Regionen und Länder

Zunehmende zivile Opfer aber Bin Laden und Omar schwer zu fassen

Skalp-Jagd mit Hochtechnologie

(von Rainer Rupp)

 

Während die Zahl der von Terroristen in New York am 11.9. getöteten unschuldigen Menschen nach jüngsten Zählungen auf unter 3.000 gefallen ist, war die Zahl der von amerikanischen Staatsterroristen mit Bomben und Raketen getöteten unschuldigen Zivilisten in Afghanistan bis zum Jahresende bereits auf über 4.000 gestiegen. Und das Morden der geht weiter. Nach einer mehrtägigen Pause haben US-Bomberpiloten Ende letzter Woche ihre schonungslosen Jagd auf Taliban und Al-Kaida Mitglieder wieder aufgenommen, die zunehmend mit den unmenschlichen Sklap-Jagden aus der amerikanischen Geschichte zur Ausrottung der Indianer verglichen wird. Auch am Donnerstag wurden wieder 30 Bewohner eines afghanischen Bergdorfes zerfetzt, weil die amerikanischen Verteidiger des westlichen Zivilisation Taliban und Al Kaida Kämpfer vermuteten und unverzüglich ein Flächenbombardement befahlen. Trotzdem ist Washington der Ergreifung von Taliban-Führer Mullah Omar und Al-Kaida Anführer Bin Laden noch nicht näher gekommen.

 

Obwohl die US-genehme neue Regierung mittlerweile offiziell in Kabul die Macht übernommen hat, klappt es in Afghanistan immer noch nicht so, wie sich das die Bush-Regierung am grünen Tisch vorgestellt hat, trotz großzügiger Dollargeschenke und noch großzügigerer Versprechen. So berichtetet die New York Times z.B. über die Klage aus Washington, daß die neue Regierung in Kabul trotz ihrer Bereitschaft, mit den USA zusammen zu arbeiten, außerhalb der Hauptstadt so gut wie keine Kontrolle über das Land hat, indem chaotische Zustände herrschten. Als besonders frustrierend wird geschildert, daß jedes Mal, wenn die Amerikaner glauben, eine größere Gruppe Taliban geortet und umzingelt zu haben, diese sich anschließend praktisch unter ihren Augen in Luft auflöst. Die Erklärung dafür liegt darin, daß Washington aus Angst vor eigenen Verlusten seine Soldaten nicht im direkten Bodenkampf einsetzt und statt dessen bezahlte anti-Taliban-Kräfte als Hilfstruppen vorschickt. Meist aber – so die NYT - stritten sich in solchen Situationen die verschiedenen anti-Taliban-Kommandanten über die zu erwartende Kriegsbeute und – um möglichst viel heraus zu holen - würden sie auch meist ohne Wissen der Konkurrenten mit den „eingeschlossenen“ Taliban verhandeln, die sich auf diese Weise mit Geschenken oder Geld den Weg frei kaufen könnten. (“Taliban Leaders May Be Escaping; Al Qaeda Camp Is Hit by U.S. Airstrikes”, By NORIMITSU ONISHI with JAMES DAO, NYT, January 4, 2002)

 

So muß die amerikanische Führung immer wieder miterleben, wie sich ihre begehrte Beute aus dem Staub macht. Resigniert gestand Minister Rumsfeld denn auch bei einer Pressekonferenz im Pentagon letzte Woche ein, daß das amerikanische Militär so gut wie keine Kontrolle über die Kapitulationsverhandlungen mit angeblich bis zu 1.500 in der Nähe von Baghran eingeschlossenen Taliban hat, unter denen sich Gerüchten zufolge auch Mullah Omar befunden haben sollte, auf dessen Skalp die US-Regierung 25 Millionen Dollar gesetzt hat, tot oder lebendig.

 

Allerdings ist Washington am Samstag mit der Festnahme des ehem. Talibanbotschafters Mullah Abdul Salam Zaeef in Pakistan ein nicht unbedeutender Coup gegen die Taliban-Führung gelungen. Mullah Zaeefs Antrag auf politisches Asyl war zuvor von Pakistan abgelehnt worden. Vom pakistanischen Geheimdienst verhaftet war er am Samstag nach Kabul abgeschoben worden, wo er von der neuen Amerika hörigen Regierung prompt an die US-Streitkräfte übergeben wurde, wo Zaeef nun eines dieser geheimen, semi-faschistischen amerikanischen Militärgerichte erwartet, die speziell zur Aburteilung von Taliban- und Al-Kaida Mitgliedern von der US-Regierung eingerichtet und zu diesem Zweck mit weitreichenden und von namhaften Juristen als illegal eingestuften Befugnissen ausgestattet worden sind. Nach jüngsten Meldungen soll nun auch Ibn al-Shaykh al-Libi, einer von Bin Ladens Top-Ausbilder, der aus Libyen stammende ehem. Leiter des größten Trainingscamps der Al-Kaida bei seiner Flucht aus Afghanistan in Pakistan aufgegriffen worden und an die USA übergeben worden sein.

Derweil betrauerte US-Präsident Bush in einer Ansprache in Kalifornien den ersten, „in feindlichem Feuer“ am Freitag in Afghanistan gefallenen US-Soldaten und freute sich zugleich über die Ergreifung von ex-Botschafter Zaeef und den Fortschritt in Afghanistan: „Die Bösen haben den mächtigen Giganten aufgeweckt. Ihr wisst, wir sind solch ein mitfühlendes Volk, wir sind ein anständiges Volk. Aber wenn sie uns nachstellen, denn werden sie erfahren, daß sie einen großen Fehler gemacht haben.“ („U.S. Takes Former Taliban Ambassador in Custody“,  By Charles Aldinger and Raz Mohammad, WASHINGTON/KANDAHAR Reuters, WIRE: 01/05/2002 3:39 pm ET) Nach offiziellen Angaben haben die USA bisher 10 Todesopfer in Afghanistan zu beklagen. Davon ein CIA-Agent, der als Verhörexperte für den Gefangenenaufstand in dem alten Fort in der Nähe von Masar I Scharif mit verantwortlich gemacht wird, bei dem die US-Luftwaffen Hunderte von Kriegsgefangenen hingemetzelt hatte.

Sbg., den 06.01.02