Regionen und Länder

Saudis wollen ihre „goldene Jugend“ aus Afghanistan retten

(von Rainer Rupp)

 

Seit über einer Woche halten sich in Afghanistan hartnäckig Gerüchte, daß ein Kommandant der Nordallianz sich von Pakistan hat bezahlten lassen, um pakistanische Staatsangehörige aus der eingeschlossenen Stadt Kundus zu evakuieren. Aus Pakistan stammende Mitglieder der Taliban und Al Kaida, oft Söhne aus gut situierter pakistanischen Familien seien noch rechtzeitig vor der Einnahme von Kundus mit pakistanischen Militärtransportflugzeugen aus Kundus evakuiert worden sind, berichtete z.B. die New York Times unter Berufung auf Augenzeugen der Nordallianz. (“Pakistanis Again Said to Evacuate Allies of Taliban”, By DEXTER FILKINS and CARLOTTA GALL, NYT, November 24, 2001)

 

Andere Kommandanten der Nordallianz, einschließlich deren stellv. Verteidigungsminister Baryalai, haben inzwischen General Abdul Rashid Dostum öffentlich beschuldigt, als Teil eines Deals mit Pakistan Hunderten von Taliban und Al Kaida-Kämpfern das Entkommen ermöglicht zu haben. "Wir gehen davon aus, daß General Mr. Dostum dafür verantwortlich ist“, sagte Herr Baryalai gegenüber der Presse. Vertreter der US-Regierung – so die NYT – hätten jedoch auf alle entsprechenden Fragen ausweichend reagiert. Schließlich stünden die Vereinigten Staaten in der Schuld Pakistans, das sich wiederholt „sehr besorgt über das Schicksal seiner Agenten und Soldaten in der eingeschlossenen Stadt“ Kundus geäußert hätte, meinte die NYT. (Pakistan war neben Saudi Arabien in den letzten Jahren der Hauptsponsor der fundamentalistischen Taliban.)

 

Der britische Außenminister Jack Straw hatte gemeinsam mit dem Präsident Pakistans, General Pervez Musharraf bei seinem Besuch in Islamabad die Nordallianz dazu aufgefordert, die in Kundus eingeschlossenen Kämpfer wie Kriegsgefangene zu behandeln, wenn sie die Waffen niederlegen. Aber weder die Nordallianz noch ihr Hauptsponsor USA sind an einer großen Zahl von Kriegsgefangenen interessiert. Der US-Verteidigungsminister hat seine Präferenz, die Taliban und Al Kaida-Kämpfer möglichst tot zu sehen, wiederholt deutlich gemacht. Mit Ausnahme jener, die womöglich über nachrichtendienstlich wichtige Informationen über Bin Laden verfügen, die in sogenannten Filtrations- oder besser Folterlagern aus ihnen herausgepresst werden sollen. "Wir haben kein Interesse an großen Kriegsgefangenenlagern”, zitiert die New York Times einen hohen US-Regierungsbeamten, “aber wir sind daran interessiert, sie zu verhören!“

 

Auch die saudi arabische Regierung fürchtet um das Los vieler ihrer Staatsangehörigen, die meist als Sprösslinge wohlhabender fundamentalistischer Familien dem Ruf Bin Laden zum Heiligen Krieg nach Afghanistan gefolgt sind. Insbesondere nach dem von der US-Airforce unterstützten Massaker von Hunderten von mehrheitlich ausländischen Kriegsgefangenen der Nordallianz in einem alten Fort in der Nähe von Masar I Scharif Massaker fürchten die Saudis um ihre „goldene Jugend“, die möglichst auch nicht den Amerikanern zum „Verhör“ in die Hände fallen soll. Daher hat Saudi Arabien Pakistan gebeten, auch saudische Kämpfer aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen.

 

Nach übereinstimmenden Berichten hat in dem Gefangenenlager bei Masar I Scharif niemand überlebt. Die wenigen, die das Bombardement der US-Air Force überstanden hatten, wurden anschließend von Soldaten der Nordallianz und amerikanischen und englischen Special Forces-Einheiten niedergemacht. BBC berichtete, dass eine amerikanischer Soldat mit den Worten: "Laßt uns jetzt eine Weile in Ruhe. Das ist alles was wir brauchen”, ein westliches Kamerateam gebeten hatte, eine Zeit lang weg zu schauen. Augenzeugen berichten von schrecklichen Szenen aus dem Inneren des Gefangenenlagers. Ein amerikanischer Kameramann sprach von einem unglaublichen Blutbad: "Da lagen Hunderte von Leichen, - Körper und Körperteile, überall.“ („Bloodbath at Afghan fort”, BBC, Tuesday, 27 November, 2001, 18:29 GMT) Inzwischen hat auch der Direktor des Außenministeriums der Nordallianz, Said Nurullah, offiziell bestätigt, dass von den Kriegsgefangenen niemand überlebt hat. Insgesamt sollen bisher etwa 600 Tote geborgen worden sein, obwohl Direktor Nurullah nur von 300 bis 400 gesprochen hatte.

 

Der Appell des saudi arabischen Verteidigungsministers, Prince Saud Abdel Aziz,  daß “unter der Aufsicht der Vereinten Nationen die Menschenrechte der Gefangenen beachtet werden“ müssten und „niemand Mißhandlungen unterworfen werden“ dürfte, war ebenso umsonst gewesen, wie seine “Hoffnung, daß alle Gefangenen arabischer und islamischer Herkunft in ihre Heimatländer zurückkehren dürfen“. Ahmad al-Rabei, ein Mitglied des kuwaitischen Parlaments, hat dagegen erklärt, daß die arabischen Staaten nicht untätig zusehen würden, wie andere auf ihre Weise das Problem der etwa 2.000 “arabischen Afghanen“ zu lösen versuchten. Auch der Außenminister des Golfstaates Qatar, Shaikh Hamad Ben Jassem Ben Jabr al-Thani, hat vor einer Woche den US-Außenminister Colin Powell mit dem Problem der „arabischen Afghanen“ konfrontiert. Der habe ihm versichert, dass alle arabische Kämpfer, die sich ergeben, nicht „exterminiert" würden. Verteidigungsminister Rumsfeld ist jedoch anderer Meinung. “Die Bombardierung des Kriegsgefangenenlagers bedeutet, daß die Regierung der Vereinigten Staaten entschlossen ist, sich der <arabischen Afghanen> zu entledigen, entsprechend der Vorgaben von Verteidigungsminister Rumsfeld“, beobachtete die unabhängige „Irish Times“ in Dublin. (“Saudis fear prisoners will be massacred”, from Michael Jansen, The Irish Times, Tuesday, November 27, 2001)

 

Sbg., den 29.11.01