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Regionen und Länder

Artikel für Kirik Tüfek 02/00, Jörg Rohwedder

“Von der Zivilgesellschaft erwarte ich keine gesellschaftliche Veränderung”

Das Ende unserer einwöchigen Reise führte uns in das Büro von Oral Çal?ºlar. Er ist Kolummnist der angesehenen, kemalistischen Tageszeitung Cumhuriyet und dort als ein Querdenker bekannt. “Ich erwarte den Anstoß zu einer wirklichen gesellschaftlichen Veränderung entweder von Seiten der Unternehmer oder von den organisierten KurdInnen. Nur sie haben die ausreichende Stärke.” Das ist seine für AktivistInnen aus sozialen Bewegungen ernüchternde Analyse. Und trotzdem sieht er Chancen für das Thema, zu dem sich der ISKD seit Jahren stark macht. Die Zeit scheint ihm reif, Kriegsdienstverweigerung öffentlich zum Thema zu machen. Darin stimmt er mit Nadire Mater überein. Sie ist die zweite angesehene Journalistin, durch ihr Buch “Mehmet spricht” auch in Deutschland bekannt, die wir in Istanbul treffen. Sie ist seit langen Jahren “Freundin des Vereins”, wie Ossi es übersetzt, und hat in vielen Veranstaltungen, die der Buchveröffentlichung folgten, von Männern gehört, die nicht zum Militär wollen und für sich keinen Ausweg sehen. Viele kannten aber auch den Fall von Ossi, trauten sich jedoch nicht, den gleichen Weg zu gehen.

Getroffen haben wir Nadire Mater und Oral Çal?ºlar auf einer einwöchigen Reise nach Istanbul während der wir neue Kooperationspartner, potentielle GeldgeberInnen und JournalistInnen besucht haben. Ein zentraler Anlass der Reise war das Vernetzungstreffen antimilitaristischer Gruppen in der Türkei. Nach einem ersten Treffen in Izmir hat nun die Istanbul Antimilitarist Inisiyatif (IAMI) eingeladen und gekommen waren neben den GastgeberInnen VertreterInnen von Karagün aus Ankara, vom Izmir SKD sowie unabhängigen Einzelpersonen. Angemeldete VertreterInnen einer entstehenden antimilitaristischen Gruppe in Ankara und der Zeitung Arkabahçe mussten leider kurzfristig absagen.

Ein Anfang für Vernetzung ist gemacht

Während des Treffens wurde die Vergangenheit und die nahe Zukunft der Aktionen um Kriegsdienstverweigerung diskutiert. Nachdem der ISKD Anfang des Jahres entschieden hat, keine Konfrontation mit dem Staat zu suchen, sehen die Aktiven in IAMI in diesen Monaten eine Chance darin, über öffentliche Verweigerungserklärungen Kriegsdienstverweigerung zum Thema zu machen. Uður Yorulmaz ist entschlossen, am 15. Mai anläßlich des internationalen Tages der Kriegsdienstverweigerung im Rahmen eines Festivals öffentlich seine Verweigerung zu erklären.

Der ISKD konnte in dem Vernetzungstreffen seinen Beitrag zu dieser Arbeit erklären. Der ISKD sieht sich in der Verantwortung, die in Jahren gesammelte Erfahrung an die anderen Gruppen weiterzugeben. Bereits während der Reise wurden Artikel, Broschüren und Dokumentationen für die Veröffentlichung auf einer Web-Seite vorbereitet gemeinsam (http://www.savaskarsitlari.org). Aber auch mit Trainings- und Moderationsmethode kann der ISKD behilflich sein. Arkabahçe hat bereits für ein Training in gewaltfreiem Handeln angefragt.

Der ISKD wird versuchen, seine internationalen Kontakte zur Verfügung zu stellen. In einem ersten Schritt haben wir ein Interview mit Uður Yorulmaz geführt, das für die Soliarbeit genutzt werden kann. Die Arbeit an einem bewegungsübergreifenden Kongress kann ebenfalls als ein Teil der notwendigen Vernetzungsarbeit betrachtet werden. Die Versammlung entschied, das es alle sechs Wochen in einem der drei Städte ein Treffen geben soll. Ein internes Diskussionsforum im internet ist eröffnet und steht allen befreundeten türkischsprachigen Gruppen offen. Es wurden Wege vereinbart, wie diejenigen an der Diskussion beteiligt werden können, die keinen Zugang zum Internet haben. Ein Anfang für Vernetzung ist gemacht, auch wenn die Wünsche von Aktiven aus Istanbul, nach einer gemeinsamen Aktion am 15.Mai, nicht erfüllt werden konnten. Die unterschiedlichen Strategien lassen zunächst nur eine Arbeitsteilung zu, die aber, so sie in der Zukunft weiter abgestimmt werden kann, ein effektives Instrument der Bewegung sein kann.



Vorstellung von Uður Yorulmaz

Uður Yorulmaz (Jahrgang 1973) plant, am 15.Mai 2000, dem internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung (KDV), seine KDV im Rahmen eines Festivals zu erklären. Er beendet damit eine längere Phase antimilitaristischer Gruppen in der Türkei, in der seit 1996 keine Kriegsdienstverweigerung mehr öffentlich erklärt wurde. Hier Auszüge aus dem Mitte Februar geführten Interview:

Warum hast du dich entschieden, jetzt Deine Kriegsdienstverweigerung zu erklären?

Als ich mich aus der Marinekriegsschule habe rauswerfen lassen, hatte ich keine politische Argumentation. Ich wollte und will kein Soldat werden. Ich bin kein gehorsamer Mensch und kann mich nur schwer unterordnen. Nicht, das ich ein Narzist bin, aber ich weiss, dass ich klug bin und die Regeln, mit denen ich konfrontiert wurde, waren einfach hirnrissig. Ausserdem bin ich ein sehr stiller Mensch. Mal abgesehen davon, dass ich keine Menschen töten oder Gewalt ausüben wollte, ich erhöhe ja noch nicht einmal meine Stimme.

Mit der Zeit interessierten mich politischen Tehmen immer mehr und ich lese sehr viel. Dabei habe ich festgestellt, dass ich von meinem Wesen her ein Anarchist bin, ohne den ganzen Anarchismus zu kennen. Mit dem Staat, so mein Gefühl, habe ich eine Rechnung offen. Die wollen mich noch zum Soldaten machen und ich will das nicht werden. Das will ich öffentlich machen. (…) Ich will, dass die Initiative von mir ausgeht. Auch wenn es sich um ein anderen Zwangsdienst handeln würde, würde ich mich verweigern. Aber als antiautoritärer Mensch und Gegner der Gewalt, hat der Militärdienst eine besondere Bedeutung für mich.

Was erhoffst Du Dir davon, am 15. Mai Deine Verweigerung öffentlich zu erklären?

Es gibt da zwei Punkte. Ich möchte die Initiative ergreifen. Ich bin konfrontiert mit der Situation, dass ich immer auf der Flucht bin und still sein muss. Das soll zu Ende sein und die Konfrontation soll beginnen. Das ist mein persönlicher Aspekt.

Und da ich die Konfrontation mit dem Staat sowieso erleben werde, erhoffe ich mir einen Nutzen für die antimilitaristische, antiautoritäre Bewegung. Ich weiss, wie schwer es unter den Bedingungen in der Türkei ist, einen Nutzen zu erzielen. Es wäre eine Illusion zu erwarten, dass hunderte dem Beispiel folgen. Unter den herrschenden Bedingungen haben die Menschen Angst, ähnliche Schritte in der Praxis zu gehen, aber ich hoffe, dass sich viele innerlich solidarisieren. Und auch wenn sie praktisch nicht viel tun, hat das eine Bedeutung.

Welche Unterschiede siehst du zwischen der Strategie von ISKD und IAMI, bzw. Dir persönlich?

Anders als Ossi werde ich meine Kriegsdienstverweigerung einmal öffentlich erklären und mich dann keiner staatlichen Behörde stellen. Ich werde nicht freiwillig vor Gericht gehen und auch keine weitere Konfrontation suchen. Der Staat verhält sich mir gegenüber, als gäbe es mich als Person nicht. Er akzeptiert meinen Willen nicht, kein Soldat zu werden. Aber es gibt mich und ich will in der Auseinandersetzung zeigen, dass der Staat und seine Regeln nicht gerecht sind und ich sie nicht akzeptiere, mich also auch nicht nach ihnen richte.Vor Gericht werde ich mich von AnwältInnen nicht juristisch vertreten lassen. Das würde bedeuten, das Gericht als legitimes Instrument anzuerkennen. Ich werde mich vor Gericht lediglich politisch verteidigen. Das sind wohl die wichtigsten Unterschiede zur bisherigen Strategie des ISKD.

Der Unterschied ist unter anderm in meiner eher individualistischen Herangehensweise begründet. Natürlich erhoffen wir uns als IAMI auch einen politischen Nutzen, aber meine Motivation gibt letztlich den Ausschlag. Wahrscheinlich ist die Herangehensweise des ISKD besser geeignet Öffentlichkeit und andere politische Arbeiten zu initiieren.

Möchtest Du noch etwas hinzufügen

Ja, ich rufe an dieser Stelle alle Organisationen und Personen, die sich uns verbunden fühlen, zur Solidaritaet auf. Sie sollen sich in der Form solidarisch zeigen, wie es für ihre politische Arbeit angemessen ist. Wir planen zum 15. Mai ein Festival in Istanbul zu dem wir einladen werden, aber es kann sein, dass es verboten wird. In jedem Fall werde ich meine KDV erklären und je mehr Menschen ihre Solidarität bekunden umso besser.


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Zuletzt geändert: 09.07.2006