Logo der DFG-VK Initiative Bundeswehr abschaffen
Broschüren/Artikel    Regionen/Länder    NATO/EU    Öffentliche Meinungen   
 

Regionen und Länder



Konkret 12, Dezember 2001, S. 14 - 17

»Wer waren die Insider?« / KONKRET-Interview

Was weiß die CIA über den 11. September? Daß selbst der frühere
Bundesminister Andreas von Bülow über diese Frage nicht im
»Spiegel« oder »Stern« nachdenken darf, sondern bei KONKRET
ein Refugium findet, spricht Bände über die Lage der Nation. Mit
ihm sprach Jürgen Elsässer

KONKRET: Beim Terroranschlag auf das World Trade Center ist
noch vieles nicht aufgeklärt. So gab es vor dem 11. September
Warnungen sowohl des französischen Geheimdienstes als auch
des Mossad. Trotzdem waren die US-amerikanischen Behörden
offenbar völlig unvorbereitet: keine erhöhte Sicherheitsstufe auf den
Flughäfen, eine völlig verschlafene und unprofessionelle Reaktion
der Luftraumüberwachung und der Flugabwehr.

Von Bülow: Das Merkwürdige ist, daß die Amerikaner bis zur Tat
völlig ahnungslos waren und hinterher keine 48 Stunden brauchten,
um der Weltöffentlichkeit den Täter zu präsentieren: Bin Laden und
sein sagenumwobenes Terrornetz Al-Qaida. Was die Warnungen
etwa des Mossad anging, würde man schon gerne wissen, was die
gewußt und was sie weitergegeben haben. Das muß nicht immer
dasselbe sein, wie zum Beispiel das Selbstmordattentat
islamistischer Täter auf eine US-Kaserne in Beirut Anfang der
achtziger Jahre zeigt: Der Mossad wußte im voraus den genauen
LKW-Typ samt Farbe, den die Täter später benutzten. An die CIA
weitergegeben haben sie aber nur die Warnung im allgemeinen,
ohne diese Details.

KONKRET: Warum?

Von Bülow: Begründet wird diese Zurückhaltung bei
Geheimdiensten mit dem Quellenschutz: Gibt man die Details
preis, sind Rückschlüsse auf den oder die Informanten möglich.
Daneben spielen die Geheimdienste, auch die westlichen, natürlich
oft gegeneinander, ein bisweilen bizarres Machtspiel.

KONKRET: Also wußte die CIA vielleicht auch diesmal gar nicht so
viel?

Von Bülow:  Das will ich damit nicht gesagt haben. Denken Sie
etwa zurück an den ersten Anschlag auf das World Trade Center
im Jahre 1993. Damals wurde ja die ganze islamistische Bande
geschnappt, die die Aktion durchgeführt hatte. Inzwischen hat sich
herausgestellt, daß die Kameraden schon lange vorher von CIA und
FBI unterwandert waren. Der Bombenbastler war ein Agent
provocateur des FBI, dessen Führungsoffizier versprochen hatte,
die zur Explosion notwendigen Chemikalien rechtzeitig gegen
harmlose auszutauschen, so daß die Täter zwar hätten in die Falle
gelockt werden können, Schaden jedoch vermieden worden wäre.
Doch das Versprechen wurde seitens des FBI nicht eingehalten.
1.000 Verletzte und einige Tote waren die Folge. Noch eine
Seltsamkeit: Die Mitglieder der Terrorgruppe hatten eigentlich
Einreiseverbot in die USA gehabt, standen auf einer Liste des FBI
und des State Department. Doch die CIA sorgte dafür, daß dieses
Verbot umgangen wurde.
Das Grauen des 11. September ist ein Gau der amerikanischen
Dienste. Insgesamt gibt es 26 an der Zahl, und sie stehen in
Konkurrenz zueinander. Man kann sich schon vorstellen, daß
Nichtzyniker an diesem Wirrwarr und Chaos verzweifeln. Wer
seinem Staat Terroranschläge vermeiden helfen will, findet sich in
einem Sumpf sondergleichen wieder.

KONKRET: Also jeder gegen jeden, und die Terroristen profitieren
davon?

Von Bülow: Die entscheidende Frage ist doch: Wer sind die
Terroristen? Der frühere Chef einer strategischen Einheit zur
Bekämpfung der obersten Ebene des internationalen
Drogenhandels sagte in einer Kongreß-Anhörung, er habe in seiner
dreißig-jährigen Tätigkeit für die Drug Enforcement Agency keinen
größeren Fall erlebt, bei dem ihm nicht die CIA die Zügel aus der
Hand genommen hätte.

Konkret: Aber am 11. September ging es nicht um ein Drogendelikt.

Von Bülow: Bin Laden ist ein Produkt der CIA, geschaffen
zunächst im Kampf gegen die Sowjetunion. Es ging dabei nicht nur
um die Abwehr der sowjetischen Intervention in Afghanistan. Es
ging um die Destabilisierung der UdSSR über ihre Teilstaaten mit
muslimischer Bevölkerung. Noch bevor die Kommunisten 1978 in
Afghanistan an die Macht kamen, hatte die CIA Unruhen in
Afghanistan unterstützt. Die Zentralregierung wurde nicht Herr der
Lage. Die Kommunisten kamen ans Ruder, scheiterten ebenfalls
und holten die sowjetischen Truppen ins Land. Damit waren sie in
die Falle gelaufen, die der damalige US-Sicherheitsberater
Brzezinski sich ausgedacht hatte und mit derer Hilfe er ihnen ein
russisches Vietnam bereiten wollte. Nun wurden in einer Aktion,
die die CIA zusammen mit den saudischen und pakistanischen
Geheimdiensten ins Werk setzte und bei der die Finanzierung
durch den Drogenhandel eine große Rolle spielte rund
hunderttausend Freiheitskämpfer aus den muslimischen Ländern
Nordafrikas und des Nahen Ostens als Söldner zum Kampf gegen
die gottlosen Sowjets angeworben, Freiheitskämpfer - in
Anführungszeichen. In Wirklichkeit handelt es sich um die
Taugenichtse und Raufbolde der gesamten islamischen Welt. Wo
immer ein schwarzes Schaf der Familie oder des Dorfes nicht gut
tat, lockte der Ruf der Mudjaheddin an den Hindukusch - wo man
sich gegen Öl- und Drogengeld nützlich machen konnte. Die
Taliban selbst wurden aus den koranstrengen Waisenhäusern
Pakistans angeheuert. Osama Bin Laden war einer der
Organisatoren des fundamentalistischen Werbefeldzuges, wobei
ihm durchaus gestattet war, seine rund 10.000 Söldner aus militant
antiwestlichen, antiamerikanischen Kreisen anzulocken. Teile
dieser Truppe wurden eigens in CIA-Lagern für spezielle Aufgaben
trainiert. Es handelt sich folglich eher um Desperados als um
hochreligiöse Leute. So wie wenn wir die Radaubrüder unserer
Fußballstadien zum heiligen Kampf gegen den Islam heranziehen
würden. Doch für die Gehirnwäsche des westlichen Publikums mit
dem Ziel, den neuen Feind Islamismus im Sinne des »Clash of
Civilizations« einzuhämmern, sind sie bestens geeignet.

KONKRET: Sie waren beim Einmarsch der Sowjets in Afghanistan
Mitglied der Bundesregierung. Wie hat das Kabinett Schmidt über
die Sache diskutiert?

Von Bülow: Kaum. Ich erinnere mich nur, daß Washington mächtig
Druck auf uns ausübte, wegen Afghanistan die Olympischen Spiele
in Moskau zu boykottieren. Wie stark der Druck war, zeigt auch
eine andere Episode: Anfang der achtziger Jahre drängte der
amerikanische Viersterne-General und Nato-Oberbefehlshaber Haig
mit aller Macht darauf, jedes noch so kleine nationale Manöver als
Teil seiner großen Nato-Herbstmanöver deklarieren zu können. So
kam es, daß an einem Wochenende alles in allem von Norwegen
bis zur Türkei rund eine satte Million Nato-Soldaten von Westen
Richtung Osten in Bewegung war. Als Staatssekretär erlaubte ich
mir anzumerken, daß ich dies für problematisch hielte, zumal
westlicherseits alle Warnlampen angingen, sollte der Warschauer
Pakt uns ein ähnliches Szenario in Ost-West-Richtung bieten. Die
kleine Kritik fand ein weltweites Echo, in den USA und bis nach
Hawaii. Als ich kurz darauf dem Weißen Haus einen Besuch
abzustatten hatte, lief mir scheinbar zufällig Brzezinski über den
Weg mit der Frage: »Are you the guy talking about manouvres in
Europe?« Aus heutiger Sicht zündelte der Mann schon damals
von der europäischen wie der asiatischen Seite. Das geopolitische
Spiel findet derzeit seine Fortsetzung in der Nato-Erweiterung bei
gleichzeitigem Aufbau von militärischen Positionen in den
selbständigen asiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion.
Ich entsinne mich im übrigen, daß anläßlich der Kontakte
zwischen SPD und KPdSU die Sowjets mehrfach deutlich
machten, daß sie lieber heute als morgen aus Afghanistan
abziehen würden, jedoch das zu erwartende Sicherheitschaos der
sich bekämpfenden afghanischen und pakistanischen War- und
Drogenlords fürchteten. Sie versuchten, die USA zu einem
gemeinsamen Vorgehen zu gewinnen. Doch Washington blieb taub
auf diesem Ohr.

KONKRET: Hatte nicht auch der BND seinen Anteil an der
Afghanistanoperation der CIA?

Von Bülow: Höchstens als Sekundant. Die Deutschen entwickeln
zuweilen sentimentale Bindungen zu den leidgeprüften
Völkerschaften der Region. Bei Jürgen Todenhöfer, dem inoffiziellen
Afghanistanemissär der CDU, kann ich mir durchaus vorstellen,
daß er gemeinsam mit den Mudjaheddin am Lagerfeuer saß und
Freiheitslieder sang. Die verdeckten Operateure der CIA verfolgen
knallhart die verdeckten, demokratisch nicht legitimierten Ziele
ihres Landes. Als die CIA einst den 30.000 kurdischen Kämpfern
gegen Saddam Hussein nach jahrzehntelanger verdeckter Nutzung
im Interesse des Schah-regierten Iran den Geld- beziehungsweise
Drogenhahn zudrehte und Führer und Mannschaften der
Vernichtung durch den Diktator preisgab, meinte Henry Kissinger,
der Vorgänger Brzezinskis, man solle doch bitte verdeckte
Operationen nicht mit Missionsarbeit verwechseln.

KONKRET: Zurück zum 11.9. Mir scheint bemerkenswert, daß
Präsident Bush am Tattag nicht nach New York kommen wollte -
aus Angst, auch auf ihn beziehungsweise die Airforce One sei ein
Attentat geplant. William Safire von der »New York Times« hat
recherchiert, daß die Terroristen Informanten in den US-
Geheimdiensten gehabt haben müssen.

Von Bülow: Das ist durchaus möglich. Noch interessanter scheint
mir die Interpretation eines britischen Flugingenieurs zu sein, der
behauptet, die Linienmaschinen seien am 11. September nicht
gekidnappt, sondern über eine »Hintertür« in den Bordcomputern
unter Ausschaltung der Piloten vom Boden aus in die Ziele
gesteuert worden.

KONKRET: Das Gegenteil ließe sich leicht beweisen, wenn die
Ermittlungsbehörden die Auswertung der Flugschreiber und Voice-
Recorder der Flugzeuge drei und vier - die eine ist ins Pentagon
gesteuert worden, die andere abgestürzt - veröffentlichen würden.
Aber das passiert nicht.

Von Bülow: Es gibt eine Reihe ungeklärter Abstürze an der
amerikanischen Ostküste, etwa die Swissair-Maschine oder die
der Egypt Air. Für die Version des britischen Flugingenieurs könnte
auch sprechen, daß die angeblichen Flugzeugentführer
offensichtlich gar nicht in der Lage waren, eine Maschine zu
steuern. Zeitungen aus Florida berichten, daß die Flugausbildung
dieser Leute vollkommen gescheitert sei. Über einen der
Verdächtigten sagte die Flugschule, nach 600 Flugstunden hätte
man ihm noch nicht einmal eine Cessna anvertrauen können. Über
einen anderen hieß es, er sei so dumm, daß Zweifel aufgekommen
seien, ob er Überhaupt ein Auto zu steuern in der Lage sei.

KONKRET: Dabei muß man bedenken, daß zumindest Maschine
Nummer drei ein außerordentlich kompliziertes Flugmanöver
durchgeführt hat.

Von Bülow: Sie steuerte zunächst das Weiße Haus in Washington
an und änderte dann mit einem 270-Grad-Looping knapp über die
Telegraphenleitungen hinweg ihren Kurs aufs Pentagon. Das
erfordert Können und viel Flugerfahrung. Im übrigen mache ich mir
die Theorie des britischen Flugingenieurs ja nicht zu eigen. Ich
behaupte nur, daß die Zweifel und Fragen, die er und andere
formulieren, öffentlich debattiert und fachmännisch untersucht
werden müssen.

KONKRET: Auch bei den Insider-Börsengeschäften werden keine
Fragen mehr gestellt.

Von Bülow: In der Tat. In der Woche vor dem Anschlag stieg der Umsatz
mit Aktien, die später infolge der Ereignisse im Kurs drastisch
abstürzen sollten, um 1.200 Prozent. Die Aktien wurden zum Kurs
vor dem Ereignis teuer verkauft, sollten jedoch einige Zeit danach
erst übereignet werden. Man konnte sich so als Verkäufer
nachträglich zum Crashkurs eindecken und die Differenz als
Gewinn einstreichen. Es handelte sich um Aktien der beiden
Fluggesellschaften, aber auch der im World Trade Center in je 22
Stockwerken beherbergten Finanzinstitute Morgan Stanley und
Merryll-Lynch. Außerdem kauften diese lnsider amerikanische
Staatsanleihen im Wert von fünf Milliarden Dollar in der Erwartung,
daß auf Grund der nationalen Katastrophe ihr Wert steil ansteigen
werde. Wer waren die Insider, und über welche Kanäle gelangten
sie zu ihrer Kenntnis? Und wo sind die Erkenntnisse der
amerikanischen Finanzfahndung, die routinemäßig auffällige
Spekulationen auf künftige Terrorereignisse zur Gewinnung von
Hinweisen auf Attentate erfaßt?

KONKRET: Bush senior arbeitet über die Carlyle Group, eine
internationale Anlagefirma, für die Familie Bin Laden in Saudi
Arabien. »Die Vorstellung, daß der Vater des Präsidenten, auch er
ein ehemaliger Präsident, Geschäfte mit einer Firma macht, die
vom FBI wegen der Terroranschläge am 11. September untersucht
wird, ist schrecklich«, schrieb die US-amerikanische
Antikorruptions-NGO »Judicial Watch«.

Von Bülow: Bush senior ist ein alter CIA-Mann. Er war 1976/77
Direktor der Agency. Bekannt sind seine Verbindungen zum
panamesischen Präsidenten Noriega, der auf seinem Staatsgebiet
den Drogenhandel nach Amerika und die Landung von Flugzeugen
voller Drogengeld zum Zwecke der internationalen Geldwäsche
erlaubte. Seine jährlichen 200.000 Extra-Dollars aus CIA-Quellen
überstiegen eine Zeitlang das Gehalt selbst des US-Präsidenten.

KONKRET: Es gibt Berichte, daß der Krieg gegen Afghanistan
keine Reaktion der USA auf den Terror vom 11.9. ist, sondern
bereits vorher geplant war. »Evidence suggests, that Washington
had planned to move against Bin Laden in the summer«, schrieb
der britische »Guardian«..

Von Bülow: Eine amerikanische Öl- und Gasgesellschaft will seit
Jahren Öl aus dem Kaspischen Becken über eine
milliardenschwere Pipeline durch Afghanistan zum indischen
Ozean transportieren. Die CIA hoffte, die Taliban zum Schutz der
Investition nutzen und zugleich die Trasse über das Territorium des
»Rüpelstaates«  Iran verhindern zu können. Möglicherweise führt ja
der Krieg jetzt zu einer neuen Regierung in Kabul, die dem
Vorhaben aufgeschlossen gegenübersteht.

Alles in allem kann man davon ausgehen, daß die strategischen
Köpfe der CIA in aller Regel den geopolitischen Vorstellungen
folgen, die der bereits erwähnte Brzezinski in »Die einzige
Weltmacht« niedergeschrieben hat. Dieses Buch ist zusammen
mit Huntingtons »Clash of Civilizations« die Blaupause für die
verdeckte, letztlich maßgebende US-Außenpolitik der nächsten
Jahre und Jahrzehnte: Brzezinski überprüft die wichtigsten Staaten
der Reihe nach darauf hin, wer sich zum Gegner der US-Dominanz
aufwerfen könnte. Es werden Ansätze gesucht, wie diese
potentiellen Gegner geschwächt werden können - er sieht das
Ganze als Schachspiel, in dem die Hauptfiguren als Staaten
gegeneinander gesetzt werden und innerhalb der Staaten oft
ethnische Minderheiten als Bauern Verwendung finden. Man fördert
die Scharfmacher unter den Führern von Minderheiten, desavouiert
die Friedfertigen, schürt die Leidenschaften, vermittelt Waffen,
finanziert über Drogen. Sollte die jeweilige Zentralregierung sich
dann gezwungen sehen, zur Erhaltung des Landfriedens etwas
robuster vorzugehen, folgt die öffentliche Anklage wegen
Verletzung der Menschenrechte. Brzezinski ist wie besessen von
der Frage nach der Beherrschung des eurasischen Raums
zwischen Atlantik und Pazifik, für ihn der Schlüssel zur globalen
Dominanz. Und da der Mensch, fehlbar wie er nun einmal ist,
hassen will und muß, bietet der Harvard-Professor Huntington den
Islam als neuen Gegner des Westens, dem er das orthodoxe
Christentum Osteuropas gleichordnet.

KONKRET: Welche Kontakte zwischen Bin Laden und der CIA gibt
es aus der jüngeren Vergangenheit?

Von Bülow: »Le Figaro« meint, Bin Laden habe sich noch im Juli
dieses Jahres mit dem CIA-Chef in Dubai getroffen. Der CIA-Mann
habe sich in seinem Bekanntenkreis dieses Treffens gerühmt.

KONKRET: Wenn Sie auf die Rolle der CIA und anderer westlicher
Dienste in bezug auf den 11. September hinweisen, werden Sie
sicherlich mit dem Vorwurf konfrontiert, Verschwörungstheorien
anzuhängen.

Von Bülow: Nicht ich bin derjenige, der eine Verschwörungstheorie
vertritt. Vielmehr müssen diejenigen sich den Vorwurf gefallen
lassen, die ohne stichhaltige Beweise - jedenfalls wurden bisher
keine vorgelegt - eine Bin-Laden-Verschwörung am Werke sehen.
Dabei werden wieder die Medien zur Desinformation genutzt. Zum
Beispiel las man in der »New York Times«, Bin Laden habe in
einer Erklärung die Attentate begrüßt, die Täter als lden«
gelobt. Die Äußerung wurde von einem in Afghanistan lebenden
Palästinenser übermittelt, der weitergab, was ein Freund aus der
Umgebung Bin Ladens über dessen Reaktion gehört haben wollte.
Zur gleichen Zeit übersetzte der »Bonner Generalanzeiger« die von
BBC übermittelte Erklärung Bin Ladens, in der er den Tod
Unschuldiger am 11.9. bedauerte. Wieso wählt die »New York
Times« die mit hoher Wahrscheinlichkeit verfälschte Nachricht?
Ich behaupte jedenfalls nicht, daß ich Antworten hätte auf Fragen,
die in den Medien nicht gestellt werden - mit der Folge daß die
Verantwortlichen sich zu überzeugenden Antworten nicht veranlaßt
sehen. Statt dessen werden Bilder vermittelt, die den im
Sandsturm reitenden Bin Laden zeigen, den apokalyptischen
Reiter, den unberechenbaren, hinterhältigen, grausamen neuen
Feind!

KONKRET: Warum reagieren die Medien, auch in Deutschland,
wie gleichgeschaltet?

Von Bülow: Lediglich Frankreich scheint einigermaßen der
Hysterie und der uneingeschränkten Gefolgschaft zu trotzen. In der
Politik wie in den Medien. Die Wellen der Gleichschaltung habe ich
nun schon mehrfach erlebt. Bei der Neutronenwaffe hatte es noch
nicht geklappt. Doch anläßlich der Nachrüstung von 100
Mittelstreckenraketen Anfang der achtziger Jahre wurde die
Gleichschaltung bereits handgreiflich. Dann bei der Unterdrückung
jeder Wortmeldung über den angeblich schnellen Weg zu den
blühenden Landschaften. Mit am schlimmsten habe ich die
Manipulation aus Anlaß des Golfkrieges empfunden, wo Saddam
Hussein nach massiver Aufrüstung durch den Westen unter
anderem in die Falle der amerikanischen Botschafterin lief, die ihm
zugesichert hatte, daß Grenzstreitigkeiten mit Kuwait die USA
nicht kümmerten. Beim Krieg der Sterne unter Reagan und jetzt
wieder Bush zeichnet sich dieselbe Tendenz auch in unserer
Presselandschaft ab.

KONKRET: Sie haben das Phänomen zutreffend beschrieben, aber
noch nicht erklärt.

Von Bülow: Von einem Informanten in den USA weiß ich, daß in
den größeren Redaktionen und Nachrichtenagenturen eine Person
des Vertrauens der CIA sitzt, die in der Lage ist, kritische
Angelegenheiten im Zweifelsfall vom Transportband der Nachrichten
zu nehmen oder das Totschweigen zu veranlassen. Ob der BND
ähnliche Macht hat, weiß ich nicht. Die maßgeblichen
Medienzaren der USA sitzen in Beratungsgremien der
Geheimdienste. Die CIA hilft ausländischen Journalisten und
Nachrichtenagenturen mit Geld auf die Sprünge. Im übrigen stehen
Journalisten oft im Klientelverhältnis zu den Diensten. Die heiße
Story wird von dort herausgereicht zur angemessenen Verbreitung.
Verläßt der Journalist den Mainstream, bleiben die Lieferungen
aus. Bleibt er jedoch auf Kurs, wird er zu Hintergrundgesprächen
und Konferenzen eingeladen, oft an den schönsten Orten der Welt,
in den besten Hotels, mit prominenten Gesprächspartnern. Wer als
»Defense intellectual« gilt, hat ein schönes Leben und exklusive
Informationen - von Korruption will da keiner sprechen. Aber der
Unterschied zu einem Journalisten, der etwa in Frankfurt-
Bockenheim an seinem Schreibtisch sitzt und täglich auf sich
gestellt seine Informationen zusammensuchen muß, ist
beträchtlich.

Ein Weiteres kommt hinzu: Die wichtigste Aufgabe der
Geheimdienste ist die Täuschung der Öffentlichkeit. Der
eigentlichen Kausalkette soll niemand auf die Schliche kommen.
Einen Bergstamm in Burma mit 30.000 Mann zum Kampf gegen
den Vietcong zu gewinnen, ist nicht schwer, dazu reicht es, Geld
und Waffen bereitzustellen. Viel schwieriger ist es, das Ganze so
zu drehen, daß der Dienst nicht selbst als Verursacher und
Auftraggeber in Erscheinung tritt. Also dirigiert und finanziert die
CIA über raffinierte Umwege. Die mittel-amerikanischen Contras
bekamen Waffen und Geld über Drogenhändler, die im Gegenzug
geschützt vor Strafverfolgung ihre Ware in den USA oder Europa
absetzen konnten. Die Wäsche des eingenommenen
Drogengeldes wird gedeckt, damit der geheime Kreislauf
funktioniert. Alles wird so verwickelt arrangiert, daß jeder für
verrückt erklärt werden kann, der die wirklichen Zusammenhänge
erahnt oder darstellt. Um so kommoder ist die Welt eingerichtet für
Journalisten, die auf dem Schoß der Geheimdienstleute sitzen und
auf die Desinformation zum Füllen ihrer Spalten warten.

KONKRET: Sie waren Staatssekretär und Minister. Wie reagieren
die Sozialdemokraten ihrer Generation - Leute wie Bahr und
Schmidt - auf ihre Recherchen?

Von Bülow: Da gibt es keine Reaktion. Wer meine Analyse für
richtig hält, müßte auf Gegenkurs gehen. Wer sie für falsch hält,
müßte argumentieren können.

—————————————————————--

Andreas von Bülow
Jahrgang 1937, hat seine Erfahrungen mit staatlicher Vertuschung
gemacht. Im Schalck-Golodkowski-Untersuchungsausschuß des
Deutschen Bundestages wurden ihm Erkenntnisse über die Stasi
bereitwillig zur Verfügung gestellt, doch sobald es um die Rolle der
westlichen Geheimdienste ging, biß er auf Granit. Der frühere
Staatssekretär im Verteidigungsministerium (1976-1980) und
Bundesforschungsminister (1980-1982) hat über die »kriminellen
Machenschaften der Geheimdienste« das Buch »Im Namen des
Staates« verfaßt und arbeitet heute als Anwalt.

Konkret 12, Dezember 2001, S. 14 - 17

Druckansicht
Broschüren/Artikel    Regionen/Länder    NATO/EU    Öffentliche Meinungen   
 
Logo der DFG-VK Initiative Bundeswehr abschaffen
Zuletzt geändert: 09.07.2006