Regionen und Länder
junge Welt vom 26.03.2003
 
Titel

US-Army steckt fest

Irak-Invasoren beginnen Suche nach Schuldigen für Fehlschläge

Rainer Rupp
 
Die »Operation Irakische Freiheit« sei »Teil des Krieges gegen den Terrorismus«, erklärte der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz am Montag und fügte hinzu: »Das ist ein globaler Krieg und der wird noch eine ganze Weile dauern«. Der militärische Einfall der USA in den Irak läuft allerdings nicht so, wie es sich die Planer vorgestellt hatten. In den USA und Großbritannien begann bereits die Suche nach den Schuldigen. Zunächst wurden von offizieller Seite jedoch andere Länder für die militärischen Rückschläge gegen einen weit unterlegenen Gegner verantwortlich gemacht.

 

Am Montag verschlechterten sich die gespannten Beziehungen zwischen Rußland und den USA radikal, nachdem der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, Moskau vorgeworfen hatte, Irak mit Militärgütern zu beliefern. Fleischer behauptete, Washington habe »glaubhafte Beweise« dafür, daß russische Firmen Irak u.a. mit GPS-Störsendern beliefert haben. Mit ihnen könnten die satellitengesteuerten, angeblich punktgenauen US-Raketen und Bomben abgelenkt werden. US-Medien regen sich außerdem darüber auf, daß es eine Rakete vom Typ Seersucker aus chinesischer Produktion war, die letzte Woche das US-Camp Commando in Kuwait nur knapp verfehlte.

 

Die Krisensitzung der Arabischen Liga in Kairo ging am Montag praktisch ergebnislos zu Ende. In einer Resolution wurde eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrats verlangt, die von Moskau bereits in der vergangenen Woche beantragt worden war.

 

Während die US-Bombardements angeblicher Regierungs- und Verteidigungsanlagen in den größeren irakischen Städten anhalten, ist zumindest in Bagdad durch unabhängige Fernsehbilder offensichtlich geworden, daß zunehmend auch zivile Wohnbereiche zerstört werden. In einem Gewaltmarsch durch die Wüste unter Umgehung aller Dörfer und Städte war am Montag eine von insgesamt drei auf Bagdad vorstoßenden, gepanzerten US-Kolonnen bis auf hundert Kilometer vor die Tore der irakischen Hauptstadt gekommen. Die beiden anderen werden durch erbitterten Widerstand irakischer Einheiten in den Dörfern und Städten auf dem Weg nach Bagdad aufgehalten. Dabei gab es nach Angaben des US-Militärs in den vergangenen beiden Tagen auf irakischer Seite 500 Tote. Ein Korrespondent der französischen Nachrichtenagentur AFP berichtete am Dienstag, er habe im Norden der heftig umkämpften südirakischen Stadt Nassarijah über 100 Leichen gesehen.

 

Der schnelle Vorstoß der Amerikaner ohne Sicherung des Hinterlandes hat bereits lange Versorgungswege geschaffen, die für Guerillaangriffe besonders verletzlich sind. Die Fehlkalkulation der US-Strategen kostete die Aggressoren Dutzende Tote und Verwundete. Statt ihre Waffen wegzuwerfen, kämpfen die Iraker, lassen sich aber nicht in offener Feldschlacht von einem zahlenmäßig und technologisch haushoch überlegenen Gegner abschlachten. Sie stellen den Eindringlingen Fallen oder greifen deren entblößte Versorgungslinien an. Selbst die seit Kriegsbeginn umkämpfte, unmittelbar an der Grenze zu Kuwait im Südirak liegende Hafenstadt Umm Kasr scheint für die verbündeten Aggressoren immer noch nicht sicher.

 

Die Art der Kriegsberichterstattung in den Medien verhindert, daß das Ausmaß der durch den US-Überfall verursachten, sich rapide zuspitzenden humanitären Katastrophe ins Bewußtsein der Weltöffentlichkeit dringt. Die irakische Regierung appellierte am Dienstag an die Vereinten Nationen, ihre humanitäre Hilfe für die Bevölkerung des Landes wiederaufzunehmen. Bagdad warf Amerikanern und Briten vor, die Hilfslieferungen aus dem Programm »Öl für Lebensmittel« seit Beginn des Krieges zu verhindern. Schwere Vorwürfe wurden auch gegen Jordanien erhoben, das unter US-Druck keine Hilfslieferungen durchlasse.

 

In der fast zwei Millionen Menschen zählenden schiitisch dominierten Großstadt Basra im Süden des Irak ist seit vergangenem Freitag durch den Beschuß der »Befreier« die Wasser- und Stromversorgung ausgefallen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verlangte daher von den verbündeten Aggressoren, daß Reparaturtechniker Zugang zu den Anlagen der Wasserversorgung erhalten. Weil sich aber Basra nicht ergibt, erklärten die menschenrechtlich stets besorgten westlichen Invasoren die Großstadt inzwischen zum »legitimen Kriegsziel«.

 

Auch dies ist ein weiterer Beleg dafür, daß der Krieg völlig anders verläuft als in den Planungen der westlichen Kriegsherren vorgesehen. Sie sind deshalb auch bereit, eine Großstadt zum Schlachtfeld zu machen – ein Vorgeschmack auf den von Wolfowitz verkündeten langen, globalen Krieg für »Demokratie und Menschenrechte« nach US-Art.

 

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