Regionen und Länder

Kollateralschaden
1999 wurde Kollateralschaden zum »Unwort des Jahres« gewählt. Wichtiger ist wohl, daß es sich um einen völlig neuen politischen Begriff handelte. Man wird ihn in älteren Lexika nicht finden. Sprachliche Innovation
                           Georg Fülberth

Tatsächlich ist Kollateralschaden ursprünglich kein deutsches Wort, sondern eine Übersetzung aus »collateral damage«. Dieser Begriff war im Angriffskrieg gegen Jugoslawien vom NATO-Sprecher Jamie Shea benutzt worden. Er meinte die Tötung von Zivilpersonen und die Zerstörung nichtmilitärischer Einrichtungen durch Fliegerbomben, die angeblich ausschließlich dazu bestimmt waren, Soldaten und Kriegsgerät zu treffen. Der Umweg über das Englische ist an der Schreibweise abzulesen. Altphilologisch Beleckte gehen wohl zunächst davon aus, das Wort komme von lat. latus, lateris, müsse also mit einem l geschrieben werden. Rufen Sie es in der Suchmaschine »Google« in dieser Buchstabenfolge auf, werden Sie gefragt, ob Sie etwa »Kollateralschaden« - also mit Doppel-l - meinen. Auf eine ähnliche Erkundigung stoßen Sie, wenn Sie »colateral damage« eingeben. »Google« bietet Ihnen statt dessen »collateral damage« an.

Der Terminus - gleichgültig in welcher Schreibweise - ist von der NATO kaum mit Bedauern gebraucht worden. Shea wollte vielmehr damit ausdrücken, die Schädigung von Zivilpersonen sei neben der Hauptsache, dem Schlag gegen feindliches Militär, nur ein Nebenereignis und insofern hinzunehmen, als der übergeordnete Zweck sonst nicht hätte erreicht werden können. Diese Haltung ist immer wieder einmal als zynisch bezeichnet worden. In ihr drückt sich ein Primat militärischen Denkens aus. Verteidiger des NATO-Krieges von 1999 haben dies unter dem Vorgeben akzeptiert, daß der Angriff gegen Jugoslawien nur ein Durchgangspunkt auf dem Weg zu einer neuen Friedensordnung sei. In ihr kann es dann auch keine Kollateralschäden mehr geben.

Krieg als Mittel der Friedenserzwingung - dies scheint eine alte Denkfigur zu sein. Die NATO hat sie vor 1999 allerdings nicht in Anspruch genommen. Seit die Kriegsministerien in Verteidigungsministerien umbenannt sind, also von 1945 an, sollte nicht Krieg den Frieden erzwingen, sondern Rüstung, nach dem alten römischen Grundsatz: »Si vis pacem, para bellum«.

Die verbale Innovation deckt eine sachliche. Um sie sichtbar zu machen, ist eine historische Sortierung sinnvoll.


Der »absolute Krieg«

Bekannt ist der Ausspruch Friedrichs II. von Preußen, daß die Untertanen es nicht merken sollten, wenn ihr König Krieg führe. Dies war eine Beschönigung, denn Steuern mußten für das Militär ja gezahlt werden. Auch die Pressung in den Kriegsdienst war ein Eingriff in das zivile Leben. Ähnliches gilt für die Einquartierungen.

Wir haben es also mit Ideologie zu tun. Immerhin legte sie klar, was offiziell nicht akzeptabel war, wenn es auch tatsächlich immer wieder geschah. Diese nominelle Selbstbeschränkung des Militärischen gewann ihr Selbstverständnis vor dem Hintergrund der Glaubenskriege des 17. Jahrhunderts. Nunmehr war der Feldzug nicht mehr zugleich eine Quelle des Raubs für die Söldner und ihre befehlshabenden Unternehmer. Er diente nicht länger religiösen Zwecken. Statt dessen definierte Clausewitz die militärische Aktion als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Der von ihm gebrauchte Terminus »absoluter Krieg« meinte eine Eingrenzung. Der Waffengang sollte vom Zivilleben ebenso »absolutus« sein wie der Monarch von den für seine Untertanen gemachten Gesetzen.

Die beiden Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 sind in ihren Intentionen - wenngleich nicht in ihren Resultaten - noch von solchen Überlegungen beeinflußt. 1899 wurde der Luftkrieg verboten, 1907 allerdings wieder zugelassen - in beiden Fällen, bevor er überhaupt stattgefunden hatte. Im Reglement von 1907 versuchte man, die Grenzen der Luftkriegführung gegenüber der Zivilbevölkerung festzulegen. Dies bedeutete das Eingeständnis, daß hier eine neue technische Qualität entstanden war, welche die bisherige Selbstbeschränkung des Militärischen in Frage stellte. Andererseits ging man damals noch davon aus, daß eine solche Eingrenzung nach wie vor möglich sei.

Es ist nicht eindeutig, ob die zuweilen gepriesene relative »Humanität« der Kriegführung im 19. Jahrhundert vor allem darauf zurückzuführen ist, daß von 1815 bis 1914 lang andauernde militärische Konflikte ausblieben. Es handelte sich vor allem um Feldzüge. Daß nach der Schlacht von Sedan der Krieg noch mehrere Monate weiterging, hat die Zeitgenossen überrascht. Bekanntlich nahmen noch die Soldaten vom August 1914 an, sie würden zu Weihnachten wieder zu Hause sein. Dies war ein Irrtum: Nach den langen Rüstungen war eine neue Zeit angebrochen:


Totaler Krieg

Der von Ludendorff proklamierte »totale Krieg« gewann seine neue Dimension erstens durch die wirtschaftliche Mobilisierung der Zivilbevölkerung, zweitens durch die Industrialisierung des Kriegsgeschehens in den Materialschlachten. Im Zweiten Weltkrieg näherte er sich - drittens - seinem Begriff durch die Flächenbombardements von Wohnquartieren weiter an.

Den Anfang machte die nazistische Luftwaffe mit ihren Angriffen auf Warschau, Rotterdam und Coventry. Hier sollte in erster Linie die Zivilbevölkerung getroffen werden: in Umkehrung der Regeln, die seit dem Absolutismus aufgestellt worden waren. Dem gleichen Prinzip des totalen Kriegs folgten die Flächenbombardements der US-amerikanischen und vor allem der britischen Luftstreitkräfte, nun mit einem vervielfachten Zerstörungspotential. Die beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 richteten sich ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung. Durch diese Angriffe wurden die Haager Luftkriegsregeln, die 1923 neu aufgestellt worden waren, verletzt. Daß diese niemals kodifiziertes, bindendes Völkerrecht wurden, ist kein Zufall: In Wirklichkeit war der totale Krieg selbst zur Norm geworden. Mit seinem Begriff und seiner Praxis waren Einhegungen im Geist früherer Jahrhunderte nicht mehr vereinbar.


Totale Abschreckung

Seit der Herausbildung des atomaren Gleichgewichts des Schreckens von der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre an entstand die Perspektive eines prekären »Ewigen Friedens«. Die Aussicht auf die wechselseitige Vernichtung schien den Krieg - zumindest den großen - unmöglich zu machen. Es gab dennoch Kollateralschäden: durch die ständige Hochrüstung und die Gefahr einer Apokalypse. Der im Frieden verharrende Staat war ökonomisch zugleich ein warfare state. Insoweit hierdurch eine keynesianische Stützung der Konjunktur erfolgte, handelte es sich um eine Art wirtschaftlicher Militarisierung. Sie war nicht völlig neu: Bereits in den dreißiger Jahren hatte Roosevelts ziviler New Deal die Arbeitslosigkeit nicht beseitigen können. Dies gelang ihm danach mit der Rüstung. Auch in Hitlerdeutschland hatte erst die Kriegsvorbereitung zu Vollbeschäftigung geführt.

Angesicht der Tatsache, daß große Kriege nunmehr nicht mehr als führbar galten, muteten die fortgesetzten Bemühungen, Regeln für den Luftkrieg aufzustellen, zunächst eher wie eine Nachbereitung aufgrund der Erfahrungen der Jahre 1939-1945 an. Zugleich aber hatten die »kleinen« - regional begrenzten - Kriege während der Periode der totalen Abschreckung gezeigt, welche Gefahren der Zivilbevölkerung hier nach wie vor drohten. Dies galt insbesondere für den Krieg der USA in Vietnam.

1977 wurden Zusatzprotokolle zu vier Genfer Konventionen von 1949 beschlossen. Besondere Wichtigkeit kommt hier Artikel 49 des Zusatzprotokolls I zu. Er stellt fest, daß Angriffe nur gegen militärische Objekte zulässig sind, und verbietet die Bombardements unverteidigter Orte.


Krieg als Option

Spätestens mit dem Beschluß der NATO von 1979, in Europa neue Mittelstreckenraketen zu stationieren, wurde das Konzept der Abschreckung durch die Möglichkeit, daß Kriege wieder »führbar« seien, zunächst ergänzt, dann ersetzt. US-amerikanische Militärtheoretiker sprachen vom »Enthauptungsschlag«, mit dem gegnerische Kommandozentralen ausgeschaltet werden könnten, ohne daß die Zivilbevölkerung getroffen werden müsse. Dieses Szenario war noch von der Bipolarität der Abschreckungsperiode bestimmt: Man stellte sich im Grunde ein einziges gegnerisches Zentrum vor - die Sowjetunion. Auf sie sollte der geplante Schlag konzentriert werden. Mit dem Untergang der UdSSR wurde das unilaterale Feindbild durch ein diversifiziertes ersetzt. Die neue NATO-Doktrin vom Frühjahr 1999 - während des Angriffskrieges gegen Jugoslawien - ging zugleich vom bisherigen Konzept des ausschließlichen Verteidigungskrieges ab.

In der bisherigen Geschichte hat es immer zwei verschiedene Rechtfertigungen des Krieges gegeben: Erstens - die Notwehr. Zweitens - der Angriff als ultima ratio, um lebenswichtige Ziele zu erreichen. Hierzu gehört zum Beispiel die Auffassung vom »gerechten Krieg«, durch den einem Gegner eigene Vorstellungen aufgezwungen werden können. Historische Beispiele sind die Glaubenskriege. Die erste Lehre war häufig nur eine Rationalisierung. So zeichneten die Selbstdarstellungen des antiken Rom die Geschichte der Stadt als eine einzige Serie von Abwehrkriegen, bei denen am Ende merkwürdigerweise ein Weltreich entstand.

Die neue NATO-Doktrin ist von der reinen Verteidigungslehre zum Konzept des »gerechten Krieges« - etwa für die Durchsetzung der Menschenrechte - übergegangen. Krieg ist nun etwas, wozu man nicht unbedingt gezwungen wird, sondern er ist eine Möglichkeit, die man hat und der unter Umständen der Vorzug vor durchaus denkbaren anderen Handlungsvarianten gegeben wird - er ist zur Option geworden.

Die von der NATO seit 1999 bevorzugte Variante ist der Interventionskrieg. Er mag auf den ersten Blick als nichts Neues erscheinen, da in der Geschichte Staaten immer wieder einmal in die Konflikte Dritter oder auch in die inneren Angelegenheiten anderer Länder mit Waffengewalt eingegriffen haben - in der Regel mit einer Rechtfertigung aus der Ideologie des »gerechten Krieges«. Der Völkerbund und später die UNO wollten sich statt dessen mit einem Interventionsmonopol zu einem begrenzten Zweck ausstatten: auf Antrag eines angegriffenen Staates zur Beendigung einer Aggression. Wir hätten damit also eine dritte Rechtfertigung des Krieges: Wiederherstellung des Friedens im Interesse Dritter.

Allerdings haben im Kalten Krieg die beiden Hauptkontrahenten das Interventionsmonopol der UNO unterlaufen: durch Aggressionen in ihrem jeweiligen Hegemonialbereich (die USA mehrmals in Lateinamerika, aber auch, außerhalb der eigenen mittelbaren Machtsphäre, in Vietnam; die UdSSR 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR). Durch das geltende internationale Recht waren diese Maßnahmen delegitimiert, auch wenn keine Sanktionen gegen sie erfolgten.

Die neue NATO-Doktrin aber begnügt sich nicht mit dem Unterlaufen und dem Bruch des bisherigen Völkerrechts - sie ersetzt dieses durch eine eigene Norm. Als Rechtfertigung dienen immer wieder die Menschenrechte. Dies mag als naturrechtliche Erweiterung des positiven Völkerrechts bedenkenswert sein. Hinzu kommt aber schon in den »Verteidigungspolitischen Richtlinien« des damaligen deutschen Verteidigungsministers Rühe von 1992 ein weiterer Interventionsgrund: die Wahrnehmung eigener - über die Verteidigung hinausgehender - Interessen des Bündnisses und seiner Mitglieder. Dazu wird ausdrücklich gerechnet: »Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung.«

Diese Überlegungen waren bereits 1941 in der von Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt verkündeten Atlantik-Charta - auch damals noch kombiniert mit den Menschenrechten - niedergelegt worden. Offensichtlich ging man damals - unmittelbar nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die UdSSR - schon von einer (allerdings erst später, wenngleich noch im Zweiten Weltkrieg ausformulierten) Vorstellung einer kapitalistischen »One World« aus. Der Aufstieg der Sowjetunion zur zweiten Weltmacht und der Kalte Krieg schoben die Verwirklichung dieses Konzept für mehr als eine Generation hinaus. Jetzt scheint es so weit zu sein.

Mit der neuen NATO-Doktrin erscheint zugleich Clausewitz’ These von der Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln in einem neuen Licht. Lange Zeit ist sie als eine Beschränkung des Militärischen auf eine Art Dienstleistung für die Politik verstanden worden. Jetzt erscheint nationale Politik, welcher die Kriegsoption grundsätzlich versagt ist, als unvollständig: Sie sei erst komplett, wenn sie auch mit Waffengewalt fortgesetzt werden kann.

Im Übergang zum neuen Kriegsbild wurde zunächst die Vorstellung von den »chirurgischen Operationen« gepflegt: Sie sollten gegnerisches Militär treffen, aber nicht die Zivilbevölkerung. Hier haben wir noch einmal das Konzept des »absoluten Krieges«.

Durch die zivilen Todesopfer und die Vernichtung nichtmilitärischer Anlagen im Jugoslawien-Krieg 1999 wurde diese Rechtfertigung schon wieder überholt. Das Zusatzprotokoll I von 1977 wurde mehrfach verletzt. Der Kollateralschaden ist kein bedauerlicher Unfall, sondern wird durch das Kriegsziel gerechtfertigt. Dies ist zwar nicht mehr Ludendorffs und Goebbels’ Vorstellung vom totalen Krieg, aber doch ein Rückschritt sowohl vom absoluten als auch vom reinen Notwehrkrieg zum Optionskrieg, der jenes Element des totalen Krieges, das Hineinziehen von Zivilpersonen, nicht mehr ausschließt.

Der Begriff Kollateralschaden wird im gleichen Sinn gebraucht wie jene »Risiken und Nebenwirkungen«, auf welche der Beipackzettel für pharmazeutische Produkte hinweist: als unvermeidliche Begleiterscheinung einer guten Sache (dort: der Arznei, hier: nicht des Verteidigungs-, sondern des Interventionskrieges zur Wahrung eigener Interessen, der damit wieder Züge des »gerechten Krieges« im Kreuzzugs-Sinne annimmt).

Die Vorstellung von einem Krieg, der das zivile Leben unbeschädigt läßt, war schon immer eine Absurdität. In der Phase des »Gleichgewichts des Schreckens« war Frieden - notgedrungen - der oberste Wert. Sie ist vorbei. Nunmehr werden wieder andere Ziele geltend gemacht, die den Nutzen des Friedens relativieren. Damit aber stellt sich die alte Frage nach den zivilen Schäden des Krieges. Das Reden von militärischen »chirurgischen Operationen« konnte dieses Problem nur kurzzeitig verdrängen. Danach waren - ab 1999 - Kollateralschäden einzuräumen. Gegenwärtig soll deren Akzeptanz offenbar erhöht werden, indem Ziele genannt werden, die so wertvoll sind, daß angesichts ihrer Attraktivität - Menschenrechte, Forcierung der eigenen Nation (Deutschland) oder Region (Europa) in der globalen Arena - es süß und ehrenvoll ist, nicht etwa im Krieg zu sterben, sondern andere sterben zu lassen. Anders als in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts betreffen nämlich die Verluste, deren Unvermeidlichkeit eingestanden wird, nicht die eigene Seite, sondern die Gegner, deren Städte und zivilen Reproduktionsmöglichkeiten gebombt werden.

Kollateralschaden ist ein Täterbegriff. Die Opfer bringen in der Regel den Humor des Jamie Shea nicht auf.

* Vorabdruck aus: Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker (Hg.): Schlagwörter und Schlachtrufe 1. Aus zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte. Militzke Verlag, Leipzig 2002. 352 S., geb., 24,80 Euro. Buchpremiere am 21. März, 19.30 Uhr, Leipzig, Grimmaische Straße 1-7


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