Regionen und Länder

US-Krieg gegen Irak nach afghanischem Vorbild

(von Rainer Rupp)

 

Hochrangige amerikanische Kriegspolitiker, die derzeit im Pentagon in Washington damit beschäftigt sind, die Pläne für einen Krieg gegen Irak auszuarbeiten, wollen im Zwei-Stromland Irak ähnlich wie im Feldzug gegen Afghanistan vorgehen, um dort die am Hindukusch errungenen schnellen Erfolge zu wiederholen. Die Kombination von intensiven Luftschlägen, verbunden mit dem Einsatz von Einheiten von Elitesoldaten vor Ort im Feindesland, wo sie Ziele für die Air Force markieren und andere Sonderoperationen ausführen, während einheimische Kämpfer aus den Oppositionsparteien die Last der meist verlustreichen Bodenkriege tragen, gilt den Planern im Pentagon nun als Erfolgsrezept für zukünftige Kriege. Dieses Konzept ließe sich auch ohne große Probleme auf den ins Auge gefassten Feldzug gegen Irak anwenden, berichtete die Washington Times unter Berufung auf hochrangige Quellen im Pentagon. (“Pentagon uses Afghan war as model for Iraq”, By Rowan Scarborough, THE WASHINGTON TIMES, December 4, 2001) Der stellv. US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz habe sich bereits für ein solches Vorgehen ausgesprochen und die Detailplanung seinem Staatssekretär für Verteidigungspolitik, Douglas J. Feith, übertragen. Auch Verteidigungsminister Rumsfeld sei an einem militärischen Plan zur Eliminierung Saddam Hussein interessiert.

 

Das Bestechende an diesem, von den Pentagonplanern wieder neu entdeckten Konzept ist, daß auf diese Weise dem Wunsch der US-Regierung am besten entsprochen werden kann. Im Rahmen ihrer, als weltweite anti-Terrorkampagne getarnten Durchsetzung ihrer globalen Interessen kommt die Regierung in Washington nicht umhin, viele Kriege zu führen, die bei steigender Zahl von eigenen Opfern schnell unpopulär würden. Das neue „Afghanistan-Konzept“ reduziert dieses Risiko großer eigener Opfer an Menschen und Material jedoch auf ein Minimum. Und da Saddam Hussein den US-Interessen im Mittleren Osten am meisten im Weg steht, steht er auch ganz oben auf der Liste der Staaten, die Washington als erste anzugreifenden gedenkt, denn – so Wolfowitz - „die Vereinigten Staaten können den globalen Krieg gegen den Terrorismus nicht gewinnen, solange Saddam Hussein an der Macht ist.“

 

Fasziniert von dem schnellen Machtzerfall der Taliban unter den massiven Bombardements der US-Luftwaffe gehen die Planer im Pentagon nun von der Arbeitshypothese aus, daß Tyrannen schnell ihre Unterstützung im Volk verlieren, sobald die Apparaturen, die ihre Macht stützen, zerschlagen sind. „Da es sich sowohl in Afghanistan als auch im Irak um Tyrannen handelt," – so ein Pentagon-Planer – „läßt sich die Lehre von Afghanistan auch auf den Irak übertragen.“ Allerdings würde für den Irak „eine viel größere Operation“ benötigt.

 

Das US-Central Command in Florida, von wo der Krieg gegen Afghanistan gesteuert wird, sei bereits dabei, seine Listen mit Zielobjekten im Irak auf den neusten Stand zu bringen. Sobald der Krieg in Afghanistan vorbei ist, wären dann die im persischen Golf auf Flugzeugträgern stationierten Bomber frei, um Bagdad anzugreifen. Zugleich würden CIA-Agenten und US-Elitesoldaten vor Ort mit den lokalen Oppositionsgruppen zusammenarbeiten, denen die Rolle der afghanischen Nordallianz zugedacht ist. Im Irak denkt das Pentagon dabei an oppositionellen Kurden im Norden und an die schiitischen Gruppen in den südlichen Grenzregionen zum Iran. Von Norden und von Süden könnten die Oppositionsgruppen dann eine Bodenoffensive Richtung Bagdad beginnen und sich auf dem Weg dorthin mit sunnitischen Oppositionskräften im Zentrum verbünden. "Sollte Saddam dem Vormarsch Widerstand entgegen setzen, dann setzen wir unsere Air Force ein”, meinte dazu der Pentagon-Planer gegenüber der Washington Times.

 

Die Pentagonpläne sind jedoch noch nicht ausgereift, nicht zuletzt weil die vielen irakischen Oppositionsgruppen hoffnungslos untereinander und auch teilweise ins sich selbst zerstritten sind. Daran hat auch der US-amerikanische Geldsegen in Höhe von $100 Million nichts geändert, der nach einem vor drei Jahren gefassten Beschluß ders amerikanischen Kongresses von der Regierung in Washington über effektiv arbeitende irakischen Oppositionsgruppen ausgeschüttet werden sollte. Bisher ist nur ein kleiner Teil dieser Gelder vergeben worden. Um die verschiedenen Oppositionsgruppen im Irak zu einer der afghanischen Nordallianz vergleichbaren Kampfkraft zusammen zu schweißen, bedürfte es daher noch viel Arbeit für die CIA, nicht zuletzt umfangreicher Waffenlieferungen und Ausbildung der Kämpfer. Auch müssen zuerst noch starke irakische Gruppen gefunden werden, die bereit sind, wenn auch nur indirekt für die amerikanische Sache zu kämpfen.

 

Bei einer Gruppe von etwa 600 ehem. irakischer Offiziere unterschiedlicher Dienstgrade hat die CIA nun scheinbar Glück gehabt. Die kuwaitische Zeitung Al-Ray Al Aam berichtete kürzlich aus London, dass die ehem. Offiziere sich geeinigt hätten, einen Militärischen Rat zur Nationalen Rettung zu bilden. Dem Rat soll Nizar al- Khazradji vorsitzen, der derzeit im dänischen Exil lebt, wo die Staatsanwaltschaft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen ihn ermittelt. Im Süden Iraks soll nach Vorstellungen des Pentagon die Al- Badr Brigade unter Führung von Sayyed Bakir Al- Hakim vom Hohen Rat der Islamischen Revolution den Job der Amerikaner verrichten. Allerdings darf bezweifelt werden, ob sich die pro-iranische Gruppe vor den amerikanischen Karren, denn im Iran gelten die USA immer noch als schlimmster Teufel, trotz aller Feindschaft gegenüber Saddam Hussein.

 

Die beiden bedeutendsten kurdischen Oppositionsgruppen im Norden Iraks, die PUK und die KDP, haben sich gestern (Mittwoch) gegen einen US-Krieg gegen Bagdad ausgesprochen. Dabei haben sie auch die anhaltende Bombardierung Iraks durch amerikanische und britische Flugzeuge verurteilt, obwohl von Washington und London behauptet wird, diese im Rahmen der Erzwingung des Flugverbots geflogenen Angriffe würden zum Schutz der kurdischen und schiitischen Minderheiten im Irak statt finden. (“Iraqi Kurds Wary of U.S. Action Against Iraq”, ANKARA, Reuters, December 5 2001) Offensichtlich ist das afghanische Modell doch nicht so einfach auf den Irak zu übertragen.

 

Sbg., den 6.1.2.01