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Regionen und Länder

ND vom 17.07.02    

USA-Militärstrategen im Rausch
Das Pentagon will künftig »überall die Initiative ergreifen« und teilt dazu die Welt neu auf 
 
Von Rainer Rupp 
 
Die Militärstrategen der USA befinden sich derzeit geradezu in einem Rausch. Während der ab 1.Oktober gültige Unified Comand Plan die Welt militärisch neu aufteilt, schwelgen die Strategen in den Richtlinien für Verteidigungsplanung 2004-2009 in reißerischen Hochtechnologie-Kriegszenarien.  
Aus dem Nichts, unbemerkt vom gegnerischen Radar bis es zu spät ist, schießt die amerikanische Rakete mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit auf ihr Ziel zu. Ihr spezial gehärteter Sprengkopf bohrt sich tief in den Fels, um erst dann mit verheerender Sprengkraft zu explodieren und den dort versteckten unterirdischen Kommandoposten des Gegners in die Luft zu jagen. Zugleich schwärmen Massen von unbemannten Kampfflugzeugen in den Luftraum des Gegners, wo sie dessen Luftverteidigungssysteme zerstören und so den Weg für andere, ebenfalls unbemannte Bombenflugzeuge freischießen, die zur Begrenzung von Kollateralschäden kleine Bomben mit tödlicher Sicherheit, mit chirurgisch genau geführten Schlägen in ihre Ziele bringen. Auf Knopfdrucks jagt Boden-Boden-Rakete los, die in weniger als 15 Minuten in tausend Kilometer Entfernung einen mobilen Raketenwerfer des Gegners ausschaltet.
Was wie Star Wars, der Krieg im Weltraum, klingt, wollen die US-Militärs schon in nächster Zeit auf den Boden der Realität holen. Die oben angeführten Beispielen entspringen nämlich nicht dem kranken Gehirn eines Dr. Seltsam sondern so stellt sich das US-Militär in einem, im Detail immer noch streng geheimen Planungsdokument für die US-Streitkräfte die amerikanischen Kriege der Zukunft vor.
Das im Jahresrhythmus fortgeschriebene Dokument mit dem Titel Defense Planning Guidance – 2004-2009 (Richtlinien zur Verteidigungsplanung) war kürzlich der »Los Angeles Times« zugespielt worden, welche die Hochtechnologie-Kriegsszenarien des Pentagon letzten Sonntag veröffentlichte. Allerdings waren wichtige Elemente aus dem Dokument, das von Verteidigungsminister Rumsfeld bereits am 3. Mai unterschrieben worden war, schon vorher bekannt geworden. So etwa anlässlich einer Presseeinweisung des Pentagon vom 10. Mai, wo bereits die neue US-Neigung zur Führung von militärischen Präventivkriegen deutlich geworden war, die später von Präsident Bush in seiner Rede an der Militärakademie West Point in Klartext umgesetzt wurde.
Statt wie früher die Planung darauf abzustimmen, zwei große Kriege in unterschiedlichen Weltregionen zugleich führen zu können, wollen die USA-Militärs in Zukunft offensichtlich mit einer leichteren und schneller einsatz- und durchsetzungsfähigen Militärmaschinen überall auf der Welt »die Initiative zu ergreifen« und hauptsächlich mit Hilfe von »nicht erwarteten Angriffen« eine Art von »Vorwärtsabschreckung« auszuüben.
Zu diesem Zwecke hat das Pentagon nun auch die Welt militärisch neue aufgeteilt. Ab 1. Oktober dieses Jahres wird die Zuständigkeit des Oberkommandos Europa (EUCOM) auf Russland und große Teile des Südatlantik ausgedehnt. Das Pazifische Oberkommando, unter dem bereits Indien, China Japan und Australien firmieren, erhält die Antarktis zugeschlagen. Neu geschaffen wird ein militärisches Oberkommando für die Verteidigung Nordamerikas (NORTHCOM), dessen Zuständigkeit von der Südgrenze Mexikos bis nach Alaska und Grönland reicht. Die Kommandos für Südamerika (SOUTHCOM) und die nahöstlich-mittelasiatische Ölregion (CENTCOM) werden nicht verändert.
Ganz im Sinne der neuen Strategie verlangte Bush in West Point von den USA-Militärs, »jeder Zeit bereit zu sein, um ohne Zeitverlust in jeder dunklen Ecke der Welt zuschlagen zu können. Unsere Sicherheit verlangt von allen Amerikanern, resolute nach vorn zu schauen und bereits für präventive Schläge zu sein, wann immer das notwendig ist, um unsere Freiheit und unser Leben zu verteidigen.«
Dabei sollen – gemäß der Pentagon-Planungsrichtlinien 2004-2009 die amerikanischen Präventivkriege zunehmend mit Computern und Maschinen und immer weniger Menschen geführt werden sollen. Fliegende Kriegsroboter und Maschinen anderer Art sollen mehr und mehr den normalen US-Soldaten aus Fleisch und Blut ersetzen, der eine Mutter und Familie hat, die um ihn weinen und womöglich unangenehme Fragen über Sinn und Zweck stellen, wenn er in fernen Ländern für die US-Army oder Airforce stirbt.
Was auf den ersten Blick wie eine Schonung der Leben zukünftiger US-Soldaten aussieht, ist in Wirklichkeit eine Strategie, mit der sich die politische Führung der Vereinigten Staaten noch mehr Freiräume verschafft, um überall und zu jeder Zeit Kriege führen zu können. Wie zur Untermauerung der Panungsrichtlinie enthüllte das Pentagon vor Ende letzter Woche den Prototyp des unbemannten Kampfjets für die Kriegsführung der Zukunft. Der unter dem Typennamen X45 vorgestellte, fliegende Kampfroboter hat eine Spannweite von etwas mehr als 10 Meter und kostet 250 Millionen Dollar pro Stück. Bomben im Gesamtgewicht von zu 1.5 Tonnen soll er ins Ziel tragen. Seinen bemannten Konkurrenten soll der X45 weit überlegen sein, nicht nur, weil der Flugcomputer beim Angriff keine Nerven hat und auch bei bei der Flugakrobatik keine Rücksicht mehr auf den Menschen an Bord nehmen muss.
Bereits jetzt operieren die US-Streitkräfte in Afghanistan mit unbemannten Flugzeugen – nicht nur mit Aufklärungsdrohnen sondern auch mit dem Predator (Raubtier), eine mit »Augen« nach allen Seiten ausgerüsteten Kampfdrohne, die von CIA-Mitarbeitern aus ihren Tausende von Kilometern entfernten Hochtechnologie-»Büros« ferngesteuert wird.

(ND 17.07.02)

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Zuletzt geändert: 09.07.2006