Regionen und Länder

Messbare US-Fortschritte:

Tote Zivilisten, zerstörte Dörfer und eine nukleare Krise

 

(von Rainer Rupp)

 

Der seit vier Wochen andauernde US-Luftkrieg in Afghanistan hat nach den Worten des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld inzwischen einen «messbaren Fortschritt» gebracht. Rumsfeld, der derzeit zur Festigung der sogenannten Anti-Terror-Allianz mehrere Nachbarstaaten Afghanistans bereist, nannte dazu allerdings keine Details.  Womöglich ist hat sich Rumsfeld der alten Methoden erinnert, mit denen die USA in Vietnam täglich neue „messbare Fortschritte“ mit wissenschaftlicher Akribie berechnet haben.  Damals hieß das „body count“, das Zählen der Leichen der Gegner, wobei jede Leiche ein Gegner war, selbst Frauen und Kinder, die sich unvorsichtiger Weise in eine der vielen von den USA deklarierten „freien Feuer Zonen“ gewagt hatten, wo die amerikanischen G.I.s aus Hubschraubern und Flugzeugen auf alles schossen, was sich bewegte. 

 

„Messbare Fortschritte“ dieser Art haben die USA mit ihren B-52 Bombenteppichen und gezielten Angriffen auf afghanische Dörfer bereits im erheblichen Umfang gemacht, wie z.B. bei dem Angriff auf das etwa 80 Einwohner zählende Bergnest Chokar Karaiz, wohin am ersten November die Taliban ausländische Journalisten geführt hatten, damit sie dort die amerikanischen „Fortschritte“ mit eigenen Augen messen konnten.  Nach übereinstimmenden Aussagen der anwesenden Journalisten beherbergte das Bergnest Chokar Karaiz keinerlei militärische Objekte, und doch war es von den „intelligenten“ Waffen der US-Air Force in einem verheerenden Angriff, bei dem drei Viertel der Einwohner getötet wurden, total zerstört worden.  Es gibt kaum eine Region in Afghanistan, in der Menschen mittlerweile nicht von solcherlei zweifelhaften amerikanischen „Fortschritten“ berichten können.  Und wir stehen erst am Anfang dieses Krieges. 

 

Wenn Rumsfeld von „messbaren Fortschritten spricht, dann hat er sicherlich nicht an die sich häufenden Fehlschläge und Schlappen seiner viel gepriesenen Elitekämpfer bei Einsätzen in Afghanistan gedacht.  Sicherlich auch nicht daran, dass die fein gesponnenen Bemühungen der CIA, unter den Paschtun-Stämmen oder gar unter den Taliban einen Art Bruderkampf zu befördern, bisher kläglich gescheitert sind.  Auch der gefrierende Regen und die schlechte Sicht, die mit dem hereinbrechenden Winter Helikopter- und Luftoperationen über Afghanistan zunehmend schwieriger und gefährlicher machen, können wohl kaum zu Rumsfelds „messbaren Fortschritten“ gezählt werden.  Sicherlich auch nicht die Tatsache, dass die Lage im Nuklearstaat Pakistan ständig instabiler wird.  Dabei fällt weniger ins Gewicht, dass große Massen bewaffneter Fundamentalisten drohen, die Flugplätze anzugreifen, die den USA von der pakistanischen Regierung zur Verfügung gestellt wurden, sondern insbesondere, dass sogar das etwa 24 Sprengköpfe zählende Atomwaffenarsenal Pakistans nicht länger als sicher gilt.

 

Mit den zunehmenden bürgerkriegsähnlichen Unruhen verdichteten sich in den amerikanischen Medien Hinweise auf gemeinsame amerikanisch-israelische Pläne, im Rahmen einer Kommandooperation, das pakistanische Atomwaffenarsenal entweder zu neutralisieren oder zu stehlen, wie dies u.a. der angesehene Journalist Seymour Hersch Ende Oktober im Wochenmagazins „The New Yorker“ (29.10.01) berichtete.  So befürchte u.a. auch die CIA, dass pakistanische Armeeoffiziere unterstützt von Offizieren des pakistanischen Nachrichtendienstes ISI, von denen nicht wenige mit den Taliban sympathisieren, sich im Rahmen eines Regierungsumsturzes einiger Atomsprengköpfe bemächtigen könnten. 

 

Die Furcht, dass die „islamischen“ Atomwaffen Pakistans in fundamental islamistische Hände fallen könnten, sitzt tief.  Bei der Operation, für die bereits eine amerikanische Eliteeinheit gemeinsam mit der israelischen Spezialeinheit 262 üben, ginge es daher um das „Herausfiltern“ von nuklearen Sprengköpfen, berichtet Hersch im New Yorker unter Berufung auf „hochrangige Offiziere“ im Pentagon.  Auch der pakistanische Präsident steht unter Druck und versuchte er zu beruhigen: "Wir haben ein ausgezeichnetes Befehl-und-Kontrollsystem und es steht außer Frage, dass die Waffen in die Hände irgendwelcher Fundamentalisten fallen", sagte er noch letzte Woche.  Washington, das insgeheim eine nukleare Krise befürchtet, gibt sich damit sicherlich nicht zufrieden.  Als der US-Außenminister Powell kürzlich Pakistan besuchte, soll er nach einem Bericht der britischen “Sunday Times” der pakistanischen Regierung neuste Technologien zur Sicherung der Atomsprengköpfe angeboten haben.  Diese sei jedoch auf das Angebot nicht eingegangen, aus Angst davor, dass die Amerikaner ihre Technologie mit „Wanzen“ präparieren würden, um so den genauen Aufenthaltsort der Sprengköpfe ausfindig zu machen.

 

Nach jüngsten Meldungen scheint Washington nun unter Einschaltung Chinas eine diplomatische Lösung der pakistanischen Atomkrise herbei führen zu wollen.  Demnach soll die pakistanische Regierung dazu gebracht werden, bis zum Ende der Krise die Sprengköpfe an China zur Aufbewahrung abzugeben.  Die Generalität Pakistans, die bereits auf Grund der amerikanischen Berichte von den US-israelischen Plänen für den Diebstahl der Sprengköpfe paranoid geworden sein soll, will sich jedoch auf gar keinen Fall von ihren nuklearen militärischen „Kronjuwelen“ trennen.  Nicht nur die Destabilisierung Pakistans sondern auch eine bevorstehende nukleare Krise kann US-Verteidigungsminister Rumsfeld mit auf seine Liste der amerikanischen „messbaren Fortschritte“ des Krieges setzen.

Sbg. den 5.11.01

 

 

Quellen:

 

(„WATCHING THE WARHEADS, The risks to Pakistan's nuclear arsenal,  by SEYMOUR M. HERSH, The New Yorker, Issue of 2001-11-05, Posted 2001-10-29)

 

(“US special unit 'stands by to steal atomic warheads'”. The Independent, By Ben Fenton, Filed: 29/10/2001)

 

(“ISLAMABAD'S NUCLEAR DILEMMA: Pakistan panics over threat to arsenal”, by Tony Allen-Mills, Washington Sunday Times November 4 2001