Regionen und Länder

Friedensarbeit in der Türkei unterstützen

Jörg Rohwedder

Ich traf Osman (genannt Ossi) das erste Mal im November 1993 in einer WG-Küche in Dortmund. Eine typische WG-Situation. Du bist in einer Dir sonst fremden WG zu Besuch, gehst zum Frühstück leicht befangen in die Küche, um nach den Frühstücksgewohnheiten zu fahnden und triffst jemanden, von dem Du annimmst, er wohne dort. Nun, die erste Momente entscheiden, was aus der Befangenheit wird. Zwischen Ossi und mir entstand sofort eine interessiert-knisternde Spannung. Er erzählte in gutem deutsch von der beginnenden antimilitaristischen Bewegung in der Türkei und ich von dem Versuch, in den Krieg in Bosnien als Mitglied einer gewaltfreien Aktionsgruppe einzugreifen. Ossi war zu einem dreimonatigen Praktikum bei der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) in Dortmund. Ich war auf dem Weg nach Mostar, um mit einer internationalen Gruppe eine Intervention zu versuchen. So saßen wir und redeten und stellte erst später fest, daß wir beide nicht in der Wohnung wohnten. Die Begegnung war kurz, aber einprägsam.

Im Januar 1994, ich war gerade erschöpft und wenig erfolgreich aus Bosnien zurückgekehrt, wurde ich gefragt, ob ich nicht Osman Murat Ülke in die Türkei zurück eskortieren möchte. Ossi hat in Deutschland auf vielen Veranstaltungen gesprochen und es bestand die Gefahr, er würde verhaftet. Eine deutsch-niederländische Delegation sollte im Falle der Verhaftung für Öffentlichkeit sorgen. Ich sagte zu. Die Eskorte verlief problemlos und ich lernte in den folgenden Tagen die Arbeit des Izmir Savaº Karsýtlarý Derneði (Verein der KriegsgegnerInnen Izmir) kennen und war begeistert. In der kleinen Gruppe von ehrenamtlichen gab es eine enorme Bereitschaft mit den verschiedenen Formen politischen Handelns zu experimentieren. Jede Ablehnung von Gewalt und die positive Kraft von Gewaltfreiheit waren fester Bestandteil der Arbeit. Das in einem Land, in dem jede staatskritische politische Aktivität zu Verfolgung durch Polizei, Gerichte und Faschisten führen kann. Der Mut und die klare Logik beeindruckte mich. Es ist Menschenrecht, daß der Mensch körperlich und geistig unversehrt bleibt. Daher ist es Pflicht aller, kein Menschenleben zu töten, es ist also Pflicht, daß Töten in einem Krieg und auf Befehl zu verweigern. Mit dieser Haltung verweigerte auch Ossi und verbrannte am 01.September 1995 seinen Wehrpaß. Ein Jahr später im Oktober 1996 wurde er dafür inhaftiert. Wir solidarisierten uns, schrieben Protestbriefe, fuhren zu Prozessen, berichten hier in Deutschland und sammelten das Geld für die Anwälte. Wir mußten erleben, daß Ossi in einen Teufelkreislauf geriet, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das Militär bringt ihn zur Kaserne. Er verweigert den Befehl, er kommt für sechs Monate ins Militärgefängnis. Nach drei Monaten wird er vorzeitig aus der Haft entlassen und wird sofort zur Kaserne gebracht, wo er wieder verweigert, um dann wegen fortgesetztem Ungehorsam wieder für vier bis sechs Monate hinter Gittern zu wandern. Die Leute im Verein waren damit beschäftigt, Ossi in seinem Kampf zu unterstützen. Aber sie verloren ihre Energie und Kreativität nicht. Spielten weiter Straßentheater, Unsichtbares Theater, machten Aufklärungsarbiet und wurden zu internationalen Kongressen eingeladen. Wir veranstalten gemeinsame Seminare, um über Utopien und Strategien nachzudenken. Der Teufelskreis hielt bis vor wenigen Monaten an, insgesamt mehr als 30 Monate an. Mit einigen juristisichen Kniffen und viel Überzeugungsarbiet gelang es, daß Ossi nicht vom Militär in die Kaseren gebracht wurde, sondern sich mit einem Marschbefehl selbständig auf den Weg zu "seiner Einheit" machen sollte. Er verweigerte und ging nach Hause. In Izmir lebt er nun als Fahnenflüchtiger, kann keine offizielle Wohnung und keine Arbeit finden. Er arbeitet weiter im ISKD und setzt die politische Arbeit für das Menschrecht auf Kriegsdienstverweigerung ungebrochen fort. Wir Ann-Kristin Kröger und ich haben uns entschlossen, die Arbeit des Vereins zu unterstützen, in dem wir unsere politischen Erfahrungen zur Verfügung stellen, dort im Büro mitarbeiten, die Brücke zwischen den Friedensgruppen in der Türkei und Deutschland verstärken. Ab dem 30.10.99 werden wir für eineinhalb Jahre nach Izmir ziehen. Allein unsere Anwesenheit gewährt der Gruppe einen gewissen Schutz, weil der türkische Staat in diesen Monaten eine Konfrontation mit der BRD vermeiden will.

Unsere Arbeit braucht Unterstützung. Auch die rot-grüne Bundesregierung gewährt uns bisher keine Gelder. Das Thema und das Land scheinen mit einem Tabu belegt, da Zuschüsse fast nicht aufzutreiben sind. Daher sind wir auf Spenden angewiesen. Wir erbitten regelmäßige Unterstützung von DM 10,-- 20,-- oder mehr Mark monatlich. Das hat einen weiteren Effekt. Wer uns unterstützt, der/die wird regelmäßig informiert. Außerdem wird im Falle einer Verhaftung von Ossi oder anderen gewaltfreien AktivistInnen ein Alarmnetz ausgelöst, in dem alle dazu beitragen können, daß die Inhaftierten von grausamer Behandlung verschont bleiben. Spenden richtet bitte an KURVE Wustrow, Konto 556633-309, BLZ 250 100 30, Stichwort Türkei, Weitere Infos erhaltet ihr bei mir direkt Jörg Rohwedder, Güntherstr. 94, 2087 Hamburg 040-25490938 JoergRohwedder@compuserve.com.

Artikel für die BARKE, Ausgabe Winter 1999. Ein Rundbrief der PfadfinderInnen organisiert im Verein christlicher Pfadfinder und Pfadfinderinnen Hamburg (VCP)