Regionen und Länder

US-Befehl - Gefangene werden nicht gemacht.

(Von Rainer Rupp)

 

“Aus Kabul und anderswo bekomme ich Berichte von „standrechtlichen Exekutionen“ von Gefangenen, die ihre Waffen nieder gelegt haben“, erklärte Mary Robinson bei einer Pressekonferenz in Indien, wo sie den Indira Ghandi Friedenspreis entgegen nahm. („Afghan govt should not include rights violators'”, Times of India, 19.11.01) Seit Dienstag Abend müßte Frau Robinson allerdings auch den amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in eine Reihe mit den Massenmördern der Nordallianz stellen. Denn amerikanische Elitesoldaten, die im afghanischen Hinterland versuchen, den Taliban ihre Rückzugswege abzuschneiden haben ebenfalls den Befehl, keine Gefangenen zu machen. “Die Vereinigten Staaten sind weder geneigt, über Übergaben zu verhandeln noch sind wir in der Lage, mit einer relativ kleinen Zahl von Bodentruppen Gefangene zu machen“, sagte Rumsfeld bei der Pressekonferenz des Pentagon. („America will take no prisoners”, FROM IAN COBAIN IN KONDUZ PROVINCE AND DAMIAN WHITWORTH IN WASHINGTON, THE TIMES; TUESDAY NOVEMBER 20 2001)

 

Rumsfeld schloß ebenso aus, daß Tausende von Al-Kaida-Söldner, die gemeinsam mit Taliban-Kämpfern in der nordafghanischen Stadt Konduz von Truppen der Nordallianz eingeschlossen sind, eine sichere Passage aus der Stadt geboten wird. Die Lage in und um Konduz ist äußerst verfahren. Die ausländischen Al-Kaida-Kämpfer, unter denen viele Araber aber auch Tschetschenen sind, sind zu allem entschlossen und wollen die Stadt bis zum letzten Mann verteidigen. Gruppen von Al-Kaida-Kämpfern, die in vorgeschobenen Positionen Gefahr liefen, von der Nordallianz gefangen genommen zu werden, haben sich lieber selbst erschossen.

 

Bis zu 30.000 Kämpfer, davon etwa 10.000 Ausländer sollen in der Stadt eingeschlossen sein. Versuche des lokalen Kommandanten der Nordallianz, General Mohammad Dawood Khan, der seine Kämpfer nicht in verlustreichen Straßenkämpfen opfern will, die eingeschlossenen Taliban gegen die Al-Kaida Kämpfer auszuspielen, sind fehlgeschlagen. Das Angebot an die Taliban war eine freie Passage unter Zurücklassung der Al-Kaida-Kämpfer. Nach Auskunft einiger entkommener Überläufer sollen daraufhin ganze Einheiten von verhandlungswilligen Taliban-Soldaten von wütenden Al-Kaida-Kämpfern ermordet worden sein.

Zugleich haben die Al-Kaida-Kämpfer alle Versuche unterbunden, die in der Stadt noch verblieben Zivilbevölkerung zu evakuieren. Nach der bereits in Tschetschenien und im Kosovo bewährten Methode nehmen die islamistischen Terroristen die Zivilbevölkerung als lebenden Schutzschild. Auch in der Hoffnung, daß die Präsenz von Zivilisten die US-Air Force davon abhält, die Stadt vollkommen in Schutt und Asche zu legen. Die Anwesenheit einer großen Zahl von Zivilisten scheint die US-Regierung jedoch bei ihrer Kriegsführung nicht zu beinträchtigen. Berichte in pakistanischen und indischen Zeitungen sprechen bereits von über Tausend toten Zivilisten, die in den Außenbezirken von Konduz Opfer des amerikanischen Flächenbombardements geworden sind.

 

Nach einem jüngsten Bericht der Londoner “Times” soll General Mohammad Dawood Khan von der Nordallianz nun doch bereit sein, sowohl den Taliban als auch den Al-Kaida-Kämpfern sicheres Geleit zu garantieren, wenn sie sich einer UNO-Truppe ergeben und sich ein Land findet, das sie aufnimmt. “Wenn ein Land sie als Flüchtlinge aufnimmt, dann haben wir kein Problem, dann können sie gehen.  Wir stehen in dieser Sache mit der UNO in Kontakt“, erklärte General Mohammad Dawood Khan gegenüber der „Times“. Die Nachricht hat Washington alarmiert.

 

“Der Gedanke, daß sie entkommen könnten und woanders ihr Unwesen weiter treiben könnten ist keine schöne Aussicht. Deshalb hoffe ich, daß sie entweder getötet oder (von der Nordallianz, Anm. RR) gefangen genommen werden“, sagte der US-Verteidigungsminsiter Rumsfeld Montag Abend. Aber nicht nur die amerikanischen Soldaten in Afghanistan haben den Befehl, keine Gefangenen zu machen.  Ohne freien Abzug der Eingeschlossenen steht der Stadt Konduz un ihren immer noch auf 200.000 geschätzten Einwohnern ein furchtbares Gemetzel bevor. Den sicheren Tod vor Augen werden die fanatisierten Al-Kaida-Kämpfer nicht so leicht aufgeben und von der Nordallianz einen hohen Blutzoll verlangen. Die US-Air-Force wird die Stadt weiter bombardieren und die festgehaltene Zivilbevölkerung dezimieren, die zudem ins Kreuzfeuer der Bodenkämpfe geraten wird. Aber solch nebensächliche Kollateralschäden lassen die „Verteidiger der westlichen Zivilisation“ kalt.

Sbg., den 20.11.01