Regionen und Länder

http://www.uni-saarland.de/~gg14rhah/lexikon/tschet/tschet.htm (Quelle)

Der Konflikt in Tschetschenien

Gliederung:

  1. Problemaufriß
  2. Der Kaukasus - Achillesferse Rußlands?
    1. Geographische Abgrenzung
    2. Ethnische Vielfalt
    3. Aktuelle Krisenherde
    4. Besonderheiten Tschetscheniens
  3. Historischer Überblick
    1. Zaristische Expansionspolitik
    2. Die Folgen der Revolution von 1917
    3. Integration in die UdSSR
    4. Deportationen unter Stalin
    5. Nach der Rehabilitation
  4. Der Beginn der Krise
    1. Zusammenbruch der UdSSR
    2. Unabhängigkeitsbestrebungen in Tschetschenien
    3. Konfrontation mit Moskau
    4. Regierung und Opposition in Tschetschenien
  5. Das Eingreifen Rußlands
    1. Einmarsch russischer Truppen im Dezember 1994
    2. Verlauf des Krieges
    3. Ende des Krieges - Friedensvertrag
  6. Ausblick
  7. Wissenschaftliche Debatte
  8. Chronologie
  9. Anhang
    1. Karte
    2. Glossar
  10. Literaturangaben
  11. WWW-Adressen
  12. Kurzbiographie der Autorin
      

1. Problemaufriß

Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren in der russischen und internationalen Berichterstattung über den Tschetschenienkonflikt das Bild des wilden, verwegenen Tschetschenen gezeichnet, der scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste für die Unabhängigkeit seines Landes von der Moskauer Zentralmacht kämpft. In dem 20 Monate dauernden Krieg standen sich in der Kaukasusrepublik russische Truppen und tschetschenische Freiheitskämpfer in blutigen Gefechten gegenüber. Mindestens 80.000 Menschen wurden getötet, große Teile des Landes dem Erdboden gleichgemacht. Hunderttausende sind geflohen, vor allem Russen, die hier seit Jahrzehnten gelebt hatten. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Opfer, die sie bisher gebracht haben, geben die Tschetschenen nicht auf - sie sind entschlossen, auch weiterhin für die Unabhängikeit von Rußland einzutreten. Dieser Widerstand hat eine lange Tradition. Seine Wurzeln reichen zurück bis ins 18. Jahrhundert. Welche Faktoren führten dazu, daß sich diese Entschlossenheit zum Kampf bis ins 20. Jahrhundert erhalten hat, und warum ist es gerade die Kaukasusregion, in der sich nach dem Zusammenbruch der Sovjetunion eine solche Vielzahl an Konflikten herausgebildet hat, daß die ohnehin schon gefährdete Stabilität der jungen Staatengemeinschaft an ihnen zu zerbrechen droht? (Zurück zur Gliederung)

2. Der Kaukasus - Achillesferse Rußlands?

Eine Betrachtung der Geschehnisse in Tschetschenien und ihrer Vorgeschichte  scheint nur in dem größeren Zusammenhang des Konfliktherdes Kaukasus sinnvoll. Im Folgenden sollen kurz einige der Problemfelder angesprochen werden, die dem Kaukasus die Bezeichnung "Achillesferse Rußlands" eingebracht haben.

2.1 Geographische Abgrenzung

Die als Kaukasus bezeichnete Region zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, der Osteuropäischen Ebene und dem vorderasiatischen Anatolien wird gewönlich in Nord- und Transkaukasus untergliedert. Letzerer umfaßt die GUS-Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Der Nordkaukasus bildet somit eine Grenzregion zu drei besonders konfliktgeladenen Nachfolgestaaten der Sovjetunion. Die Vorgebirge im Norden werden vom eigentlichen Kaukasusmassiv unterschieden und durch ein Plateaugebiet um Stavropol in die östliche Nogai-Steppe mit ungünstigen Boden- und Klimaverhältnissen und die westliche Kuban-Steppe unterteilt. Diese ermöglichte zu Sovjetzeiten aufgrund ihrer fruchtbaren Böden und des milden Klimas eine ertragreiche Landwirtschaft und die Ansiedlung von Industriebetrieben. Daraus erklären sich die teilweise starken Entwicklungsgefälle zwischen den einzelnen Nordkaukasus-Republiken (Adygeja, Karatschai-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien, Nordossetien, Inguschetien, Tschetschenien und Dagestan; außerdem gehören die Regionen Krasnodar und Stawropol zum Nordkaukasus). Übertroffen wird die geographische Vielfalt allerdings noch von der ethnischen, die wohl den größten Instabilitätsfaktor im Kaukasus darstellt. (Zurück zur Gliederung)

2.2 Ethnische Vielfalt

Nicht umsonst wird der Kaukasus häufig als "Berg der Sprachen" bezeichnet: Auf einem Gebiet von etwa 440.000 Quadratkilometern leben über 40 verschiedene Volksstämme. Besonders stark ist diese ethnische Vielfalt im Nordkaukasus ausgeprägt. Zahlreiche Ethnien hinterließen hier ihre Spuren: von Skythen, Hunnen, arabischen und türkischen Völkern bis hin zu Krimtataren und russischen Kosaken. Die Einwanderer trugen zu einer immer stärkeren Differenzierung der ohnehin schon komplexen ethnischen Struktur der autochthonen Bevölkerung bei. Eine mögliche Einteilung kann nach Sprachgruppen erfolgen: Im Nordkaukasus trifft man auf indoeuropäische (z.B. Russisch, Ossetisch) und kaukasische Sprachen (letztere mit zahlreichen Untergruppen) sowie auf Altai-Völker (turksprachig). Am größten ist die sprachliche Vielfalt in Daghestan, wo allein 12 "Staatssprachen" existieren.Hinzu kommen kulturelle und religiöse Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern, die hier auf engstem Raum zusammenleben. Schon aufgrund dieser Tatsachen sind die Hintergründe der aktuellen Konflikte in der Region kaum monokausal zu erfassen, sondern müssen im Zusammenspiel der verschiedensten Faktoren gesucht werden. (Zurück zur Gliederung)

2.3 Aktuelle Krisenherde

Zusätzlich zu den geographischen und ethnischen Faktoren ist vor allem die in vieler Hinsicht verfehlte Nationalitätenpolitik der Sovjetzeit eine Ursache für aktuelle Konflikte in der Region: Die politische Gliederung folgte häufig nicht der ethnischen Struktur der Bevölkerung, immer wieder wurden binationale Gebietseinheiten geschaffen, und manche Gebiete wechselten im Laufe des 20. Jahrhunderts die Zugehörigkeit zu den einzelnen Sovjetrepubliken. Da eine Erörterung der Gründe im einzelnen hier zu weit führen würde, sollen nur die wichtigsten Krisenherde der Kauskasusregion genannt werden:

Diese kurze Auflistung zeigt, welch instabiler Situation sich Moskau und die GUS im Kaukasus gegenübersehen. Immer wieder ausgesprochen wird auch die Befürchtung, der Konflikt in Tschetschenien könnte einen Dominoeffekt in den benachbarten Republiken auslösen. Für das tiefere Verständnis der Lage in der abtrünnigen Republik ist es nötig, sich über einige Besonderheiten Tschetscheniens klarzuwerden. (Zurück zur Gliederung)

2.4 Besonderheiten Tschetscheniens

Die 1991 für unabhängig erklärte Republik Tschetschenien (vormals binationale Gebietseinheit Tschetscheno-Inguschetien) ist eine der wenigen autonomen Republiken der ehemaligen Sovjetunion, in der die Titularnation die deutliche Mehrheit der Bevölkerung von 1,2 Millionen Menschen stellt (75%). Dieser Anteil dürfte sich mittlerweile aufgrund der Emigrationswellen der russischen Bevölkerung (vormals 20%) aus Tschetschenien noch erhöht haben. Auch in religiöser Hinsicht zeigt sich die gut 16.000 km2 große Republik relativ einheitlich: Der Großteil der Tschetschenen gehört der sunnitischen Richtung des Islam an. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts stehen sie unter dem Einfluß sufitischer Bruderschaften (Taqiras). Die Bruderschaften dieser mystisch-puritanischen Richtung des Islam sind straff organisiert und streng hierarchisch gegliedert, ihre Anhänger werden als Muriden bezeichnet. Dadurch, daß viele Taqiras nur Angehörige eines bestimmten Clans (s. unten) als Mitglieder aufnehmen, trugen sie seit jeher zur Aufrechterhaltung der traditionellen sozialen Ordnung bei. Trotz der Bekämpfung des Islam während der Deportationen unter Stalin (s. u. 3.4) lebten die Organisationen im Untergrund weiter und bildeten so den Ausgangspunkt für einen inoffiziellen Islam, der auch heute wieder Einfluß auf Gesellschaft und Politik ausübt. Daneben sind für Tschetschenien besonders die über Jahrhunderte aufrechterhaltenen Clanstrukturen auf der Grundlage des taip bezeichnend, einer Untergliederung, die sich auf einen gemeinsamen Stammvater zurückführt und verschiedene Siedlungen und Verwandtschaftsgruppen umfaßt. Das soziale Leben wird demnach vor allem von zwei Faktoren bestimmt: den Rechtsvorschriften des Islam (Scharia) und dem Gewohnheitsrecht der Stämme (Adat). Eine wichtige Rolle spielt auch heute noch das System der Blutrache (adaty). Der traditionelle Zusammenhalt in einer festgefügten sozialen Ordnung und die enge Verbindung zwischen religiöser und nationaler Selbstbehauptung sind grundlegende Elemente für die jahrhundertelangen Widerstandskämpfe gegen Moskau. (Zurück zur Gliederung)

3. Historischer Überblick

3.1 Zaristische Expansionspolitik

Der heute traditionelle Widerstand gegen die russische Zentralmacht im Nordkaukasus keimte schon bald nach der ersten Berührung mit dem Moskauer Zarentum auf. Im frühen Mittelalter hatte das Volk der "Nochtscho", wie sich die Tschetschenen und Inguschen seit jeher selbst bezeichnen, der Herrschaft der Alanen unterstanden, später der der Mongolen und Timuriden. Zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert von Georgien aus christianisiert, wurden die Bergvölker seit dem 16. Jahrhundert zum Islam bekehrt. Bis zum 18. Jahrhundert waren sie kulturell von der türkisch-tatarischen Welt beeinflußt. Erste Berührungen mit der russischen Macht hatten die Völker des Nordkaukasus, als 1559 unter Ivan Groznyj ("der Schreckliche", 1533-1584) die Festung Tarki als Stützpunkt russischer Kosaken angelegt wurde. 1587 stationierte er das erste Kosakenheer in der Region. Bereits 1552 und 1556 hatte Ivan IV. im Zuge seiner imperialen Außenpolitik die tatarischen Khanate Kazan und Astrachan erobert. Der Kaukasus blieb aber auch weiterhin uneinnehmbar. Das lag nicht zuletzt daran, daß das Krim-Khanat, das unter osmanischem Schutz stand, als Pufferzone wirkte. Als dieses Khanat 1783 unter Katharina II. (1762-1796) an Rußland fiel, stand der Weg nach Süden offen. Doch bis zur endgültigen Eroberung des Nordkaukasus sollte noch fast ein Jahrhundert vergehen: In einem ersten religiös motivierten Verteidigungskrieg, einem "ghasavat" (in etwa gleichbedeutend mit "Heiliger Krieg"), stellte sich der Tschetschene Mansur Uschurma 1785 an die Spitze der Bergvölker, um gegen die russischen Kolonisationsbestrebungen anzukämpfen und vereinigte den Widerstandswillen der ganzen Region hinter sich. Eine noch größere Bedeutung für die tschetschenische Geschichte erlangten die sogenannten Muridenkriege (1834-1859) unter der politischen, militärischen und geistigen Führung des Daghestaner Imams Schamil. Auch ihn unterstützen neben den Daghestanern zahlreiche Tschetschenen im Kampf gegen die Truppen des russischen Zaren Nikolaus I. ("Gendarm Europas").  Schamil konnte sogar die Militärstraße zwischen Vladikavkas und Tiflis unterbrechen und auf Tiflis marschieren. Die Russen reagierten darauf mit einer Strategie der "verbrannten Erde" und massenhaften Umsiedlungen, wie es sie schon nach der Niederwerfung Mansurs gegeben hatte. Doch auch nach der Kapitulation Schamils 1859 riß die Reihe der Aufstände und Gefechte nicht ab, bis die "Befriedung" des Kaukasus durch Rußland 1864 abgeschlossen wurde. (Zurück zur Gliederung)

3.2 Die Folgen der Revolution von 1917

In der auf die Oktoberrevolution von 1917 folgenden Bürgerkriegsperiode drohte das Russische Reich unaufhaltsam zu zerfallen: Dazu trugen vor allem die nationalen Bewegungen in den nichtrussischen Gebieten bei. Wie vielen anderen Völker fiel auch den Tschetschenen eine eindeutige Parteinahme schwer: an den Bolscheviki störte die Muslime vor allem die atheistische Grundhaltung, an den Weißen deren Absicht, die imperialen Machtverhältnisse wiederherzustellen. Die Bolscheviki gewannen den Bürgerkrieg unter anderem deshalb, weil sie zu weitreichenden Zugeständnissen an die nationalen Bewegungen bereit waren und anfangs Versuche transnationaler Staatsbildung unterstützten. So entstand im Januar 1921 die Autonome Sovjetrepublik der Bergvölker, die die heutigen Republiken Tschetschenien, Inguschien, Nordossetien, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien umfaßte. Dieses Projekt war jedoch nur von kurzer Dauer: 1924 wurde die Bergrepublik aufgelöst, nachdem sich zuvor bereits sechs autonome Regionen gebildet hatten. Im November 1922 wurde die Autonome Oblast (AObl) Tschetschenien gegründet, die im Januar 1934 mit der 1924 entstandenen AObl Inguschetien zuerst zur Tschetscheno-Inguschetischen AObl vereinigt und 1936 als ASSR (Autonome Sovjetische Sozialistische Republik) konstituiert wurde. (Zurück zur Gliederung)

3.3 Integration in die UdSSR

Auch nach der Gründung der Tschetscheno-Inguschischen ASSR kehrte im Nordkaukasus keine Ruhe ein: Die Bergvölker widersetzten sich der Kollektivierung und kämpften 1929/30 wieder gegen die Sovjetmacht an. Das Land verblieb vielfach in Clan-Besitz, der jetzt einfach als Kolchos bezeichnet wurde. Zu zwischennationalen Konflikten kam es auch auf vielen anderen Ebenen des täglichen Lebens: Nichtrussische Arbeiter wurden in gemischten Betrieben diskriminiert, erhielten keine qualifizierten Arbeitsplätze und keine Wohnungen, und ihre Kinder konnten häufig keine Schule besuchen. In der Erdölindustrie in Groznyj waren ohnehin nur wenige tschetschenische Arbeiter beschäftigt, die Russen stellten die überwiegende Mehrheit. Auch von den Stalinschen Säuberungsaktionen waren Tschetschenen und Inguschen betroffen: etwa 2% der Bevölkerung wurden in den großen Verhaftungswellen seit 1937 festgenommen, unter ihnen hauptsächlich Mitglieder der politischen Führungsschicht. 1937 führte der NKWD einen "Generalschlag gegen antisovjetische Elemente" im Nordkaukasus aus, wodurch die Gegnerschaft der Tschetschenen zur Sovjetmacht noch verstärkt wurde. Die angebliche Kollaboration einiger Bergvölker mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg bot Stalin die Gelegenheit, sich der widerspenstigen Kaukasier durch Deportationen zu entledigen. (Zurück zur Gliederung)

3.4 Deportationen unter Stalin

Nach der Rückeroberung der im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzten Gebiete leitete Stalin die wohl folgenreichste Epoche der tschetschenischen Geschichte ein: Wie die Deutschen, Krimtataren und viele andere Völker wurden auch die Tschetschenen kollektiv wegen ihrer angeblichen Zusammenarbeit mit dem Feind nach Kasachstan und Mittelasien verschickt. Einige ihrer Landsleute hatten offensichtlich Kontakt zu den Deutschen aufgenommen. Bestraft wurde dafür aber das ganze Volk. Die Tschetschenen waren nach den Deutschen die größte Gruppe der Deportierten, obwohl die deutschen Truppen ihre ASSR überhaupt nur an einem Randstreifen betreten hatten: Fast 500.000 Tschetschenen und 91.000 Inguschen wurden im März 1944 in Asien zwangsangesiedelt, ihre Gebietseinheit wurde 1946 aufgelöst. Diese Maßnahme war weniger eine Bestrafung für den Feindkontakt, sondern sollte der Zerschlagung des antisovjetischen Widerstands in dieser Region dienen. Anfang 1940 hatte Chasan Israilov den "Befreiungskrieg" und eine "vorläufige revolutionäre Volksregierung von Tschetschenien und Inguschetien" ausgerufen, um für einen freien Kaukasus zu kämpfen. Die von ihm geführten Aufständischen hatten mehrere Rayons unter ihrer Kontrolle und hielten sich dort bis 1942, als die Erhebung von der sovjetischen Luftwaffe niedergeschlagen wurde. Es ist bezeichnend, daß die Deportationserfahrungen den Zusammenhalt der Tschetschenen und ihr gemeinsames ethnisches und religiöses Bewußtsein eher gestärkt als geschwächt hatten, wie sich schon bald nach dem Tode Stalins am 5. März 1953 zeigen sollte. (Zurück zur Gliederung)

3.5 Nach der Rehabilitation

In seiner geheimen Rede vor dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 kündigte der neue Erste Sekretär des Zentralkommitees (ZK) der Partei, Nikita Chruschtschov, ausdrücklich die Rehabilitation der Kaukasusvölker der Karatschaier, Balkaren, Tschetschenen, Inguschen und der Kalmücken an. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt schon ein Großteil der Tschetschenen und Inguschen ohne offizielle Erlaubnis in ihre Heimat zurückgekehrt, da nach dem Tod Stalins die Kontrolle über die Deportierten zusehends nachgelassen hatte. Unter dem Druck der Ereignisse beschloß das ZK am 24. November die Wiederherstellung der nationalen Territorien unter anderem der Tschetschenen und Inguschen, die im Januar 1957 ausgeführt wurde, allerdings in engeren Grenzen als vor der Deportation. Dauerhafte Spannungen ergaben sich zudem aus der Tatsache, daß das Gebiet nach der Zwangsumsiedlung systematisch von Russen und kaukasischen Siedlern kolonisiert worden war. In der Folge kam es immer wieder zu Zusammenstößen: Die Tschetschenen forderten ihre Häuser und Grundstücke zurück und drängten die neuen Bewohner aus Ossetien oder Daghestan (etwa 77.000) in ihre Republiken zurück. Auch 36.000 Russen, die meisten von ihnen qualifizierte Arbeitskräfte, verließen das Land. Die übriggebliebene russische Bevölkerung begehrte gegen die Rückkehrer auf und verlangte während viertägiger Ausschreitungen im August 1958, daß die Tschetschenen und Inguschen die ASSR wieder verlassen müßten. Auch zwischen Inguschen und Nord-Osseten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen um das während der Deportation an Nord-Ossetien gefallene Rayon Prigorodnyj. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR flammten diese Konflikte wieder auf (siehe auch 2.3). Daß die Tschetschenen und Inguschen Volksgruppen waren, die sich nur schwer in die Sovjetunion integrieren ließen, läßt auch die Tatsache erahnen, daß damals wie heute etwa 98% Prozent die Sprache ihrer eigenen Nation als Muttersprache nannten - ein weiterer Ausdruck des durch die Erfahrungen der Deportation und Rehabilitation erstarkten Nationalgefühls, das auch im aktuellen Konflikt eine wichtige Rolle spielt. (Zurück zur Gliederung)

4. Der Beginn der Krise

4.1 Zusammenbruch der UdSSR

Eine ausführliche Analyse der Gründe des Zerfalls der Sovjetunion ist an dieser Stelle nicht möglich. Fest steht jedoch, daß zu den maßgeblichen Triebfedern die Forderung der Völker nach Anerkennung ihrer nationalen Rechte zählte. Schon kurz nach der Lockerung des Sovjetsystems durch Michail Gorbatschov (1985-1991) wurde der Wunsch nach Autonomie immer lauter. Bald zeigte sich, daß die großen Ziele Perestroika ("Umbau") und Glasnost ("Offenheit") nur Schlagworte blieben. Die dringend notwendigen Reformen konnten mit den Kräften des Parteiapparates nicht durchgeführt werden. Viele Republiken und autonome Gebietseinheiten handelten auf eigene Faust: Durch Volksabstimmungen und Wahlen legitimierte Vertreter begehrten gegen die seit Stalin betriebene Russifizierungspolitik der Sovjetunion auf, verlangten Wiedergutmachung für die Deportationen und stellten territoriale Revisionsansprüche. Zwischen 1988 und 1990 erklärten alle Republiken ihre Souveränität, ohne sich grundsätzlich gegen einen Staatenbund auszusprechen. Bereits vor dem offiziellen Ende der UdSSR am 27. Dezember 1991 hatten Rußland, Weißrußland und die Ukraine am 8. Dezember das Fundament für die am 21. Dezember 1991 gegründete Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) gelegt, der mittlerweile (Georgien trat erst 1993 bei) alle Republiken außer Estland, Lettland und Litauen angehören.
Zu Beginn des Jahres 1992 herrschte eine verfassungsrechtlich verworrene Situation. Dies nutzten die Politiker in Tschetschenien aus, um dem Land im März 1992 eine eigene Verfassung zu geben. Bereits im November des Vorjahres hatte sich die Teilrepublik für unabhängig erklärt. (Zurück zur Gliederung)

4.2 Unabhängigkeitsbestrebungen in Tschetschenien

Anfang der neunziger Jahre hatten sich - ähnlich wie in anderen Gebietseinheiten der ehemaligen Sovjetunion - auch in Tschetschenien Kräfte etabliert, die für Souveränität und Unabhängigkeit von Moskau eintraten. Neben der Demokratischen Partei der Vainachen, der Volksfront für Perestroika und der Partei des islamischen Weges war es vor allem der Allnationale Kongreß unter dem ehemaligen sovjetischen Luftwaffengeneral Dschochar Dudajev, der schon bald einen starken Einfluß auf die lokale Politik ausübte. In dem etwa 60köpfigen Führungskern waren zahlreiche bedeutende Clanführer vertreten, so daß sich der Kongreß eines gewissen Rückhalts in der Bevölkerung sicher sein konnte. Ein erster Höhepunkt der antirussischen Bewegung in Tschetschenien war die durch einen zehnwöchigen Generalstreik bewirkte Auflösung des Obersten Sovjet in Groznyj am 15. September 1991. Dieser hatte beim Putsch gegen Gorbatschov im August 1991 keine eindeutige Stellung bezogen, woraufhin Dudajev bei Demonstrationen in der tschetschenischen Hauptstadt die Auflösung des Obersten Sovjet und Neuwahlen forderte. Bereits am 27. Oktober 1991 wählten die Tschetschenen in vorgezogenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen den 47jährigen Dudajev mit 85% der Stimmen zu ihrem neuen Präsidenten. Moskau erklärte die Wahlen für ungültig, worauf Dudajev mit der Generalmobilmachung antwortete. Am 2. November rief der neue Präsident die unabhängige "Tschetschenische Republik" aus, die allerdings von keinem Staat der Erde anerkannt wurde. Dieses Vorgehen mußte unausweichlich zur Konfrontation mit Moskau führen, das sich in seiner Nationalitätenpolitik keine Blöße geben wollte. (Zurück zur Gliederung)

4.3 Konfrontation mit Moskau

Wenige Tage nach der Erklärung der tschetschenischen Unabhängigkeit verhängte der Präsident der Rußländischen Föderation, Boris Jelzin, den Ausnahmezustand über die abtrünnige Republik und schickte 2.000 Soldaten nach Groznyj, um Dudajev abzusetzen. Die Tschetschenen und mit ihnen Angehörige einiger anderer Kaukasusvölker stellten sich den Truppen in Massendemonstrationen entgegen und zwangen sie zum Rückzug. Dieses fehlgeschlagene Unternehmen kann als die erste nationalitätenpolitische Niederlage Jelzins gedeutet werden. In der Folgezeit erfuhr Tschetschenien Unterstützung aus der 1989 gegründeten "Konföderation der kaukasischen Bergvölker", in der 16 Kaukasusvölker vertreten sind. Mit der Ausrufung einer unabhängigen Republik hatte sich bereits 1991 die Trennung der vormals binationalen Gebietseinheit Tschetscheno-Inguschetien abgezeichnet, die 1992 offiziell vollzogen wurde. In der Folge kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Inguschen und Nord-Osseten um das Rayon Prigorodnyj (s. 3.5), woraufhin die russischen Truppen in Gefechtsbereitschaft versetzt wurden. Gegenüber Tschetschenien wurden vorerst nur Wirtschafts- und Finanzblockaden verhängt, die die ökonomische Krisensituation in der Teilrepublik drastisch verschärfte. Am 12. März 1992 gab sich die Tschetschenische Republik schließlich eine eigene Verfassung, in der sie sich zu einem "demokratischen Rechtsstaat" mit Religions- und Meinungsfreiheit erklärte. Doch schon bald rief die Tatsache, daß seit dem Regierungsantritt Dudajevs nur noch zwei größere Zeitungen erschienen und die dringend notwendigen Wirtschaftsreformen nicht in Angriff genommen wurden, eine innertschetschenische Opposition gegen den Präsidenten auf den Plan. (Zurück zur Gliederung)

4.4 Regierung und Opposition in Tschetschenien

Die Begeisterung für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Regierung Dudajev konnte die Bevölkerung Tschetscheniens nicht über die immer schlechter werdende soziale und wirtschaftliche Lage in ihrer jungen Republik hinwegtäuschen. Die Wirtschaftsreformen, die die wichtigsten Voraussetzungen für eine wirkliche Unabhängigkeit von Rußland hätten schaffen müssen, wurden hinausgezögert. Hinzu kam die Wirtschaftsblockade Rußlands, die Tschetschenien zur Einstellung der erdölverarbeitenden Industrie zwang. Der Zugriff auf tschetschenische Konten bei russischen Banken wurde gesperrt. Nachdem der Präsident am 31. März 1992 den Föderationsvertrag mit Rußland nicht unterzeichnet hatte, machte Dudajev aufgrund der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Winter 1992/93 das Angebot, in die RF einzutreten, wenn Tschetschenien weitgehende Autonomie gegenüber Rußland erhielte (mit Ausnahme der Außen- und Wirtschaftspolitik sowie der Verteidigung nach außen). Diesem Kompromiß wollte Jelzin indes nicht zustimmen, hätte ein solcher Vertrag doch eine Schwächung seiner Machtstellung bedeutet. Die innenpolitischen Spannungen in Tschetschenien nahmen zwischenzeitlich noch zu. Ein Zentrum der Opposition bildete sich im Terek-Rayon (nadteretschnyj rajon) im Norden der Republik. Von dort ging auch der erste von der russischen Zentralgewalt unterstützte Putschversuch am 31. März 1992 gegen Dudajev aus. Eine zentrale Rolle war dabei von Moskau dem Verwaltungschef des Terek-Rayons, Umar Avturchanov, zugedacht, der als Führungsfigur innerhalb der Opposition fungieren sollte. Der Versuch, den Präsidenten zu stürzen, wurde jedoch von dessen Truppen vereitelt. Daraufhin zog Rußland vorerst seine militärischen Einheiten aus der Krisenregion ab. Die Kritik am Dudajev-Regime bezog sich neben der mangelnden Pressefreiheit und der Verzögerung der ökonomischen Reformen vor allem auf den autoritären Regierungsstil des Präsidenten. Besonders deutlich trat dieser 1993 zutage: Im März hatte Dudajev zu einem Referendum über eine neue Verfassung und Parlamentswahlen aufgerufen, an dem sich allerdings nur 10% der Stimmberechtigten beteiligten. Dennoch wurden die Vollmachten des Präsidenten erweitert, was zu wochenlangen Protesten gegen das Regime führte. Im April schließlich löste Dudajev das Parlament auf und richtete ein auf ihn zugeschnittenes Präsidialregime ein. Wieder folgten Demonstrationen von über 50.000 Gegnern Dudajevs und Streiks. Nachdem dieser im Mai 1993 ein neues Kabinett gebildet hatte, versuchte das aufgelöste Parlament im Juni, eine Volksbefragung über Neuwahlen durchzuführen, die von regierungstreuen Truppen jedoch verhindert wurde, indem sie das Rathaus von Groznyj stürmten und die Stimmzettel vernichteten. Die Versuche der Opposition, das Regime abzuschaffen, scheiterten meist an der mangelnden Geschlossenheit und dem einzelkämpferischen Vorgehen ihrer Führer. Mit Beslan Gantemirov, Ruslan Labasanov und Ruslan Chasbulatov seien hier nur die wichtigsten genannt. Nachdem Ende 1993 ein weiterer Putschversuch gescheitert war, begann die mit russischen Waffen ausgestatte Opposition 1994 den bewaffneten Widerstand. Einem Anschlag Ende Mai entging Dudajev nur knapp, im Juni kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des ehemaligen Luftwaffengenerals. Am 9. August wurden die russischen Truppen an der Grenze zu Tschetschenien in Alarmbereitschaft versetzt, am 11. August folgte die Generalmobilmachung. Die russische Politik beschränkte sich anfangs auf die offene Unterstützung der lokalen Opposition mit Waffen und Geld. Nachdem aber auch die Umsturzversuche im Juni, Oktober und November 1994 gescheitert waren, wurde die Opposition am 18. November bei einem letzten Versuch, Groznyj einzunehmen, von der russischen Luftwaffe unterstützt - wiederum ohne Erfolg. Es gelang Dudajev, einige russische Soldaten gefangenzunehmen. Damit stand Moskau vor der Entscheidung über Krieg oder Frieden, über militärische Intervention oder Anerkenung der Unabhängigkeit Tschetscheniens. Am 11. Dezember 1994 marschierten russische Truppen in Tschetschenien ein, "um die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen". (Zurück zur Gliederung)

5. Das Eingreifen Rußlands

Im Folgenden sollen vorrangig die Ereignisse in Tschetschenien und die innenpolitische Situation in Moskau behandelt werden. Die Frage über die Rechtmäßigkeit des russischen Eingreifens und die außenpolitischen Auswirkungen werden hier ausgespart und unter Punkt 7 näher erläutert.

5.1 Einmarsch russischer Truppen im Dezember 1994

Hatte Boris Jelzin noch im August 1994 verkündet, eine militärische Intervention zur Lösung des Konflikts mit Tschetschenien sei inakzeptabel, schien er seine Meinung vier Monate später grundlegend geändert zu haben. Diese Entscheidung hatte vielfältige Gründe: Rußland vertrat im Kaukasus sicherheitspolitische und wirtschaftliche Interessen. Um ihre Vormachtrolle innerhalb der GUS zu stabilisieren und auszubauen, war die russische Zentralmacht darum bemüht, den Transkaukasus und Zentralasien unter militärische Kontrolle zu bringen und ein dichtes Netz von Militärstützpunkten aufzubauen. Eine unabhängige Republik Tschetschenien hätte dieses Ziel gefährdet. Die "Politik der Stärke" sollte außerdem dazu dienen, nationalistische Kräfte in anderen Föderationsrepubliken einzuschüchtern und mögliche Sezessionsbestrebungen zu unterdrücken. Wirtschaftliche Gesichtspunkte dürften den Meinungswandel ebenfalls beeinflußt haben. Durch Tschetschenien läuft eine wichtige Eisenbahnlinie und eine Erdölpipeline, die Öl vom Kaspischen an das Schwarze Meer transportiert. Daß Boris Jelzin aber gerade zu diesem Zeitpunkt einer gewaltsamen Lösung zustimmte, während Moskau der Entwicklung in der abtrünnigen Republik drei Jahre lang eher abwartend aus der Ferne zugesehen hatte, resultierte vor allem aus den veränderten Machtstrukturen innerhalb des Kreml. Jelzin und seine demokratischen Anhänger wurden von einer "rot-braunen Allianz" aus kommunistischen und ultranationalistischen Kräften immer mehr in die Defensive gedrängt. Zunehmend glaubte der russische Präsident, diesen Kräften entgegenkommen zu müssen. Er entfernte sich von den demokratischen Gruppen und richtete seine Politik nach den Vorstellungen weniger Berater des Militär- und Sicherheitsapparates aus, wie z.B. Verteidigungsminister Pavel Gratschov, Außenminister Andrej Kosyrev oder Sicherheitssekretär Oleg Lobov. Die russische Bevölkerung verurteilte mehrheitlich den Einmarsch in Tschetschenien, ebenso spaltete die Invasion das schlecht ausgerüstete und ausgebildete Militär. Westliche Politiker sahen in dem Einmarsch zunächst "eine innere Angelegenheit" Rußlands (s. unter 7.). Doch die von Verteidigungsminister Gratschov angekündigte schnelle Einnahme Groznyjs ließ auf sich warten. Was anfangs wie ein kurzer "Spaziergang" aussah, um ein Volk, das nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung der RF (149,5 Mio.) ausmachte, in seine Schranken zu verweisen, entwickelte sich zu einem 20 Monate dauernden, von beiden Seiten unbarmherzig geführten Krieg. (Zurück zur Gliederung)

5.2 Verlauf des Krieges

Da es müßig wäre, die 20 Monate währende Abfolge von Angriffen und Gegenangriffen, Eroberungen und Rückeroberungen, Verhandlungen und Waffenstillstandsabkommen ausführlich zu schildern, sollen hier nur die wichtigsten Ereignisse aufgelistet werden:

5.3 Ende des Krieges - Friedensvertrag

Im Juni 1996 hatte Boris Jelzin General Alexander Lebed zu seinem neuen Sicherheitsberater ernannt. Im August schickte ihn der russische Präsident auf eine Friedensmission nach Tschetschenien. Nachdem Lebed dort einen informellen Waffenstillstand mit dem tschetschenischen Generalstabschef Aslan Maschadov geschlossen hatte, trafen sich die beiden feindlichen Lager zu Friedensgesprächen. Am 31. August unterzeichneten Lebed und Maschadov einen Friedensvertrag, in dem unter anderem der Abzug der russischen Truppen festgelegt wurde. Die Frage über den zukünftigen Status der für unabhängig erklärten Republik blieb dabei ausgespart - sie soll laut Vertrag erst nach einem Zeitraum von fünf Jahren geklärt werden. Während Moskau nach wie vor darauf beharrt, daß Tschetschenien ein Teil der RF sei, wollen die Tschetschenen weiterhin für ihre endgültige Unabhängigkeit eintreten. Eine Prognose über den Ausgang des Konflikts zu treffen, scheint im Moment unmöglich. (Zurück zur Gliederung)

6. Ausblick

Auch wenn die russischen Truppen im September 1996 aus Tschetschenien abgezogen sind - von einer Rückkehr zur Normalität kann keine Rede sein. Mindestens 80.000 Tote hat der Krieg gefordert, die meisten Städte sind ganz oder teilweise zerbombt. Die russischen Soldaten hinterlassen ein einziges Schlachtfeld. Doch trotz Not und Zerstörung wurden die Präsidentschaftswahlen am 27. Januar 1997 sorgfältig vorbereitet. An der von 72 Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) überwachten Wahl beteiligten sich über 60 Prozent der Wahlberechtigten. Über 55 Prozent der Stimmen entfielen auf den ehemaligen Generalstabschef der Separatisten, Aslan Maschadov, der im August 1996 das Friedensabkommen mit Moskau ausgehandelt hat. Während Jelzin bekräftigt, daß Tschetschenien weiterhin ein Teil der RF bleiben müsse, beharrt Maschadov auf der baldigen Unabhängigkeit der Republik. Die Fronten bleiben verhärtet, eine für beide Seiten befriedigende Lösung ist nicht in Sicht. (Zurück zur Gliederung)

7. Wissenschaftliche Debatte

Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Debatte über den Tschetschenienkonflikt steht die Frage nach der Rechtmäßigkeit der russischen Intervention in der Krisenregion. Die beiden gegnerischen Lager können nicht einfach in "gut" und "böse" eingeteilt werden. Beide berufen sich auf geltende Normen des Völkerrechts: Während Rußland das Recht auf territoriale Integrität geltend macht, klagen die Tschetschenen das Recht auf Selbstbestimmung ein. Konnten die westeuropäischen Staaten und die OSZE anfangs noch die Augen verschließen und den Konflikt als "innerrussische Angelegenheit" abtun, warf die Dauer und Brutalität der kriegerischen Auseinandersetzungen die Frage auf, inwiefern hier von Rußland die Menschenrechte verletzt wurden. Auch die von Rußland immer wieder beschworene Gefahr einer "Islamisierung" des Kaukasus wird von westlichen Analytikern unterschiedlich beurteilt. (Zurück zur Gliederung)

8. Chronologie

Wichtige Ereignisse des 10. bis 19. Jahrhunderts

10.-13. Jh.: Christianisierung des Nordkaukasus
16. Jh.:     beginnende Bekehrung zum Islam
1587:        erstes Kosakenheer in der Region stationiert
1785-1791:   erster ghasavat (Heiliger Krieg) unter Führung von Mansur Uschurma
1832-1864:   "Muridenkriege", bis 1859 unter Imam Schamil
1864:        endgültige Unterwerfung des Kaukasus unter russische Herrschaft 

Geschichte des 20. Jahrhunderts bis 1960:

1917:        7. November: Oktoberrevolution
1918-1920:   Bürgerkrieg zwischen Bolscheviki und Menscheviki
1921:        Gründung der transnationalen "Republik der Bergvölker", jedoch baldiger Zerfall
1922:        November: Gründung der Autonomen Oblast' (AObl) Tschetschenien
1924:        AObl Inguschetien
1934:        Januar: Vereinigung der beiden Oblasts zur AObl Tschetscheno-Ingeschuschetien
1936:        Konstituierung als Autonome Sovjetische Sozialistische Republik (ASSR)
1937:        - Stalinsche Säuberungswelle: 2% der tschetschenischen Bevölkerung festgenommen
             - von der NKWD ausgeführter "Generalschlag gegen antisovjetische Elemente"
1940-1944:   "Befreiungskrieg": Aufstände unter Chasan Israilov
1944:        März: kollektive Deportation nach Kasachstan wegen angeblicher Kollaboration
1953:        5. März: Tod Stalins setzt erste Rückkehrerströme in Bewegung
1956:        - Februar: XX. Parteitag der KPdSU: Chruschtschov kündigt Rehabilitation an
             - 24. November: Beschluß des ZK über Wiederherstellung der nationalen Territorien
1957:        Januar: Ausführung dieses Beschlusses, jedoch engere Grenzen als vor 1944
1958:        August: russische Ausschreitungen in Groznyj

Nach dem Zusammenbruch der Sovjetunion:

1985:        März : Michail Gorbatschov wird neuer Generalsekretär des ZK der KPdSU
1988:        16. November: Estland erklärt als erste Sovjetrepublik seine Souveränität
1991:        - 15. September: Auflösung des Obersten Sovjet in Groznyj
             - 27. Oktober: vorgezogene Parlamentswahlen in Tschetschenien: Dudajev 85%
             - 2. November: Ausrufung einer "Unabhängigen Republik Tschetschenien"
             - 8. Dezember: Abkommen von Minsk (Rußland, Weißrußland, Ukraine)
             - 21. Dezember: Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS)
             - 27. Dezember: Ende der UdSSR
1992:        - 12. März: Tschetschenien gibt sich Verfassung, "demokratischer Rechtsstaat"
             - 31. März: Nicht-Unterzeichnung des Föderationsvertrags mit Rußland
             - 31. März: erster Putschversuch der Opposition gegen Dudajev scheitert
1993:        - März: Referendum über neue Verfassung in Tschetschenien, nur 10 % Beteiligung
             - April: Auflösung des Parlaments, Errichtung eines Präsidialregimes
             - Juni: Volksbefragung über Neuwahlen von regierungstreuen Truppen verhindert
1994:        - Juni, Oktober und November : gescheiterte Putschversuche gegen Dudajev
             - 11. Dezember: Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien, Beginn des Krieges
1995:        - Februar: Rebellen geben Groznyj auf
             - März: OSZE-Mission in Tschetschenien
             - Juni: - Geiselnahme von Budjonnovsk unter Führung von Schamil Bassajev
             - Rußland ordnet Waffenstillstand an
             - Beginn der Friedensgespräche
1996:        - Januar: Geiselnahme in Pervomaiskoje, russische Truppen zerstören
               das Dorf (192 Tote)
             - Februar: Jelzin gibt zu, daß der Tschetschenien-Feldzug "vielleicht
               ein Fehler" war
             - März: - Rebellen greifen Groznyj an, bringen Teile davon unter ihre Kontrolle
             - Beginn indirekter Gespräche
             - teilweiser Abzug der russischen Truppen
             - April: Rebellenführer Dschochar Dudajev wird bei russischem Angriff
               getötet; Nachfolger: Selimchan Jandarbijev
             - Mai: Boris Jelzin handelt in Moskau Waffenstillstand mit Jandarbijev aus
             - 6. August: Rebellen stürmen Groznyj, vertreiben tausende russischer Soldaten
             - August: Jelzins neuer Sicherheitsberater, Alexander Lebed, handelt
               ein Friedensabkommen mit dem tschetschenischen Generalstabschef
               Aslan Maschadov aus
             - 31. August: Unterzeichnung des Friedensvertrags, Frage der Unabhängigkeit für
               fünf Jahre offengelassen
             - September: Abzug der russischen Truppen
             - Oktober: Aslan Maschadov als Regierungschef einer Übergangsregierung eingesetzt
             - Dezember: Tötung von sechs Mitarbeitern des Roten Kreuzes
1997:        27. Januar: Präsidentschaftswahlen; Sieger: Aslan Maschadov

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9. Anhang

9.1 Karte

Karte: Völker und Ethnien im Kaukasus


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9.2. Glossar

Adat Gewohnheitsrecht des Stammes der Tschetschenen und Inguschen. Auch heute noch - neben der Scharia - bestimmend für die soziale Ordnung des Volkes. Zentrale Elemente: Sippenhaft und Blutrache (Zurück zum Text)
adaty Blutrache, Bestandteil des Adat (Zurück zum Text)
Alanen iranisches Nomadenvolk zwischen Kaukasus und Don, 350 von den Hunnen unterworfen; von ihnen stammen die Osseten ab (Zurück zum Text)
Bolscheviki russ. "Mehrheitler". 1903 spalteten sich die russischen Sozialdemokraten auf dem 2. Parteitag in London in Bolscheviki und Menscheviki ("Minderheitler"); gingen aus dem Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution siegreich hervor und begründeten die KPdSU (Kommunistische Partei der Sovjetunion) (Zurück zum Text)
Chruschtschov, Nikita geb. 1894, gest. 1971; stieß 1918 zu den Bolscheviki, seit 1934 Mitglied der KPdSU und des Politbüros,1953 Generalsekretär des ZK (Zentralkommitee), seit 1957 auch Ministerpräsident der UdSSR; versuchte, der sovjetischen Innen- und Außenpolitik neue Impulse zu geben, v.a. Entstalinisierung; 1964 als Partei- und Regierungschef gestürzt. (Zurück zum Text)
Dudajev, Dschochar geb. 1944, gest. 1996 nach russischem Luftangriff. In der Deportation in Kasachstan aufgewachsen, Rückkehr 1957. Seit 1968 Mitglied der KPdSU. Laufbahn eines Berufsoffiziers bis zum Generalmajor. Seit seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst 1990 Führer der nationalen Opposition. Erklärte nach seiner Wahl zum tschetschenischen Präsidenten 1991 die Unabhängigkeit der Republik Tschetschenien. Auflösung des Parlaments 1993, nachdem Kritik an Dudajevs autokratischem Herrschaftsstil lautgeworden war. 1994 scheiterten mehrere Putschversuche gegen ihn. (Zurück zum Text)
Glasnost russ. "Offenheit, Öffentlichkeit"; eines der Ziele der Reformpolitik Michail Gorbatschovs. Steht für einen offenen Disput über Verbrechen und Fehler der eigenen Geschichte, der fast zwangsläufig in Kritik an Mängeln des bestehenden Systems mündete. (Zurück zum Text)
Gorbatschov, Michail geb. 1931, seit 1978 Sekretär des ZK der KPdSU, seit 1980 Mitglied des Politbüros, 1985 Generalsekretär des ZK, 1988 Staatsoberhaupt, 1990 (nach Einrichtung eines Präsidialsystems) Präsident der UdSSR; Friedensnobelpreis 1990; leitete innen- und außenpolitische Reformen ein (Schlagworte: Glasnost und Perestroika). (Zurück zum Text)
Groznyj russ. "schrecklich, drohend, grausam"; Hauptstadt Tschetscheniens, vormals ca. 400.000 Einwohner; 1818 vom Oberkommandierenden der russischen Kaukasusarmee Jermolov als Stützpunkt für Strafexpeditionen angelegt. (Zurück zum Text)
Ivan IV. ("Groznyj") "der Schreckliche", geb. 1530, gest. 1584; Großfürst seit 1533, seit 1547 absolutistische Herrschaft als "Zar"; unter ihm wurde Rußland zum territorial größten Staat der damaligen Zeit (Eroberung von Kazan und Astrachan); Kennzeichen der Herrschaft: Massenterror. (Zurück zum Text)
Jelzin, Boris geb. 1931, 1961-1990 Mitglied der KPdSU; 1990 Präsident des russischen Obersten Sovjet, seit 1991 Präsident Rußlands, 1996 wiedergewählt. Entsandte 1994 Truppen nach Tschetschenien, um die "verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen". (Zurück zum Text)
Katharina II. "die Große", geb. 1729 als Prinzessin Sophie von Anhalt -Zerbst, gest. 1796, seit 1745 mit Zar Peter III., seit 1762 Zarin; Vertreterin des aufgeklärten Absolutismus, griff die Reformen Peters II. ("der Große") wieder auf; förderte die deutsche Kolonisation, erweiterte das Russische Reich um den Ostteil Polens und die Nordküste des Schwarzen Meeres. (Zurück zum Text)
Khanat Herrscherbereich eines Führers turkmongolischer Nomaden- und Reitervölker vom Range eines Königs, z.B. bei den Mongolen der sog. Goldenen Horde (Mitte des 13. Jh.) (Zurück zum Text)
Lebed, Alexander geb. 1950, ehem. sovjetischer Luftwaffengeneral (in Afghanistan, Georgien, Moldavien), im Juni 1996, nach der ersten Runde der russischen Präsidentschaftswahlen, von Jelzin zum Sicherheitsberater und Sekretär des Sicherheitsrates ernannt, Ende August Friedensmission nach Tschetschenien, am 31. August Unterzeichnung des Friedensvertrages, im Oktober aus dem Amt entlassen. (Zurück zum Text)
Muriden Mitglieder einer Sufi-Bruderschaft bzw. Tariqa (s. Sufismus) unter der Führung eines Shaikh oder Murshid; die Mitglieder einer Bruderschaft werden oft nur aus einem bestimmten Clan rekrutiert, so daß die hergebrachte soziale Ordnung auch in den Tariqas weitgehend aufrechterhalten wird; in den 70er Jahren waren über 50 Prozent der Gläubigen in Tschetschenien als Muriden in einer Bruderschaft organisiert (Zurück zum Text)
Nikolaus I. "Gendarm Europas", geb. 1796, russischer Zar von 1825-1855; schlug 1825 den Dekabristenaufstand nieder, vollendete den autokratischen Absolutismus in Rußland nach innen, als mächtigstes Mitglied der Heiligen Allianz auch nach außen (Zurück zum Text)
NKWD Narodnyj Kommissariat Wnutrennich Del (Volkskommissariat des Inneren); Träger der Geheimpolizei (1917 als Tscheka gegründet, ab 1922 GPU, 1934 dem NKWD angegliedert, 1941 als NKGB: Volkskommissariat für Staatssicherheit wieder ausgegliedert) (Zurück zum Text)
Nochtscho (Nachtschi): "Volk", Selbstbezeichnung der Tschetschenen und Inguschen (Zurück zum Text)
Oblast russ. "Gebiet"; in der Sovjetunion Bezeichnung für ein großes, unmittelbar der Zentralgewalt unterstelltes Verwaltungsgebiet der Unionsrepubliken (Zurück zum Text)
Perestroika russ. "Umbau"; im Reformprogramm Gorbatschovs bezogen auf einen Wandel in den politischen und wirtschaftlichen Strukturen des Landes (Zurück zum Text)
Schamil 1798-1871, daghestanischer Imam, der die kaukasischen Bergvölker in den sogenannten Muridenkriegen 1834-1859 anführte, wurde 1859 gefangengenommen und bis zu seiner Pilgerfahrt nach Mekka 1870 festgehalten (Zurück zum Text)
Scharia Rechtsvorschriften des Islam; umfaßt kultische Pflichten, ethische Normen und Rechstgrundsätze für alle Lebensbereiche; beruht auf dem Koran und wird durch die Sunna ergänzt. (Zurück zum Text)
Stalin, Iossif 1879-1953; seit 1898 Mitglied der Sozialdemokraten, nach der Ausweisung aus dem Priesterseminar in Tiflis 1899 Berufsrevolutionär; 1917-23 Volkskommissar für Nationalitätenfragen, 1922 Generalsekretär des ZK, stieg nach Lenins Tod 1924 zur absoluten Macht auf, stand seit 1928 unbestritten an der Spitze von Partei und Staat; erließ 1929 den ersten Fünfjahresplan, machte den Stalinismus zur terroristischen Diktatur (Zentralismus, Geheimpolizei, Zwangslager, "Säuberungen"); Personenkult (Zurück zum Text
Sufismus mystische Richtung des Islam; entstand neben der Gesetzesreligion mit dem Ziel, durch Askese und mystische Entwerdung die Kluft zwischen Mensch und Gott zu überwinden; von der offiziellen Theologie abgelehnt; Organisation in sogenannten Tariqas (Sufi-Bruderschaften), die heute z.B. in Tschetschenien eine bedeutende Rolle im Islam spielen (Zurück zum Text)
Sunna die von Mohammed überlieferten Aussprüche, Entscheidungen und Verhaltensweisen, die im Islam als Richtschnur des Handelns für alle Lebensbereiche angesehen werden; die Sunna bildet zusammen mit dem Koran die Grundlage für die Scharia (Zurück zum Text)
taip Grundlage der Clanstrukturen in Tschetschenien, führt sich auf einen gemeinsamen Stammvater zurück und umfaßt mehrere Siedlungs- und Verwandtschaftsgruppen (Zurück zum Text)
Timuriden Dynastien der Nachfolger des mongolischen Emirs Timur-Leng (1336-1405) in vielen Gebieten Mittelasiens; föderten die persische Kultur, erloschen ab 1469; letztes bedeutendes Timuridenreich des Groß-Moghuls in Indien (1526-1858) (Zurück zum Text)
Uschurma, Mansur führte 1785 den religiös motivierten Verteidigungskrieg der kaukasischen Bergvölker gegen die russischen Expansionsbestrebungen an; gilt als tschetschenischer Nationalheld (Zurück zum Text)
Weiße Armee Anhänger des Zarentums im russischen Bürgerkrieg 1918-20, im Gegensatz zur Roten Armee der Sozialrevolutionäre (Zurück zum Text)



10. Literaturangaben

Altmann, C. und Nienhuysen, F.: Brennpunkt Kaukasus. Wohin steuert Rußland? (1995) - Avtorkhanov, A. / Bennigsen Broxup, M.: The North Caucasus Barrier (1992) - Bischof, H.: Sturm über Tschetschenien (1995) - Buch, H.C.: Die neue Weltunordnung (1996) - Chopra, V.D.: Genesis of regional conflicts (1995) - Gammer, M.: Muslim resistance to the Tsar. Shamil and the conquest of Chechnia and Daghestan (1994) - Götz, R.  / Halbach, U.: Politisches Lexikon Rußland (1994) - Goytisolo, J.: Landschaften eines Krieges: Tschetschenien (1996) - Halbach, U.: Rußlands Auseinandersetzung mit Tschetschenien, in: Berichte des BIOst 61, 1994 - Segbers, K.: Rußlands Zukunft: Räume und Regionen (1994) - Simon, G.: Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion (1986) - Stölting, E.: Eine Weltmacht zerbricht (31991). (Zurück zur Gliederung)


11. WWW-Adressen

http://www.chechnya.org offizielle Homepage der tschetschenischen Regierung mit Informationen über Landeskunde, Geschichte usw.
http://www.evitech.fi/~giorgig/ich_rap1.html sehr ausführliche Informationen über den Tschetschenienkrieg
http://www.geocities.com/Paris/9771 tschetschnischer Student in Florida gibt Informationen über Land und Leute und den Krieg. Fotos!

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12. Kurzbiographie der Autorin

Monika Lenhard, geb. am 7. März 1976 in Schweinfurt, studiert seit dem Wintersemester 1995/96 Geschichte und Kulturgeographie (M.A) an der Julius-Maximilian-Universität Würzburg und belegt dort das Studienelement Russicum.

e-mail-Adresse: s98857@stud-mail.uni-wuerzburg.de