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US-Kommandooperation als PR-Show aber Taliban gewinnen

(Von Rainer Rupp)

 

Die amerikanischen Elitesoldaten, die Freitag vor einer Woche an einer von der Regierung in Washington viel gerühmten Luftlandeoperation bei Kandahar im Südwesten Afghanistans beteiligt waren, stießen auf weitaus heftigeren Widerstand als erwartet, berichteten übereinstimmend britische Zeitungen am Wochenende.  „US-Special Forces mussten Rückzug antreten weil die Feinde (die Taliban) wie Wahnsinnige kämpften”, titelte z. B. “The Telegraph” 1)  Es hätte nicht viel gefehlt, - so der Kriegsberichterstatter der „Independent“ – und die vom amerikanischen Oberkommando eigentlich als PR-Show gedachte Operation wäre „in einem Desaster geendet“. 2)  Die britischen Berichte bestätigen somit ähnliche Einschätzungen, die die „Times of India“ bereits kurz nach der US-Operation unter Berufung auf russische, nachrichtendienstliche Quellen veröffentlichte.3)

 

In den britischen Berichten wird von einem "kosmetischen" Überfall der Bodentruppen auf Afghanistan gesprochen, der ausdrücklich „als eine Show“ aufgeführt worden sei, um auf diese Weise der westlichen Öffentlichkeit und den Taliban zu zeigen, dass die „Operation Dauerhafter Frieden“ wie geplant auch beim Bodenkrieg Fortschritte macht und US-Soldaten überall in Afghanistan zuschlagen können, wo sie wollen.  Insbesondere sollte damit „bei der amerikanischen Öffentlichkeit, eine psychologische Wirkung erzielt werden, weil diese über den langsamen Gang des Krieges zunehmend frustriert ist“ schreibt „The Telegraph“.  Daher seien von der amerikanischen Militärführung „nur solche Ziele ausgesucht worden, von denen angenommen wurde, dass sie schwach verteidigt und leicht zu filmen waren“.

 

Das Pentagon hatte in gewohnter Manier die Operation, bei der zwei US-Ranger ums Leben gekommen waren, als ihr Hubschrauber, der es noch bis Pakistan geschafft hatte, doch noch abstürzte, als vollen Erfolg präsentiert.  Tatsächlich aber seien die US-Elitesoldaten der Delta Force und der Rangers auf den heftigen Widerstand der Taliban vollkommen unvorbereitet und entsprechend geschockt gewesen.  Dazu zitiert „The Telegraph“ eine Quelle im Pentagon:  "Die Geschwindigkeit, mit der die Taliban sich zum Gegenangriff formierten, hat uns ein bisschen schockierte.  Sie kämpften wie die Wahnsinnigen.  Das hatten wir nicht erwartet.  Unsere nachrichtendienstlichen Erkenntnisse waren falsch.“ 

 

Beim dem verzweifelten Versuch, die US-Soldaten möglichst schnell vor den angreifenden Taliban aus der brenzligen Lage zu retten, hatten die USA fast einen zweiten Hubschrauber verloren.  Beim Landeversuch hatte der viel zu schnell aufgesetzt und dabei Teile des Fahrgestells verloren, die später von triumphierenden Taliban als Beweis für den Abschuß eines Hubschraubers vorgezeigt wurden.  Letzten Donnerstag gestand schließlich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gegenüber dem US-Nachrichtenmagazin „US News and World Report“ indirekt die Schlappe ein, als er die Taliban als einen weitaus stärkeren Gegner als man bisher angenommen bezeichnete. 

 

Wegen der bereits über drei Wochen dauernden, ineffizienten Schläge der US-Luftwaffen wächst in den USA bei den Falken die Frustration über den Verlauf des Kriegs.  Ernüchternd wirkt zugleich, dass die Air Force aus Mangel an militärischen Zielen bereits wiederholt Vorratslager des Internationalen Roten Kreuzes, UNO-Objekte, Dörfer, Busse und Lastwagen voller Flüchtlinge, aber auch Dörfer und ein Krankenhaus bombardiert haben.  Wenig erfolgreich erscheinen dabei die Versuche von CNN und artverwandten Medien, die unter der Zivilbevölkerung angerichteten „Kollateralschäden“ herunterzuspielen, indem Bilder und Berichte über von US-Bomben getötete und verstümmelte Kindern ständig mit dem Kommentar „von <unabhängiger> Seite nicht überprüft“ angezweifelt werden.  Verteidigungsminister Rumsfeld ist sich inzwischen nicht zu billig, Berichte von getöteten Zivilisten einfach als Propagandalüge der Taliban hinzustellen.  Wegen der ausbleibenden militärischen Erfolge mehren sich in der zunehmend frustrierten amerikanischen Öffentlichkeit und im Kongreß daher die Stimmen, die auf den Einsatz von US-Bodentruppen drängen.  Auch Rumsfelds Parteifreund, der einflussreiche Senator McCain und ehem. Vietnam Kriegsheld, forderte dies letzten Sonntag.

 

Eine US-Großoffensive dürfte dennoch auf sich erwarten lassen.  Allerdings plant das für den Afghanistan-Krieg verantwortliche „US-Central Command“ in Florida bereits größere Bodenoperationen in Stil von Kommandoeinsätzen.  Die eigenen Soldaten sollen dabei aber möglichst geschont werden.  Bereits innerhalb 24 Stunden nach der fehlgeschlagenen Luftlandeoperation bei Kandahar verlangte das Pentagon von Großbritannien und Australien, für weitere Operationen in Afghanistan zusätzliche Eliteeinheiten bereit zu stellen.  Presseberichten aus London zufolge hatten die amerikanischen Oberbefehlshaber angeblich 1.000 zusätzliche britische Kommandosoldaten anforderten, einschließlich der gesamten SAS-Einheiten, was auf der Insel große Betroffenheit ausgelöst haben soll.  Am Wochenende hat nun die britische Regierung einen angekündigt, 400 Soldaten der Marine-Infantrie bereit zu stellen.  Allerdings heißt es aus London, er würde womöglich noch Monate dauern, bis diese für den Einsatz bereit seien. 

 

Ob von Washington auch deutsche Elitesoldaten des Kommando Spezialkräfte im Rahmen von Kanzler Schröders Versprechen der „uneingeschränkten Solidarität“ für die US-Operationen bereits angefordert wurden, ist nicht bekannt.  Bei seinem Besuch in Pakistan am Wochenende lehnte der deutsche Kanzler – bereits ganz amerikanischer Politiker – einen Bombenstopp ab.  Wenn die deutsche Regierung weiterhin wie bisher auf die Kriegsbeteiligung drängt, dürfte der amerikanische Ruf nach „Germans to the front“ nicht mehr lange auf sich warten lassen.

 

Während die US-Streitkräfte mit ihrer Luftlandeoperation in Afghanistan in der Nähe von Kandahar nur knapp der Katastrophe entgingen, gelang es den Taliban in der Region einen großen Propagandaerfolg gegen die Amerikaner zu verbuchen und zugleich die politischen Pläne der US-Regierung für eine anti-Taliban-Koalition zu durchkreuzen.  Einer Talibaneinheit war es gelungen, Abdul Haq, einen weithin bekannten Anführer aus der anti-Taliban Opposition samt seiner bewaffneten Begleitung gefangen zu nehmen.  Haq, der aus dem hauptsächlich von Paschtunen bevölkerten Südwesten Afghanistans stammt und somit nicht der aus usbekischen und tadschikischen Minoritäten bestehenden Nordallianz zugerechte werden kann, hatte vor dem Krieg als Feudalherr über einen Klan in Südwestafghanistan geherrscht.  Auf Seiten der Mudjahedin hatte er dann zuerst siegreich gegen die Sowjets gekämpft, um dann aber gegen die Taliban zu verlieren.  Als er nach der Flucht aus Afghanistan aus seinem pakistanischen Exil weiterhin gegen die Taliban einen geheimen Krieg führte, wurde er von der pakistanischen Regierung, die bis vor kurzem noch eng mit den Taliban befreundet war, des Landes verwiesen.

 

Vor einem Monat hatten ihn die Amerikaner als Schlüsselfigur in ihrem Plan zur Destabilisierung des Taliban-Regimes wieder nach Pakistan zurück gebracht.  Seine Aufgabe war es, unter den Paschtunen, die etwa 40% der Bevölkerung Afghanistans ausmachen, Kontakt zu unzufriedenen Klanführern und Feldkommandanten der Taliban zu suchen und diese durch allerlei Versprechen für einen Seitenwechsel zu gewinnen.  Treffen dieser Art hatten bisher jedoch stets im Grenzgebiet auf pakistanischem Territorium stattgefunden.  Um eine Reise ins Innere Afghanistans zu wagen, musste Abdul Haq geglaubt haben, diesmal einen großen Coup landen zu können.  Mit einer größeren Gruppe von bewaffneten Begleitern begab er sich über Schleichwegen zu einen etwa70 Km südwestlich von Kabul liegenden Ort, um dort hochrangige Mitglieder Taliban zu treffen, die über Boten Interesse an seinen Vorschlägen signalisiert hatten.  Warnungen, dass es eine Falle sein könnte, weil die Talibanführer weigerten, nach Pakistan zu kommen, hatte Abdul Haq in den Wind geschlagen und damit sein Ende besiegelt.  

 

Nach offizieller Darstellung eines Taliban-Sprechers wurde Haq und seine Begleitung nach kurzem Kampf gefangen genommen.  Nach einem eintägigen Verhör wurde Haq „als amerikanischer Spion“ verurteilt und hingerichtet.  (Haqs Familie hat inzwischen seinen Tod

bestätigt.)  „Das Urteil wurde auf der Grundlage gefaßt, dass jeder, der den Amerikanern hilft, mit dem Tode rechnen muß“, warnte der Taliban-Sprecher all US-Sympathisanten in der Region.  Dadurch, dass die Taliban am Beispiel von Haq demonstriert haben, dass sie keine leeren Warnungen ausstoßen, dürften die Bemühungen der US-Regierung, die verschiedenen Volksgruppen in Afghanistan gegen das Taliban auszuspielen um so das Regime in Kabul zu destabilisieren, einen bedeutenden Rückschlag erlitten haben. 

 

Statt die Überlegenheit der hochmodernen amerikanischen Militärmaschine zu demonstrieren, haben die US-Elitesoldaten nach ihrem Luftlandeeinsatz in den Augen der lokalen Kämpfer eher wie hilflose Stümper ausgesehen.  Zugleich mehren sich Berichte, wonach die Amerikaner in der Region zunehmend als große Feiglinge betrachtet werden, weil lediglich aus großer Höhe ihre Bomben abwerfen und dabei Frauen und Kinder töten, aber dem Kampf Mann gegen Mann aus dem Weg gehen.  Diese Veränderung in der Wahrnehmung der Amerikaner hat habe bei den Taliban den Zusammenhalt und den Kampfeswillen gestärkt und bei den jungen Männern der Region den Wut ubnd den Haß auf die USA weiter geschürt.  Dies sei selbst bei jenen der Fall, die bisher den Taliban eher kritisch gegenüber gestanden hätten. 

 

 

Sbg., den 28.10.01

 

1)      (“US special forces beat retreat as enemy 'fought back like maniacs'”, By Michael Smith, Defence Correspondent, The Telegraph, Filed: 26/10/2001) 

2)      (“First US ground attack 'could have ended in disaster'”, By Kim Sengupta, The Independent, 26 October 2001) 

3)      (“First US ground mission a failure: Report Times of India, MONDAY, OCTOBER 22, 2001)

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Zuletzt geändert: 09.07.2006