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"FRAUEN SUCHTEN AUF DER STRASSE NACH IHREN RECHTEN"

So titelte der Izmirer Lokalsenders Kanal 1 den Beitrag in den
Abendnachrichten. Über 2.000 Frauen beteiligten sich zum internationalen
Frauentag am 8.März an einer Demonstration in Izmir. Die Friedensmütter,
Frauen der HADEP und kleinerer Parteien, Gewerkschaftsfrauen, IHD-Frauen,
die Frauengruppe des ISKD sowie einige andere kleine Gruppen nahmen teil.
Die gut organisierten Friedensmütter und die Frauen aus der HADEP
dominierten das Bild. Auffällig war, dass es nicht eine unabhängige
Frauengruppe gab, die aus-schließlich frauen-politische Themen in das
Zentrum ihrer Arbeit stellt.

AN DER FRAGE, OB MÄNNER TEILNEHMEN DÜRFEN, SCHEIDEN SICH DIE GEISTER

In der Vorbereitungsplattform wurde insbesondere die Frage diskutiert, ob
Männer an der Demonstration teilnehmen dürfen. Bereits in den Vorjahren gab
diese Frage Anlass zu Streit und Handgreiflichkeiten während der
Demonstration. Die Plattform entschied daher, dass Männer lediglich am Ende
des Zuges mitgehen dürfen. Diese Entscheidung wurde von den Frauen der EMEP
(Emegin Partisi-Ar-beiterpartei) nicht mitgetragen; sie verliessen die
ge-meinsame Vorbereitung.

Auch die Frauen der ISKD-Frauengruppe sprechen sich gegen eine Teilnahme
von Männern aus, weil Frauen in der Türkei fast immer auf Männer hören
müssen, sei es auf den Vater, den Bruder oder den Chef. Dieser Tag ist für
die Frauen bestimmt und sie wollen unter sich sein. Dabei schwingt die Lust
mit, nur mit Frauen eine grosse öffentliche Aktion zu veranstalten.

Sie kritisieren, dass Frauen aus Parteien oftmals nicht selbstständig über
ihre frauen-politischen Aktivitäten entscheiden dürfen, sondern auf die
Entscheidung ihrer Partei warten müssen. Kennzeichnend war ein Treffen, zu
dem einige Männer kamen, um sich an der Vorbe-reitung zu beteiligen. Die
Frauen der gleichen Partei sassen in dem Treffen schweigend dabei. Für die
ISKD-Frauen hat dieses Verhalten mit der Unterstützung von feministischen
Zielen nichts zu tun. Es spiegelt den normalen Alltag wider, in dem Männer
die Organisationen do-minieren und von ihrer Macht nichts abgeben wollen.

In diesem Jahr mussten auf der Demonstration wieder Männer angesprochen
werden, die sich nicht an die Entscheidung der Vorbereitungsplattform
hielten. Sie bewegten sich allerdings nicht an das Ende des Zuges, sondern
blieben, wo sie waren: andere Frauen nahmen sie in Schutz.

SIND FEMINISTISCHE INHALTE "NEBENWIDERSPRUCH"?

Dass es kaum unabhängige feministische Fraueninitiativen in Izmir gibt,
beeinflusste die At-mosphäre auf der Demonstration. Rein feministische
Inhalte werden von vielen Frauen und Männern schlicht als nicht so wichtig
gegenüber anderen politischen Inhalten angesehen. Sie gelten als
"Nebenwiderspruch" zum "Hauptwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital."

In der ISKD-Frauengruppe wird derzeit diskutiert, ob eine unabhängige
Frauengruppe ge-gründet werden soll. Die Wichtigkeit feministischer Inhalte
würde herausgestrichen werden und es besteht die Hoffnung, dass sich mehr
Frauen beteiligen, und sich weitere unabhängige Frauengruppen in Izmir
bilden.

Dagegen steht das praktische Argument, dass weniger Zeit für die Arbeit im
ISKD übrig-bliebe. Allerdings wird auch eine mögliche Verbindung von beiden
Themen diskutiert. Denk-bar ist eine unabhängige Frauengruppe, die eng mit
dem ISKD zusammenarbeitet. Offen ist auch noch, welche Rolle die
ISKD-Männer in diesem Prozess spielen.

LUST AUF AKTION

Während der Vorbereitung auf die Demonstration war die Stimmung und
Motivation in der Frauengruppe sehr gut. Das Frauentraining hat uns
motiviert, drei neue Frauen sind ge-kommen und wir haben ausserdem eine
"Hymne" entdeckt. Mit Ossis Hilfe hat Ann-Kristin das "Frühlingslied"
übersetzt, das gut ankam:

Ja, auch die Kälte geht zuende, wenn wir wollen
Und bunte Blumen wachsen nicht erst im August
Wir werden tanzen auf den Strassen, dass uns warm wird,
ich hab vom Frühling schon ein Kribbeln in der Brust!

Vor der Demonstration eingeübt, auf der Veranstaltung mindestens 30 mal
gesungen und dazu getanzt, haben wir unserem Transparent alle Ehre gemacht:
"Wenn ich hier nicht tanzen darf, ist das nicht meine Revolution!" (Emma
Goldmann) Das Fernsehen war beeindruckt und hat uns im Grossformat
gesendet.

BEACHTLICHER ERFOLG DES ZENTRUMS FÜR MENSCHENRECHTE

Als besonderer Erfolg des Zentrums für Menschenrechts der Anwaltskammer
Izmir wurde in der vergangenen Woche in der angesehenen Tageszeitung
Cumhuriyet ein ganzseitiger Be-richt über Folter durch PolizistInnen
gedruckt. Zum ersten Mal war es ge-lungen, vom In-nenministerium
Informationen über PolizistInnen zu erhalten, die der Folter angeklagt oder
bereits verurteilt sind. Was zuvor die Europäische Commission, der
UN-Berichterstatter über Menschenrechte und amnesty international erfolglos
versuchten, gelang nun dem Zentrum für Menschenrechte.

Eine zunächst direkt an das Innenministerium gesandte Anfrage wurde
abschlägig be-antwortet: "die Moral der Polizei und die Sicherheit von
Personen würde durch eine Ver-öffentlichung gefährdet." Daraufhin wurde die
Anfrage über einen Parlamentarier gestellt, auf die das Innenministerium zu
reagieren verpflichtet ist. Hülya Üçpinar, die Direktorin des Zentrums,
berichtete uns, dass es bereits als ein Erfolg zu werten sei, dass von
offizieller Stelle überhaupt Zahlen herausgegeben wurden.

Die Zahlen an sich bein-halten wenig neue Erkenntnisse. Allerdings weichen
sie stark von den Angaben der sta-tistischen Abteilung des
Justizministeriums ab und sind erheblich nied-riger als die, die von den
unabhängigen Organisationen dokumentiert sind.

FORTBILDUNGSREIHE FÜR MULTIPLIKATORINNEN GESTARTET

Im Zentrum für Menschenrechte der Izmirer Anwaltskammer arbeitet Hülya
Ücpinar bezahlt, die restlichen ca. 20 AnwältInnen erfüllen ihre Aufgaben
ehrenamtlich: Sie führen wie oben berichtet, Recherchen durch, beobachten
und dokumentieren Menschenrechtsverletzungen, veröffentlichen
Presseerklärungen und unter-richten an Schulen über Menschenrechte.

Für 12 AnwältInnen dieser Gruppe haben wir im Februar mit einer
Seminarreihe zu konstruk-tiver Konfliktaustragung begonnen. Die
Auftaktveranstaltung zeigte bereits, welches Neuland wir damit betreten. So
stutzten die meisten der Teilnehmenden über den von uns verwendeten Begriff
für Konflikt (çat?sk?). Den gäbe es nicht und wir müßten einen anderen
verwenden (çat?sma). Çat?sma betrifft im wesentlichen einen militärischen
Sprachge-brauch und soll daher für unsere Arbeit nicht verwendet werden. In
diesen Fragen stützen wir uns auf die Ar-beit, die der ISKD in den
vergangenen Jahren ge-leistet hat und das von uns gemeinsam her-ausgegebene
Buch "Aufstehen gegen Kulturen der Gewalt" erweist sich als geeignete
Grund-lage unsere MultiplikatorInnenarbeit zu beginnen. Deutlich wurde
auch, dass eine qua-lifizierte Übersetzung unerläßlich ist.

Die Einführungsveranstaltung war sowohl für die Teilnehmenden als auch für
uns als Team sehr motivierend und wir vereinbarten in regelmäßigen
Abendveranstaltungen zu Themen wie Kommunikation und Feedback,
Konfliktbegriff und -analyse, Feindbild und Vorurteile sowie Gender zu
arbeiten.

ANTI-AKW-BEWEGUNG IN DER TÜRKEI

AktivistInnen der türkischen Anti-AKW-Bewegung hatten uns nach Istanbul
eingeladen, um vom Widerstand gegen den Castortransport im März 1997 nach
Gorleben zu erfahren. Rund 100 Personen drängten sich in den Raum, der kaum
für 80 gereicht hätte und etliche Gäste mußten unverrichteter Dinge wieder
gehen.
Wir zeigten den Film, der die gewaltfreie Sitzblockade "x-tausendmal-quer"
dokumentiert. Der Film gibt einen guten Einblick in die Idee von
gewaltfreiem Handeln und zeigt wesent-liche Elemente einer Großaktion. Aber
der Film gibt nur unzureichend wieder, mit welch un-verhältnismässigen und
brutalen Mitteln die Polizei dem Widerstand begegnete und er zeigt nur
einen sehr be-grenzten Ausschnitt der Aktionsformen. So brachen wir den ihn
nach ca. 2/3 ab und zeigten eine halbe Stunde eine weitere Dokumentation
über den Tag X3.

AKW IN AKKUYU (SÜDOSTEN DER TÜRKEI)

Die Veranstaltung war u.a. so gut besucht, weil in diesen Monaten der
Auftrag vergeben wer-den soll, ein AKW in der Nähe von Akkuyu im Südosten
der Türkei zu errichten.Um den Auftrag hatten sich drei Konsortien
beworben, darunter eines unter der Beteiligung von Sie-mens und Framatome
(F). Dies war lange von der türkischen Atomernergiebehörde (Türkiye Atom
Enerjisi Kurumu, TAEK) favorisiert worden. Im Januar wurde bekannt, dass
die deut-sche Bundesregierung eine Hermeskredit-bürgschaft nicht
befürworten würde. Damit sanken die Chancen dieses Konsortiums drastisch.
Die Ent-scheidung sollte am 10.03 bekannt-gegeben werden, ist aber, wie so
oft in den ver-gangenen Monaten, um vier Wochen auf den 07.04 verschoben
worden.

AKW IM ERDBEBENGEBIET

Die Auftragsvergabe zieht sich auch deshalb in die Länge, weil sich in
Adana und in Izmit schwere Erdbeben ereignet haben. So legte ein
unabhängiger Experte eine Studie vor, die zahlreiche Erdbeben in der Region
um Akkuyu nachwies. Die zentrale Ecemis-Spalte verläuft nur fünf Kilometer
von der anvisierten Baustelle entfernt. Jetzt wurde bekannt, dass
ent-sprechende Berichte des angesehenen Erdbeben-forschungszentrum der
Bospurus-Universtät Istanbul seit November 1999 zurückgehalten wurden.

ATOMWAFFENPROGRAMM DER TÜRKEI

Der türkische Verkehrsminister Enis Oksuz wurde am 8. März sehr deutlich,
als er das Atom-programm als einen Einstieg in die Nuklearwaffentechnologie
verteidigte. In einer grossen Tageszeitung sagte er: "Wenn Du die Atombombe
erwähnst, haben alle Angst, sie würde Menschen töten. Aber sie ist seit dem
zweiten Weltkrieg nicht mehr verwendet worden. Eine solche Waffe in der
Hand der Türkei würde Sicherheit bedeuten. Sie verschafft Ab-schreckung."
Oksuz ist Mitglied der extrem rechten, nationalistischen Partei MHP, die
die zweitstärkste Fraktion im Parlament und damit einen von drei
Koalitionspartnern stellt.

PROTEST- UND WIDERSTANDSBEWEGUNG

Unter verschiedenen Namen bildeten sich in den drei großen Städten Ankara,
Istanbul und Izmir Plattformen gegen den Bau von Atomkraftwerken. An den
Plattformen beteiligt sich eine breites Spektrum von
Nichtregierungsorganisationen, deren einflußreichste Vertre-terInnen die
Kammern der IngenieurInnen, AnwältInnen und ÄrztInnen sind. Die Izmirer
Plattform kündigte an, dass künftig jede Form von Protest versucht werde,
um den Bau zu verhindern. Neue Plattformen in anderen Städten werden
initiiert.

Leider sind sich nicht alle an den Plattformen beteiligten Gruppen einig,
welche Ziele neben dem Kampf gegen die Atomtechnokraten noch verfolgt
werden sollen und so wird immer wieder über den Führungsanspruch einzelner
Gruppen diskutiert.

Unser Beitrag zu dieser Bewegung ist es, von den Bemühungen der Vernetzung
in der deut-schen Anti-AKW Bewegung zu berichten und Aktionsformen bekannt
zu machen. Wir ver-suchen, die Stärken und Schwächen dieser Arbeit
aufzuzeigen und sind uns der Grenzen unter den hiesigen politischen
Bedingungen bewußt. Im Anschluß an die Filme wurden in Istanbul gezielt
Fragen zu Strategien und Handlungsoptionen gestellt und es entwickelte sich
ein mut-machender Austausch von Ideen und Gedanken.

Heimelig wurde es, als wir gegen Ende der Veranstaltung nach dem
niederländischen Koch-kollektiv Rampenplan gefragt wurden, dem wir schon so
manche Schüssel dampfenden Voll-wertessens zu verdanken haben. Rampenplan
ist also auch einigen IstanbulerInnen ein Be-griff.

Weitere Veranstaltungen zum Thema gewaltfreier Widerstand in der deutschen
Anti-AKW-Bewegungen planen wir für Izmir, Akkuyu und Bergama.

SEIT 1996 DIE ERSTE ÖFFENTLICHE KDV-ERKLÄRUNG
"Du musst dafür sorgen, dass Du rausfliegst. Das habe ich dann gemacht."

Ugur Yorulmaz (Jg. 1973) plant, am 15.Mai 2000, dem internationalen Tag der
Kriegsdienst-verweigerung (KDV), seine KDV im Rahmen eines Festivals zu
erklären. Er beendet damit eine längere Phase in der Türkei, in der seit
1996 keine Kriegsdienstverweigerung mehr öf-fentlich erklärt wurde. Wir
sprachen mit Ugur im Rahmen eines Vernetzungstreffens von
an-timilitaristischen Gruppen Ende Februar in Istanbul.

Wann hattest du den ersten Kontakt mit der türkischen Armee und wie hat der
ausgesehen?
Den hatte ich mit 13 Jahren. Ich wurde in die Deniz Lisesi eingeschrieben=


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Zuletzt geändert: 09.07.2006