Regionen und Länder

Irak-Post von Sergeant Talbott
Leserbrief gegen die Propaganda-Kampagne des Pentagon 
 
Von Rainer Rupp 
 
»Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, weshalb ich mich verarscht fühle«, schreibt US-Sergeant Garth Talbott aus Irak an seine Heimatzeitung »Chico News & Review«, die den Brief am Mittwoch veröffentlichte.

Was mag Unteroffizier Talbott getrieben haben, an die Öffentlichkeit zu gehen? Mut, Verzweiflung oder beides? In seinem Brief hinterfragt er nicht nur »die ständig neuen Kriegsgründe«, die von der Bush-Regierung vorgeschoben wurden, sondern er wirft dem Präsidenten als Oberbefehlshaber auch indirekt vor, die Armee missbraucht zu haben. »Zuerst hieß der Kriegsgrund, Irak habe Terroristen finanziert«, schreibt Sergeant Talbott und fragt: »Aber warum haben wir dann nicht auch gleich Saudi-Arabien und Syrien fertig gemacht? Und warum sind dann plötzlich die Massenvernichtungswaffen in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit gerückt? Wenn die Massenvernichtungswaffen tatsächlich der Grund waren, warum haben wir im Irak zuerst die Ölfelder gesichert und nicht die Nuklearanlagen? Und warum wird jetzt die Befreiung der irakischen Bevölkerung als Kriegsgrund angeführt?« Es müsse sich doch jeder wundern, weshalb es keinen wirklich gleich bleibenden Grund für den Krieg gab, so Talbott, der nach seinen eigenen Worten nur auf die US-Soldatenzeitung »The Stars and Stripes« und einige Erotik-Magazine als Informationsquelle zurückgreifen kann.
Talbotts Leserbrief unterscheidet sich durch seine Ehrlichkeit gründlich von den Hunderten, die kürzlich in einer koordinierten Aktion an die Leserbriefredaktionen von Regionalzeitungen in den USA gegangen waren. In diesen Briefen schwärmten die angeblichen Autoren in Uniform davon, wie schön es sei, »inmitten der Iraker zu leben«, wo die Kinder »uns in ihrem gebrochenen Englisch Thank you, Mister zurufen«. Dafür, dass sie jetzt »alles über Demokratie lernen«, seien die Iraker sehr dankbar, und »selbst nach fünf Monaten kommen die Leute immer noch aus ihren Häusern in die sengende Hitze von 50 Grad gelaufen, um unseren Truppen auf ihren täglichen Kontrollfahrten zuzuwinken«, heißt es weiter in den Schreiben, die bereits in mindestens 13 Regionalzeitungen veröffentlicht worden waren, bevor man entdeckte, dass sie lediglich eine andere Unterschrift trugen, aber ansonsten identisch waren.
Oberstleutnant Dominic Caraccilo, in der 173. US-Luftlandebrigade im nordirakischen Kirkuk zuständig für »gute Nachrichten« aus dem Kampfgebiet, hatte insgesamt 500 solcher Briefe von seinen Soldaten »freiwillig« unterschreiben und an Zeitungen ihrer Heimatregion verschicken lassen. Der Schwindel deckt sich zeitlich mit der Kampagne des Weißen Hauses, dass die Lage in Irak viel besser sei, als von den Medien dargestellt.
Sergeant Talbott allerdings schreibt: »Was mir aber bei dieser ganzen Kriegssituation wirklich stinkt, ist die Tatsache, dass unser Oberbefehlshaber Präsident Bush versprochen hat, die US-Kampftruppen würden nicht länger als sechs Monate in Irak sein«. Besonders verärgert scheint er auch darüber zu sein, dass die Bush-Regierung den Kriegsveteranen und Verwundeten die Versorgungsleistungen gekürzt hat. »In meiner Kompanie gibt’s einen Jungen, der im Kampf für die Ziele unseres Obersten Befehlshabers sein Bein bis zum Knie, sein Augenlicht und einen Teil seines Gesichts verloren hat. Und nun geht dieser selbe Mann (Präsident Bush, d.A.), der für die Verstümmlung und Verkrüpplung dieses Jungen verantwortlich ist, eines Jungen, der legal nicht mal alt genug ist, um Alkohol zu kaufen – dieser selbe Mann geht hin und reduziert die Ansprüche auf Unterstützung und Entschädigung.«
Ebenso verärgert zeigt sich Sergeant Talbott darüber, dass er in gefährlicher Arbeit Waffen und Munition der irakischen Armee entsorgen musste, die eindeutig US-amerikanischer Herkunft waren. Am Ende seines Briefes schreibt er desillusioniert und voller Zynismus, dass er in der Soldatenzeitung »Stars and Stripes« ein Foto von einer Tankstelle in den USA gesehen habe, aus dem hervorgehe, dass dort die Gallone Benzin nun für den für US-amerikanische Verhältnisse hohen Preis von 2,07 Dollar verkauft wird. »Haben wir nicht die Ölfelder gesichert?«, fragt er. »Können wir jetzt nicht an der OPEC vorbei agieren? Können wir nicht inmitten all der Täuschungen, Halbwahrheiten und dicken Lügen mal eine Pause der Ehrlichkeit haben? Wenn wir schon für einen Grund kämpfen, der nicht bekannt ist und dabei mit Waffen beschossen werden, die wir geliefert haben, und dabei auch noch um unsere Entschädigungen beschissen werden, dann – um Gottes Willen – gebt uns doch wenigstens etwas Konkretes, damit wir sagen können, wir haben dafür gekämpft – selbst wenn es so was Triviales ist wie 98 Cent für eine Gallone Benzin«. Als P.S. schrieb Sergeant Talbott: »Falls es noch nicht klar ist, eine Menge Leute hier drüben sind verdammt verbittert, und das aus gutem Grund.«

(ND 31.10.03)