Regionen und Länder

Pentagon befürchtet Beginn eines langen Guerillakrieges

(von Rainer Rupp)

 

Mit der Ausnahme von Kandahar wurden die Taliban innerhalb von sechs Tagen in einer Blitzoperation aus allen afghanischen Städten und vom Schlachtfeld vertrieben. Auf den ersten Blick sieht es ganz nach einem überwältigenden Sieg der US-unterstützten Nordallianz. Bei genauerem Hinsehen kündigen sich damit aber die Probleme für die westliche „Allianz gegen den Terror“ erst richtig an. Denn auch die Sowjetunion nahm bereits zwei Tage nach ihrem Einmarsch in Afghanistan 1997 die Hauptstadt Kabul ein. Allerdings war es der Beginn eines langen Krieges der in einer erniedrigenden Niederlage endete.

 

Ob es ein “strategischer Rückzug oder der totale Kollaps” der Taliban sei, wurde US Rear Admiral John Stufflebeem beim der Presseeinweisung des Pentagon gefragt. Im Gegensatz zu Tony Blair, der vor dem britischen Parlament von einem totalen Zusammenbruch der Taliban gesprochen hatte, wollte sich Stufflebeem nicht festlegen. Ja er warnte sogar vor der “gefährlichen Annahme”, daß der Widerstand der Taliban zusammengebrochen sei. Zugleich verwies er darauf, daß die Taliban traditionell einen Guerillakrieg geführt hätten. "Im Kampf gegen die Sowjetunion lebten sie in den Höhlen im Süden, die sie als Basis für ihre Überfälle benutzten. Es könnte also sein, daß sie sich wieder dorthin zurück ziehen, um sich zu neu zu gruppieren. Wir haben noch einen schwierigen Job vor uns, der noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird“, so Stufflebeem.

 

In der Tat würde es für die Taliban wenig Sinn machen, gegen die materielle Übermacht der von den USA unterstützten Nordallianz Positionen in Städten und feste Fronten zu verteidigen. Die würden ohnehin nur von der US-Air Force zerschlagen. Auch hatten die Paschtun stämmigen Taliban im Norden Afghanistans das Territorium feindlich gesinnter ethnischer Minoritäten gegen die USA und die Nordallianz in offener Feldschlacht verteidigen müssen. Ein unmögliches Unterfangen. Die Tatsache, daß die Taliban sich so gut wie kampflos zurück gezogen haben und ohne größere Verluste in den Bergen verschwunden sind, zeugt dagegen von großer taktischen Flexibilität der Talibanführer und kann nur bedeuten, daß ein Jahre langer Kleinkrieg auf jeden ausländischen Invasoren wartet..

 

Derweil bekamen die USA von der siegreich in Kabul eingerückten Nordallianz einen Vorgeschmack für weiteren Ärger. Nicht genug, daß die Nordallianz die Weisungen Washingtons ingnoriert hat, die Hauptstadt Kabul nicht einzunehmen, auch alle weiteren Versuche westlicher Einflußahme wurden ignoriert. So auch die Aufforderung aus den USA, Großbritanniens und der Vereinten Nationen, eine breit gefächerte Regierung „unter Einbeziehung gemäßigter Taliban“ zu bilden. Von einer solchen Konstruktion erhoffte sich Washington eine Einbeziehung der über 20 Paschtun-Klane im Süden Afghanistans und eine entsprechende Isolierung der Taliban und Al Kaida. Statt dessen haben in Teilen des Südens einige lokale Klanführer die Gunst der Stunde ergriffen, um sich als unabhängige Warlords zu etabliert, die weder den Taliban noch der Nordallianz in Kabul Folge leisten. Diese Entwicklungen und die Nachrichten von Massenexekutionen von gefangenen Taliban und politischen Gegnern durch die Nordallianz dürften die anfängliche Hochstimmung, die in Washington und London wegen des schnellen Falls von Kabul geherrscht hat, dämpften haben.

 

Unter Berufung auf die Erklärung von UNO-Sprecherin Stephanie Bunker berichtete BBC von einer Massenexekution in dem von der Nordallianz eingenommenen Mazar-i-Sharif. Nachdem junge Taliban-Kämpfer hätten sich in einer Schule versteckt und seien nach ihrer Entdeckung von der Nordallianz ermordet worden. Auch das Internationale Rote Kreuz sprach von Hunderten von Toten in der Stadt, um die so gut wie nicht gekämpft worden war. Amnesty International beschuldigte die Nordallianz, gegen die Genfer Konvention zum Schutz von Zivilpersonen verstoßen zu haben und Tony Blair des Wegsehens. Britische Minister würden “sich im besten Fall schuldig machen, (in Afghanistan) eine Kultur der Straflosigkeit für vergangene Verbrechen zu verlängern und im schlimmsten Fall riskieren, bei Menschenrechtsverletzungen mitschuldig zu werden“, so Amnesty.

 

Die USA und Großbritannien sind sehr bemüht, Kabul so schnell wie möglich unter die Kontrolle einer internationalen Militäreinheit zu stellen. Auf ihren Wunsch haben die Vereinten Nationen bereits Vorkehrungen für eine multinationale Truppe getroffen. Dies sieht jedoch die Nordallianz als ausländische Einmischung. Ihr Sprecher Abdullah Abdullah will daher höchsten unbewaffnete UNO-Beobachter ins Land lassen. „Wenn wir erst die Taliban los sind, dann gibt es keinen Krieg mehr und dann bedarf es auch keiner internationaler Friedenstruppen“, sagte er Mittwoch. Weil sie zurecht befürchtet, das Washington und London sie von der Macht in Kabul fernhalten möchten, könnten die jüngsten Äußerungen darauf hindeuten, daß die Nordallianz keine amerikanischen und britischen Truppen ins Land lassen will. Das aber käme einem Strich durch die bisherigen US-Pläne gleich. Trotzdem ist Präsident Bush nach Aussage seines Pressesprechers Ari Fleischer, "hoch erfreut” mit den Entwicklungen in Afghanistan. Bush selbst erklärte, daß die USA weiter mit der Nordallianz zusammen arbeiten würde „um sicher zu stellen, daß sie die Menschenrechte der Leute respektieren, die sie befreien.“

 

Sbg., den 15.11.01