Regionen und Länder

 

UCK-Waffenernte lediglich „Trojanisches Pferd“ der NATO

(von Rainer Rupp)

 

Noch am Sonntag hatten die ethnischen Albanern in der Nähe von Tetovo die Straßenblockade aufgehoben, mit der sie die Weiterfahrt von 350 mazedonischen Flüchtlingen verhindern wollten, die kurz ihre Häuser besuchen wollten, aus denen sie von der vorrückenden UCK vertrieben worden waren.  Der mazedonische Parlamentspräsident Stojan Andov, der am Sonntag unter massivem Druck von Vertretern der NATO und EU gestanden hatte, nahm die Aufhebung der Blockade zum Anlaß, am Montag mit der ersten Lesung zur Verfassungsänderung fortzufahren. 

 

Indessen scheint es auch so manchen NATO-Spitzenpolitikern zu dämmern, dass die NATO-Operation zunehmend mit Gefahren für die eigenen Soldaten verbundenen ist, wenn die Allianz fortfährt, die Ängste und Sorgen der mazedonischen Bevölkerung zu ignorieren.  In einem Interview mit der in Milano erscheinenden Finanzzeitung „Il Sole 24 Ore“ forderte der italienische Verteidigungsminister letzte Woche die NATO auf, „die Einwände und Kritik der Mazedonier sehr ernst zu nehmen“, denn „mit einer Scheinentwaffnung ist niemand geholfen“.  (CCTV.com, Editor:Hope THU, AUG 30, 2001)

 

Um mehr als eine Scheinentwaffnung ist es jedoch der NATO zu keinem Zeitpunkt gegangen.  Selbst die britische BBC bezeichnet die Waffenernte der NATO als „Wanderzirkus“ den die NATO mit ihren Photogelegenheiten „auch noch zum Medienzirkus“ gemacht habe.  Weil „die NATO-Operation Essential Harvest zunehmend irrelevant wird“ – so BBC – droht das ganze Unternehmen zu einer „Missernte“ zu werden.  (“Macedonia: Wobbling Balkans domino”, BBC, Friday, 31 August, 2001, 11:01 GMT 12:01 UK)  Die Militärexperten der mit der Rüstungsindustrie aufs engste verbunden britischen “Jane´s-Gruppe” gehen in ihrer jüngsten Analyse davon aus, dass die NATO-Mission in Mazedonien, so wie sie angelegt ist, „von Anfang an zum scheitern verurteilt war“.  („JID examines Operation 'Essential Harvest'”, Janes, 30 August 2001.)

 

Legt man zur Beurteilung der NATO-Operation das erklärte Ziel zu Grunde, nämlich die Entwaffnung der UCK, dann kann an einer „NATO-Mißernte“ in der Tat kein Zweifel bestehen.  Auch sollte man die von der NATO öffentlich propagierte Sorge, in einen dritten Balkan-Konflikt hineingezogen zu werden, nicht zu wörtlich nehmen, wenn man einem hohen Beamten des britischen Verteidigungsministerium Glauben schenkt, der gestern in der schottischen Presse zitiert wurde.  Demnach hätte die NATO die “Ernte-Operation” nicht unternommen, weil sie etwa an deren Erfolg geglaubt hätte.  Vielmehr hätte die Operation wie ein "Trojanisches Pferd” funktioniert, mit deren Hilfe die NATO ihre Truppen in das Land hätten bringen können.  Unter Berufung auf die Quelle im Londoner Verteidigungsministerium heißt es im „Scotsman“ wörtlich:  "Niemand glaubt ernsthaft daran, dass die Entwaffnungsoperation funktionieren wird.  Diese Mission hatte lediglich den Zweck, ins Land zu kommen.  Wenn man erst mal vor Ort ist, ist es viel einfacher, einen Grund zum Bleiben zu finden.“ (“UK to keep a permanent force in Macedonia”, Chris Stephen, The Scotsman, 3.9.01)

 

Daß die Blair-Regierung, die bei dieser NATO-Operation federführend ist, sich bereits gemeinsam mit der NATO auf ein längeres Verweilen in Mazedonien vorbereitet, geht auch aus den Kommentaren des britischen Außenministers Jack Straw bei seinem Besuch in der mazedonischen Hauptstadt Ende letzter Woche hervor.  Demnach wollte Straw die Möglichkeit der Aufstellung einer NATO-geführten Stabilisierungstruppe (ähnlich wie die S-For in Bosnien) für Mazedonien nicht länger ausschließen.  Zugleich meldete die konservative Londoner Tageszeitung „The Telegraph“, daß britische Diplomaten bereits an einem Plan arbeiteten, dem zufolge in London die an der NATO-Operation Essential Harvest beteiligten Soldaten mindestens bis zum Ende des Jahres in Mazedonien bleiben werden. (“Macedonia troops may be there at Christmas”, By Julius Straussin in Skopje, Telegraph 31.8.01)  Warum dieser Eifer? 

 

Ein Sprecher des von US-Ölfirmen geführten Transbalkan Konsortiums AMBO gab zum Wochenende in der bulgarischen Hauptstadt Sofia bekannt, dass noch vor Jahresende mit dem Bau der Öl-Pipeline begonnen werden soll.  Die 890 Km lange Pipeline soll 1,3 Milliarden US-Dollar kosten und vom bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas quer durch Mazedonien zum albanischen Adriahafen Vlore führen.  Nach vier Jahren Bauzeit soll sie mit einer Tageskapazität von 750 Tausend Barrels das ursprünglich aus dem Kaspischen Meer stammende Rohöl zur Adria pumpen.  Anschließend würde das Öl über Rotterdam in die Vereinigten Staaten verschifft, sagte der AMBO-Sprecher.  Sicher ein weiterer guter Grund dafür, aus Mazedonien das dritte NATO-Protektorat auf dem Balkan zu machen. („Balkan pipeline under way soon”, Kathimerini, ATHENS, SATURDAY-SUNDAY, SEPTEMBER 1-2, 2001)

 

 

Sbg., den 3.9.01