Regionen und Länder: Israel/Palästina Das Bett von Sodom

21.4.07

Von Uri Avnery
Übersetzt von Ellen Rohlfs und Christoph Glanz
http://www.uri-avnery.de/magazin/artikel.php?artikel=365&type=&menuid=4&topmenu=4

EINE HEBRÄISCHE Legende erzählt vom Bett der Sodomiter als Symbol des Bösen.

Die Bibel berichtet, wie Gott entschied, Sodom aufgrund der Boshaftigkeit seiner Bewohner auszulöschen (Genesis 18). Die Legende gibt uns ein Beispiel für diese Boshaftigkeit: das spezielle Besucherbett. Wenn ein Fremder nach Sodom kam, musste er in dieses Bett. Wenn er zu groß war, wurden seine Beine gekürzt. War er zu klein, wurden seine Gliedmaße auf das passende Maß gestreckt.

Im politischen Leben gibt es mehr als nur ein so geartetes Bett. Sowohl auf der Rechten, als auch der Linken, gibt es Leute, die jedwedes Problem in solch ein Bett legen, Gliedmaße abschneiden oder verlängern, so lange, bis die Realität mit der Theorie übereinstimmt.

Seit den 60-ern, tendierten doktrinäre Linke dazu, jede Situation in das Vietnam-Bett zu stecken. Alles – sei es die mörderische Tyrannei in Chile oder die amerikanischen Drohungen gegen Kuba – musste in das Vietnam-Schema passen. Durch die Anwendung dieser Schablone, war es einfach zu entscheiden, wer die „guten Kerle“ und wer die „Bösen“ seien, und was zu tun sei, um das Problem zu lösen.

Das war angenehm. Es ist viel leichter Schlüsse zu ziehen, wenn es nicht den Bedarf gibt, die Komplexität eines ganz bestimmten Konfliktes – seinen historischen Hintergrund und seine lokalen Umstände - zu berücksichtigen.

SEIT KURZEM ist ein neues sodomitisches Bett im Umlauf: Südafrika. In bestimmten Kreisen der radikalen Linken, gibt es eine Tendenz jeglichen Konflikt in dieses Bett zu zwingen. Jeder neue Fall von Bosheit und Unterdrückung in dieser Welt wird als Neuauflage des Apartheid-Regimes betrachtet, und es wird auf dieser Grundlage entschieden, wie das Problem zu lösen, und das erwünschte Ziel zu erreichen sei.

Die Situation in Südafrika entstand unter ganz bestimmten historischen Umständen, die Jahrhunderte brauchten, um heranzureifen. Sie war nicht identisch mit dem Problem der Aborigines in Australien oder der Besiedlung Nordamerikas durch die Weißen, mit Nordirland oder der Situation im Irak. Aber es ist eben nun einmal sehr angenehm, auf jegliches Problem ein und dieselbe Antwort zu geben.

Natürlich gibt es immer eine oberflächliche Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Unterdrückungsregimen. Wer aber nicht bereit ist, die Unterschiede verschiedener Krankheiten anzuerkennen, wird dazu neigen, die falsche Medizin zu verschreiben – und damit den Tod des Patienten auf dem Behandlungstisch zu riskieren.

JETZT GESCHIEHT genau dies hier vor Ort.

Es ist leicht, den israelisch-palästinensischen Konflikt in das südafrikanische Bett zu stecken, da die Ähnlichkeiten zwischen den Symptomen offensichtlich sind. Die israelische Besetzung palästinensischen Gebietes dauert nun bereits 40 Jahre an, und beinahe sechzig sind seit der Naqba verstrichen – dem bewaffneten Konflikt des Jahres 1948, der dem Staat Israel zur Gründung verhalf und in der mehr als die Hälfte der Palästinenser ihre Häuser und ihr Land verloren. Die Beziehungen zwischen den Siedlern und den Palästinensern ähneln in vielerlei Hinsicht der Apartheidsituation; und selbst die arabischen Bürger sind von einer echten Gleichheit weit entfernt.

Was ist zu tun? Man hat aus dem Beispiel Südafrikas gelernt, dass mit dem Appell an das Gewissen der Herrschenden nichts erreicht wird. Innerhalb der weißen Minderheit in Südafrika gab es keinen echten Unterschied zwischen Links und Rechts, zwischen bekennenden Rassisten und Liberalen, die nichts waren als besser versteckte Rassisten – mit der Ausnahme einiger weniger weißer Helden, die den Freiheitskampf unterstützten.

Daher konnte die Erlösung nur von außen kommen. Und tatsächlich,. die Weltöffentlichkeit sah die Ungerechtigkeit der Apartheid und verhängte einen weltweiten Boykott gegen Südafrika, bis schließlich die weiße Minderheit kapitulierte. Die Macht im vereinigten südafrikanischen Staat ging in die Hände der schwarzen Mehrheit über, Nelson Mandela wurde aus dem Gefängnis befreit und wurde Präsident, und es geschah – Wunder über Wunder – ohne Blutvergießen.

Wenn dies in Südafrika funktioniert, dann – so sagen die Anhänger dieser Theorie – muss das hier auch klappen. Die Idee der Gründung eines palästinensischen Nachbarstaates neben Israel ( die „Zwei-Staaten-Lösung“ ) muss verworfen werden, und ein einziger Staat zwischen Mittelmeer und Jordan ( die „Ein-Staat-Lösung“ ) muss zum Ziel erhoben werden. Dies muss durch jene Waffe erreicht werden, die ihre Tauglichkeit bereits in Südafrika bewiesen hat: Boykott.

Das soll folgendermaßen ablaufen: Liebhaber der Gerechtigkeit werden weltweit die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass ein allgemeiner Boykott gegen Israel verhängt werden muss. Der Staat wird zusammenbrechen und sich auflösen. Zwischen dem Meer und dem Fluss, wird dann ein Staat entstehen, in welchem Israelis und Palästinenser als gleichberechtigte Bürger friedlich nebeneinander leben werden. Die Siedler können bleiben, wo sie sind, es gibt keine Grenzfrage, und die einzig verbleibende Frage wird sein, wer der palästinensische Mandela sein wird.

IN DIESER Woche hörte ich mir einen Vortrag von Ilan Pappe, Professor der Universität Haifa, an, einem der führenden Vertreter dieser Idee. Die Zuhörerschaft bestand aus palästinensischen, israelischen und internationalen Aktivisten und der Vortrag fand in Bil´in statt, dem Dorf also, das zum Symbol für den Widerstand gegen die Besatzung geworden ist. Er präsentierte wohlstrukturiert eine Reihe von Ideen, die er mit Eloquenz und Enthusiasmus vorzutragen wusste. Dies waren die Prinzipien:

Es macht keinen Sinn gegen die Besatzung aufzubegehren, noch gegen irgendeine andere spezielle Agenda der israelischen Regierung. Das Problem ist die schiere Existenz Israels als zionistischer Staat. Diese Essenz des Problems besteht so lange fort, wie der Staat existiert. Kein Wandel von innen her ist möglich, weil es in Israel keinen echten Unterschied zwischen Linken und Rechten gibt. Beide sind Komplizen einer Politik, deren eigentliches Ziel die ethnische Säuberung ist, also die Vertreibung der Palästinenser nicht nur aus den besetzten Gebieten, sondern auch aus dem eigentlichen Israel.

Daher muss jeder, der eine gerechte Lösung anstrebt, die Gründung eines einzigen Staates anstreben, in den zurückzukehren die Flüchtlinge von 1948 und 1967 eingeladen werden. Dies wird ein gemeinsamer und egalitärer Staat sein, wie das heutige Südafrika.

Es macht keinen Sinn den Versuch zu unternehmen, Israel von innen her zu verändern. Die Rettung wird von außen kommen: ein weltweiter Boykott, der den Staat zusammenbrechen lassen und die israelische Öffentlichkeit schließlich davon überzeugen wird, dass sie der „Ein-Staaten-Lösung“ nicht entfliehen kann.

Es klang logisch und überzeugend und der Sprecher erhielt tatsächlich Applaus.

DIESES THEORIENGEBÄUDE enthält einige Annahmen, mit denen ich keinerlei Problem habe. Tatsächlich ist die zionistische Linke in den letzten paar Jahren kollabiert, und ihre Abwesenheit vom Kampfplatz ist sowohl schmerzhaft, als auch gefährlich. In der heutigen Knesset gibt es keine effektive zionistische Partei, die ernsthaft für die Gleichberechtigung für die arabischen Bürger kämpfen würde. Niemand ist heute in der Lage, Hunderttausende oder auch nur Zehntausende auf die Straßen zu rufen, um Druck auf die Regierung auszuüben, den Friedensvorschlag der arabischen Welt anzunehmen.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die echte Krankheit nicht die 40 Jahre andauernde Besatzung ist. Die Besatzung ist das Symptom einer grundlegenderen Krankheit, die in Verbindung mit der offiziellen Ideologie des Staates steht. Das Ziel einer ethnischen Säuberung vom Meer bis zum Fluss, ist dem Herzen vieler Israelis teuer und vielleicht hatte Rabbi Meir Kahane sogar recht, als er behauptete, dass dies jedermanns unausgesprochener Wunsch sei.

Aber im Gegensatz zu Professor Pappe bin ich überzeugt, dass es möglich ist, den historischen Kurs Israels zu verändern. Ich bin überzeugt, dass dies der echte Kampfgrund für die israelischen Friedenskräfte ist, und ich selbst habe mich in diesem Kampf seit Jahrzehnten engagiert.

Mehr als das, ich glaube, dass wir bereits beeindruckende Erfolge erlangt haben: die Anerkennung der Existenz eines palästinensischen Volkes ist allgemein akzeptiert, genauso die Idee eines palästinensischen Staates mit Jerusalem als der Hauptstadt beider Staaten. Wir haben unsere Regierung gezwungen die PLO anzuerkennen, und wir werden sie zwingen, Hamas anzuerkennen. Richtig, all dies hätte nicht stattgefunden ohne die Hartnäckigkeit des palästinensischen Volkes und (teilweise) günstige internationale Umstände, aber der Beitrag der israelischen Friedenskräfte, die diese Ideen als Pioniere vorantrugen, war von Bedeutung.

Auch hat die Annahme, dass es notwendig sei, die Kluft zwischen den nationalen Narrativen der Israeli und der Palästinenser zu überwinden und zu einer historischen Darstellung zu verschmelzen, welche auch die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit und der Gegenwart benennt, in Israel und anderen Ländern Anerkennung gefunden. Nichts ist wichtiger. ( Unser bahnbrechendes Pamphlet „Wahrheit gegen Wahrheit“ stand am Anfang dieses Prozesses ).

Auf der Oberfläche mag es erscheinen, als hätten wir versagt. Wir haben es nicht geschafft, unsere Regierung dazu zu zwingen, den Bau der Mauer oder die Siedlungserweiterung zu stoppen, noch den Palästinensern ihre Bewegungsfreiheit zurückzugeben. Kurz gesagt, wir haben es nicht geschafft, die Besatzung zu beenden. Die arabischen Bürger Israels haben keine echte Gleichberechtigung erhalten. Aber unter der Oberfläche, in den Tiefen des nationalen Bewusstseins, sind wir erfolgreich. Die Frage ist, wie sich dieser verborgene Erfolg in ein politisches Faktum verwandeln lässt. In anderen Worten: wie sich die Politik der israelischen Regierung ändern lässt.

DIE IDEE einer „Ein-Staat-Lösung“ wird diese Bemühungen enorm beschädigen.

Es zieht die Kräfte von einer Lösung ab, die nun, nach vielen Jahren, eine breite öffentliche Basis hat, und dies zugunsten einer anderen, die keinerlei Chance hat.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass 99,99% der jüdischen Israelis einen israelischen Staat mit einer robusten jüdischen Mehrheit wollen, in welchen Grenzen auch immer.

Der Glaube, dass ein weltweiter Boykott dies ändern könne, ist eine komplette Illusion. Unmittelbar nach dem Vortrag, stellte mein Kollege Adam Keller dem Professor eine einfache Frage: „Die gesamte Welt hat eine Blockade über das palästinensische Volk verhängt. Aber trotz des furchtbaren Leidens der Palästinenser, hat dies sie nicht auf die Knie gezwungen. Warum glauben Sie, dass ein Boykott die israelische Öffentlichkeit brechen würde, die ja ökonomisch weit stärker ist, so dass sie den jüdischen Charakter des Staates aufgeben würde?“ ( Es gab darauf keine Antwort).

Wie auch immer, solch ein Boykott ist unmöglich. Hier und da kann eine Organisation ein Boykott erklären, und kleine Kreise von Gerechtigkeitsliebhabern werden es einhalten, aber es gibt für die nächsten Jahrzehnte keine Chance auf eine weltweite Boykott-Bewegung, wie sie das rassistische Regime in Südafrika zu brechen in der Lage war. Dieses Regime wurde von erklärten Freunden der Nazis geleitet. Ein Boykott des „jüdischen Staates“, der mit den Opfern der Nazis identifiziert wird, wird einfach nicht geschehen. Es wird genügen, die Leute darauf hinzuweisen, dass der lange Weg zu den Gaskammern 1933 mit dem Nazi-Schlagwort „Kauft nicht bei Juden“ begann. ( Die widerwärtige Tatsache, dass die Regierung des „Staates der Holocaustüberlebenden“ enge Beziehungen zu dem Apartheidstaat unterhielt, wird nichts an dieser Situation verändern).

Das ist das Problem mit dem Bett von Sodom: eine Größe passt eben nicht allen. Wenn die Umstände verschieden sind, müssen auch verschiedene Gegenmittel gefunden werden.

DIE IDEE einer „Ein-Staat-Lösung“ kann Menschen anziehen, die beim Kampf um die Seele Israels verzweifeln. Ich verstehe sie. Aber es handelt sich um eine gefährliche Idee, insbesondere für die Palästinenser.

Statistisch gesehen, konstituieren die israelischen Juden im Moment zwischen Meer und Fluss die absolute Mehrheit. Zu dem muss man ein noch bedeutenderes Faktum hinzurechnen: der jährliche Durchschnittsverdienst eines palästinensischen Arabers beträgt 800 Dollar, der eines jüdischen Israelis liegt um die 20.000 Dollar – also 25 Mal (!) höher. Die israelische Wirtschaft wächst jedes Jahr. Die Palästinenser wären „Holzhauer und Wasserschöpfer“ (Josua 9, 23). Das bedeutet, dass in diesem imaginären gemeinsamen Staat die Juden die absolute Macht ausüben würden. Sie würden diese Macht natürlich dazu ausnützen, ihre Dominanz zu konsolidieren und die Rückkehr der Flüchtlinge zu verhindern.

So würde das südafrikanische Beispiel retro-aktiv wahr werden: in diesem Einheitsstaat entstünde tatsächlich ein apartheidähnliches Regime. Nicht nur würde der israelisch-palästinensische Konflikt nicht gelöst, sondern ganz im Gegenteil würde er in eine noch gefährlichere Phase einmünden.

Pappe propagierte ein Argument, das mir ein wenig seltsam vorkam: dass ein Einheitsstaat praktisch gesehen bereits existiert, da Israel ja vom Meer bis zum Fluss regiert. Aber dem ist nicht so. Es gibt keinen einheitlichen Staat, weder formell noch praktisch, sondern einen Staat der einen anderen besetzt hält. Solch ein Staat, in der eine dominante Nation den Rest kontrolliert, wird sich schließlich auflösen – wie an der Sowjetunion und Jugoslawien zu sehen ist.

Der Einheitsstaat wird nicht realisiert werden. Nicht nur die Israelis, auch die meisten Palästinenser werden ihr Recht auf einen eigenen Nationalstaat nicht aufgeben. Sie können einem israelischen Professor applaudieren, der für die Auflösung des Staates Israel Position ergreift, aber sie haben nicht die Zeit, eine utopische Lösung abzuwarten, die vielleicht erst in hundert Jahren realisierbar ist. Sie brauchen das Ende der Besatzung und eine Lösung des Konfliktes hier und jetzt, in der nahen Zukunft.

ALLE DIE mit ganzem Herzen dem besetzten palästinensischen Volk helfen wollen, wären gut beraten, einen weiten Bogen um die Idee eines allgemeinen Boykotts gegen Israel zu schlagen. Es würde alle Israelis in die Arme der extremen Rechten werfen, da es den Glaubenssatz des rechten Flügels, dass „die ganze Welt gegen uns ist“, verstärken würde – ein Glaube, der in den Jahren des Holocaust Gestalt annahm, als „die ganze Welt zusah und schwieg“. Jedes israelische Kind lernt dies in der Schule.

Ein enger fokussierter Boykott solcher Organisationen und Firmen, die aktiv zur Besatzung beitragen, könnte tatsächlich dazu beitragen, die israelische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass sich die Besatzung nicht lohnt. Solch ein Boykott kann ein spezifisches Ziel erreichen – wenn es nicht auf den Zusammenbruch des israelischen Staates ausgerichtet ist. Gush Shalom ( der Friedensblock ), dem ich angehöre, organisiert nun bereits seit 10 Jahren den Boykott von Produkten der Siedlungen. Das Ziel ist es, die Siedler und ihre Komplizen zu isolieren. Aber ein allgemeiner Boykott des Staates Israel würde genau das Gegenteil erreichen – nämlich die israelischen Friedensaktivisten isolieren.

DIE „ZWEI-STAATEN-LÖSUNG“ war und ist die einzige Lösung. Als wir diese unmittelbar nach dem 1948-er Krieg vorschlugen, konnte man uns an den Fingern der zwei Hände zählen, und zwar nicht nur in Israel, sondern weltweit. Mittlerweile existiert ein weltweiter Konsens in dieser Frage. Der Weg zu dieser Lösung ist nicht glatt, viele Gefahren lauern am Wegesrand, aber es handelt sich um eine realistische Lösung, die auch tatsächlich erreicht werden kann.

Es gibt Leute die sagen: ok, wir werden die „Zwei-Staaten-Lösung“ akzeptieren, weil sie realistisch ist, aber nach ihrer Umsetzung, werden wir danach streben, die beiden Staaten aufzulösen, und einen gemeinsamen Staat zu gründen. Das ist für mich vollkommen in Ordnung. Ich selbst hoffe, dass im Laufe der Zeit eine Föderation beider Staaten entstehen wird, und dass die Beziehungen zwischen beiden sich intensivieren. Ich hoffe auch, dass eine regionale Union, wie die der EU, etabliert wird, bestehend aus allen arabischen Staaten und Israel, vielleicht auch der Türkei und dem Iran.

Aber zuerst müssen wir die Wunde behandeln, an der wir alle leiden: den israelisch-palästinensischen Konflikt. Nicht mit Patentmedizin, ganz bestimmt nicht mit einem Sodom-Bett, sondern mit der Medizin vom Regal.

DAS 18. KAPITEL der Genesis erzählt uns von Abrahams Versuch, den Allmächtigen zu überzeugen, Sodom nicht zu vertilgen. „Was wenn es fünfzig Gerechte ein dieser Stadt gibt; willst Du auch dann den Ort zerstören, und nicht lieber verschonen, um der 50 Gerechten willen, die in ihr weilen?“

Gott verspricht die Stadt nicht zu zerstören, wenn sich fünfzig Gerechte finden lassen sollten. Abraham feilschte hartnäckig und brachte den Allmächtigen auf 45 runter, dann auf 40, 30 und 20, und schließlich auf 10. Aber in Sodom wurden keine 10 Gerechten gefunden, und so war sein Schicksal besiegelt.

Ich glaube, dass es in Israel viel, viel mehr gerechte Menschen gibt, als nur zehn. Alle öffentlichen Meinungsumfragen zeigen, das die Mehrheit der Israelis nicht nur Frieden will, sondern dafür auch bereit ist, den Preis zu zahlen. Aber sie haben Angst. Ihnen fehlt es an Vertrauen. Sie sind Gefangene ihrer in der frühen Kindheit erworbenen Glaubenssätze. Sie müssen von diesen befreit werden – und ich glaube, dass dies getan werden kann.

Antwort auf Uri Avnerys Artikel :“Das Bett von Sodom“

Ausschau nach Alternativen
von Ilan Pappe
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=107&ItemID=12682
Electronic Intifada / ZNet 26.04.2007

Uri Avnery klagt die Unterstützer der Ein-Staat-Lösung an, die Fakten in das Bett von Sodom zu zwingen. Er scheint, diese Leute bestenfalls als Tagträumer zu betrachten, die nicht die politische Realität um sich herum begreifen und die in einem ständigen Zustand des Wunschdenkens verharren. Wir sind alle alte Kameraden auf der israelischen Linken und deshalb ist es schon möglich, dass wir in Momenten der Verzweiflung in die Falle geraten, zu halluzinieren, zu phantasieren und dabei die unerfreuliche Realität um uns herum zu ignorieren.

Und deshalb mag die Metapher des Sodomer Bettes sogar für jene passen, die – auf ihrer Suche nach einer Lösung in Palästina - vom südafrikanischen Modell inspiriert werden. Aber in diesem Fall ist es ein Kinderbettchen von Sodom, verglichen mit dem königlichen Bett, in das Gush Shalom - und andere ähnliche Mitglieder der zionistischen Linken - bestehen, ihre Zwei-Staatenlösung zu drücken. Das südafrikanische Modell ist jung – tatsächlich ist es kaum ein Jahr her, seit dies ernsthaft betrachtet wurde – während die Formel der zwei Staaten 60 Jahre alt ist: eine erfolglose und gefährliche Illusion, die Israel in die Lage versetzte, mit der Besatzung fortzufahren, ohne nennenswerte Kritik von der internationalen Gemeinschaft zu erhalten.

Das südafrikanische Modell passt gut für eine vergleichende Studie – aber nicht als Objekt falschen Wetteiferns. Einige Kapitel in der Geschichte der Kolonisierung Süd-Afrikas und der Zionisierung Palästinas sind tatsächlich identisch. Die herrschende Methode der weißen Siedler in SA ähnelt sehr der, die die zionistische Bewegung und – seit Ende des 19. Jahrhunderts - Israel gegenüber der einheimischen Bevölkerung Palästinas angewandt hat. Seit 1948 war die offizielle israelische Politik gegen einige Palästinenser sogar nachsichtiger als das Apartheidregime - gegen andere Palästinenser dagegen noch rabiater.

Vor allem aber inspiriert das südafrikanische Modell jene, die sich mit der palästinensischen Sache in zwei wichtigen Richtungen befassen: die Einführung des einen demokratischen Staates, der eine neue Orientierung für eine zukünftige Lösung anbietet, anstelle einer Zwei-Staaten-Formel, die fehl geschlagen ist, und es belebt ein neues Nachdenken, wie die israelische Besatzung besiegt werden kann – durch Boykott, Divestment und Sanktionen (die BDS-Option).

Die Fakten vor Ort sind glasklar: die Zwei-Staaten-Lösung ist schmählich fehlgeschlagen, und wir haben keine Zeit zu verschwenden mit sinnloser Vorfreude einer anderen illusorischen Runde diplomatischer Bemühungen, die nirgendwo hinführen. Wie Avnery zugibt, ist es dem israelischen Friedenslager nicht gelungen, die israelisch-jüdische Gesellschaft davon zu überzeugen, den Weg des Friedens zu gehen. Eine nüchterne und kritische Einschätzung von der Größe und Macht dieses Lagers führt zu dem unvermeidlichen Schluss, dass es keine Chance gegen den vorherrschenden Trend in der israelischen Gesellschaft hat. Es ist zweifelhaft, ob es überhaupt seine sehr kleine Präsenz halten kann. Ja, es besteht die Sorge, dass sie überhaupt verschwindet.

Avnery ignoriert diese Fakten und behauptet, dass die Ein-Staat-Lösung ein gefährliches Allheilmittel ist, das man einem schwer kranken Patienten verabreicht. Lasst uns dies also in mehreren Stufen beschreiben. Aber nehmen wir dem Patienten – um Himmels willen - die sehr gefährliche Medizin, die wir ihn 60 Jahre lang zu schlucken gezwungen haben und die ihn fast getötet hat.

Um des Friedens willen ist es wichtig, unsere Untersuchung auf das südafrikanische Modell und andere historische Fallstudien auszudehnen. Auf Grund unseres Fehlschlages sollten wir jeden anderen erfolgreichen Kampf gegen Unterdrückung studieren. All diese historischen Fallstudien zeigen, dass die Kämpfe von innen und von außen einander stärken und sich nicht gegenseitig ausschlossen. Selbst als die Sanktionen über Südafrika verhängt wurden, setzte der ANC seinen Kampf fort und die weißen Südafrikaner hörten nicht mit dem Versuch auf, ihre Landsleute davon zu überzeugen, das Apartheidsystem aufzugeben. Aber es gab keine einzige Stimme, die auf Avnerys Artikel eingeht, die behauptet, dass eine Strategie des Druckes von außen falsch ist, weil es die Möglichkeiten der Veränderungen von Innen her schwächt. Besonders wenn die Misserfolge des Kampfes innen so deutlich und offensichtlich sind. Sogar als die De Klerk-Regierung mit dem ANC schon verhandelte, wurden die Sanktionen fortgeführt.

Es ist auch schwer verständlich, warum Avnery die Bedeutung der Weltöffentlichkeits-meinung so unterbewertet. Ohne die Unterstützung dieser Weltöffentlichkeitsmeinung, die der zionistischen Bewegung zuteil wurde, wäre es nicht zur Nakba gekommen. Hätte die internationale Gemeinschaft die Idee der Teilung zurückgewiesen, hätte ein einheitlicher Staat das Palästina-Mandat ersetzt, was tatsächlich der Wunsch vieler Mitglieder der UN war. Doch diese Mitglieder haben dem starken Druck der USA und der zionistischen Lobby nachgegeben und ihre vorige Unterstützung für solch eine Lösung zurückgezogen. Und wenn die internationale Gemeinschaft ihre Position heute ändern und ihre Haltung gegenüber Israel neu überdenken würde, würden die Chancen einer Beendigung der Besatzung enorm wachsen und auf diese Weise helfen, das Blutvergießen zu beenden, das nicht nur die Palästinenser, sondern auch die Juden selbst betrifft.

Der Ruf nach einer Ein-Staat-Lösung und die Forderung nach Boykott, Divestment und Sanktionen sollten als eine Reaktion gegen den Fehlschlag der vorigen Strategie verstanden werden, die zwar von der politischen Klasse aufrecht erhalten wurde, aber niemals vom Volk selbst unterstützt wurde. Und jeder, der das neue Denken kurzerhand und auf solch kategorische Art zurückweist, mag sich weniger beunruhigen an dem, was mit dieser neuen Option falsch läuft, als über seinen eigenen Platz in der Geschichte. Es ist tatsächlich schwierig, persönliche oder kollektive Fehler zuzugeben. Aber um des Friedens willen ist es zuweilen notwendig, sein eigenes Ego beiseite zu stellen. Ich neige dazu, in dieser Weise zu denken, wenn ich das falsche Narrativ von Avnery lese, das er sich über das Erzielte der israelischen Friedensbewegung zusammendenkt. Er verkündet, dass die Anerkennung der Existenz des palästinensischen Volkes allgemein wurde und so auch die Bereitschaft der meisten Israelis, die Idee eines Staates mit Jerusalem als Hauptstadt beider Staaten. Dies ist ein klarer Fall für das Bett von Sodom: beide Beine und die Hände des Patienten werden amputiert, damit er ins Bett passt. Und noch weiter hergeholt ist die Erklärung „wir haben unsere Regierung gezwungen, die PLO anzuerkennen, und wir werden sie dahin bringen, auch die Hamas anzuerkennen – jetzt, nachdem dem Patienten auch noch seine anderen Gliedern weggenommen wurden (pardon, für diese grausame Metapher, aber Avnery hat sie mir aufgezwungen) . Diese Erklärungen haben sehr wenig mit der Stellungnahme der jüdischen Öffentlichkeit in Israel in Richtung Frieden zu tun – von 1948 an bis heute. Aber Fakten können zuweilen den Sachverhalt verwirren.

Aber um jede Debatte über die Ein-Staat-Lösung zu ersticken, zieht Avnery die Gewinnerkarte aus dem Zauberhut: „unter der Oberfläche, in den Tiefen des Nationalbewusstseins haben wir Erfolg“. Lasst uns die Palästinenser mit Metalldetektoren und Röntgenapparaten ausrüsten – dann entdecken sie vielleicht nicht nur den Tunnel, sondern auch das Licht am Ende des Tunnels. Die Wahrheit ist, dass das, was in den tiefsten Schichten des israelischen Nationalbewusstseins liegt, viel schlimmer ist, als das, was an der Oberfläche erscheint. Hoffen wir, dass dies für immer dort bleibt und nicht an die Oberfläche kommt. Es sind Ablagerungen von dunklem, primitiven Rassismus, der , wenn es ihm erlaubt ist, überzufließen, uns alle in einem Meer von Hass und Bigotterie ertränken würde.

Avnery hat recht, wenn er behauptet, dass zweifellos 99,99% der jüdischen Israelis einen Staat Israel mit einer robusten jüdischen Mehrheit wünschen – egal wie seine Grenzen sind. Eine erfolgreiche Boykottkampagne wird diese Position nicht in einem Tag ändern, aber eine klare Botschaft an diese Öffentlichkeit schicken, dass diese Positionen rassistisch und im 21. Jahrhundert nicht annehmbar sind. Ohne die kulturelle und wirtschaftliche Sauerstoffzufuhr, mit der der Westen Israel versorgt, würde es für die schweigende Mehrheit schwierig sein, fortzufahren und zu glauben, dass es vor der Welt möglich sein wird, einen rassistischen und legitimierten Staat zu haben . Sie werden wählen müssen und hoffentlich wie De Klerk die richtige Entscheidung treffen.

Avnery ist auch davon überzeugt, dass Adam Keller sehr erfolgreich das Argument für einen Boykott entlarvte, indem er darauf hinwies, dass die Palästinenser in den besetzten Gebieten dem Boykott nicht nachgegeben hat. Das ist tatsächlich ein guter Vergleich: ein politischer Gefangener liegt festgenagelt auf dem Boden und wagt Widerstand zu leisten; als Strafe wird ihm sogar die bis jetzt spärliche Kost verweigert. Seine Situation wird verglichen mit der einer Person, die illegal das Haus des Gefangenen besetzt und die das erste Mal sich der Möglichkeit gegenüber sieht, wegen seiner Verbrechen vor Gericht gebracht zu werden. Wer hat mehr zu verlieren? Wann ist die Drohung nur grausam, und wann ist sie ein gerechtfertigtes Mittel, um vergangenes Übel zu korrigieren?

Der Boykott wird nicht stattfinden, stellt Avnery fest. Er sollte mit den Veteranen der Anti-Apartheidbewegung in Europa reden. 20 Jahre waren vergangen, bevor die internationale Gemeinschaft davon überzeugt war, in Aktion zu treten. Auch ihnen war am Anfang ihrer langen Reise gesagt worden, dass es nicht funktionieren wird – dass in Südafrika zu viele strategische und wirtschaftliche Interessen mit einander verwickelt seien.

Außerdem – so fügte Avnery hinzu – würde an Orten wie in Deutschland die Idee des Boykotts der Opfer der Nazis kurzerhand abgelehnt werden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Aktion, die schon in diesem Sinne in Europa aufgenommen wurde, hat die lange Periode der zionistischen Manipulation des Holocaustgedächtnisses beendet. Israel kann nicht länger seine Verbrechen gegen die Palästinenser im Namen des Holocaust rechtfertigen. Immer mehr Leuten in Europa wird bewusst, dass die kriminelle Politik Israels das Holocaustgedenken instrumentalisiert und deshalb sind so viele Juden inzwischen Mitglieder dieser Boykottbewegung. Deshalb wird auch dem Versuch Israels, die Unterstützer des Boykotts als Antisemiten zu verklagen, mit Verachtung begegnet. Die Mitglieder der neuen Bewegung wissen, dass ihre Motive humanistisch sind und ihre Impulse demokratisch. Für viele von ihnen werden ihre Aktionen nicht nur durch universale Werte ausgelöst, sondern auch durch ihre Achtung vor dem historischen jüdisch-christlichen Erbe . Es würde für Avnery am besten gewesen sein, wenn er seine immense Popularität in Deutschland dazu benützen würde, der Gesellschaft dort zu sagen, sie möchte ihren Anteil nicht nur am Holocaust anerkennen, sondern auch an der palästinensischen Katastrophe und mit dieser Anerkennung sie auch auffordern, ihr beschämendes Schweigen gegenüber den israelischen Grausamkeiten in den besetzten Gebieten aufzugeben. Am Ende seines Artikels skizziert Avnery die Eigenschaften einer Ein-Staat-Lösung aus der gegenwärtigen Realität. Und dies, weil er nicht die Rückkehr der Flüchtlinge oder einen Regimewechsel als Komponente der Lösung einschließt – er beschreibt die heutige trostlose Realität als die Vision von morgen. Dies ist tatsächlich eine Realität, für die zu kämpfen, es sich nicht lohnt, und für die niemand, den ich kenne, sich einsetzt. Aber die Vision einer Ein-Staat-Lösung ist genau das Gegenteil des gegenwärtigen Apartheidstaates Israel, so wie der Nach-Apartheidstaat in Südafrika. Das ist es, warum diese historische Fallstudie für uns so aufschlussreich ist.

Wir müssen aufwachen. An dem Tag, an dem Ariel Sharon und George W. Bush ihre loyale Unterstützung für die Zweistaaten-Lösung erklärten, wurde diese Formel zu einem zynischen Mittel, durch das Israel seine diskriminierende Herrschaft innerhalb der 1967er Grenzen und seine Besatzung der Westbank und der Ghettoisierung des Gazastreifens aufrecht erhalten kann. Jeder, der eine Debatte über alternative politische Modelle blockiert, erlaubt den Diskurs über zwei Staaten und deckt damit die kriminelle israelische Politik in den palästinensischen Gebieten.

Außerdem gibt es in den besetzten Gebieten nicht nur keine Steine mehr, mit denen ein Staat aufgebaut werden könnte, nachdem Israel in den letzten sechs Jahren die Infrastruktur zerstört hat, eine ( reasonable?) Teilung bietet den Palästinensern bloße 20% ihres Heimatlandes. Die Basis sollte mindestens die Hälfte ihres Landes sein – auf der Basis der 181-Teilungsroute oder einer ähnlichen Idee. Hier gäbe es noch einen sinnvollen Weg zu erforschen, statt sich auf immer in den Sodom und Gomorrah-Topf hineinziehen zu lassen, wie ihn die Zwei-Staatenlösung vor Ort bis jetzt geliefert hat.

Und schließlich wird es für diesen Konflikt keine Lösung geben, solange nicht das palästinensische Flüchtlingsproblem gelöst wird. Diese Flüchtlinge können nicht in ihre Heimat zurückkehren – und zwar aus demselben Grund, aus dem ihre Brüder und Schwestern aus Groß-Jerusalem und entlang der Mauer vertrieben werden und ihre Verwandten in Israel diskriminiert werden. Es ist derselbe Grund, warum sie nicht zurückkehren können, aus dem jeder Palästinenser in der potentiellen Gefahr der Besatzung und Vertreibung steht – solange bis das zionistische Projekt in den Augen ihrer Führer vollendet worden ist.

Sie sind berechtigt, sich zur Rückkehr zu entscheiden, weil es ihr volles politisches und Menschenrecht ist. Sie können zurückkehren, weil die internationale Gemeinschaft ihnen schon versprochen hat, dass sie dies können. Wir als Juden sollten ihnen wünschen, dass sie zurückkehren, weil wir sonst weiter in einem Staat leben, in dem der Wert der ethnischen Überlegenheit und Unterlegenheit sich über jeden anderen menschlichen und zivilen Wert rücksichtslos hinwegsetzt. Und wir können weder uns noch den Flüchtlingen versprechen, dass es innerhalb einer Zwei-Staaten-Lösung solch eine faire und gerechte Lösung geben wird.

Ilan Pappe ist Dozent für politische Wissenschaft an der Universität Haifa und Vorstand im Emil- Touma-Institut für palästinensische Studien in Haifa. Seine Bücher: „The Making of the Arab-Israeli Conflict” (London und New York 1992) “The Israeli-Palestinian Question” ( London und New York, 1999) “A History of Modern Palestine”(Cambridge, 2003); “The Modern Middle East” (London and New York 2005) und sein letztes Buch : “Ethnic Cleansing of Palestine” (2006)