Logo der DFG-VK Initiative Bundeswehr abschaffen
Broschüren/Artikel    Regionen/Länder    NATO/EU    Öffentliche Meinungen   
 

Regionen und Länder

Wird Bagdad zum Grosny der USA?
Unabhängige Militärexperten befürchten im Kampf um die Stadt große Verluste 
 
Von Rainer Rupp 
 
Verwöhnt durch Siege ohne nennenswerte eigene Verluste, zeigte sich die Bush-Regierung auch diesmal zuversichtlich. Nach offizieller Lesart erwartete man nach wenigen Tagen Krieg den Einmarsch der siegreichen Truppen, die in den Straßen des »befreiten« Bagdads von jubelnden irakischen Massen begrüßt werden.
Dieser Wunschvorstellung gab der Stratege Immanuel Wallerstein, der an der renommierten Universität Yale lehrt, jedoch nur eine Chance von 5 Prozent. Auch der private Nachrichtendienst für Großunternehmen, Stratfor, rechnete damit, dass sich die Iraker aufgrund der USA-Invasion eher um Saddam Hussein scharen und die anrückenden Truppen bekämpfen würden als sie zu bejubeln. Das Resultat könnte ein langer, aufreibender, für beide Seiten blutiger Krieg werden – insbesondere, wenn der hauptsächlich in den großen Städten geführt wird.
Genau darauf aber scheinen die Verteidigungsvorbereitungen der Iraker abzuzielen: Während man das gegen die absolute Luftüberlegenheit der USA nur schwer zu verteidigende flache Land nahezu kampflos preisgibt, will man die US-Amerikaner in den Fleischwolf der Häuser- und Straßenkämpfe hineinziehen.
Daher scheint auch das Weiße Haus vorsichtiger geworden zu sein. Schon in seiner Kriegsrede an die Nation bereitete Präsident Bush die Bevölkerung »auf den Verlust von Leben vor«. Der Krieg könne länger dauern als erwartet. Bush wog diese Verluste aber »gegen die Bedeutung der Entwaffnung Saddam Husseins zum Schutze des Friedens« auf.
Im Häuserkampf, wo Sprengfallen oder Scharfschützen überall warten können, wäre die technologische Überlegenheit der US-Army weniger bedeutend – insbesondere wenn die USA-Soldaten aus Furcht vor chemischen oder biologischen Kampfstoffen in ihren Schutzanzügen kämpfen müssten. Zugleich müssten die in Straßenkämpfe verwickelten Truppen weitgehend auf die gewohnte Luftunterstützung durch niedrig fliegende Jets oder Kampfhubschrauber verzichten: Die Gefahr des »friendly fire«, des Beschusses der eigenen Leute, wäre zu groß.
USA-General Joseph Hoar, ehemaliger Oberbefehlshaber des für die Golf-Region zuständigen »Central Command«, befürchtete, dass im Kampf um die irakischen Städte »alle unsere technologischen Vorteile in Bezug auf Kommando und Kontrolle von Operationen, Mobilität und all die anderen Sachen (die der US-Army die Überlegenheit sichern – d.A.) zumindest teilweise aufgegeben werden«.
Von einem kürzlich zu den Kurden im Norden desertierten irakischer Offizier weiß man, dass die irakische Armee in kleinen Gruppen in und vor den größeren Städten Stellung bezogen hat. Panzer und Kanonen seien in Unterständen und Hallen des Straßengewirrs von Bagdad versteckt, wo sie darauf warten, im Straßenkampf überraschend gegen die vorrückenden USA-Soldaten eingesetzt zu werden. Die irakische Führung erwartete demnach, dass sie weniger als 10 Prozent ihrer derart aufgeteilten und versteckten Soldaten und Geräte durch Luftschläge verlieren wird.
Daher befürchten unabhängige USA-Militärexperten insbesondere im Kampf um Bagdad Tausende von getöteten Soldaten, zumal vier der sechs irakischen Elitedivisionen, der auf Saddam Hussein eingeschworenen Republikanischen Garde, mit der Verteidigung der Innenbezirke Bagdads beauftragt sind. »Wer jedoch das Regime wechseln will, der muss nach Bagdad hinein und dort werden die Verluste groß sein«, prophezeit Terrence Hopmann, Direktor des Watson Institute.
Bisweilen wird die Schlacht, die 1994 in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny tobte, als Beispiel herangezogen. Damals fügten etwa 1200 schlecht ausgerüstete Kämpfer der technologisch hoch überlegenen russischen Streitmacht von 30000 Mann empfindliche Verluste zu. Grosny zählte damals einige hunderttausend Einwohner, während Bagdad eine Stadt von 5 Millionen ist. Ginge es nach Saddam Hussein, würde Bagdad zum Stalingrad der USA-Armee. Michael O'Hanlan, Militärexperte der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution, erwartet denn auch allein im Kampf mit der Republikanischen Garde bis zu 5000 Tote bei den Einheiten der USA. »Viele, viele Tausende« tote USA-Soldaten befürchtet auch sein Kollege Jack Jacobs vom Nachrichtensender NBC, ein ehemaliger Oberst. Und Senator Gary Hart warnte gar, dass Widerstand der Iraker in den großen Städten zu möglicherweise astronomischen Verlusten von 50000 bis 100000 Mann führen könnte.

(Neues Deutschland 25.03.03)

Druckansicht
Broschüren/Artikel    Regionen/Länder    NATO/EU    Öffentliche Meinungen   
 
Logo der DFG-VK Initiative Bundeswehr abschaffen
Zuletzt geändert: 09.07.2006