Regionen und Länder

Le Figaro, 31. Oktober 2001 (aus: www.lefigaro.fr)

Die CIA soll Ben Laden im Juli getroffen haben

Artikel von Alexandra Richard, veröffentlicht in „Le Figaro“ vom 31. Oktober 2001, Seite 2:

Dubai, eines der sieben Emirate der Föderation der Vereinigten Arabischen Emirate, nordöstlich von Abu Dhabi. Diese Stadt von 350 000 Einwohnern war im Juli der diskrete Schauplatz eines geheimen Treffens zwischen Ussama ben Laden und dem Repräsentanten der CIA vor Ort.

Ein Mann, von Berufs wegen Partner der Direktion des amerikanischen Krankenhauses von Dubai, bestätigt, dass der öffentliche Feind Nummer eins sich vom 4. bis 14. Juli in dieser Krankenhaus­einrichtung aufgehalten hat.

Vom Flughafen Quetta in Pakistan kommend, ist Ussama ben Laden sofort nach seiner Ankunft auf dem Flughafen von Dubai weitertransportiert worden. Begleitet von seinem persönlichen Arzt und getreuen Unterführer, der der Ägypter Aymann al-Zawahari gewesen sein könnte – in diesem Punkt sind die Angaben nicht sehr genau -, von vier Leibwächtern sowie einem algerischen Krankenpfleger, ist Ben Laden in das amerikanische Krankenhaus, ein Gebäude aus Glas und Marmor, das zwischen Al-Garhud und Al Maktum Bridge liegt, aufgenommen worden.

Jede Etage verfügt über zwei „VIP“-Suiten und etwa ein dutzend Zimmer. Das saudische Milliardär wurde in die sehr angesehene Urologie-Abteilung von Doktor Terry Callaway, einem Spezialisten für Nierensteine und männliche Unfruchtbarkeit, aufgenommen. Mehrfach telefonisch verbunden, wollte Doktor Callaway unsere Fragen nicht beantworten.

Schon im März 2000 beunruhigte sich die in Hongkong herausgegebene Wochenzeitung „Asia Week“ über den Gesundheitszustand von Ben Laden, indem sie von schweren körperlichen Problemen berichtete, wobei sie präzisierte, dass sein Leben bedroht sei aufgrund einer „Nieren­infektion, die sich auf die Leber ausbreitet und spezialisierte Behandlungen erforderlich macht“. Laut autorisierten Quellen soll sich Ben Laden in seinen afghanischen Schlupfwinkel um Kandahar im Lauf des ersten Halbjahrs 2000 das gesamte Material für eine mobile Dialyse-Einrichtung geliefert haben lassen.

Laut unseren Quellen war die „Ortsveränderung aus Gesundheitsgründen“ von Ben Laden nicht die erste. Zwischen 1996 und 1998 hatte sich Ussama ben Laden aus Geschäftsgründen mehrmals nach Dubai begeben.

Am 27. September, 14 Tage nach den Attentaten auf das World Trade Center, hat die Zentralbank der Vereinigten Arabischen Emirate auf amerikanisches Ersuchen bekanntgegeben, dass sie das Einfrieren von Konten und Investitionen von 26 Personen oder Organisationen angeordnet habe, die verdächtigt werden, Kontakte mit der Organisation von Ben Laden zu unterhalten, besonders bei der Dubai Islamic Bank.

„Die Beziehungen zwischen dem Emirat und Saudi-Arabien sind immer sehr eng gewesen“, vermerken unsere Quellen, „die Prinzen der herrschenden Familien, die das Regime der Taliban anerkannt hatten, begaben sich oft nach Afghanistan. Einer der Prinzen einer Herrscherfamilie nahm regelmäßig an Jagden auf den Ländereien von Ben Laden teil, den er seit vielen Jahren kannte und besuchte“. Übrigens wird eine tägliche Flugverbindung zwischen Dubai und Quetta von den Fluggesellschaften Pakistan Airlines und Emirate unterhalten. Was Privatflugzeuge aus den Emiraten oder Saudi-Arabien angeht, landen sie häufig in Quetta, wo sie meistens weder registriert noch in die Flughafenregister aufgenommen werden.

Während seines Krankenhausaufenthalts hat Ussama ben Laden den Besuch mehrerer Mitglieder seiner Familie und von Persönlichkeiten aus Saudi-Arabien und den Emiraten bekommen. Im Lauf dieses gleichen Aufenthalts ist der lokale Repräsentant der CIA, den viele Leute in Dubai kennen, gesehen worden, als er den Hauptaufzug des Krankenhauses benutzte, um sich in das Zimmer von Ussama ben Laden zu begeben.

Einige Tage später rühmte sich der Mann der CIA gegenüber Freunden, dem saudischen Milliardär einen Besuch abgestattet zu haben. Nach autorisierten Quellen ist der Agent der CIA am 15. Juli , dem Tag nach der Abreise von Ben Laden nach Quetta, von seiner Zentrale zurückgerufen worden.

Ende Juli nahmen Zöllner der Emirate am Flughafen von Dubai einen franko-algerischen isla­mistischen Aktivisten namens Djamel Beghal fest. Anfang August wurden die französischen und amerikanischen Behörden alarmiert. Von den örtlichen Behörden in Abu Dhabi befragt, erzählte Beghal, dass er Ende 2000 von Abu Zubeida, einem militärischen Leiter der Organisation von Ben Laden, Al Quaida, nach Afghanistan gerufen worden war. Der Auftrag für Beghal: nach seiner Rückkehr nach Frankreich die Botschaft der USA in der Avenue Gabriel in der Nähe der Place de la Concorde (in Paris, d. Übers.) in die Luft zu jagen.

Nach verschiedenen arabischen diplomatischen Quellen und auch laut den französischen Nachrichtendiensten selbst sind der CIA sehr konkrete Informationen bezüglich terroristischer Anschläge auf die amerikanischen Interessen in aller Welt einschließlich des Territoriums der USA übermittelt worden. Ein Bericht der DST mit Datum vom 7. September enthält die Gesamtheit dieser Angaben mit dem präzisen Hinweis, dass der Befehl zum Handeln aus Afghanistan kommen sollte.

Im August ist in der Botschaft der Vereinigten Staaten in Paris eine Dringlichkeitssitzung mit der DGSE (franz. Geheimdienst, d. Übers.) und den obersten Verantwortlichen der amerikanischen Dienste einberufen worden. Äußerst beunruhigt, legten die letzteren ihren französischen Kollegen sehr präzise Bitten um Auskunft bezüglich der algerischen Aktivisten vor, ohne sich allerdings über den generellen Sinn ihres Vorgehens zu äußern. Auf die Frage „Was befürchten Sie in den kommenden Tagen?“ reagierten die Amerikaner mit schwer begreifbarem völligem Stillschweigen.

Die Kontakte zwischen der CIA und Ben Laden gehen bis auf das Jahr 1979 zurück, als er als Vertreter des Familienunternehmens in Istanbul begann, Freiwillige aus der arabisch-moslemi­schen Welt für den afghanischen Widerstand gegen die Rote Armee zu rekrutieren. Bei der Untersuchung der Attentate vom August 1998 auf die amerikanischen Botschaften von Nairobi (Kenia) und Dar-es-Salaam (Tansania) haben die Untersuchungsführer des FBI entdeckt, dass die von den Sprengladungen hinterlassenen Spuren auf einen militärischen Sprengstoff der amerikanischen Armee verweisen und dass dieser Sprengstoff drei Jahre zuvor an arabische Afghanen, die berühmten internationalen Freiwilligenbrigaden geliefert worden ist, die während des Afghanistan-Krieges an der Seite von Ussama ben Laden gegen die sowjetische Armee kämpften. Bei der Weiterführung seiner Untersuchungen entdeckte das FBI „Verbindungen“ (orig.: „montages“), die die CIA seit Jahren mit ihren „islamistischen Freunden“ entwickelt hatte. Das Treffen von Dubai wäre also nur die Fortsetzung einer „gewissen amerikanischen Politik“.