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Der US-Vizekönig in Kabul und seine afghanische Marionette

(von Rainer Rupp)

 

Seinen Offenbarungseid über die verfehlte US-Politik in Kabul versuchte US-Verteidigungsminister Rumsfeld mit Erfolgsmeldungen zu kaschieren. Während der Presseeinweisung Montag Nachmittag (Ortszeit) in Washington prahlte der Pentagon-Chef über die Erfolge seiner Krieger im „globalen Krieg gegen den Terror“ und insbesondere in Afghanistan, wo die USA „eine humanitäre Krise verhindert und das afghanische Volk befreit“ hätten und „die Taliban nicht länger an der Macht und Al-Kaida auf der Flucht sind“[i]. Zugleich musste Rumsfeld eingestehen, daß der afghanische Ministerpräsident von US-Gnaden in seinen eigenen Wänden im Regierungssitz in Kabul sich derart unsicher und bedroht fühlt, daß er  sich  nicht länger von Afghanen beschützen lassen will sondern nur noch von  US-Bodyguards, die in Zukunft auch physisch zwischen ihm und seinen Landsleuten stehen  werden.

 

Am Montag wurden die zum Personenschutz Karsais abgestellten afghanischen Soldaten überraschend davon gejagt und von amerikanischen Special Forces Einheiten als Bodyguards abgelöst. Nachdem das Attentat auf offener Straße, dem kürzlich der ebenfalls paschtunischer Herkunft zum Opfer gefallene Vize-Präsident Abdul Kadir immer noch nicht aufgeklärt ist und westliche diplomatische Kreise aus Kabul zunehmend War Lords aus der, die Regierung dominierenden Nordallianz, als Drahtzieher vermuten, hätte eine „akute Bedrohungslage“ gegen Karsai bestanden, weshalb  Karsai um amerikanischen Schutz gebeten habe[ii]. Kadir war bereits der zweite Minister der neuen Regierung in Kabul der innerhalb der letzten sechs Monate ermordet worden ist. Abdul Rahman, der Minister für Luftfahrt und Tourismus war im Februar auf dem Flughafen von Kabul von einer Menge, die angeblich über lange Wartezeiten auf der Pilgerreise nach Mekka wütend war, tot geschlagen worden. Aber Karsai machte damals Andeutungen, daß es sich um ein geplantes Attentat gehandelt habe, hinter dem er hochrangige Mitglieder seiner eigenen Regierung vermutete.

 

Da die etwa 50 abgezogenen afghanischen Personenschützer Karsais zur etwa 10.000-Mann starken Privatarmee des afghanischen Verteidigungsministers und War Lords der Nordallianz Mohammed Fahim gehören, liegt die Vermutung nahe, daß die akute Bedrohung gegen Ministerpräsident Karsai auch diesmal von dessen eigenem Kabinett ausgeht. US-Verteidigungsminister Rumsfeld spielte  die Entwicklung  als vorübergehende Erscheinung von Wochen, höchsten Monaten herunter, bis daß die US-Streitkräfte geeignetere afghanische Bodyguards ausgebildet hätten. Aber egal wie schnell das geht, der politische Schaden ist durch diesen schlechten Schachzug längst angerichtet. Nicht nur, weil es sich dabei um eine Beleidigung und Herausforderung eines der mächtigsten Männer der Regierung und der Nordallianz handelt, sondern auch, weil sich Karsai dadurch von seinen eigenen paschtunischen Landsleuten nur noch weiter isoliert und nun ganz und gar als das was er ist gesehen wird, als Stellvertreter und Marionette der Amerikaner, deren Botschafter in Kabul, Zalmay Khalilzad, von den Paschtunen inzwischen den Spitznamen „Vizekönig“ bekommen hat[iii], weil sein Verhalten dem des Stellvertreters seiner britischen Majestät während der Kolonialzeit gleicht.

 

Karsai selbst hat in Afghanistan keine Machtbasis. Auch nicht innerhalb der ethnischen Gruppe der Paschtunen, deren Abstammung er ist. Sie stellen mit etwa 40% die größte Bevölkerungsgruppe Afghanistans und haben über Jahrhunderte die politischen Geschicke des Landes dominiert. Nun fühlen sie sich von der Nordallianz und den Amerikanern zunehmend an den Rand gedrängt. Konsequent nur, daß der Widerstand gegen die Amerikaner zunimmt, zumal immer mehr Zivilisten dem  rücksichtlosen Vorgehen  der USA in den von Paschtunen kontrollierten Gebieten zum Opfer fallen. So können sich Amerikaner auch in sogenannten freundlichen Zonen nur noch mit äußerster Vorsicht und in schwer bewaffneten Konvois bewegen. Einem Journalisten von AP erklärte kürzlich ein amerikanischer Elitekrieger, der US-Generalleutnant Dan K. McNeill zu Gesprächen über Opfern der jüngsten US-Bombenangriffe auf paschtunisches Gebiet in der Nähe von Kandahar begleitete: "Der einzige Weg hier am Leben zu bleiben ist durch  eine Show der Gewalt“ [iv].. 

 Sbg. den 23.7.02



[i] (DoD News Briefing, Secretary of Defense Donald H. Rumsfeld, Monday, July 22, 2002 - 2:25 p.m. EDT, http://www.defenselink.mil/news/Jul2002/g020722-D-6570C.html)

 

[ii] (“Afghan Leader's Safety Fears Mount” aus Good Morning America, ABCNEWS.com, July 22, 2002)

[iii] (“Welcome for US going sour in Afghanistan”, By SELIG HARRISON, International Herald Tribune,

 

[iv] ("Afghan Gov. Explains Remarks on U.S.", ABCNEWS.com, July 21, 2002)

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Zuletzt geändert: 09.07.2006