Regionen und Länder

Russische Überraschung in Afghanistan

(von Rainer Rupp)

 

Die Vereinigten Staaten haben am Wochenende die Stationierung einer bedeutenden Zahl internationaler Friedenstruppen in Afghanistan ausgeschlossen. Alles andere würde nur die US-Militäroperationen vor Ort gegen die Taliban und Al Kaida erschweren. „Diese grobe amerikanische Zurückweisung aller Pläne für eine schnelle Verlegung von Soldaten einer internationalen Truppe lässt die amerikanischen Verbündeten in der Luft hängen, insbesondere Tony Blair, der seine Soldaten zu diesem Zweck in Bereitschaft hält, ohne jedoch einen Einsatzort für sie zu haben“ kritisierte der britische „Independent“ am Samstag. („US says no Afghanistan peace-keepers until war is over”, By Kim Sengupta and Mary Dejevsky in Bonn, The Independent, 01 December 2001)

 

In der Zwischenzeit scheinen die US-Militärplaner jedoch eine bessere Verwendung für die in Bereitschaft stehenden 6.000 Soldaten gefunden zu haben. Statt in Afghanistan sollen sie nun in Somalia eingesetzt werden. Nach einem Bericht des britischen „The Sunday Telegraph“ hat Washington die britische Regierung aufgefordert, “sich auf Militärschläge gegen Terrorbasen in Somalia vorzubereiten“. (“Britain asked to prepare strikes against terror bases in Somalia”, By Robert Fox and Jessica Berry, The Sunday Telegraph, Filed: 02/12/2001) Bereits letzte Woche hatte US-Präsident Bush angedeutet, daß die nächste Ziele in seinem globalen „Krieg gegen den Terrorismus” die Länder Somalia, Jemen und Sudan sein würden, angeblich wegen ihrer Verbindungen zu Bin Ladens Al Kaida Netzwerk.

 

Besonders gefährlich bei dieser Entwicklung ist, daß Washington auch in diesem Zusammenhang wieder versucht, Irak als Hauptschuldigen an den Pranger zu stellen. Nach dem Bericht des „Telegraph“ hat nämlich die US-Regierung den britischen Militärplanern deutlich gemacht, daß „Saddam Hussein eine Reihe von Trainingscamps für Terroristen in Somalia finanziert, die von militanten islamistischen Gruppen mit engen Beziehungen zu Al Kaida“ stehen“. Beamte des Pentagon haben inzwischen auch bestätigt, daß amerikanische Kriegsschiffe die Küste Somaliens blockieren, um zu verhindern, daß Bin Laden und seine Kämpfer sich über den Seeweg nach Somalien absetzten.

 

In Afghanistan ziehen derweil von US-Luftangriffen und etwa 1000 amerikanischen «Marines« unterstützte Anti-Taliban- Kämpfer den Belagerungsring um die letzte verbliebene Taliban-Hochburg Kandahar enger. Inzwischen soll die Talibanführung bereits Kapitulationsgespräche mit Vertretern der Nordallianz und an den Kämpfen um Kandahar beteiligten War Lords der Paschtunen führen, jenem südafghanischen Volksstamm, zu dem auch die meisten Taliban gehören. Nach verschiedenen Berichten sollen diese Gespräche an den Amerikanern vorbei laufen, die nun befürchten müssen, daß es hier wieder zu einem jener plötzlichen Seitenwechsel ganzer Volkstämme samt ihrer Kämpfer kommen könnte, die für den bereits 22 Jahre dauernden Afghanistankrieg eher typischen sind. Vor dem Hintergrund der wachsenden Unzufriedenheit der Paschtunen-Führer über die UNO-Verhandlungen in Bonn, ist eine solche Entwicklung nicht ausgeschlossen. Die Paschtunen stellen etwa 40% der Afghanischen Bevölkerung aber sie waren in Bonn so gut wie nicht vertreten.

 

Haji Abdul Qadir, der wohl prominenteste Paschtunführer und Gouverneur der Provinz Nangahar, der als Mitglied der Nordallianz nach Bonn gekommen war, hatte letzte Woche die Konferenz unter Protest verlassen und ist nach Hause geflogen. Seine Begründung: die Paschtunen als größte Volksgruppe in Afghanistan seien bei den Gesprächen in Bonn stark unterrepräsentiert.

 

In der afghanischen Hauptstadt Kabul werden inzwischen ähnliche Beschwerden von zwei anderen Volksgruppen laut, von den Hasaras, die etwa 20% der afghanischen Bevölkerung ausmachen und auf Grund ihrer Nähe zu iranischen Grenze und ihres schiitischen Glaubens politisch stärker in Richtung Teheran und nicht pro-westlich orientiert sind und von den ethnischen Usbeken. Unter der Vielzahl der in Bonn Anwesenden, von den Westmächten ausgesuchten und von der UNO eingeladenen Afghanen sind diese beide Volksstämme mit jeweils nur einer Person präsent. Trotz dieser kritischen Entwicklungen bleibt der Leiter der Konferenz in Bonn, der UNO-Sondergesandte für Afghanistan Lakhdar Brahimi optimistisch. Daß sich die Machtverhältnisse vor Ort in Afghanistan womöglich ganz anders entwickeln, scheint niemand in Betracht ziehen zu wollen.

 

Ausgeblendet wird auch, daß die US-amerikanische Haltung zur internationalen Friedenstruppe die Position der Vereinten Nationen untergräbt, deren Vertreter derzeit in Bonn versuchen, die Nordallianz von der Notwendigkeit einer solchen Truppe zu überzeugen, an die die militärische Macht in Kabul übertragen werden müßte. Die in sich zerstrittene Nordallianz ist jedoch auch zu dieser Frage unterschiedlicher Meinung. Während ihr im Westen ausgebildete Außenminister Abdullah Abdullah sich gegenüber diesen UN-Forderungen konziliant zeigt, will der ehemalige und nun wieder amtierende Präsident Afghanistans und Führer der Nordallianz, Burhanuddin Rabbani, von einer UN-Friedenstruppe in Afghanistan, die größer als 200 Blauhelme ist, nichts wissen.

 

Inzwischen hat allerdings Moskau Hunderte von schwer bewaffneten Soldaten nach Kabul entsandt. Ohne vorher die Amerikaner zu fragen, wie sich britische und amerikanische Medien empören. Die Ereignisse erinnern an die Situation im Kosovo, kurz nach dem Friedensvertrag. Als die jugoslawische Armee damals abzog, verlegte Russland in einer Blitzaktion russische Soldaten aus Bosnien in das Kosovo, wo sie die strategisch wichtige Luftwaffenbasis und den angeschlossenen Flughafen Slatina in der Nähe von Pristina besetzten. US-General und NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark hatte seinerzeit den Befehl gegeben, die Russen mit Waffengewalt zu vertreiben. Der britische General Sir Michael Jackson verweigerte zum Glück die Ausführung des Befehls, weshalb es anschließend noch ein politisches Nachspiel gab.

 

Mit dem nun erfolgten Aktion will Russland, das in Bonn bei den Gesprächen marginalisiert wurde, offensichtlich den USA und dem Westen zeigen, daß es auf dem afghanischen Parkett nach wie vor ein wichtiger Mitspieler ist. Dabei dürfte Russland in Abstimmung mit dem Führer der Nordallianz Rabbani gehandelt haben, den Moskau immer noch als rechtmäßigen Präsident ansieht, und den es auch in jüngster Vergangenheit mit Waffen und Material unterstützt hat. Moskau hat somit auch allen westlichen Bestrebungen, die Nordallianz in einem zukünftigen Afghanistan zugunsten der Pakistan freundlichen Paschtun zu marginalisieren, einen Riegel vorgeschoben.