Regionen und Länder

Britische Soldaten sind in Afghanistan nicht willkommen.

(von Rainer Rupp)

 

Sechs Tausend britische Bodentruppen stehen derzeit Gewehr bei Fuß zum Einsatz in Afghanistan bereit. Wäre alles nach Plan gegangen, hätte die britische Invasion bereits diese Woche begonnen. In einem Interview mit der Sonntagszeitung «The Observer» beschrieb der Londoner Verteidigungsminister Geoff Hoon die Lage vor Ort in Afghanistan allerdings als «ziemlich düster». Es könnte in Afghanistan für die britischen Soldaten „gefährlich werden“. Gestern kam dann die Nachricht aus London, daß der Plan erst einmal auf Eis gelegt wurde, nachdem die Vorausabteilung von 100 Elitesoldaten des Royal Marines Special Boat Service „entmutigende“ Berichte aus der Nähe von Kabul zurück geschickt hätte.

 

Die britische Vorausabteilung war zu dem heftig bombardierten Flughafen Bagram nördlich von Kabul geschickt worden, um ihn für die Verlegung der sechs Tausend Soldaten zu sichern und für Start und Landungen wieder herzurichten. Nach offiziellen Verlautbarungen aus London sollten die 6.000 britischen Soldaten nach Afghanistan geflogen werden, um dort die Lieferung und Verteilung humanitärer Hilfe zu sichern. Allerdings war es in diplomatischen  Kreisen längst kein Geheimnis mehr, daß die britischen Truppen das erste Element beim Aufbau einer „internationalen Friedenstruppe“ in Afghanistan werden sollte.  Ziel der „Friedenstruppe“ sollte die Bildung einer möglichst breiten, neuen Regierung unter Führung des früheren Königs und unter Beteiligung aller Volksstämme in Kabul sein. Voraussetzung dafür wäre aber eine freiwillige Selbstbeschränkung der Nordallianz und die Bereitschaft, einen guten Teil der bereits errungenen Macht wieder abzugeben.

 

Starke Elemente in der in sich zerstrittenen Nordallianz, der die USA den Weg zum vorläufigen Sieg über die Taliban herbeigebombt hat, wollen die neu gewonnene Macht jedoch nicht so ohne weiteres wieder abgeben und misstrauen der politischen Agenda der USA und Großbritanniens. Das Problem wurde durch eine großspurige Erklärung des britischen Premierministers Toni Blair vom Wochenende noch zusätzlich kompliziert. Blair hatte alle Anführer der Afghanen gewarnt, daß nur jene an der neuen Regierung beteiligt würden, die nachweisen könnten, daß sie nicht länger in den Drogenhandel verwickelt sind. In Europa und den USA gilt Afghanistan, und dort insbesondere die Nordallianz als die wichtigste Quelle für Heroin.

 

Nach einem Treffen mit Führern der Nordallianz hatte deren stellv. Geheimdienstchef Arif letzten Samstag sein Misstrauen gegenüber den Briten deutlich gemacht. Die im „Namen der humanitären Hilfe der UNO” bereits am Flughafen Bagram eingesetzten britischen Soldaten müssten wieder nach Hause gehen, denn deren Anwesenheit sei nicht mit der Nordallianz “abgestimmt” gewesen. “Wir haben entschieden: 15 können bleiben, die anderen müssen gehen“, sagte Arif.

 

Alarmiert von dieser Entwicklung haben die Briten erst einmal die Entsendung ihrer Soldaten verschoben um anschließend auf diplomatischer Ebene die Warnung aus Kabul herunterzuspielen, denn – so London - die Nordallianz spreche nicht mit einer Stimme. Arifs Meinung sei nicht maßgebend. Massive Drohungen und großzügige Versprechungen aus Washington scheinen inzwischen zumindest die im Westen bereits als „gemäßigt“ geltende tadschikische Fraktion in der Nordallianz teilweise umgestimmt zu haben. Es ist die tadschikische Fraktion, die Kabul besetzt hat und dort den größten Teil der politischen Führung stellt. Ihr Außenminister Abdullah Abdullah beteuert jetzt, die Nordallianz erstrebe "eine breite politische Übereinkunft über die Zukunft des Landes". Der im Westen ausgebildete Abdullah soll sich nach Auskunft der Londoner Außenministerium auch für die Präsenz eines robusten britischer Truppenkontingentes ausgesprochen haben. Selbst in einer weiteren Schlüsselfrage sei er der West-Koalition entgegen gekommen. Nach einem Treffen mit dem amerikanischen Gesandten am Wochenende im benachbarten Tadschikistan stimmte er den US-Plänen für ein Treffen aller afghanischen Klans und politischen Gruppierungen außerhalb des Landes in Deutschland, der Schweiz oder Österreich zwecks Vorbereitung einer breit fundierten Regierung zu. Zuvor hatte die Allianz darauf bestanden, daß ein solches Treffen in Kabul stattfinden sollte, um auf diese Weise Gruppierungen, die derzeit in Afghanistan keine reale Macht haben, wie z.B. die von den USA favorisierte Gruppe um den alten König Zahir Shah, an den Rand zu drängen. Offen bleibt, ob dies nun Verzögerungstaktik der Nordallianz ist, oder ob es bereits die erste Absatzbewegung der tadschikischen Fraktion vom Rest der Nordallianz darstellt, um sich so bei zukünftigen internen Querelen die Unterstützung der mächtigen USA zu sichern.

 

Sbg. den 19.11.01