Regionen und Länder: Israel/Palästina Zwölf Jahre später

27.10.2007

Von Uri Avnery
Übersetzt von Ellen Rohlfs und Christoph Glanz
http://www.uri-avnery.de/magazin/artikel.php?artikel=393&type=&menuid=4&topmenu=4

DER PRÄSIDENT der Knesset lud mich ein, an einer besonderen Knessetsitzung teilzunehmen, die dem Gedenken des 12. Jahrestages der Ermordung Yitzhak Rabins gewidmet sein sollte.

Ich kämpfte mit mir selbst, ob ich diese Einladung annehmen sollte.

Einerseits wollte ich den Menschen, und das, was er in seinen letzten Jahren erreicht hatte, ehren. Ich mochte ihn.

Andrerseits hatte ich nicht den Wunsch, die Lobreden von Shimon Peres anzuhören, von dem Mann also, der vorgab, auf Rabins Weg weiterzugehen – der dann aber das Oslo-Abkommen aus reiner Feigheit begrub. Noch weniger wollte ich mir die Lobhudelei von Ehud Olmert anhören, einem der Leute, der die Hetzkampagne gegen das Oslo-Abkommen und ihre Initiatoren anführte. Und am wenigsten wollte ich die „Lobrede“ eines Binyamin Netanyahu anhören, der auf dem Balkon stand, während unter ihm loyale Demonstranten Plakate zur Schau trugen, die Rabin in SS-Uniform zeigten.

AM ENDE ENTSCHIED ich mich, fern zu bleiben und nicht an dieser Orgie frömmelnder Heuchelei teilzunehmen. Ich ging nicht zur Knesset. Stattdessen saß ich zu Hause, schaute aufs Meer hinaus und dachte über diesen Menschen nach.

Über den jungen Yitzhak Rabin, der sich der Palmach anschloss ( die „reguläre“ Truppe vor der Staatswerdung); den Kommandeur, der Araber im 1948er-Krieg aus ihren Häusern vertrieb; den Generalstabschef, der uns nach dem Sechstagekrieg dazu aufrief, die Toten des Feindes zu ehren; den Ministerpräsidenten, der für das Bildungswesen mehr tat als irgend einer seiner Vorgänger und Nachfolger; den Ministerpräsidenten, der mir erlaubte, meine geheimen Kontakte mit PLO-Führern fortzuführen, als dies noch ein schweres Verbrechen darstellte; den Verteidigungsminister, der die Soldaten dazu aufrief, „den Palästinensern die Arme und Beine zu brechen“,(einem Befehl, der dann auch genau so durchgeführt wurde); den Mann, der die PLO anerkannte und Yasser Arafat die Hand schüttelte.

Er war all dies – und diese Liste könnte weiter geführt werden.

Mehr als all dieses war er aber der typische Vertreter meiner Generation, der „Generation von 1948“. Und es war kein Zufall, dass diese nach einem Krieg definiert wurde. Es war die Ära der Unschuld. Die Unschuld der Kämpfer und des Yishuv (die hebräische Gesellschaft im vorstaatlichen Palästina). Im Rückblick erscheinen die Ereignisse jener Zeit – die Aktionen der Untergrundorganisationen, die Kriegsoperationen – in einem anderen Licht, es ist ein Bild mit viel Schatten. Es muss aber daran erinnert werden: als diese Ereignisse geschahen, sahen sie für uns ganz und gar anders aus.

Rabin personifizierte die Unschuld seiner Generation, die von ganzem Herzen glaubte, ihr Leben für eine gerechte Sache zu geben, gerechter als jede andere: für die Existenz des Yishuv, für die Rettung der Juden Europas, für den Kampf für nationale Unabhängigkeit.
Ohne diesen festen Glauben, verbunden mit totaler Ignoranz der andern Seite gegenüber, hätten wir die Bewährungsprobe von 1948 nicht bestanden – einer Bewährungsprobe, die einen bedeutenden Teil unserer Generation verletzt oder tot zurückließ.

Diese Generation idealisierte einen gewissen Persönlichkeitstyp: „Sabra“ genannt (wörtlich übersetzt: eine stachelige Pflanze), eine mythische Gestalt, die einen enormen Einfluss auf den Charakter dieser Generation hatte (ich selbst spielte bei der Pflege dieses Mythos eine gewisse Rolle). Der Sabra galt als aufrecht, physisch wie auch psychisch, frei von Komplexen der „Exil“-Juden („exilisch“ war der Ausdruck größter Beleidigung in unserm Wörterbuch). Der Sabra war ehrlich, wahrheitsliebend, praktisch, natürlich, jemand, der immer schnell zur Sache kommt, hohle Phrasen und theatralisches Getue verachtete, ein Verhalten, das wir umgangssprachlich „Zionismus“ nannten. Bevor wir etwas über den Holocaust wussten, wurden Exiljuden und alles, was mit ihnen verbunden war, mit Spott, ja mit Verachtung behandelt.

Ganz von alleine kam es zu einer klaren terminologischen Unterscheidung: gegenüber standen sich der „hebräische“ Yishuv und die „jüdische“ Religion, der „hebräische“ Kibbuz und das „jüdische“ Stedl (in der Diaspora), „hebräische“ Arbeit (wie im Namen der damalig herrschenden Gewerkschaft, der „Allgemeinen Organisation der hebräischen Arbeiter in Erez Israel“) und die „jüdischen“ Luftgeschäfte (Jiddisch für nebulöse Transaktionen), „hebräische“ Arbeiter und „jüdische“ Spekulanten.

Yizhak Rabin war der prototypische Sabra: ein hübscher junger Mann, der seine privaten Ambitionen zurückstellte (nämlich das Ingenieurstudium der Hydraulik), um der Nation zu dienen, um ein Kämpfer zu werden, um die Kämpfer zu kommandieren, um praktische Dinge zu vollbringen und die Diskussion über die Ideologie den alten Leuten zu überlassen.

Er war bekannt für seinen „analytischen Verstand“; denn er hatte die Fähigkeit, eine vorgegebene Situation zu analysieren und praktische Lösungen zu finden. Die andere Seite der Münze war der Mangel an Phantasie. Er löste reale Probleme, konnte sich aber keine andere Realität vorstellen. (Abba Eban, der ihn nicht ausstehen konnte, sagte mir in seiner boshaften Art: „Analyse bedeutet: aus einander nehmen. Rabin kann die Dinge aus einander nehmen – aber er kann sie nicht wieder zusammen setzen.“)

Er lebte zurückgezogen - vielleicht war er schüchtern, und er mied körperliche Nähe, wie Schulterklopfen und öffentliche Umarmungen. Zuweilen wurde er als „Autist“ bezeichnet. Aber er war nicht anmaßend, sicher nicht arrogant. Nach ein paar Gläsern Alkohol (immer Whiskey) öffnete er sich ein wenig, und bei Partys konnte er sogar lächeln, sein irgendwie schiefes Lächeln und wurde dabei ganz freundlich.

WENN ER 1970 gestorben wäre, hätten wir ihn nur als Soldaten in Erinnerung, als erfolgreichen Brigadekommandeur des 1948er-Krieges, als den besten Generalstabschef, den die israelische Armee je hatte, als den Architekten des unglaublichen Sieges des Sechstagekrieges. Aber das war nur ein Kapitel seines ereignisreichen Lebens. Dann geschah mit ihm etwas Seltsames: im Alter von 70 Jahren tat er etwas, wozu sogar 30-Jährige im allgemeinen nicht in der Lage sind: er änderte sein Weltbild vollkommen und wandte sich von Gewissheiten ab, die bis dahin sein Leben bestimmten.

Ich wurde Zeuge seiner erstaunlichen Veränderung. Als er 1969 als israelischer Botschafter in Washington war, sprachen wir das erste Mal über das palästinensische Problem. Er verwarf die Idee des Friedens mit den Palästinensern vollkommen. Ich erinnere mich noch an einen Satz, den er bei diesem Gespräch äußerte: „Es geht mir nicht um sichere Grenzen, ich will offene Grenzen.“ - im Hebräischen ein Wortspiel: ‚batuach’ bedeutet ‚sicher’, ‚patuach’ bedeutet ‚offen’ -. „Sichere Grenzen“ war zu jener Zeit der Slogan der Annexionisten. Rabin meinte eine offene Grenze zu Jordanien und sagte einmal: „Es ist mir egal, ob ich ein Visum brauche, wenn ich nach Hebron gehe.“

Danach trafen wir uns von Zeit zu Zeit – in seinem Büro, in der Residenz des Ministerpräsidenten, in seiner Privatwohnung und bei Partys – und immer wieder kamen wir auf das palästinensische Problem zu sprechen. Seine Haltung dazu blieb negativ.

Deshalb weiß ich, wie ungewöhnlich sein ideologischer Wandel war. Ich glaube nicht, dass ich es war, der ihn beeinflusste – höchstens habe ich dafür einige Samenkörner gestreut. Er selbst erklärte mir später, dass eine Reihe logischer Schlussfolgerungen zu dieser Wandlung führten: als er Verteidigungsminister war, traf er sich mit einigen lokalen palästinensischen Persönlichkeiten. In Gesprächen unter vier Augen waren sie zugänglich, doch wenn sie als Gruppe auftraten, waren sie hart und sagten ihm, dass sie die Anweisungen von der PLO entgegennahmen. Dann kam die Madrid-Konferenz. Israel gab dem Druck nach und war damit einverstanden, mit einer jordanischen Delegation zu verhandeln, die palästinensische Mitglieder einschloss. Einmal dort, weigerten sich die Jordanier, über das palästinensische Problem zu reden, und so wurden die palästinensischen Mitglieder praktisch eine unabhängige palästinensische Delegation. Faisal Husseini, ihr wirklicher Führer, durfte nicht in den Konferenzraum, weil er in Jerusalem lebte. Also ging die Delegation immer wieder einmal in den anderen Raum, um sich mit ihm abzusprechen, und am Ende jedes Tages erzählten sie den Israelis, dass sie mit Tunis telefonieren müssten, um Instruktionen von Yasser Arafat zu bekommen.

„Dies war für mich einfach zu lächerlich,“ sagte Rabin in seiner ehrlichen Weise zu mir. „Wenn alles irgendwie von Arafat abhängt, warum sollte man dann nicht mit ihm direkt verhandeln?“

Das war der Hintergrund zu Oslo.

WARUM LANDETE Rabins Oslo-Schiff auf einer Sandbank?

Ich glaube, dass Rabin an vielem selbst schuld war. Er wollte wirklich einen Frieden mit den Palästinensern erreichen. Aber er sah keinen Weg zu diesem Ziel, und er hatte kein klares Bild von diesem Ziel. Die Wende war zu schroff. Wie die israelische Gesellschaft im allgemeinen war er nicht in der Lage, sich selbst vom einen zum andern Tag von den Ängsten, dem Misstrauen, dem Aberglauben und den Vorurteilen zu befreien, die sich im Laufe von 120 Jahren des Konfliktes angesammelt hatten.

Deshalb vollbrachte er das eine Manöver nicht, das das Oslo-Schiff sicher im Hafen hätte landen lassen: den Schwung der Ereignisse auszunützen und Frieden mit einer kühnen und schnellen Maßnahme zu erlangen. Er kannte das berühmte Wort von David Lloyd-George nicht, das dieser äußerte, als es um den Frieden mit Irland ging: „Man kann einen Abgrund nicht mit zwei Sprüngen überqueren.“

Seine persönlichen Eigenschaften hatten keinen guten Einfluss auf den Prozess. Von Natur aus war er vorsichtig, langsam, und dramatische Gesten mochte er nicht (im Gegensatz zu Menachim Begin z.B.) Die Folge davon war die fatale Schwäche des Oslo-Abkommens: das Endziel war nicht ausgesprochen worden. Die beiden entscheidenden Wörter fehlten – „Palästinensischer Staat“ – sie kamen überhaupt nicht vor. Diese entscheidende Lücke musste zum Kollaps führen

Während beide Seiten Monate, ja, Jahre vergeudeten, um über jede einzelne Kleinigkeit der endlosen „Interim“-Schritte zu feilschen, hatten die Anti-Friedenskräfte in Israel Zeit, sich zu erholen und zu vereinen. Von den Siedlern und der Ultra-rechten angeführt, wurden sie durch den in einem langen Krieg erworbenen Hass und die Ängste genährt.

Militärisch ausgedrückt: Rabin war wie ein General, dem es gelungen war, eine Bresche in die Front zu schlagen – und statt seine Kräfte nun in die Bresche zu werfen und eine Entscheidung zu erzwingen, zögerte er und blieb stehen. So ließ er der Gegenseite Zeit, sich neu zu gruppieren und eine neue Front zu bilden. Mit anderen Worten: er schlug die Kriegskräfte in die Flucht, erlaubte ihnen aber, sich wieder zu vereinigen und einen Gegenangriff durchzuführen.

Dafür bezahlte er mit seinem Leben.

DER MORD an Rabin veränderte die Geschichte Israels, genau wie der Mord am österreichischen Thronfolger in Sarajewo 1914 die Geschichte der Welt veränderte.

Man sagt, keiner ist unersetzlich. Aber es wurde kein zweiter Rabin gefunden – keiner mit seiner Ehrlichkeit, keiner mit seinem Mut, keiner mit seinem logischen Verstand.

In dieser Woche erklärte Olmert, er schreite auf Rabins Weg fort; aber er vertritt genau das Gegenteil: er ist das Gegenteil von Ehrlichkeit, das Gegenteil von Mut, das Gegenteil von Logik (ganz abgesehen von seiner Neigung, die Leute zu umarmen und ihnen auf die Schulter zu klopfen).

Rabin wollte wirklich in Richtung Frieden Fortschritte machen. Ganz langsam, mit viel hartnäckigem Feilschen, aber auch mit Konsequenz und Beharrlichkeit. Olmerts Ziele sind völlig anders. Er wünscht einen „Friedensprozess“, der kein Ende hat – Reden, Treffen, Konferenzen, ohne dass sich etwas bewegt. Währenddessen geht die Besatzung weiter, die Annexion von Land schleicht weiter voran, die Siedlungen werden größer, und die Hoffnungen und Chancen beider Völker verpuffen.

Die Annapolis-Konferenz passt genau in dieses Schema: inhaltslose Erklärungen, noch eine Konferenz ohne Ergebnisse, ein Theater ohne Sinn und Bedeutung.

Einige sagen, das Wichtigste wäre zu reden; denn „wenn man redet, schießt man nicht.“ Das ist eine gefährliche Illusion. In unserm Konflikt ist das Gegenteil der Fall: wenn man nur um des Redens willen redet, und die Besatzungssituation sich verschärft und das Schießen im Grunde nie wirklich aufgehört hat, dann gewinnt auch die Verzweiflung an Boden. Der Fehlschlag der Annapolis-Konferenz kann darum sehr wohl eine dritte Intifada auslösen.