Regionen und Länder: Israel/Palästina Das gebrochene Rohr

01.09.2007

Von Uri Avnery
Übersetzt von Ellen Rohlfs und Christoph Glanz
http://www.uri-avnery.de/magazin/artikel.php?artikel=386&type=&menuid=4&topmenu=4

IM JAHR 701 v.Chr. belagerte der assyrische König Sanherib Jerusalem. Die Bibel berichtet über die Worte, mit denen sich der assyrische General Rabschakeh an König Hiskia, den König von Juda, wandte: „Siehe, du verlässt dich auf diesen zerbrochenen Rohrstab, auf Ägypten, der jedem, der sich darauf stützt, in die Hand dringt und sie durchbohrt? So tut der Pharao, der König von Ägypten, allen, die sich auf ihn verlassen.“

Die Schreiber der Bibel waren so sehr von diesem Satz beeindruckt, dass sie ihn zweimal zitierten (2. Könige 18 ,21 und Jesaja 36,6).

Man muss den historischen Kontext verstehen: Ägypten war damals eine riesige Großmacht. Jahrhunderte lang beherrschte es all seine Nachbarn, einschließlich des Gebietes, das heute Syrien, Libanon und Israel einschließt. Die Assyrer auf der andern Seite waren eine aufstrebende neue Macht. Nachdem sie das Königreich Israel in Samaria erobert hatten, das bedeutendere der beiden hebräischen Königreiche, versuchte es das winzige Königreich Juda zu besetzen, das sich, was seine Verteidigung betraf, auf das mächtige Ägypten verließ.

Juda hielt durch. Aus unbekannten Gründen beendeten die Assyrer die Belagerung und zogen sich von Jerusalem zurück. Das Königreich Juda blieb weitere hundert Jahre intakt - bis die Babylonier, die den Platz der Assyrer einnahmen, es auch eroberten. Ägypten konnte es nicht davor bewahren. Zu jener Zeit war es wirklich zu einem „gebrochenen Rohr“ geworden.

DIE USA sind die modernen Erben des alten Ägypten. Sie sind pompös, reich und stark, eine kulturelle, wirtschaftliche und militärische Macht: Pharao, der König von Amerika beherrscht die Welt wie Pharao, der König von Ägypten, einst die semitische Region beherrschte. Und wie jede herrschende Weltmacht sind sie – die USA - an der bestehenden Weltordnung interessiert und verteidigen den Status quo gegen alle aufstrebenden Kräfte der Welt.

Israel betrachtet deshalb seine besonderen Beziehungen mit den USA als die wichtigste Garantie für seine nationale Sicherheit. Keine besetzten Gebiete oder Waffensysteme können ein Ersatz sein für die Nabelschnur, die Jerusalem mit Washington verbindet – eine Verbindung, für die es in der jetzigen Welt weltweit keine Parallele gibt, ja vielleicht nicht einmal in der Geschichte.

Viele haben versucht und versuchen noch immer, diese besondere Beziehung zu erklären, aber keinem ist es bisher gelungen, dies in vollem Ausmaß zu tun.

Diese Beziehung hat eine ideologische Dimension: Beide Staaten wurden von Einwanderern aus fernen Gegenden gegründet, die ein Land in Besitz nahmen und die einheimische Bevölkerung verdrängten. Beide glaubten, Gott habe sie auserwählt und ihnen das gelobte Land überlassen. Beide schufen zunächst einen Brückenkopf und brachen von dort aus zu einem historischen Marsch auf, der unwiderstehlich schien – die Amerikaner von „Meer zu Meer“, die Israelis vom Meer zum Jordanfluss.

Die Beziehung hat eine strategische Dimension: Israel dient den lebenswichtigen amerikanischen Bedürfnissen, um die Herrschaft über das Öl im Nahen Osten zu sichern; Amerika dient den Bemühungen der israelischen Regierung, das Land bis zum Jordan zu beherrschen und den Widerstand der lokalen Bevölkerung zu brechen.

Diese Beziehungen haben eine politische Dimension: Die US haben immensen Einfluss auf Jerusalem, und Israel hat einen immensen Einfluss auf Washington. Dieser Einfluss gründet sich auf die eine Million Juden, die vor hundert Jahren nach Amerika eingewandert sind. Sie stellen dort eine mächtige Gemeinschaft dar, die mit politisch wirtschaftlichem Einfluss auf alle Zentren der gesellschaftlichen Macht bewundernswert organisiert ist. Die kombinierte Macht der jüdisch-zionistischen Lobby und der christlichen Fundamentalisten, die auch die israelische Rechte unterstützt, ist unermesslich.

(Es gibt eine Geschichte über einen israelischen Politiker, der vorschlug, „sich den USA als 51. Staat anzuschließen. „Bist du verrückt“ gab sein Kollege zurück, „wenn wir einfach ein weiterer Bundesstaat wären, dann hätten wir nur zwei Senatoren und ein paar Kongressleute. “Jetzt haben wir wenigstens 80 Senatoren und Hunderte von Kongressleuten.“)

Dutzende kleiner Länder in aller Welt glauben, dass der Weg nach Washington über Jerusalem führt. Um sich bei den USA einzuschmeicheln, knüpfen sie erst enge Beziehungen mit Israel, das für sie wie ein Türsteher wirkt, an dem man nicht ohne Bestechung vorbei kommen kann.

Dieser Einfluss ist nicht unbegrenzt, wie einige glauben. Die Jonathan-Pollard-Affäre hat gezeigt, dass all die Macht der Pro-Israel-Lobby nicht ausreichte, um für einen kleinen Spion ein Pardon zu erhalten. Und vor kurzem gelang es Israel nicht, den Verkauf von riesigen Mengen von Waffen an Saudi-Arabien zu verhindern, obwohl es natürlich mehr Hilfe umsonst erhält.)

Die Auswirkungen sind auch keine Einbahnstraße. Wenn die USA Israel eine direkte Order erteilen, dann gehorcht Jerusalem. Zum Beispiel, als Jerusalem sich entschieden hatte, an China ein teures Aufklärungsflugzeug zu verkaufen - der Stolz der israelischen Industrie - zwang Washington Israel, diesen Deal rückgängig zu machen, was den israelisch-chinesischen Beziehungen nur schweren Schaden zufügte.

Aber in Washington und Jerusalem gibt es eine tief verwurzelte Überzeugung darüber, dass die beiden Länder in ihren Interessen so eng miteinander verbunden sind, dass sie nicht aus- einander gehalten werden können. Was für den einen gut ist, ist auch für den anderen gut. Die siamesischen Zwillinge können nicht getrennt werden.

TROTZDEM lohnt es sich zuweilen, an die Worte des assyrischen Generals von vor 2708 Jahren zu erinnern. Große Mächte steigen auf und fallen. Nichts bleibt, wie es ist.

Das 20. Jahrhundert wurde das „amerikanische Jahrhundert“ genannt. Am Anfang waren die USA noch ein Land am Rande des Weltsystems. An seinem Ende – nach zwei Weltkriegen, die von der wachsenden Macht des amerikanischen Riesen entschieden wurden - waren sie die einzige Weltmacht, der letzte Befehlshaber von allem. Das ging so weit, dass ein gelehrter Professor über das „Ende der Geschichte“ unter amerikanischer Schutzmacht fantasierte.

Das 21. Jahrhundert wird nicht ein weiteres „amerikanisches Jahrhundert“ sein. Man kann einen langsamen, aber stetigen Niedergang des US- Status voraussehen. Europa vereinigt sich langsam aber sicher, und seine wirtschaftliche Macht wächst stetig. Russland wird nach und nach wieder eine Großmacht, wozu ihm seine enormen Öl- und Gasreserven verhelfen. Und besonders wichtig: die zwei Bevölkerungsgiganten China und Indien erklimmen schnell die wirtschaftliche Leiter.

Wahrscheinlich wird sich nichts Dramatisches ereignen. Die US werden nicht plötzlich zusammenbrechen wie die Sowjetunion, ein Riese auf tönernen Füßen. Sie werden keine militärische Niederlage erleben wie Nazi-Deutschland, dessen größenwahnsinnige militärische Ambitionen auf ganz unzulänglicher wirtschaftlicher Basis gegründet waren. Aber die relative Macht der USA ist in einem unvermeidlichen Prozess des langsamen Abstiegs.

Die Ereignisse im Irak sind nur kleine Beispiele. Amerika schlidderte in dieses Abenteuer nicht nur, um Israel zu schützen, wie die beiden Professoren Walt und Mearsheimer in ihrem neuen Buch behaupten. Auch nicht deshalb, weil sie den armen Irak vom blutdürstigen Tyrannen befreien wollten. So wie wir hier schon einmal schrieben: Sie überfielen den Irak, um die Hand auf den wesentlichen Ölreserven des Nahen Ostens zu halten und um eine permanente amerikanische Militärpräsenz in seinem Zentrum zu behaupten. Nun versinken sie – wie erwartet - in einem irakischen Morast. Aber ein Land wie die USA, die in der Lage waren das schändliche Debakel in Vietnam zu überwinden, wird auch das erwartete Fiasko im Irak verwinden. Die militärische Macht der USA – einzigartig in der Welt – ist auf einer nie da gewesenen wirtschaftlichen Macht gegründet.

Aber viele kleine Niederlagen werden sich zu einer großen addieren. Der Krieg hat das amerikanische Prestige, das Selbstvertrauen und das moralische Ansehen (Guantanamo, Abu Ghraib) verletzt. Es gab einmal eine Zeit, als die USA weltweit Bewunderung einheimsten. Heute zeigen die Meinungsumfragen, dass die USA von der Mehrheit in fast allen bedeutenden Ländern gehasst werden. Der kolossale amerikanische Schuldenberg lässt auch nichts Gutes ahnen.

IST ES wirklich gut, mit dem Schicksal der USA auf Leben und Tod verbunden zu sein? Abgesehen von den moralischen Erwägungen: ist es klug, all seine Eier – alle – in einen Korb zu legen?

Ein Zyniker mag sagen: warum nicht? Amerika beherrscht die Welt. Es wird dies noch eine Zeitlang tun. Falls und wenn es die Kontrolle verliert, werden wir Lebe wohl! sagen und uns nach einem neuen Verbündeten umschauen. So haben wir es mit den Briten getan. Nach dem 1. Weltkrieg halfen wir ihnen, das Mandat über Palästina zu bekommen, und dafür halfen sie uns, die hebräische Gemeinschaft hier aufzubauen. Schließlich gingen sie weg, und wir blieben. Danach halfen wir Frankreich, und dafür erhielten wir von ihnen den Atomreaktor in Dimona. Schließlich gingen sie, und der Reaktor blieb.

Dies wird „Realpolitik“ genannt. Wir werden von den Amerikanern bekommen, was wir erhalten können, und dann, nach ein oder zwei Generationen, werden wir weiter sehen. Vielleicht verlieren die US viele ihrer Aktivposten. Vielleicht werden sie aufhören, Israel zu unterstützen, wenn eine neue Realität eine Veränderung ihrer Interessen bringt.

Ich glaube nicht, dass unsere gegenwärtige Politik klug ist. Unsere sogenannte „realistische“ Politik sieht die Realität von heute, aber nicht die Realität von morgen. Schließlich begründeten wir diesen Staat nicht für begrenzte Zeit, sondern für Generationen. Wir müssen an die Realität von morgen denken.

Zweifellos wird die Welt von morgen nicht monopolar sein, einseitig-amerikanisch, sondern mulipolar, eine Welt deren Einfluss auf viele Zentren aufgeteilt ist, wie Washington, Peking, Moskau, Neu Delhi, Brüssel und Rio de Janeiro.

Es wäre klug, sich heute schon auf diesen Tag vorzubereiten.

IN WELCHER Weise denn?

Ich verglich einmal unsere Situation mit der eines Spielers am Roulettetisch, der ein unglaubliches Glück hat. Vor ihm wächst der Berg der Jetons. Er könnte im richtigen Augenblick aufhören und seine Jetons in Millionen Dollar umtauschen und danach für immer sorglos und glücklich leben. Aber er kann nicht aufhören. Das Spielfieber lässt ihn nicht los. Also macht er weiter, auch als sich sein Glück gewendet hat - mit voraussehbaren Folgen.

In diesem Augenblick sind wir auf der Höhe unserer Macht. Unsere Verbindungen mit den USA, die immer noch allmächtig sind, geben uns eine Position weit über unsere natürlichen Fähigkeiten hinaus.

Dies wäre der Zeitpunkt, um die Jetons in Geld umzutauschen, unsere augenblicklichen Gewinne in bleibende Werte umzuwechseln. Die besetzten Gebiete aufzugeben und Frieden zu machen, mit unsern Nachbarn Beziehungen zu knüpfen, tiefe Wurzeln in der Region zu schlagen, so dass wir selbst in der Lage sind durchzuhalten, wenn der Wille und die Fähigkeit Amerikas, uns unter allen Umständen zu schützen, erlöschen.

Das ist umso wahrer, wenn wir den Aufstieg des islamischen Radikalismus in Betracht ziehen, der eine natürliche Reaktion auf die Aktionen der amerikanisch-israelischen Achse ist. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist die Hauptursache für dieses Erdbeben, das eines Tages einen zerstörerischen Tzunami verursachen kann. Wir, wie auch die Amerikaner, wären gut beraten, beizeiten die natürlichen Ursachen dieses Phänomens zu beseitigen.

Amerika ist weit davon entfernt, ein gebrochenes Rohr zu sein - vorläufig. Diejenigen die sich auf diesen Stab stützen wollen, können es noch eine Weile tun. Aber es wäre klug von uns, diese Zeit zu nutzen, um uns eine Existenz in der zukünftigen Welt in Frieden abzusichern.