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American Hero ein Mörder und Kriegsverbrecher?

(von Rainer Rupp)

 

Der US-Geheimdienste CIA bestätigte am Mittwoch, dass einer seiner Mitarbeiter, der Offizier Johnny Spann (32) bei dem Aufstand der gefangen genommenen ausländischen Taliban-Kämpfer in der Nähe der Stadt Mazar-i-Sharif getötet wurde. Während Johnny Spann von der CIA und offiziellen US-Stellen bereits als gefallener Kriegsheld verehrt wird, entsteht auf Grund der Schilderung von Augenzeugen ein ganz anderes Bild des „new american hero“ Johnny Spann. Nach Berichten britischer Journalisten vor Ort war Mr. Spann ein kaltblütige Mörder und Kriegsverbrecher, dessen brutales Vorgehen beim Verhör der Kriegsgefangenen überhaupt erst den Aufstand ausgelöst hat. In dessen Folge wurde das Kriegsgefangenenlager tagelang aus der Luft angegriffen. Die Kriegsgefangenen, die nicht im 72 Stunden dauernden Bomben- und Kugelhagel der US-Luftwaffe starben, wurde anschließend von den Soldaten der Nordallianz mit tatkräftiger Unterstützung von amerikanischen und britischen „Elite“-Soldaten niedergemacht.

 

Von den ursprünglich auf 600 geschätzten ausländischen Taliban, die in dem als Kriegsgefangenenlager umfunktionierten alten Fort Qala-i-Jhangi festgehalten worden waren, hat es keinen einzigen, nicht einmal einen schwer verwundeten, ohnmächtigen Überlebenden gegeben. So ist es nicht verwunderlich, daß inzwischen die UNO, Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen dringend eine Untersuchung dieses Massakers fordern, für das internationalen Medien, wie z. B. die „Times of India“, hauptsächlich die USA und Großbritannien verantwortlich machen. (“US 'hero' may have triggered Mazar revolt, by RASHMEE Z AHMED,  The Times of India, 30.11.01) Amnesty International hat eine Untersuchung in die Verhältnismäßigkeit der Reaktion der Nordallianz und der US-amerikanischen und britischen Streitkräfte” gefordert. Dazu stellt <The Independent> die Frage, was zum Teufel die „US-Führung dazu veranlasst hat, eine Revolte von Kriegsgefangenen auf der Luft mit Bomben zu bekämpfen“. (“The Castle of Death”, byJustin Huggler, The Independent, 30 November 2001)

 

<Newsnight>, das angesehene TV-Nachrichtenprogramm der BBC, hatte dazu letzten Mittwoch Nacht den Korrespondent der Londoner “Times” in Mazar-i-Sharif, Oliver August, interviewt. August berichtete, daß der CIA-Offizier Spann und sein CIA-Kollege auf Grund ihrer “aggressiven Verhörmethoden” den Aufstand der Kriegsgefangenen erst verursacht hätten. Auf die Frage von Spann „Warum bist Du nach Afghanistan gekommen“ habe schließlich einer der ausländischen Taliban geschrieen: „Wir sind hier, um Euch zu töten“. Darauf hin – so der Times-Korrespondent August in Newsnight – habe der CIA-Offizier seine Pistole gezogen und kaltblütig drei Gefangene erschossen. Anschließend hätten er und sein CIA-Kollege jedoch die Kontrolle über die Situation verloren. Die Kriegsgefangenen hätten Spann ergriffen und ihn “getreten, geschlagen, ja zu Tode gebissen”. Das sei der Auslöser für den Aufstand gewesen, in dessen Verlauf es den Kriegsgefangen gelangen sei, etliche Wächter der Nordallianz zu töten und ihnen die Waffen abzunehmen. Justin Huggler, der Korrespondent des <Independent> in Mazar-i-Sharif, berichtet ebenfalls in einer ausführlichen Schilderung des Ablaufs des Massakers, daß eine „Handvoll Gefangene“ durch die Verhörmethoden von zwei CIA-Offizieren „zu der Revolte provoziert“ worden seien.

 

Nach dem Blutbad beschuldigten insbesondere die britischen Medien das von anglo-amerikanischen Kräften unterstützte Vorgehen im Fort Qala-I-Jhangi als krassen Verstoß gegen die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen. So wurde u.a. auch in verschiedenen britischen Zeitungen ein Photo von Soldaten der Nordallianz gezeigt, wie sie mit einem langen Metallspitze einen Goldzahn aus dem Gebiss eines toten Taliban brechen. Die Zeitung <The Independent> kommentierte dazu: “Wie unsere afghanischen Verbündeten die Genfer Konvention beachten”. Bilder aus dem Fort Qala-I-Jhangi und Berichte von weiteren Massaker der Nordallianz dürfte nun vermehrt Druck auf Tony Blair ausüben, der sicher nicht mehr wagt, seine Deklamation vom “gerechten Krieg für eine gerechte Sache” zu wiederholen. So verlangen britische Zeitungen auch Aufklärung über die Rolle, die anglo-amerikanische Elitesoldaten bei dem Massaker gespielt haben. Ob sie sich an den Befehl des US-Verteidigungsministers Rumsfeld gehalten haben, keine Gefangene zu machen und sich an der Erschießung überlebender Kriegsgefangener im Fort Qala-I-Jhangi beteiligt haben, und ist nach wie vor unklar. Klar ist aber, daß sie den US-Kampfflugzeugen die Zielkoordinaten durchgaben, was nach Meinung der britischen Tageszeitung <Independent> „einer Beteiligung der Vereinigten Staaten am Massaker von Kriegsgefangenen gleichkommt“. („ … the United States taking part in the massacre of prisoners of war.” Quelle:  (“The Castle of Death”, by Justin Huggler, The Independent, 30 November 2001)

 

Bereits am 26. November veröffentlichte der britische Guardian eine Kolumne von Brian Whitaker, der die Frage aufwarf, ob US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld der Kriegsverbrechen schuldig sei. Whitaker verglich das Gemetzel an afghanischen Gefangenen mit dem Massaker an palästinensischen Flüchtlingen in den Lagern von Sabra und Shatila im September 1982, als libanesische, faschistische Milizen unter dem Schutz israelischer Streitkräfte in die Flüchtlingslager eindrangen und über tausend Männer, Frauen und Kinder ermordeten. Whitaker schreibt: "Die Verbindung zwischen Sabra/Shatila und manchen Morden in Afghanistan besteht darin, dass in beiden Fällen Krieg geführt wird, indem die Hauptakteure 'grünes Licht' geben und versuchen, der Verantwortung auszuweichen, indem sie die unaussprechliche (und politisch inakzeptable) Drecksarbeit durch Handlanger ausführen lassen, die sie diskret ermutigten und unterstützen."

 

Sbg., den 30.11.01

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Zuletzt geändert: 09.07.2006