Regionen und Länder

Somalia - Das nächste US-Angriffsziel

(von Rainer Rupp)

 

Der ranghöchste britische Offizier, der Chef des Generalstabs Admiral Sir Michael Boyce kritisierte Montag Nacht vor dem Royal United Services Institute in London ganz unverhohlen die „einäugige“ amerikanische Kriegsführung, die sich nicht einfach nur auf die Ergreifung Bin Ladens im Rahmen einer "Wildwest-Operation mit Hochtechnologie" beschränken dürfte. Statt dessen gelte es Afghanistan wieder aufzubauen und eine Kampagne zur „Gewinnung der Herzen und Köpfe“ in der arabischen Welt aufzuziehen. Statt dessen hätte Washington sich für eine Politik der "Hochgeschwindigkeitsoperationen außerhalb der Nato" entschieden, die Gefahr laufen, die anglo-amerikanisch geführte anti-Terror-Koalition zum „wackeln zu bringen“ und die „arabische Meinung zusätzlich radikalisieren“. (“<Wild west> hawks get a telling off”, by Richard Norton-Taylor, The Guardian, Tuesday December 11, 2001) Die Sorgen der britischen Vasallen scheinen den amerikanischen Imperator in Washington und seine Tribune im Pentagon jedoch wenig zu kümmern, denn sie treffen bereits Vorbereitungen für die nächsten Angriffskriege.

 

Britische Medien zitieren Militärexperten, die in dieser Verlegung eine Vorbereitung auf die Ausweitung des US-Krieges gegen Somalia und andere Länder sehen. Es stelle eine Verbreiterung der Operationsbasis für den Oberkommandierenden der sogenannten Koalistionstruppen gegen den Terrorismus, US-General Tommy Franks, dar. General Franks hatte letzte Woche gesagt, daß es sich mit dem Gedanken trägt, zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Auf die Frage, welche anderen Länder sich im Visier seiner Militärplaner befinden, nannte er Somalia, Sudan und Irak. („Pentagon switch in Gulf heralds wider war”, By Ben Fenton in Washington, The Telegraph, Filed: 11/12/2001)

 

Die USA können in der Golfregion relativ schnell eine mit modernsten schweren Waffen ausgerüstete Bodentruppe ins Feld führen. In Kuwait ist z.B. die gesamte Ausrüstung einer US-Panzerbrigade vorpositioniert. Lediglich die dazugehörenden Soldaten müssen eingeflogen werden und schon ist die Brigade marschbereit. Im Scheichtum Quatar steht die Ausrüstung für eine weitere US-Panzer- und Artilleriebrigade bereit. Das Material für zwei weitere Brigaden liegt in den Bäuchen von Schiffen im Hafen der US-Basis Diego Garcia, eine britische Insel im Indischen Ozean, von wo der Golf schnell erreicht werden kann.

 

Unterdessen eröffnete das US-Außenministerium in Washington, daß jüngst eine Gruppe von US-amerikanischen Diplomaten unter Leitung von Ryan Crocker, stellv. Staatssekretär im US-Außenministerium, im Nordirak die beiden wichtigsten, aber untereinander verfeindeten Kurdenführer besucht hat. Die Patriotische Union Kurdistans unter Führung von Jalal Talabani und die Demokratische Partei Kurdistans unter Führung von Masud Barzani werden als „kritische Elemente für die Durchführung einer möglichen Rebellion“ gegen Saddam Hussein angesehen. Das Treffen – so der Sprecher des US-Außenministeriums Frederick Jones – sei auf Betreiben von Talabani and Barzani zustande gekommen und sei „der erste Schritt in Vermittlungsprozeß“. (“U.S. Diplomats Visit Iraq to Reconcile Opponents of Hussein”, By Paul Basken, Bloomberg, Washington, 12/10 17:50,) –

 

Zugleich berichtete die britische Nachrichtenagentur Reuters aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu, daß sich letzten Sonntag fünf Vertreter des US-Militärs “mit Kriegsherren der Opposition zu Gesprächen getroffen hätten, um potentielle Terror-Ziele zu identifizieren". („U.S. Military meets warlords in Somalia”, Reuters/CNN, December 10, 2001 Posted: 2352 GMT) Offensichtlich will das amerikanische Militär in Somalia nach dem afghanischen Modell vorgehen und lokale Oppositionskräfte dafür gewinnen, für die US-Interessen den gefährlichen Bodenkampf zu führen, den die USA mit einigen wenigen Spezialeinheiten vor Ort zur Zielmarkierung für die Angriffe der US-Air-Force unterstützen will.

 

Das Treffen der amerikanischen Militärs mit den somalischen Kriegsherren hätte – so Reuters - in Baidoa, knapp 300 Km südlich der Hauptstadt statt gefunden. Die Kriegsherren gehören der lokalen “Rahanwein Widerstandsarmee” (RRA) an, die gegen die gerade sich neu formierende somalische Regierung kämpft. Nach vielen Jahren der Anarchie droht der unlängst erst begonnene Normalisierungsprozeß in Somalien durch eine erneute US-Militärintervention über den Haufen geworfen zu werden.  Das kümmert das Pentagon wenig, solange neue „Terrorbasen“ ausgemacht werden, die bombardiert werden können. Die Kriegsherren der RRA haben die Amerikaner scheinbar nicht enttäuscht. Ja, es gäbe ein Ausbildungslager für Militante Islamisten in einer Stadt in der Nähe zur Grenze mit Kenia, das von der somalischen Gruppe “Al-Itihad al-Islamiya“ unterhalten wird. Da diese Gruppe auf der von der US-Regierung erstellten schwarzen Liste der zu bekämpfenden „Terrororganisationen“ steht, haben das Pentagon scheinbar gefunden was es gesucht hat. Mit einem baldigen Angriff der USA auf Somalia kann daher gerechnet werden.

 

Letzten Freitag hatte NATO- Generalsekretär, Lord Robertson, erklärt, daß der derzeit gültige NATO-Bündnisfall nicht nur für Afghanistan gilt sondern auch Angriffe gegen andere Länder mit einschließen könnte. (NATO Head Says Defense Clause May Cover Iraq -Paper BERLIN, Reuters, Friday December 7 1:38 PM ET) Die deutschen Kriegstreiber können Hoffnung schöpfen. Wenn sie sich beeilen, kommen sie für den nächsten Krieg nicht zu spät.

 

Sbg., den 11.12.01