Regionen und Länder USA inszenieren Loja Dschirga

(von Rainer Rupp)

 

Offiziell hieß es am Montag, daß die mit Spannung erwartetet Großen Ratsversammlung in Afghanistan, die „Loja Dschirga“ aus „logistische Gründe“ erst am Dienstag mit einem Tag Verspätung anfangen konnte. Es seien zu viele Leute gekommen und sie seien noch nicht alle registriert, ließen die afghanischen Regierungssprecher unter den wachsamen Augen ihrer stets präsenten großen amerikanischen Brüder gegenüber der internationalen Presse verlauten. Ursache der Verschiebung war jedoch ein handfester Machtkampf zwischen den aus unterschiedlichen Teilen des Landes angereister Vertretern verschiedener ethnischen und wirtschaftlichen Interessen, der im letzten Moment drohte, die von Washington sorgfältig vorbereitete Inszenierung einer großen Erfolges für den Westen und die Demokratie platzen zu lassen. Denn sowohl für die Öffentlichkeit zu Hause als auch im Rest der Welt braucht die Bush-Regierung den Nachweis, daß sich ihr Afghanistan-Krieg „gelohnt“ und sich alles zum Besten gewandelt hat. Dafür ist es äußerst wichtig, daß die „Loja Dschirga“ auch einen demokratischen Anstrich bekommt. Nur mit Demokratie hat die „Große Ratsversammlung“ nichts zu tun. Sie ist lediglich eine von zumeist feudalistischen Stammesvertretern auf der Basis der jeweils herrschenden realen Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen Gruppen ausgehandeltes Arrangement zur Aufteilung und Abgrenzung der jeweiligen Herrschaftsbereiche.

 

Die politischen Probleme begannen jedoch erst, als der als Gallionsfigur von den Amerikanern aus dem Jahrzehnte langen Exil in Italien zurückgeholte Ex-König Mohammed Sahir Schah sich auf Drängen seiner paschtunischen Hausmacht nicht mit der ihm zugedachten repräsentativen aber machtlosen Rolle als „Vater der Nation“ zufrieden geben wollte. In verschiedenen Interviews hatte der Ex-König wissen lassen, daß auch er gedenke, als zukünftiger Regierungschef zur Verfügung zu stehen, was – falls erfolgreich - eine nachhaltige Verschiebung der derzeitigen Machtverteilung in Kabul zur Folge haben würde, weg von der derzeit die Regierung dominierenden Nordallianz, deren mächtige tadschikische Fraktion die wichtigsten Ministerien (Innen- Außen- und Verteidigungsministerium) kontrolliert und hin zu den Paschtunen, die im Gegensatz zu den in der Nordallianz verbundenen Ethnien mit etwa 40% Bevölkerungsanteil die weitaus größte Gruppe in Afghanistan stellt. Da selbst die US-Vertreter trotz der gebündelten Überzeugungskraft ihrer überall im Land freimütig angebotener Dollarpakete sich nicht zumuten, die Dynamik einer afghanischen „Loja Dschirga“ steuern zu können und zugleich davon ausgegangen werden musste, daß selbst der Versuch einer Machtverschiebung sicherlich nicht ohne neue Gewaltausbrüche seitens der Nordallianz hingenommen worden wäre, was alle vorausgegangenen amerikanischen Mühen, einen den US-Interessen dienlichen Ausgleich zwischen den verfeindeten Fraktionen zu finden, zunichte gemacht hätte. Deshalb mussten der Ex-König und seine paschtunischen Anhänger noch vor Beginn der Ratsitzung am Montag zur Raison gebracht werden.

 

Bevor der Ex-König wusste, wie ihm geschah, erklärte Zalmay Khalilzad, US-Sondergesandte zu Afghanistan und ehemaliger Mitarbeiter des US-Energiekonzerns UNACOL mit Pipelineinteressen in Afghanistan, Montag Morgen auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz, daß der Ex-König Sahir Schah „eine Erklärung abgeben möchte, daß er als Kandidat für den Posten als Staatschef nicht zur Verfügung steht und die Kandidatur von Herrn Karsai unterstützt“. Allerdings wurde später Nachmittag bis die US-Vertreter den Ex-König und seine Anhänger soweit hatten, eine entsprechende Erklärung abzugeben.

 

AFP berichtet denn auch, daß Sahir Schah und somit „unter Druck von den Vereinigten Staaten, die um die Chancen ihres engen Verbündeten Karsai fürchteten“ dazu “gezwungen wurde”, auf seine Kandidatur zu verzichten. Flankiert von Ministerpräsident Karsai und dem Außenminister der Nordallianz, Abdullah und dem US-Sondergesandten Zalmay Khalilzad schaute der Ex-König grimmig drein, als seine Verzichtserklärung von einem Helfer verlesen wurde.

Sbg. den 11.6.02