Regionen und Länder

 

Gefahr der globalen Destabilisierung

(Von Rainer Rupp)

 

 

Es fällt auf, dass sich die USA bei Einschätzung der Lage in Afghanistan stark zurückhalten. Aber die Bush-Regierung steht unter zunehmendem Druck, den sie mit ihrer Kriegspropaganda selbst geschaffen hat. Nach einer jüngst veröffentlichten repräsentativen Umfrage wäre für 62% der befragten US-Bürger der amerikanische Krieg in Afghanistan ein Misserfolg, wenn es nicht gelingen würde, bin Laden und den Taliban-Führer Mullah Omar zu fangen oder zu töten. (“U.S. Fails to Catch Bin Laden as Stronghold Falls”, By Sebastian Alison and Alan Elsner, TORA BORA, Afghanistan/WASHINGTON, Reuters,  Sunday December 16 3:54 PM ET). Bin Laden und Mullah Omar sind jedoch spurlos verschwunden, trotz der jeweils 25 Millionen Dollar Kopfgeld, die Washington auf die beiden als Belohnung ausgesetzt hat, im den Worten von US-Verteidigungsminister Rumsfeld: „tot oder lebendig“. Außer einigen armseligen Al-Kaida-Kämpfern aus Tora Bora, die so erschöpft und ausgemergelten waren, daß sie nur mit fremde Hilfe vor den Kameras der Weltpresse paradiert werden konnten, konnten die USA bisher jedoch keine sichtbare Trophäe ihres Kriegs gegen das „Böse“ und „zur Verteidigung der westlichen Zivilisation“ vorweisen.

 

Die Amerikaner fühlen sich von ihren afghanischen Verbündeten hintergangen, weil nicht nur Bin Laden und Mullah Omar sondern auch Tausende von Al-Kaida Kämpfern sich sowohl aus Kandahar als auch aus aus Tora Bora erfolgsreich in dünne Luft aufgelöst haben, obwohl beide Orte, von ganzen Heerscharen der verbündeten anti-Taliban-Kämpfern und etwa 1.000 US-Marines und Special Forces eingeschlossen waren. „Bevor Kandahar fiel, hatte es dort eine Menge von Taliban-Kämpfern gegeben, aber als die US-Streitkräfte dort ankamen, konnten wie nur noch ein paar von ihnen dingfest machen” klagte Pentagon-Sprecher Rear Admiral Stufflebeem und fügte resigniert hinzu: "Afghanistan hat eine lange Tradition, in der Tauschgeschäfte gemacht und Loyalitäten gekauft werden können. Genau das ist passiert.“ („Taliban may have arranged escapes”, CNN, December 17, 2001 Posted: 6:44 p.m. EST, 2344 GMT) Die Jagd auf Al-Kaida-Kämpfer sei mit einer „Suche nach Flöhen auf einem Hund zu vergleichen. Wenn man einen sieht und sich auf ihn konzentriert bemerkt man nicht, wie viele andere zugleich entkommen“, so Stufflebeem um sogleich hinzu zu fügen, daß „die Vereinigten Staaten nicht jeden Einzelnen über die Grenze (nach Pakistan) verfolgen“.

 

Das brauchen sie auch nicht, denn jenseits der Grenze in Pakistan warten bereits andere US-Einheiten, die die Flüchtlinge abfangen sollen. Allerdings auch ohne großen Erfolg. Der US-amerikanische Nachrichtensender ABC berichtete jetzt, daß amerikanische Spezialeinheiten in Pakistan operieren und dort entlang der Grenze die Suche der pakistanischen Armee nach geflüchteten Mitkämpfern Bin Ladens koordinieren, während zugleich Agenten der CIA in pakistanischen Gefangenenlagern etwa 100 festgenommene Flüchtlinge vernehmen, die der Al-Kaida zugerechnet werden. (“U.S. Hunts Al Qaeda; Troops Reported in Pakistan”, By Deborah Zabarenko, Reuters, WIRE: 12/17/2001 9:15 pm ET) Ein Sprecher des U.S.-Central Command wollte den Bericht weder dementieren noch bestätigen, was so gut wie eine Bestätigung dafür ist, daß nun US-Soldaten bereits als Oberaufseher über pakistanische Truppen entlang der zwei Tausend Kilometer langen Grenze zu Afghanistan operieren. Darüber, wie es auf Dauer um die Sicherheit der US-Truppen und Agenten inmitten einer ihnen teils sehr feindlich gesinnten Bevölkerung in Pakistan steht, kann derzeit nur spekuliert werden. Auf jeden Fall dürfte es die Lage für den pakistanischen Präsident Musharraf noch schwieriger machen. Zumal Washington zugleich den Druck auf Musharraf verstärkt, endlich gegen die Terrorgruppen vorzugehen, die von pakistanischem Territorium aus gegen Indien und insbesondere in Kaschmir Anschläge verüben, zuletzt des Blutbad im indischen Parlament durch einen Selbstmordanschlag. Bis vor in die jüngste Zeit hatte die Regierung Pakistans sowohl die Taliban, die als Ziehkind des pakistanischen Geheimdienstes galten, als auch die anti-indischen Terrorgruppen wurden mit breiter Zustimmung der Öffentlichkeit kräftig unterstützt. Die jetzt von den USA verordnete Kehrtwende könnte den Atomstaat Pakistan endgültig destabilisieren.

 

Unbeirrt solcher Gefahren heißt die Standard-Formulierung von US-Regierungsvertretern inzwischen „Wir werden ihn (Bin Laden) kriegen - früher oder später“. Die Bush-Regierung hat oft genug unterstrichen, sei ein Irrtum zu glauben, die Bekämpfung des Terrorismus sei auf den Einsatz in Afghanistan beschränkt. Längst hat das Pentagon bereits Phase II seines Kreuzzuges geplant, der zunächst aus „Dolchstoß artige“ Militäroperationen gegen sogenannte Terrorbasen in Somalia, Jemen und im Sudan bestehen soll. Dabei gelten alle Orte, die Al-Kaida und Bin Laden Unterschlupf gewähren könnten, als Ziel. Erst nach erfolgreichem Abschluss dieser Operationen, d.h. Destabilisierung dieser Länder, wollen sich die USA dann in Phase III dem Irak zuwenden, wo Pentagon-Planer nach dem Erfolgsmodell ihres jüngsten Afghanistankrieges vorgehen wollen. Dabei geht es um die Kombination von intensiven Luftschlägen, verbunden mit dem Einsatz von kleineren von US-Elitesoldaten, die vor Ort die Ziele für US-Luftwaffe markieren und bestimmte Sonderoperationen durchführen, während einheimische Kämpfer aus den verschiedenen Oppositionsgruppen die Last der verlustreichen Bodenkämpfe zu tragen haben. Dieses Konzept ließe sich auch ohne große Probleme für den bereits ins Auge gefassten Feldzug gegen Irak anwenden, wie die Washington Times jüngst unter Berufung auf hochrangige Quellen im Pentagon berichtete. (“Pentagon uses Afghan war as model for Iraq”, By Rowan Scarborough, THE WASHINGTON TIMES, December 4, 2001) Allerdings würde für den Irak „eine viel größere Operation“ benötigt.

 

Die Kriegsplanung gegen Irak geht auch trotz der Widersprüche und Warnungen international bekannter, amerikanischer Irak-Kenner weiter. So hatten unlängst Scott Ritter, ein ehem. Offizier der US-Marines und Leiter eines UN-Waffenkontrollteams mit 30 Einsätzen im Irak, und Edward Peck, dem ehem. US-Botschafter in Bagdad während der Carter-Regierung, sowohl jegliche Verwicklung Iraks in die Terroranschläge vom 11. September als auch die Existenz einer vom Irak ausgehenden Bedrohung mit ABC-Waffen kategorisch abgestritten. Ritter korrigierte auch die von den Medien leichtfertig übernommene Falschaussage der US-Regierungsvertreter, daß Saddam Hussein die Waffeninspektoren aus dem Land gewiesen hätte. „Irak hat die UN-Inspektoren nicht aus dem Land geworfen”, sagte Ritter, “Es waren die Vereinigten Staaten, die die UN-Inspektoren aufgefordert haben, das Land zu verlassen, damit die USA 1998 mit der (erneuten, Anm. R.R.)  Bombardierung Bagdads beginnen konnten. (“U.S. experts on Iraq warn of new Vietnam”, Claude Salhani, The Washington Times Published 12/8/2001) Da jedoch Saddam Hussein den US-Interessen im Mittleren Osten am meisten im Weg steht, steht er auch ganz oben auf der Liste der Staaten, die Washington als zu vernichten gedenkt, – so der stellvertretende US-Verteidigungsminister Wolfowitz - „die Vereinigten Staaten können den globalen Krieg gegen den Terrorismus nicht gewinnen, solange Saddam Hussein an der Macht ist.“

 

Um die internationalen Vorbehalte gegen einen erneuten Krieg gegen Irak zu zu vermindern, will Washington in einer Art Salami-Taktik jedoch in Phase II zuerst mit Sudan, Jemen und Somalia aufräumen. Eine militärische US-Vorausabteilung hatte dort bereits Anfang Dezember mit lokalen Kriegsherren in der Grenzregion zu Kenia, die sich in Opposition zur Regierungsgruppe in Mogadischu befindet, die Lage für einen Angriff auf vermutete Terroristencamps sondiert. Die ehemalige britische Kolonie Kenia soll bereits eine Luftwaffenbasis für anglo-amerikanische Operationen bereit gestellt haben. Am Rande der NATO-Tagung in Brüssel wurde letzten Dientag gemunkelt, daß ein Angriff auf Somalia unmittelbar bevorstehe. Auf Druck und in Abstimmung mit Washington ist die Regierung inzwischen militärisch gegen einen Bergstamm vorgegangen, dem die Amerikaner Verbindungen zu Bin Laden vorwerfen. Bei den ersten Kämpfen gegen die gut ausgerüsteten Stammeskrieger wurden am Dienstag auf beiden Seiten 12 Menschen getötet und mindestens 22 verwundet.

 

Durch sein anhaltendes militärisches Engagement in Afghanistan, das nun doch weit länger dauert und viel gefährlicher wird, als geplant, sieht sich nun Washington in der unangenehmen Lage, entweder die Phase II seines globalen Kriegs zu verschieben und so an Momentum zu verlieren oder seine Kräfte aufzuteilen und dadurch zu schwächen.

 

Sbg. den 19.12.01