Regionen und Länder

Drahtseilakt mit dem Frieden

(von Rainer Rupp)

 

Wenn amerikanische Truppen über die Grenze nach Pakistan fliehenden Al-Kaida oder Taliban-Kämpfern unmittelbar auf der Spur sind, dann dürfen sie ebenfalls nach Pakistan eindringen. General Tommy Franks, Chef von US-Central Command in Tampa, Florida und damit Oberkommandierender der US-Streitkräfte in der Region, hat dies nun in einem Interview bestätigt. In einem solchen Fall “brauchen wir nur die pakistanische Seite zu benachrichtigen und zu sagen, <Wir beobachten da ein par Leute und wir werden sie über die Grenze hinweg nach Pakistan verfolgen”, sagte General Franks. Auch sei eine unbestimmte Zahl von US-Elitesoldaten in Pakistan, um Operationen mit der pakistanischen Armee zu koordinieren, sagte Franks in einem einstündigen Interview am Montag mit AP. Dabei lobte er Pakistan für seine außerordentlichen Bemühungen, den amerikanischen Feldzug zu unterstützen.

 

Daß einer der höchsten amerikanischen Generäle diese weitreichende Aufgabe der nationalen Souveränität Pakistans und die Übergabe hoheitlichen Aufgaben des pakistanischen Militärs an die USA so ohne weiteres vor der Presse herausplauderte ist entweder ein böser Tritt ins diplomatische Fettnäpfchen oder die innenpolitische Lage in Pakistan hat sich derart beruhigt, daß Präsident Musharraf keine Rücksicht mehr auf die tief verwurzelten anti-amerikanischen Gefühle breiter fundamentalistischer Schichten im Land zu nehmen braucht.

 

Kurz vor Weihnachten berichtete zwar schon die britische Nachrichtenagentur Reuters, daß US-amerikanische Spezialeinheiten gemeinsam mit pakistanischem Militär entlang der Grenze zu Afghanistan versuchen, aus Afghanistan flüchtende Taliban und Al Kaida Kämpfer abzufangen. 1) Aus Rücksicht auf die damals bereits prekäre innenpolitische Position des pakistanischen Präsidenten Musharraf, die durch eine zu offensichtliche enge militärische Kooperation mit den USA gegen die Taliban nur noch schwieriger geworden wäre, war seinerzeit das Central Command in Florida äußerst zurückhaltend und wollte den Bericht weder bestätigen noch dementieren.

 

Mittlerweile geben pakistanische Regierungsstellen jedoch die gemeinsamen pakistanisch-amerikanischen Grenzpatrouillen offen zu, daß amerikanische Soldaten gemeinsam mit pakistanischen Soldaten entlang der über 2000 Km langen Grenze zu Afghanistan patrouillierten "Das ist nun die gemeinsame Aufgabe unserer und amerikanischer Truppen”, zitierte gestern die Financial Times of London einen hohen pakistanischen Beamten. 2) Die nach General Franks Darstellung den US-Truppen gegebene Erlaubnis, auch eigenständig über die afghanische Grenze auf pakistanisches Gebiet vorzudringen, stellt eine neue Qualität in der Unterwürfigkeit der pakistanischen Regierung unter US-Interessen dar. Denn wenn es bei diesen Verfolgungsjagden auf pakistanischem Boden zu Kämpfen zwischen US-Streitkräften und Al-Kaida kommen sollte, dann wird es mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu pakistanischen „Kollateralschäden“ kommen. – Zur Erinnerung: in Afghanistan haben amerikanische Bomber mehr Frauen und Kinder als Al-Kaida-Kämpfer getötet. Wenn aber die pakistanische Regierung in Kauf nimmt, daß ihre Staatsbürger, unschuldige Dorfbewohner, in ihrem eigenen Land von Soldaten oder Bombern einer ausländischen Macht getötet werden, dann stellt dies einen bisher noch nicht da gewesenen Ausverkauf der pakistanischer nationaler Sicherheitsinteressen durch die Regierung Musharraf dar. Kaum zu glauben, daß dies ohne innenpolitischen Folgen bleibt. Kein Wunder, daß die pakistanische Regierung sich beeilte, um die Aussage des vorlauten General Franks vom US-Central Command zu dementieren. "Ein solches Abkommen, das den Streitkräften der USA oder der Internationalen Koalition erlauben würde, auf pakistanischem Territorium zu operieren und Al-Kaida-Kämpfer gefangen zu nehmen, existiert nicht“, erklärte gestern der Regierungssprecher.(3)

 

Derzeit steht die pakistanische Regierung sowohl von außen als auch von innen unter enormem Druck. Von außen von den USA und Indien, endlich resolut gegen islamistische Terrororganisationen vorzugehen, während Musharraf nach innen zugleich darauf achten muß, nicht zu sehr den Anschein zu erwecken, daß er lediglich zu einer amerikanischen Marionette degradiert worden ist. Andererseits kann es auch nicht in Washingtons Interesse liegen, den Bogen zu überspannen und ausgerechnet zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen Bürgerkrieg in Pakistan zu riskieren. An Beispiel Pakistans wird deutlich, welch ein gefährlicher Drahtseilakt die von den USA betriebene Ausweitung ihres „Krieges gegen den Terror“ auf andere Regionen für Frieden und Stabilität in der Welt darstellt.

 

Sbg. den 9.1.02

 

1)      (“U.S. Hunts Al Qaeda; Troops Reported in Pakistan”, By Deborah Zabarenko, Reuters, WIRE: 12/17/2001 9:15 pm ET)

2)      (“US military to pursue bin Laden in Pakistan”, By Richard Wolffe in Washington, Mark Nicholson in Kabul and Farhan Bokhari in Islamabad, FT of London Wednesday Jan 9 2002)

3)      (“US to hunt al-Qaeda men into Pakistan, Pak Army spokesman denies any such arrangement, The International News, (Pakistan) Wednesday January 09, 2002-- Shawaal 24,1422 A.H.)