal gehandelten General-Leutnant Ehsanul Haq ersetzt.)