Regionen und Länder

USA schließen Atomschläge nicht aus
Werner Pirker 
 
Die Bush-Doktrin der präventiven, der vorauseilenden »Verteidigung« beinhaltet auch den Einsatz von Atomwaffen. Doch das schlug am Wochenende in der öffentlichen Wahrnehmung keineswegs wie eine Atombombe ein. Zu weit ist die atomare Verseuchung des Denkens bereits fortgeschritten. Die Gewöhnung an den schleichenden Atomtod erfolgt schleichend. Ein paar eingemottete irakische Sprengköpfe verursachen wesentlich mehr Aufregung als die amerikanische Ankündigung, Nuklearwaffen zu deren Bekämpfung einzusetzen. Der mediale Mainstream vermerkt US-Atomkriegsszenarien, wenn überhaupt, nur mehr in Randnotizen. Das Bewußtsein, daß die USA und nicht der Irak das Problem sind, das sich aus dem Besitz von Massenvernichtungswaffen ergibt, soll weitgehend verdrängt werden.

In einem Beitrag des US-Militärexperten William Arkin für die Los Angeles Times vom Sonntag heißt es, daß im Kriegsfall ein atomarer Präventivschlag zur Verhinderung eines Einsatzes von irakischen Massenvernichtungswaffen geplant sei. Außerdem sollen die Nuklearwaffen gegen unterirdische Kommandostellen im Irak eingesetzt werden. Bunker-Knacker heißen diese kleinen (taktischen) Kernwaffen in der launigen Ganovensprache des Pentagon. Come on, Nuclear Baby.


Derweilen versucht die UNO, die amerikanische Kriegsfurie bei Laune zu halten und Bagdad bis aufs letzte Militärhemd auszuziehen. Die Absenkung der atomaren Schwelle durch die USA hingegen wird mit betretenem Schweigen quittiert. Nicht nur die Ächtung von Angriffskriegen ist zur leeren Worthülse geworden. Mit der Hinnahme der amerikanischen Präventivkriegsdoktrin wird auch der von Washington erhobene Anspruch auf den atomaren - selbstredend: präventiven - Erstschlag nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt. Während dem Irak immer neue Bedingungen auferlegt werden und das irakische Militär zu einer Striptease-Show ohne Beispiel genötigt wird, zieht die Bush-Administration ungeniert ihre atomare Drohkulisse auf. Daß die USA zur Einhaltung völkerrechtlicher Bestimmungen verpflichtet werden könnten, daß an sie die Forderung ergehen könnte, ihren Besitz an Massenvernichtungswaffen auch nur ein klein wenig zu reduzieren, daß ihr die Erklärung abverlangt werden könnte, nicht als erste Atomwaffen einzusetzen, entzieht sich ohnedies bereits jeglichem Vorstellungsvermögen. Wenn aber die wenigstens formale Gleichbehandlung der Nationen nicht einmal mehr als Vorstellung existiert, wird das Unvorstellbare vorstellbar. Doch es gibt da auch eine Tendenz zur Verselbständigung der öffentlichen von der veröffentlichten Meinung. Laut unabhängiger Meinung kann ein atomarer Erstschlag nur ein Massenvernichtungskrieg und kein präventiver Krieg zur Verhinderung von Massenvernichtung sein.

 
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Ausdruck erstellt am 27.01.2003 um 08:57:58 Uhr

 
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