Regionen und Länder: Israel/Palästina Eine israelische Liebesgeschichte

07.07.2007

Von Uri Avneri
Übersetzt von Ellen Rohlfs und Christian Glanz
http://www.uri-avnery.de/magazin/artikel.php?artikel=377&type=&menuid=4&topmenu=4

SEIT DER Auferstehung Jesu Christi hat es solch ein Wunder nicht mehr gegeben: ein Toter, begraben in einer Höhle, ist wieder auferstanden.

Die „Jordanische Option“ hatte ihren Geist vor fast zwanzig Jahren aufgegeben. Auch zuvor war sie nie sehr gesund. Aber 1988 kurz nach dem Ausbruch der ersten Intifada wurde sie offiziell von niemandem anders als von seiner Majestät König Hussein selbst beerdigt. Er verkündigte, er hätte jeden Anspruch auf die Westbank aufgegeben.

Es war ein jämmerlicher Tod. Es gab kein angemessenes Begräbnis. Shimon Peres, einer ihrer Erzeuger, behauptete jetzt, die Verstorbene nicht zu kennen. Yitzhak Rabin wandte ihr den Rücken zu. „Der Staub muss wieder zur Erde kommen“ (Pred.11, 7).

Und jetzt plötzlich scheint sie ins Leben zurückgekehrt zu sein. Zwei umherziehende Schreiberlinge behaupten, sie hätten sie mit eigenen Augen gesehen. Nicht in Emmaus, wo die beiden Jünger Jesu ihrem auferstandenen Herrn begegnet sind, sondern in Washington, in der Hauptstadt der Welt.

DIE ISRAELISCHE Liebesgeschichte mit der hashemitischen Dynastie begann vor drei Generationen. (Hashem war der Gründer der Familie in Mekka, zu der der Prophet Mohammed gehörte.)

Im 2. Weltkrieg rebellierte der Irak gegen den hashemitischen König, der ihm von den Briten aufgezwungen worden war, als diese einen anderen Zweig der Familie in Transjordanien installierte. Der irakische König floh mit seinem Hofstaat nach Palästina. Hier wurde er von der zionistischen Führung aufs Wärmste empfangen – er wurde sogar mit einer geheimen Radiostation auf dem Karmelberg ausgestattet. Viele Jahre später hörte ich dies von jemandem, der direkt darin verwickelt war, dem Minister Eliyahu Sasson.

Die Briten brachten die Hashemiten nach Bagdad zurück. Aber wie Sasson bedauernd hinzufügte, sie vergalten Gutes mit Bösem: kurz nach ihrer Wiedereinsetzung nahmen sie eine extrem anti-zionistische Haltung ein. Übrigens kooperierte die jüdische Untergrundorganisation Irgun damals mit den Briten und ihr Kommandeur David Rasiel kam im Irak im Laufe der Operation ums Leben.

Issam Sartawi, einer der PLO-Führer, ein Flüchtling aus Akko, der im Irak aufwuchs, behauptete später, dass, als die Hashemiten nach Bagdad zurückkehrten, die Briten unter den Juden ein Massaker anrichteten, um nationale Popularität für sie zu gewinnen. Die Dokumente über diese berüchtigte Episode werden sogar heute noch in den britischen Archiven unter Verschluss gehalten.

Aber die (guten) Beziehungen mit den Hashemiten hielten an. Am Vorabend des Krieges von 1948 hielt die zionistische Führung engen Kontakt mit König Abdallah von Transjordanien. Zwischen dem König und Golda Meir, (als Beduine verkleidet, R.) wurden verschiedene geheime Pläne ausgeheckt; aber als die Zeit kam, wagte der König nicht, die arabische Solidarität zu brechen. So fiel er doch in Palästina ein. Es ist behauptet worden, dass dies mit David Ben Gurion in enger Absprache geschehen sei. Und tatsächlich vermied die neue israelische Armee, die jordanischen Truppen anzugreifen (außer in der Gegend von Latrun, wo versucht wurde, den Weg zum belagerten West-Jerusalem zu öffnen.)

Die Zusammenarbeit zwischen Abdallah und Ben-Gurion brachte die erhofften Früchte: das Gebiet, das von der UN für den anvisierten palästinensisch-arabischen Staat bestimmt war, wurde zwischen Israel und dem umbenannten Königreich von Jordanien aufgeteilt. (Der Gazastreifen wurde an Ägypten gegeben) Der palästinensische Staat kam auf diese Weise nicht zustande, und die israelisch-jordanische Zusammenarbeit blühte. Auch nach dem Mord König Abdallahs vor der Al-Aqsa-Moschee ging diese mit seinem Enkel, dem jungen Hussein, weiter.

Zu jener Zeit war die Welle des pan-arabischen Nationalismus auf ihrem Höhepunkt, und Gamal Abd-el-Nasser, sein Prophet, wurde das Idol der arabischen Welt. Das palästinensische Volk, das seiner politischen Identität beraubt worden war, sah seine Rettung in einer gesamt-arabischen Einheit. Es bestand die Gefahr, dass der jordanische König jeden Augenblick gestürzt werden könnte, aber Israel ließ verlauten, dass die israelische Armee in solch einem Falle sofort in Jordanien einfallen würde. Der König blieb auf seinem Thron sitzen, der von israelischen Bajonetten gestützt wurde.

Die Dinge erreichten im Schwarzen September (1970) einen Höhepunkt, als König Hussein die PLO-Kräfte blutigst niederschlug. Die Syrer eilten zu ihrer Verteidigung und begannen, die Grenze zu überqueren. In Absprache mit Henry Kissinger stellte Golda Meir ein Ultimatum: wenn die Syrer sich nicht sofort zurückzögen, würde die israelische Armee einmarschieren. Die Syrer gaben auf, der König war gerettet. Die PLO-Kämpfer gingen in den Libanon.

Auf dem Höhepunkt der Krise rief ich bei eine Knessetsitzung die israelische Regierung dazu auf, einen entgegengesetzten Kurs einzunehmen: den Palästinensern in der Westbank die Möglichkeit zu geben, einen palästinensischen Staat neben Israel aufzubauen. Jahre später erzählte mir Ariel Sharon, er habe dasselbe während geheimer Beratungen des Generalstabs vorgeschlagen. (Später bat mich Sharon, ein Treffen zwischen ihm und Yasser Arafat zu arrangieren, um mit ihm diesen Plan zu diskutieren: das Regime in Jordanien zu stürzen und Jordanien – anstelle der Westbank - in einen palästinensischen Staat zu verwandeln. Arafat weigerte sich, ihn zu treffen und enthüllte dem König den Vorschlag.)

DIE JORDANISCHE Option war mehr als ein politisches Konzept – es war eine Liebesgeschichte. Jahrzehnte lang waren fast alle israelischen Führer von ihr angetan – von Chaim Weizmann bis David Ben-Gurion, von Golda Meir bis Shimon Peres.

Was hatte die Hashemiten-Familie, das die Zionisten und das israelische Establishment so entzückte?

Im Laufe der Jahre hatte ich viele vernünftig klingende Argumente dazu gehört. Aber ich bin überzeugt, dass der wirkliche Grund überhaupt nichts mit Vernunft zu tun hatte. Der eine große und entscheidende Pluspunkt der Hashemiten-Dynastie war und ist der, dass sie keine Palästinenser sind.

Vom ersten Tag an lebte die zionistische Bewegung mit der totalen Verleugnung der palästinensischen Frage. Seitdem dies zu leugnen, lächerlich geworden ist, bestreiten sie die Existenz eines palästinensischen Partners für Friedensverhandlungen. Auf jeden Fall streitet es die Möglichkeit eines lebensfähigen palästinensischen Staates neben Israel ab.

Diese Leugnung hat tiefe Wurzeln im Unterbewusstsein der zionistischen Bewegung und der israelischen Führung. Der Zionismus kämpfte für die Schaffung einer jüdisch nationalen Heimstätte in einem Land, in dem schon ein anderes Volk lebte. Da der Zionismus eine idealistische Bewegung war mit tiefen moralischen Werten, konnte sie den Gedanken nicht ertragen, dass es gegenüber einem anderen Volk eine historische Ungerechtigkeit begehe. Es war also nötig, das Schuldgefühl, das mit dieser Tatsache zusammenhing, zu unterdrücken und zu leugnen.

Die unbewussten Schuldgefühle wurden mit dem 1948er- Krieg vertieft, in dem mehr als die Hälfte des palästinensischen Volkes seinen Grund und Boden verlor. Die Idee, die Westbank dem hashemitischen Königreich zu überlassen, schuf die Illusion, dass es kein palästinensisches Volk gibt („Sie sind alle Araber!“) – so konnte es auch keine Ungerechtigkeit erleiden.

Die Formel „jordanische Option“ ist ein Euphemismus. Der wirkliche Name ist „ Anti-palästinensische Option“. Darum geht es. Alles andere ist unwichtig.

DAS MAG die seltsame Tatsache erklären, dass seit dem 1967er-Krieg keine Anstrengungen unternommen wurden, diese Option zu verwirklichen. Die Hohenpriester der „Jordanischen Option“, die diese von jeder Hügelkuppe predigten, rührten aber deshalb keinen Finger. Im Gegenteil, sie taten ihr Bestmöglichstes, um deren Verwirklichung zu verhindern.

Zum Beispiel: während der ersten Amtszeit von Yitzhak Rabin als Ministerpräsident nach dem 1973er-Krieg hatte Henry Kissinger eine brillante Idee: Jericho an König Hussein zurück zu geben. So wäre ein Fait accompli entstanden: die hashemitische Flagge würde über der Westbank flattern.

Als der Außenminister Yigal Allon Rabin den Vorschlag überbrachte, lehnte dieser den Vorschlag entschieden ab. Golda Meir hatte zu ihrer Zeit versprochen, dass neue Wahlen abgehalten würden, bevor irgendetwas vom besetzten Land an die Araber zurückgegeben werde. „Ich werde doch wegen Jericho keine Neuwahlen abhalten“, erklärte Rabin.

Dasselbe geschah, als Shimon Peres mit König Hussein ein geheimes Abkommen erreichte und das fertige Ergebnis dem damaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Shamir vorlegte. Shamir warf das Abkommen in den Mülleimer.

(„Sie stehen vor einer schwierigen Wahl“, scherzte ich einmal bei einer Knessetdebatte, „ob man die besetzten Gebiete nicht Jordanien zurückgibt oder nicht den Palästinensern .“)

EINER DER interessanten Wesenszüge dieser langen Liebesgeschichte war, dass keiner der israelischen Liebhaber sich jemals die Mühe machte, das Problem von der andern Seite anzusehen. In der Tiefe ihres Herzens verachteten sie die Jordanier genau so, wie sie alle Araber verachteten.

In der Mitte der 80er-Jahre erhielt ich eine inoffizielle Einladung nach Jordanien, das damals noch offiziell als „Feindesland“ galt. Ich reiste zwar mit einem ziemlich dubiosen Pass ein, vor Ort ließ ich mich als israelischer Journalist registrieren. Da ich der erste Israeli war, der offen durch Amman lief und seine Identität erklärte, zog ich große Aufmerksamkeit der oberen Kreise auf mich.

Ein hochrangiger Regierungsangestellter lud mich zum Abendessen in ein piekfeines Restaurant ein. Auf einer Papierserviette zeichnete er die Umrisse Jordaniens auf und erklärte mir das ganze Problem mit ein paar Worten.

„Wir sind von Ländern umgeben, die unter einander sehr verschieden sind. Hier ist das zionistische Israel und hier das nationalistische Syrien. Auf der Westbank blühen radikale Tendenzen, und im nahen Libanon gibt es ein konservatives sektiererisches Regime. Hier ist der säkulare Irak Saddam Husseins und hier das fromme Saudi Arabien. Aus all diesen Richtungen kommen Ideen und Leute nach Jordanien. Wir absorbieren alle. Aber wir können uns nicht mit einem unserer Nachbarn streiten. Wenn wir uns ein wenig in Richtung Syrien bewegen, müssen wir am folgenden Tag gegenüber Saudi-Arabien eine Geste machen. Wenn wir uns Israel annähern, müssen wir schnell den Irak beruhigen.“

Die offensichtliche Schlussfolgerung: die „Jordanische Option“ war von Anfang an eine Torheit. Aber keiner in der israelischen Führung begriff dies. Der weise Boutros Boutros-Ghali sagte mir einmal: „Ihr habt in Israel die größten Experten für arabische Angelegenheiten. Sie haben jedes Buch und jeden Artikel gelesen, sie wissen alles – und verstehen nichts – weil sie keinen einzigen Tag in einem arabischen Land gelebt haben.“

Alte Liebe stirbt nicht. Die erste Intifada tötete die „Jordanische Option“, und die Regierenden Israels flirteten mit der „Palästinensischen Option“. Aber sie widmeten sich dieser neuen Liebe nicht mit vollem Herzen, sie handelten, als treibe sie ein Dämon. Das erklärt, warum keine ernsthaften Anstrengungen gemacht wurden, um das Oslo-Abkommen zu erfüllen und den Prozess zu seinem logischen Schluss zu bringen: einen palästinensischen Staat neben Israel.

Jetzt auf einmal fangen die Leute wieder an, über Jordanien zu sprechen. Vielleicht könnte man König Abdallah den Zweiten fragen, ob der nicht seine Armee in die Westbank schicken könne, um die Hamas nieder zu schlagen? Vielleicht könnten wir die „Zwei-Staaten-Lösung“ in einer jordanisch-palästinensischen Föderation beerdigen, die es Jordanien erlauben würde, die Westbank wieder zu übernehmen.

Der König war entsetzt. Genau das fehlte ihm noch! Die turbulente und geteilte palästinensische Bevölkerung in sein Königreich aufzunehmen! Die Grenze für eine neue große Flut Flüchtlinge und Immigranten zu öffnen. Er bemühte sich, klar zu stellen, dass er an diesen Plänen keinen Anteil habe.

Föderation? Das sei durchaus möglich, sagte er - aber erst nachdem ein freier palästinensischer Staat entstanden sei, nicht vorher und sicher nicht anstelle von diesem. Dann mögen die Bürger frei entscheiden.

Der Titel eines berühmten Buches des israelischen Autors Yehoshua Kenaz heißt: „Verlorene Lieben zurückbringen“.
Aber es scheint, dass diese alte Liebe für immer vergangen ist.