Regionen und Länder

Trotz Milliardenversprechen droht Afghanistan das Chaos

(von Rainer Rupp)

 

Im Norden Afghanistans ist es letztes Wochenende zu schweren Kämpfen zwischen verschiedenen Fraktionen der Nordallianz gekommen ist. Bei den zwei Tage dauernden Schießereien in der Provinz Kundus sind etwa ein Dutzend Menschen getötet und viele mehr verletzt worden. Die Auseinandersetzungen fanden zwischen Kämpfern des ethnisch usbekischen Kriegsherren Abdul Rashid Dostum und der ethnisch-tadschikischen Hausmacht des ehemaligen Präsidenten und Chefs der Nordallianz Rabbani. Wenn die Schießerei für sich genommen keine besondere Bedeutung für die Zukunft Afghanistans hat, so wirft die Zusammensetzung der am Kampf Beteiligten lange Schatten voraus. Dostum ist seines Zeichens stellv. Verteidigungsminister in der Übergangsregierung in Kabul und sein ehemaliger Verbündeter Rabbani wurde von den USA und der neuen Regierung kalt gestellt und ausgebootet.

 

Diese Entwicklungen nähren die Befürchtung, daß die verschiedenen afghanischen Kriegsherren, die an der Übergangsregierung in Kabul beteiligt sind, nur so lange an der neuen Struktur in Kabul interessiert sind, wie sie auf ein entsprechend großes Stück vom Kuchen in Form der von der internationalen Geberkonferenz in Aussicht gestellten Finanzhilfe versprechen. Dagegen sind jene Kriegsherren, die von der Regierung in Kabul ausgeschlossen wurden, zunehmend stärker an deren Zusammenbruch interessiert. Denn je länger dies nicht geschieht, desto stärker wird Kabul mit Hilfe der Amerikaner werden und um so schwieriger wird die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen.

 

Der Westen Afghanistans wird vom Kriegsherrn Ismail Khan kontrolliert. Dostum kontrolliert den Norden. Tadschiken, die teilweise loyal zu Rabbani oder zum Verteidigungsminister Fahim stehen, kontrollieren den Nordosten. Puschtunen unter dem Kommando des Taliban freundlichen Gul Agha kontrollieren die südlichen Provinzen um Kandahar und eine Reihe von Ghilsai Puschtunen den Südwesten. Ethnische Hasars wiederum kontrollieren einige der zentral gelegenen Provinzen und einige weitere kleinere Kriegsherren die Gebiete dazwischen und um Jalalabad. Afghanistan droht wieder in jenen Zustand des Chaos zurück zu fallen, in dem es sich in den ersten Jahren nach dem Abzug der Sowjetarmee vor über zehn Jahren befand.

 

Der einzige Hebel, den der afghanische Ministerpräsident von US-Gnaden Karzai hat, ist seine Fähigkeit, demnächst viele Hilfsgelder zu verteilen. Aber selbst das wird nicht ohne Probleme abgehen. Hier ein bisschen zu viel und dort etwas zu wenig und schon hat er Eifersüchteleien und Neid unter den Kriegsherren gesät. Gibt er das Geld allzu freizügig her, dann werden ihn die Kriegsherren nicht mehr brauchen. Gibt er ihnen zu wenig, dann verlassen diese sich lieber auf ihre traditionellen Einkünfte aus dem Anbau und Schmuggel von Drogen und kehren sich erst Recht von Kabul ab. Wie auch immer, Karzai steht eine zunehmend gefährliche Gradwanderung bevor.

 

Stratfor, der private amerikanische Nachrichtendienst für Großunternehmen, geht in seiner jüngsten Lageanalyse davon aus, daß “Afghanistan schneller auseinander bricht, als die neue Regierung es zusammen flicken kann.“ Es würde immer “unwahrscheinlicher”, daß die “Führung in Kabul in der Lage sein wird, auch nur ein Grad von Autorität über das Land herzustellen“. Die Warnung von Stratfor, das dadurch „alle länger angelegten Wiederaufbaupläne gefährdet“ steht in krassem Gegensatz zu dem auf der Geberkonferenz in Tokio versprühtem Berufsoptimismus der Diplomaten aus sechzig Ländern. Zwar wurden Afghanistan inzwischen 4,5 Milliarden US-Dollar versprochen, aber deren Auszahlungen sind über einen längeren Zeitraum verteilt und an viele Bedingungen geknüpft. Langfristig aber, so Stratfor, würde die anhaltende Instabilität im Lande „die industrialisierte Welt eher dazu verleiten, sich von Afghanistan abzuwenden.“

Zur Verteidigung seiner wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen wollen die USA eine solche Entwicklung nicht zulassen und Washington scheint sich immer offener auf Seiten der Zentralregierung in den innerafghanischen Konflikt einzumischen.

 

Nicht genug, daß US-Flugzeuge in den letzten Wochen Ziele um das nordwestliche Herat bombardiert haben, die nichts mit Taliban oder Al-Kaida zu tun hatten, nach jüngsten Berichten ist es Washington auch gelungen, ein 20.000 Mann starkes Söldnerheer aus paschtunischen Stammeskrieger zusammen zu stellen und mit einem Angriff auf Herat zu drohen. Dort herrscht nämlich der Kriegsherr Ismail Khan, der sich bisher geweigert hat, die US-gesponsorte Zentralregierung in Kabul anzuerkennen und lieber seinen Glaubensbrüdern im Iran zusammen arbeitet, was wiederum Washington seit langem ein Dorn im Auge ist. Die Kommandanten der neu geschaffenen US-Söldnerarmee gab als Rechtfertigung für die bevorstehende Strafexpedition gegen Herat an, daß Ismail Khan iranische Kämpfer ins Land ließe und ihnen erlaubte, Handelskonvois zu überfallen. (“Afghan Tribals Mull Attack on Herat, Rival Chief Says, KANDAHAR, Afghanistan, Reuters,  Monday January 21 10:45 AM ET) Allerdings kann davon ausgegangen werden, daß es den USA nicht so schnell möglich sein wird, Irans Einfluß innerhalb der schiitischen Minderheit entlang der Grenze zum Iran auszuschalten. Vielmehr scheint sich Washington mit dem Bau von Militärbasen und aktiver Einmischung in Stammesstreitigkeiten langsam auf die gleiche schiefe Ebene zu begeben, auf der bereits die Sowjetarmee ins Verderben gerutscht ist.

 

Sbg. den 23.102