Regionen und Länder

Leben mit zwei Entscheidungen

Jörg Rohwedder

Gün* ist Mitte zwanzig und lebt in Izmir. Als diplonmierte Ärchologin hat sie lediglich Arbeit in einem Buchladen gefunden. Betrieben von ehemaligen Sozialisten hat sie dort auch für die Türkei schlechte Arbeitsbedingungen. Regelmäßig 60 Wochenstunden, nur rund DM 100,-- über dem Mindestlohn von dem 350,-- und nur wenige Tage Urlaub im Jahr.

Ehrenamtlich arbeitet sie im Verein der KriegsgegnerInnen Izmir, ISKD. Dort spielt sie in einem antimilitaristischen Theaterstück und beteiligt sich in der Frauengruppe. Wie alle Aktiven im Verein schöpft Gün seit dem März 1999 dabei sogar etwas Luft. Osman Murat Ülke wurde am 09.03.99 aus dem Militärgefängnis entlassen und die Solidaritätsarbeit konnte ruhen. Osman lebt als Fahnenflüchtiger in Izmir, arbeitet im ISKD und meidet die politische Öffentlichkeit.

Die zweieinhalb Jahre Solidaritätsarbeit haben Kraft gekostet. Einstündige Besuche im Gefängnis erforderten eine Busreise von 15 Stunden. Informationen für das Inn- und Ausland mußten zusammnegestellt werden und später kam so viel Soli-Post, daß sie unbeantwortet bleiben mußte. Die Frauen organisierten im ersten Jahr eine Reise zum Militärgefängnis, um dort zu protestierten.

Die Arbeit war erfolgreich. Der Fall von Osman Murat Ülke ist bekannt. Er wurde von amnesty international adoptiert und sein Fall wird vor den EuGH gebracht. Auch für Gün brachte die Arbeit Erleichterung. Für ein Jahr befristet dokumentierte sie, finanziert aus einer Quelle der EU, Menschenrechtsverletzungen der türkischen Armee. Das Ergebnis konnte am beim Hague Appeal for Peace vorgestellt werden.

Aber es zeigt sich auch, daß eine Massenbewegung unter den 380.000 Wehrflüchtigen so nicht zu initieren war. Den KDV´ern droht ein endloser Kreislauf aus Militärgefängnis, Gericht und Kaserne, da es sich rechtlich um fortgesetzten Ungehorsam handelt. Die Haftzeit wird nicht auf die Wehrdienstzeit angerechnet. Trotzdem haben sich Osman Ülke, Erkan Çalpur, Vedat Zencir und Vavuz Atan entschieden, an ihrer Verweigerung festzuhalten. Sie sind einberufen und müssen jederzeit mit einer Verhaftung rechnen. Internationale Solidarität wird dann wieder dringend nötig werden.

KDV ist die eine mögliche Entscheidung, auf die Wehrpflicht zureagieren. DerLebensgefährte von Gün, Erhan*, wählte einen anderen Weg. Wie hundertausende entzog er sich so lange wie möglich der Wehrpflicht. Es war dann auch die Familie, die auf den Wehrdienst drängte und nicht der Staat, der ihn holte. Wie allen Hochschuloabsolventen steht er vor zwei Alternativen. 8 Monate als Unteroffizier oder 16 Monate als Rekrut. Aber die Wahl steht ihm nicht frei. Nach einem Eignungstest entscheidet die Armee. Erhan hatte Glück. 8 Monate in einer Kaserne in Istanbul. Ein Kriegseinsatz wird unwahrscheinlich. Für beide bedeutet das eine Trennung, die nur von wenigen und kurzen Besuchen in Istanbul unterbrochen sein wird. Urlaub ist nicht zu erwarten und die Reise dauert 20 Stunden.

Aus dem Lebensumfeld von Gün haben zwei Männer unterschiedliche Entscheidungen getroffen, die Güns Leben elementar berühren. Die Fragen zu KDV werden daher in der Gruppe diskutiert und auch mit Ratschlag aus der internationalen Solidaritätsbewegung entschieden. Die „Panzerdebatte“ und die der neue Status der Türkei zur EU lassen das Thema KDV in neuem Licht erscheinen und über weitere Schritte wird in diesen Wochen beraten. Die Arbeit braucht schon jetzt die breite Unterstützung von außen. Wir bitten um steuerabzugsfähige Spenden auf das Konto 55 66 33-309 der KURVE Wustrow Postbank Hannover, BLZ 250 100 30. Stichwort: “KDV und Türkei” Kontakt: iskd@hotbot.com.

* Name geändert