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Regionen und Länder

Aus der Tageszeitung "Junge Welt" (jW). Hier Interview mit Andreas von Bülow, ehemaliger Staatssekretär im Verteidigungsministerium (1976-1980) und Bundesforschungsminister (1980-82), Mitglied der SPD.

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08.02.2003
 
Interview
Interview: Jürgen Elsässer
 
US-Rambo auf der Münchner NATO-Konferenz: Was weiß Rumsfeld über den 11. September?
 
jW sprach mit Andreas von Bülow (SPD), von 1976 bis 1980 Staatssekretär im Verteidigungsministerium und von 1980 bis 1982 Bundesforschungsminister
 
F: Dieses Wochenende kommt US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zur NATO-Sicherheitskonferenz nach München. Was hätten Sie ihm zu sagen?

Er ist für mich mindestens seit dem 11.September 2001 der größte Versager in der US-Politik. Warum sind keine Kampfflugzeuge aufgestiegen, um die angeblich entführten Todesmaschinen mit Überschallgeschwindigkeit anzufliegen und vom Kurs abzubringen? Warum konnte etwa die Maschine American Airlines 77, nachdem das World Trade Center von zwei Flugzeugen getroffen worden war, noch geschlagene 40 Minuten ihren Flug fortsetzen und sich dann um 9.43 Uhr aufs Pentagon stürzen, obwohl sich rund um Washington ein Kranz von Militärflughäfen und Luftabwehrstellungen befindet, die die Hauptstadt und Regierungseinrichtungen wie das Pentagon schützen sollen? Rumsfeld hatte die Befehlsgewalt über die Luftabwehr, die Verfahren waren exakt festgelegt. Entweder er hat an diesem Tag vollkommen versagt, oder er wußte bereits, daß das »Pearl Harbour« dieses Jahrhunderts in der Mache war. In beiden Fällen müßte er als Verteidigungsminister den Hut nehmen.

F: Rumsfeld war der erste, der nach der Attacke auf das Pentagon die Version in die Welt setzte, es habe sich wahrscheinlich um einen Flugzeugangriff gehandelt.

Er hat das in die Welt gesetzt. Und bedenken Sie: Bis heute sind im Pentagon und drumherum keine Flugzeugtrümmer gefunden worden. Und die Öffnung, durch die sich das Objekt ins Pentagon gebohrt hat, ist viel zu klein für eine Linienmaschine diesen Typs. Zumindest Teile der Tragflächen müßten folglich zu finden sein. Aber nichts. War es überhaupt eine Linienmaschine? Ich will mich gar nicht zu den Details der Pentagon-Zerstörung äußern, ich habe nämlich keine Inspektion vor Ort vornehmen können. Ich stelle nur fest, daß seltsamerweise die US-Regierung bis heute noch keinen überprüfbaren Untersuchungsbericht vorgelegt hat, und das bei einem Verbrechen von diesen gewaltigen Dimensionen, das den Krieg gegen potentiell 60 Terror stützende Staaten nach sich ziehen könnte. Es wurde zwar ein Untersuchungsausschuß eingesetzt, aber der erste Vorsitzende Henry Kissinger ist wohlweislich wegen Befangenheit zurückgetreten, desgleichen sein Stellvertreter. Und der derzeitige Nachfolger soll auch seine Geschäfte mit den Bin Ladens gemacht haben.

Rumsfeld hat auch die Mär von den angeblichen Entführern in die Welt gesetzt, die allein mit Plastikmessern bewaffnet ehemalige Kampfjetpiloten, die Mannschaft und die Passagiere in vier Maschinen überwältigt haben sollen. Letztes Jahr ist er mit der Idee hervorgertreten, unter seiner Amtshoheit ein weiteres Amt zur weltweiten Desinformation einzurichten. Als dann in der Öffentlichkeit und sogar im Kongreß Empörung aufkam, hat er in seiner rüpeligen Art gehöhnt, er verzichte auf Extra-Amt und Namen, gemacht werde die Sache dennoch. Jetzt kommandiert er eine Abteilung beamteter Lügenbeutel!

F: Vor zwei Wochen hat Rumsfeld über das »alte Europa« gespottet, nun Deutschland in eine Reihe mit Kuba und Libyen gestellt.

Rumsfeld ist bekannt für seine Tölpeleien. Er will beleidigen, und die US-Medien sind dann auch ganz begeistert von ihm. Auf deutsch gesagt: Er wollte Schröder vor den Koffer scheißen.

F: Die Unionsparteien kritisieren Rumsfelds Wortwahl, aber geben ihm in der Sache Recht: Schröder habe Antiamerikanismus verbreitet, da dürfe er sich über Kritik aus Washington nicht wundern.

Das teile ich überhaupt nicht. Das Volk will keinen Krieg, und das spricht Schröder aus. Das ist doch das Wesen der Demokratie, daß die Regierenden die Meinung des Volkes vertreten. Und in diesem Fall geht es nicht nur um das deutsche Volk, sondern um die Meinung aller Völker auf der Welt, auch das Volk der USA dürfte in seiner Mehrheit den Krieg ablehnen.

F: Zur Freude Saddams, eines gefährlichen Diktators?

Er mag ein Diktator sein, aber die USA haben ihn doch selbst gehätschelt. In den achtziger Jahren hat er von dort Giftgas, Anthrax, Milzbrandbakterien bekommen. Rumsfeld selbst war im Auftrag Präsident Reagans 1983 und 1984 in Bagdad. Die USA haben Saddam angeblich im Interesse der gemäßigten Regime des Nahen Ostens regelrecht in den Krieg gegen den Iran gehetzt und dann beide Seiten so mit Waffen und Satellitenfotos beliefert, daß keiner gewinnen konnte. Die Schwächung beider war das amerikanische wie israelische Ziel. 1990 haben sie ihn vom Angriff gegen Kuwait ausdrücklich nicht abgehalten.

F: Schröder lehnt eine deutsche Kriegsbeteiligung ab, aber erlaubt den USA die Benutzung ihrer Basen in Deutschland für den Nachschub. Ein Widerspruch?

Kann Deutschland der einzig verbliebenen Supermacht auf der Welt die Nutzung ihrer Stützpunkte versagen? Damit würde Schröder Bush ganz offen den Fehdehandschuh hinwerfen. Das wäre nicht weise, und deswegen teile ich das vorsichtige Vorgehen des Kanzlers. Die Hauptsache ist, daß Deutschland und hoffentlich auch die Mehrzahl der Europäer sich nicht mit eigenen Truppen am Krieg beteiligt.

Ich kenne aus der Vergangenheit nur einen Fall, bei dem Überflugrechte verweigert wurden. Das war 1986, als Präsident Reagan in Vergeltung des angeblich von Ghaddafi befohlenen Terroranschlages auf die Westberliner Disco »La Belle« die Air Force nach Libyen schickte, um Ghaddafi zu ermorden. Frankreich hat sich diesem Mordkomplott verweigert und den in England startenden US-Bombern keine Überflugrechte gewährt. Ganz zufällig wurde dann beim Angriff auf Tripolis auch die dortige französische Botschaft zerstört.

F: Unter die Kritiker der USA mischen sich auch zwielichtige Gestalten von rechts. So warf etwa der CSU-Bundestagsabgeordnete Bernd Posselt Rumsfeld »neokolonialistisches Verhalten« vor. Dabei verhält sich Posselt als Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft gegenüber Tschechien selbst neokolonialistisch.

Ich kenne den Mann nicht. Augenblicklich geht es um etwas ganz anderes: In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob zur Rechtfertigung eines US-geführten Krieges die Wahrheit vor unser aller Augen geradezu erwürgt und Europa zum totalen Vasallen der USA umgestaltet wird. Washington will ja nicht nur Krieg gegen den Irak führen, danach sind der Iran und Saudi-Arabien dran. Es geht den USA offensichtlich um die Neuordnung der gesamten Region, letztlich geopolitisch um die Absicherung eines weiteren amerikanischen Jahrhunderts mit Zugriff auf die Rohstoffe. Wenn die USA mit der Aggression gegen den Irak durchkommen, gibt es kein Halten mehr, dann werden die Hiwis Europas dienstverpflichtet.

F: Und deswegen kann man über Ambitionen wie die von Posselt hinwegsehen, die mit Antiamerikanismus von ihren eigenen revanchistischen Zielen ablenken?

Die USA setzen jetzt auf Großbritannien, Polen, Spanien und das Italien Berlusconis und nicht auf Deutschland und Frankreich. In seinem Buch »Die einzige Weltmacht« schreibt Zbigniew Brzezinski, der ehemalige Sicherheitsberater von Präsident Carter und Stratege der CIA-Operationen in Afghanistan in den achtziger Jahren, daß die USA zur Sicherung ihrer Weltherrschaft unbedingt in Eurasien die Herausbildung einer regionalen Gegenmacht verhindern müßten. Wer Eurasien beherrscht, beherrscht die Welt, ist sein Credo. Das richtet sich gegen Deutschland, Frankreich und Rußland. Sudetendeutsche Ambitionen sind in diesem Zusammenhang für die CIA nur von Interesse, als damit Tschechien und Deutschland bei Bedarf gegeneinander in Erregung versetzt werden können. Da wäre der Herr von der CSU dann ein kleiner Bauer in einem etwas größeren Spiel.
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Zuletzt geändert: 09.07.2006