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Regionen und Länder

junge Welt vom 27.03.2003

 

Ausland

Die Pläne und die Realität

Der aktuelle Kriegsverlauf im Irak aus der Sicht der russischen Aufklärung

Rainer Rupp

 

* Angeblich geht »alles nach Plan«. Von den britischen und US- amerikanischen Rückschlägen erfährt man jedoch wenig. Am wenigsten von den sogenannten »eingebetteten« Journalisten der britisch-amerikanischen Propagandamedien, die mit den Truppen der Aggressoren vorgehen und deren Berichte zudem der Militärzensur unterliegen. In den Nachrichtensendern werden aus Mangel an echten Nachrichten die gleichen Beiträge wiederholt. Um hier Abhilfe zu schaffen, hat eine Gruppe russischer Militärexperten mit Zugang zu Geheimdienstinformationen aus der russischen Fernaufklärung Einblick in aktuelle Nachrichten und Analysen zum Irak-Krieg gewährt. Darüber, ob dies mit stillschweigender Duldung oder aktiver Unterstützung der russischen Regierung geschieht, die so vor der internationalen Öffentlichkeit die amerikanischen Fehler und Verluste enthüllen will, darf spekuliert werden. Nachfolgend die Lage im Irak, wie sie sich aus russischer Sicht am 25.März 2003 (GMT plus 3 Stunden) darstellte: Am Morgen des 25. März blieb die Lage an den irakischen Fronten ruhig. Beide Seiten bereiten sich aktiv auf weitere Zusammenstöße vor. Die vom Kampf erschöpfte 3. Motorisierte Infanteriedivision der Amerikaner wird derzeit mit frischen, aus Kuwait herangeführten Einheiten verstärkt. Die Truppen haben den Befehl, innerhalb von zwei Tagen die (bisher heiß umkämpfte) Stadt An-Nasiriya einzunehmen. Die Iraker haben ihre Kräfte durch etliche Artillerie-Bataillone und eine große Menge von panzerbrechenden Waffen verstärkt. Außerdem sind die Iraker dabei, die Zufahrtswege zu ihren Positionen zu verminen. Allerdings finden wegen des Sandsturms derzeit so gut wie keine Gefechte statt. Dem Wetterbericht zufolge wird sich der Sturm frühestens am Nachmittag legen. Aufgrund aufgefangener Funksprüche ist davon auszugehen, daß der Vormarsch der Koalitionstruppen nach dem Ende des Sturms in der Nacht vom 26. zum 27. März fortgesetzt wird. Das Kommando der Koalition glaubt, mit einem Nachtangriff das Überraschungselement auf seiner Seite zu haben und zugleich von ihrer Spezialausrüstung für den Nachtkampf zu profitieren. In den letzten zehn Stunden hat es keine Berichte von Verlusten bei Gefechten geben. Dennoch gibt es Informationen über zwei durch Landminen zerstörte Kampffahrzeuge der Koalition. Drei US-Soldaten wurden dabei verwundet. Der Stellungskrieg bei Basra geht weiter. Die Kräfte der Koalition in diesem Gebiet reichen deutlich nicht aus, den Angriff fortzuführen, und der Hauptteil der Angriffe wird von Luftwaffe und Artillerie vorgetragen. Die Stadt steht unter ständigem Beschuß, aber bisher wurde die Kampfbereitschaft der irakischen Einheiten dadurch so gut wie nicht beeinträchtigt. So hat z.B. letzte Nacht ein mit Panzern verstärktes irakisches Bataillon in der Nähe des Flughafens von Basra die Positionen der Koalition umgangen und die Koalitionstruppen von der Flanke angegriffen. Im Ergebnis dieses Angriffs wurden die US-Truppen um 1,5 bis zwei Kilometer zurückgeworfen, wodurch der Flughafen und die umliegenden Gebäude wieder in die Hände der Iraker fielen. Zwei (amerikanische) Schützenpanzer und ein Panzer wurden dabei zerstört. Der Funkaufklärung zufolge wurden dabei auch mindestens zwei US-Soldaten getötet und mindestens sechs verletzt. Der Koalition ist es immer noch nicht gelungen, das kleine Städtchen Umm Kasr komplett einzunehmen. Gestern nacht (24. März) kontrollierten Einheiten der Koalition lediglich die strategisch wichtigen Straßen durch das Städtchen, aber in den Wohnvierteln dauerten heftige Kämpfe an. Mindestens zwei britische Soldaten wurden in den letzten 24 Stunden in Umm Kasr von Scharfschützen getötet. Das Kommando der Koalition ist wegen der zunehmenden Widerstandsbewegung hinter den vorrückenden eigenen Truppen außerordentlich besorgt. Bei einer Beratung des Kommandeure der Koalition wurde berichtet, daß bis zu 20 irakische Aufklärungseinheiten hinter den Linien der Koalition aktiv sind. Die Iraker greifen leicht bewaffnete Versorgungseinheiten an, legen Landminen und erfüllen Aufklärungsfunktionen. Außerdem befinden sich auch in den eingenommenen irakischen Dörfern bewaffnete Widerstandskämpfer, die für das irakische Oberkommando Feindaufklärung betreiben und (mit ihren Kenntnissen der Lokalität) Angriffe gegen Koalitionstruppen organisieren. Während der letzten 24 Stunden hat die Koalition auf diese Weise mindesten 30 Ketten- und Panzerfahrzeuge verloren. Sieben Koalitionssoldaten werden vermißt, drei wurden getötet und zehn verwundet. Der Koalitionskommandeur General Tommy Franks hat den Befehl gegeben, das Hinterland der Koalitionskräfte so schnell wie möglich von allen irakischen Truppen und Partisanen zu säubern. Dafür ist die britische Seite verantwortlich. Eine Einheit des 22. SAS-Regiments (Special Air Service – UK-Eliteeinheit), unterstützt von der 1., 5. und 10. US-Special Operations Group, ist mit dieser Aufgabe betraut. Jede Gruppe hat bis zu zwölf Einheiten von je zwölf bis 15 Soldaten. In allen Einheiten befinden sich einige asiatisch- oder arabischstämmige Amerikaner. Außerdem verfügen die Gruppen über (irakische) Führer bzw. Übersetzer aus dem Pool der irakischen Kollaborateure, die in Spezialzentren in der Tschechischen Republik und in Großbritannien für diese Aufgabe ausgebildet worden sind. Der Sandsturm hat sich jedoch als Hauptfeind für die amerikanische Ausrüstung gezeigt. Allein bei der 3. Infanteriedivision sind über 100 Fahrzeuge liegengeblieben, was die Kommandeure sehr beunruhigt. Die Reparaturmannschaften arbeiten rund um die Uhr. Ohnehin sind die M1-A2 Abrams- Panzer nicht für die Zuverlässigkeit ihrer Motoren bekannt. Aber die Vielzahl der liegengebliebenen Panzer ist zu einem echten Problem für die Panzerbesatzungen geworden. Im Norden sind alle Versuche der US-Luftlandetruppen gescheitert, die Stadt Kirkuk einzunehmen. Die Amerikaner hatten auf die Unterstützung der Kurden gezählt, aber die haben sich inzwischen geweigert, beim Angriff eine direkte Rolle zu spielen und statt dessen von den Amerikanern Garantien zur Verhinderung einer türkischen Invasion verlangt. Ihrerseits vermeiden die Türken, irgendein Versprechen abzugeben. Zudem wird die Lage bei Kirkuk für die Amerikaner durch den Mangel an schweren Waffen erschwert. Luftunterstützung allein ist eindeutig nicht ausreichend. Alles deutet darauf hin, daß die USA nicht dazu in der Lage sind, in diesem Gebiet eine schlagkräftige Kampftruppe aufzustellen. Der Satellitenaufklärung zufolge scheint es, als ob es den Irakern gelungen ist, den (hochmodernen) Apache Longbow US-Kampfhubschrauber vom 11. Aviation Regiment zu bergen, der ihnen (samt Bewaffnung) unbeschadet in die Hände gefallen ist. Auch ein US-Bombenangriff (zur Zerstörung des Hubschraubers) war scheinbar vergeblich. Die herumliegenden Teile deuten darauf hin, daß die US-Bomben lediglich eine von den Irakern schnell gezimmerte Attrappe getroffen haben. Auch die Bombardierung Bagdads hat bisher nicht die gewünschten Resultate gebracht. Alle vor dem Krieg festgelegten Ziele sind zwischen drei- bis siebenmal getroffen worden, aber das hatte so gut wie keinen Einfluß auf die Kampfbereitschaft der irakischen Armee.

 

———————-- Adresse: www.jungewelt.de/2003/03-27/005.php Ausdruck erstellt am 27.03.2003 um 10:48:37 Uhr

 

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Zuletzt geändert: 09.07.2006