Regionen und Länder

Blutbad zwischen Warlords - Vorbote für Friedenstruppe

(von Rainer Rupp)

 

Kurz vor Entsendung der hauptsächlich europäisch zusammen gesetzten, und von der ehemaligen britischen Kolonialmacht England angeführten sogenannten Friedenstruppe sind nach Berichten der OTN-Nachrichtenagentur aus Islamabad die ersten schweren Kämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen der siegreichen Nordallianz in Afghanistan ausgebrochen. Bei den Kämpfen in der Provinz Baghlan im Norden Afghanistan sollen etwa 350 Menschen getötet worden sein. (“Hundreds killed in Afghan faction fighting”, ISLAMABAD, Out There News,  Saturday 15 December 2001) Von besonderer Bedeutung ist bei dieser Nachricht, daß es hier um die ersten schwere Auseinandersetzung zwischen zwei der mächtigsten War-Lords Afghanistans handelt. Auf der einen Seite standen die Kämpfern des Generals Faheem, der bei den Bonner Afghanistan-Konferenz vom Westen (formell von der UNO) als neuer Verteidigungsminister der Übergangsregierung eingesetzt wurde, die am 22 Dez. in Kabul die Macht übernehmen soll. Auf der anderen Seite standen die Kämpfern des General Mansur Naderi, ein Führer der dem Iran nahe stehenden, schiitischen „Muslim Ismaili“ Sekte, der von dem mächtigsten Kriegsherren des Nordens, dem kriegserprobten General Rashid Dostum unterstützt wird, der mitsamt seiner usbekischen Volksgruppe vom Westen bei der Regierungsbildung so gut wie vollkommen übergangen worden ist.

 

General Dostums Sprecher in Islamabad, Sibghtaullah Zaki, hat inzwischen den “wilden Kampf zwischen Soldaten von Faheem und Naderi“ letzten Samstag bestätigt, „bei dem auf beiden Seiten viele ihr Leben verloren“ hätten. Bei dem Kampf sei es um die Kontrolle der Provinzhauptstadt Pol-e-Khomri gegangen. Aber afghanischen Quellen zufolge hätten sich Dostum und Feheem auch wegen der Rolle der ausländischen Truppen in Afghanistan überworfen, die Dostum auf keinen Fall auf afghanischem Boden akzeptieren will. Keine schöne Aussicht für die sogenannte internationale Friedenstruppe.

 

Als “nach wie vor sehr prekär” schätzte Tony Blair denn auch vor dem britischen Parlament die Situation in Afghanistan ein, ließ sich aber von der geplanten Truppenentsendung nicht abbringen. Allerdings scheint in London der parteiübergreifende Konsens in Bezug auf Afghanistan zerbrechlicher als in Berlin. Der Oppositionsführer, der Konservative Duncan Smith, drückte sein “tief empfundenes Unbehagen” über die Afghanistan-Mission aus, weil die amerikanischen Soldaten weiterhin „Operationen zur Aufspürung und Vernichtung“ von Überresten der Taliban und Al-Kaida führen werden, während die britischen Truppen gemeinsam mit anderen europäischen Soldaten in Kabul friedenserhaltende Funktionen erfüllen sollen und „in dieser Situation zu Zielscheiben von Mitgliedern der Taliban werden könnten, die sich revanchieren wollen“. (“Britain agrees to lead, troops could be in Afghanistan by weekend”, The Associated Press WIRE: 12/17/2001 6:08 pm ET) Und wenn sich die Kämpfe zwischen General Dostum und dem neuen Verteidigungsminister Feheem ausweiten, könnten sich die Friedenstruppen schnell in der Lage der sowjetischen Soldaten Anfang der achtziger Jahre in Kabul befinden, als sie dort ebenfalls eine neue afghanische Regierung beschützten.

 

Über diesen Problemkomplex ist es nach Meldung verschiedener Nachrichtenagenturen auch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Großbritannien und Deutschland gekommen, die sich an der Frage entzündet hätten, wie eng das Kommando der neuen Operation mit dem Central Command (Centcom) der Amerikaner, das den bisherigen Kampfeinsatz in Afghanistan befehligt, verflochten werden solle. Während Deutschland auf eine klare Trennung der zwei Einsätze dringe, forderten die Briten eine Verquickung beider Befehlsstränge. („Streit Berlin-London könnte Afghanistan-Truppe verzöger“, dpa - Meldung vom 17.12.2001 20:28 Uhr) Offensichtlich setzten die Briten nicht nur auf die Hilfe der Amerikaner in Bezug auf Aufklärung, Logistik und Transport, sondern auch auf aktive Kampfunterstützung durch Luftwaffen und Spezialtruppen, falls es zu Angriffen auf die Schutztruppe kommt, egal von welcher Seite.

 

Der Türkische Außenminister Ismail Cem hat Afghanistan, in dem er eine besondere Rolle für die Türkei reklamiert, in den letzten Tagen einen Besuch abgestattet. „Das einzige islamische Mitglied der NATO will beim Aufbau der neuen Ordnung in Afghanistan eine führende Rolle spielen“, freuen sich bereits anglo-amerikanische Medien. (“Turkey Raises Its Flag to Claim Afghan Role, by Ralph Boulton, Reuters, WIRE: 12/17/2001 6:11 pm ET ) Der türkische Außenminister pries denn auch in Afghanistan die “türkische Erfahrung beim Aufbau einer nationalen Armee und bot die Hilfe Ankaras bei der Ausbildung der Polizei an. Die beiden türkischen Institutionen können schließlich die besten NATO-Referenzen vorweisen, denn sie haben eine lange Erfahrung in der Unterdrückung, Folterung und Ermordung von Minderheiten und Vertretern linker politischen Parteien. Die westliche Wertegesellschaft wird auf die Erfahrungen der Türkei beim Aufbau Afghanistans nicht verzichten wollen.

 

Sbg. den 18.12.01